Viele MMORPG-Veteranen beklagen sich darüber, dass keine neuen Online-Rollenspiele erscheinen und die, die noch neu kommen, seien nicht die richtigen. „Ihr müsst endlich umdenken, wenn ihr 2021 Spaß an neuen MMORPGs haben wollt“, sagt unser Autor Schuhmann.
Als ich 2013 als freier Autor zu MeinMMO kam, dachte ich: Wir machen eine MMORPG-Seite. Guild Wars 2 und Star Wars: The Old Republic waren erst erschienen. Final Fantasy XIV kämpfte sich grade mühsam aus seinem frühen Grab.
Es gab Perlen wie The Secret World zu entdecken. Bei World of Warcraft war mit Lichking die Blütezeit erst wenige Jahre vorbei. 2014, schon in wenigen Monaten, würden mit WildStar und The Elder Scrolls Online absolute Hammer-Spiele erscheinen. So dachte ich damals.
Heute wissen wir: Es kam alles anders. Perlen wie The Secret World blieben über Jahre unentdeckt. WildStar ging rasch ein. Und nachdem sogar Star Wars und The Elder Scrolls zum Release floppten, riesige Marken, traute sich im Westen auf Jahre keiner mehr an MMORPGs ran. Die wenigen Titel, die noch geplant waren, wurden eingestellt.
Jahrelang waren MMORPGs das Trend-Genre: Jeder wollte das nächste WoW machen, um den Topf voll Gold am Ende des Regenbogens zu finden und reich zu werden. Doch grade, als wir mit MeinMMO anfingen, war diese Zeit zu Ende. Andere Genres und Spiele traten an die Stelle von MMORPGs und WoW. Plötzlich schrieben wir über Hüter im Weltall, über Pokémon auf den Straßen Deutschlands, über die Soldaten von Call of Duty und die seltsam kostümierten Irren in Fortnite.
Es hatte sich alles verändert. Was sich in den Jahren aber nicht verändert hat, sind MMORPG-Spieler.
MMORPG-Spieler benehmen sich auch 2020 noch so, als kommen jedes Jahr 3 neue Top-MMORPG von westlichen Studios für sie heraus, die Budgets im dreistelligen Millionenbereich und 7-jährige Entwicklungszeit verschlungen haben.
“Zu viel PvP, zu wenig PvP, zu viel Altes, zu viel Neues”
Wenn MMORPG-Veteranen ein neues Spiel sehen, rümpfen sie schon die Nase:
- Die Grafik passt ihnen nicht, die sieht zu bunt, zu asiatisch, nicht mehr zeitgemäß oder irgendwie zu effektgeladen aus.
- Die Ausrichtung des Spiels schreckt sie von vorneherein ab – mit PvP kann so mancher nichts anfangen. Warum überhaupt noch PvP-Spiele erscheinen, wo doch jeder weiß, dass die ständig floppen, fragt man da.

- Andere allerdings verfluchen jedes Spiel, das kein „Full Loot PvP“ bietet, da hat sich wohl die Glücksbärchi-Fraktion mit ihrem ständigen Gejammer durchgesetzