Bei Bungie gibt es offenbar seit mehr als 10 Jahren ernste Probleme mit der Kultur am Arbeitsplatz, das geht aus einem Bericht von IGN hervor. Während der Arbeit an Destiny 1 soll das Story-Team von einem Chef geführt worden sein, der zu Wutausbrüchen neigte und offenbar unter Burnout litt. Einmal warf er einen Stuhl aus dem Fenster. Bei Destiny 2 wurde es nicht besser.
Woher stammen die Informationen? Die Seite IGN hat mit 26 aktuellen oder früheren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen bei Bungie gesprochen. 25 wollen anonym bleiben, aber eine Autorin des Teams, Cookie Hiponia, lässt sich namentlich zitieren.
Es ist ein mehrseitiger Insider-Bericht erschienen, der viele Einblicke in die Arbeitsprozesse von Bungie gewährt und immer wieder auf tiefsitzende, erschreckende Probleme im Story-Team hinweist.
“Gelacht, als ich Bungies Antwort auf Activision Blizzard las”
Warum kommt der Bericht gerade jetzt? Bungie hat sich im September öffentlich zu dem Sexismus-Skandal um Activision Blizzard geäußert und eigene Maßnahmen angekündigt, um einen sicheren Arbeitsplatz zu schaffen. Dafür wurde Bungie als „transparent“ gelobt.
Aber offenbar hatten einige Angestellte oder Ex-Angestellte das Gefühl, das wäre jetzt „zu wenig, zu spät“ und waren bereit, über die Probleme des Teams zu sprechen.
Ein Ex-Angestellter wird zitiert mit:
„Als ich Bungies Antwort auf Activision Blizzard las, musste ich lachen. Das ist nicht meine Erfahrung, die ich dort gemacht habe. Sie haben einen Kernwert, der sagt, dass sie keine Ärsche tolerieren, auch wenn es Rockstars sind, aber genau das machen sie. […] Sie haben Werte, die sie erreichen wollen, aber sie setzen sie überhaupt nicht um.“
Anonyme Quelle von IGN
Darum ist der Insider-Bericht so besonders: Normalerweise gibt es bei Bungie so etwas nicht. Während sich andere Mitarbeiter mit ihren Problemen gerne an die Medien wenden, etwa bei Activision Blizzard oder bei EA, dringt bei Bungie fast nichts nach außen.
Bungie ist chronisch „dicht“, außer wenige Einblicke, die wir 2015 mal in die Entstehung von Destiny 1 bekamen und ein paar Anekdoten von Luke Smith aus 2019 gibt es solche Berichte aus dem Inneren von Bungie sonst nie.
2016 ist Bungie die halbe Firma explodiert und der Chef und zig Mitarbeiter haben das Studio verlassen – und wir wissen bis heute nicht, was da genau passiert ist.
Burnout führte zu Wutanfällen beim Story-Chef
Was war bei Destiny 1 los? Ein wichtiger Teil des Insider-Berichts konzentriert sich auf das Narrative-Team von Destiny 1. Es heißt:
Bei Destiny 1 gab es einen Narrative-Lead, der unbedingt seine Vision vom Spiel umsetzen wollte, damit aber total überfordert war und unter Burnout litt. Der sei so regelmäßig ausgeflippt und habe rumgeschrien, dass man schon auf einem Whiteboard mitgezählt hat, wie lange die letzte Explosion her war.
An einer Stelle habe er einen Stuhl durch ein Fenster geworfen, weil er den Eindruck hatte, andere würden „seine kreative Vision des Spiels ruinieren“
Der Mann blieb Jahre im Studio, ging dann, kam aber für Destiny 2 wieder, um Vertragsarbeit zu leisten. In der Funktion habe er sich häufiger aufgeführt, als sei er noch für die Story verantwortlich und habe regelmäßig Autoren von Destiny 2 zusammengeschrien – einmal war es so schlimm, dass eine Angestellte weinte und sich danach weigerte, mit ihm alleine zu telefonieren.
Männliche Rockstars unterdrückten Frauen und Minderheiten
So ging es danach weiter: Auch die weiteren Chefs im Story-Team seien schwierig gewesen. Die Rede ist von egomanischen Rockstars, die ihre Teams regelmäßig quälten. Vor allem Frauen sollen unter der toxischen Arbeitskultur gelitten haben:
- Daher seien beim Story-Team ständig Leute ausgeschieden und hätten gewechselt.
- Das Team war offenbar konstant überfordert und bekam nicht die Mitarbeiter, die man anforderte. So wollte man freie Mitarbeiter Vollzeit übernehmen, doch das Studio habe Anfragen abgelehnt. Verträge wurden nicht erneut, sondern man ließ sie auslaufen. Das führte zu monatelangen Zeiträumen, in denen die Abteilung unterbesetzt blieb.
- Die männlichen Chef-Autoren hätten zudem weibliche Figuren in Destiny auf “herabwürdigende, sexistische Weise” dargestellt. Sie lagen hier im Clinch mit den anderen Autoren, vor allem mit Autorinnen. Es heißt: Männer im Team hätten Charaktere auf erschreckende, unerkennbare Weise gezeichnet, während die Frauen gezwungen waren, ihnen dabei zuzusehen.
- Zwei männliche Chefs des Story-Teams werden als „autoritärer, grausamer Chef“ und als „sexistischer Albtraum“ beschrieben, die Autorinnen zum Teil so behandelten, als wären sie als Sekretärin eingestellt.
- Wenn sich Frauen über die Behandlung beschwerten, hieß es, die müssten sich ein dickeres Fell zulegen.
- Die Chefs hätten Mitarbeiter vor versammelter Mannschaft fertig gemacht und dann gesagt, das habe man lustig gemeint.
- Beschwerden an die Personal-Abteilung führten zu nichts. Es heißt, da hätte es Leute gegeben, deren Job daraus bestand, solche Beschwerden abzuwimmeln. Die Angestellten hatten das Gefühl, Bungie beschütze die „Rockstars“ der Firma, auch wenn die sich völlig daneben benahmen.
- Leute in der Führungs-Ebene von Bungie hätten Code-Namen für die Frauen des Studios gehabt, die sie attraktiv fanden. Die Code-Namen hätten auf die körperliche Erscheinung oder die Haarfarbe der Frauen angespielt. Manche waren auch einfach herabsetzend. Diese Code-Namen seien verwendet worden, ohne dass die Frauen davon wussten.

Stress zwischen Story-Abteilung und den Cinematics
Was für Probleme gab es mit der Zusammenarbeit?
Es sei immer wieder zu Problemen mit der Führungs-Ebene gekommen, vor allem mit früheren Story-Verantwortlichen, die aufgestiegen, aber mit der aktuellen Story unzufrieden waren. Das Problem war offenbar, dass die Chefs eine vage Idee hatten, wie „die Vision“ von Destiny 1 sein sollte. Die war aber nur vage, diffus und stand nirgendwo. Die Autoren von Destiny 2 wurden aber wiederholt dafür kritisiert, diese Vision nicht zu erfüllen.
Ein weiteres großes Problem war die Zusammenarbeit der Story-Abteilung mit der Cinematic-Abteilung, die ein höheres Ansehen innerhalb von Bungie genoss.
Es heißt, immer wieder hätte die Cinematic-Abteilung ihr eigenes Ding gemacht, sich nicht mit der Story-Abteilung abgesprochen und Entscheidungen getroffen, die dann dazu geführt haben, dass die Story komplett umgeschrieben werden musste.
Autoren hätten von einigen Änderungen an ihrer Arbeit erst erfahren, als die Voice-Lines schon eingesprochen waren.
Was war das Problem mit Crunch? Weil das Story-Team chronisch unterbesetzt war und keine Hilfe bekam, mussten die Mitarbeiter zwischen 60 und 100 Stunden arbeiten, wenn eine Erweiterung anstand. Ein Mitglied des Teams soll so krank geworden sein, dass die Person nicht mehr tippen konnte, sondern Texte diktieren musste.
Das Problem hing stark damit zusammen, dass das Story-Team konstant unter der Kritik von außen und innen stand.
Was war das Problem mit reddit? Es heißt, vor allem die Kritik am 1. DLC von Destiny 2, „Curse of Osiris“ sei auf reddit furchtbar gewesen. Man hätte einzelne Frauen aus dem Story-Team als Schuldige ausgemacht und hätte auf die eingehackt.
Diese Kommentare wurden dann von einem Bungie-Chef an andere Bosse des Studios geschickt, um zu zeigen, dass die Story das Problem war.
Gegenüber dem Team hätte man gesagt: Die müssten sich keine Sorgen machen, man würde das Autoren-Team aus Destiny 1 zurückbringen, um die Probleme zu lösen. In der Folge hätten die Autoren von Destiny 2 Angst gehabt, irgendwas zu machen, das bei der Community schlecht ankommt – also habe man weiter gecruncht.
Wie schlimm war die Lage in anderen Abteilungen? Obwohl sich der Bericht vor allem auf das Story-Team konzentriert, heißt es, dass es auch in anderen Abteilungen von Bungie Probleme mit einzelnen Führungs-Personen gab, die sich völlig daneben benommen haben.
Es gab wohl immer wieder Probleme mit langjährigen Angestellten in Führungs-Positionen, die seit Halo 3 bei Bungie waren, meinten, sich alles rausnehmen zu können, und vor allem Frauen mies behandelten. Die Rede ist auch von rassistischen und schwulenfeindlichen Äußerungen.
In dem Bericht heißt es aber auch, dass viele Quellen gesagt hätten, Bungie sei noch besser als viele andere Gaming-Studios. Nur wenige hätten von „körperlicher Belästigung“ berichtet, manche hätten auch kaum oder keine negativen Erfahrungen gemacht.
Aber man müsse keine Bilder von nackten Frauen als Poster im Büro haben, um problematisch zu sein. Die Probleme bei Bungie seien oft subtiler.
Bei den Berichten wird auch immer wieder erwähnt, dass problematische Personen schlussendlich gingen oder entlassen wurden – zwar zu spät, aus Sicht ihrer Opfer, aber immerhin. Es ist an mehreren Stellen die Rede davon, dass Männer blitzschnell bei Bungie aufstiegen, weil sie bei der “alten Garde” beliebt waren, dann aber oben angekommen schnell wieder gingen.
Es heißt Bungie hätte ein “Cliquen”-Problem. Um aufzusteigen, müsse man Freunde im inneren Zirkel der Firma haben. Weil der Zirkel seit Anbeginn weiß und männlich sei, hätten es daher weiße Männer auch leichter, in der Firma Karriere zu machen. Eine schwarze Frau sagt zum Beispiel, sie hatte in Meetings oft das Gefühl, komplett unsichtbar zu sein. Ihr Feedback und ihre Fragen wurden einfach ignoriert.
Bungie reagiert sofort auf Bericht
Wie reagiert Bericht? Der Chef von Bungie hat noch am Freitag ein Statement zu dem Artikel abgegeben, sich bei allen entschuldigt, die was anderes als ein „sicheres, gerechtes und professionelles Arbeitsumfeld“ erlebt hätten (via bungie).
Es heißt, man habe in den letzten Jahren schon viel unternommen, unter anderem „Bad Actors“, also üble Gesellen, entfernt.
Man habe den Bericht jetzt das erste Mal richtig gelesen und verdaue den gerade. Parsons glaubt aber, alle, die es verdient haben, hätte man bereits entlassen oder sie arbeiteten nicht mehr für Bungie. Sollten neue Informationen ans Licht kommen, werde man dem nachgehen und ermitteln.
Man wolle jetzt besser planen und vernünftigere Release-Daten ausgeben, die stärker Rücksicht auf die Gesundheit der Teams nehmen. Daher habe man Shadowkeep, Beyond Light und The Witch Queen verschoben.
Außerdem hat man und will man weiter seine Bemühungen verstärken, ein diverses und gutes Arbeitsklima zu schaffen.
Bericht nennt keine Namen der Verantwortlichen, aber erklärt viele Probleme
Das steckt dahinter: Die Probleme im Bericht scheinen sich tatsächlich vor allem auf eine Abteilung von Destiny zu fokussieren, auf das Story-Team.
Die Berichte erklären eine Vielzahl von Problemen und Entscheidungen in der 7-jährigen Geschichte von Destiny und Destiny 2, die von außen rätselhaft wirkten:
- Niemand in dem Bericht nennt die Namen von den „Narrative Leads“, die dort so übel beschrieben werden, aber man weiß etwa, dass der Story-Lead von Destiny 2 im April 2016 ersetzt werden musste, weil er völlig überraschend die Firma verließ, nachdem er im März 2016 noch eine völlig andere Story-Line für Destiny 2 in einem Livestream vorgestellt hatte, von der man später nichts mehr hörte.
- Destiny 2 wurde rebootet. Luke Smith musste übernehmen und wurde für das Endergebnis dann viel gescholten.
- Es ist bekannt, dass der ursprüngliche Autor von Destiny 1 die Firma verließ und auch da ein großes Rewrite stattfinden musste. Das führte dazu, dass die Story von Destiny 1 an vielen Stellen völlig untererklärt war: Stichwort “Keine Zeit zu erklären, warum ich keine Zeit zum Erklären habe.”
- Ob die Personen, die vor diesen Reboots gingen, auch die Leute sind, die im Artikel beschrieben sind, wissen wir aber nicht. Da sollte man vorsichtig sein, niemandem etwas zu unterstellen.
Der Ursprungs-Artikel von IGN ist extrem umfangreich und beschäftigt sich mit einer Vielzahl von Einzelfällen und Probleme. Wir werden in den nächsten Tagen auf MeinMMO noch auf weitere Details des Berichts eingehen.
Dass es Probleme im Wechsel von Destiny 1 und Destiny 2 mit der Story gab, wussten wir seit Jahren:
Destiny 2 Story: Bungie gibt zu „Keine Ahnung, was die Dunkelheit ist“
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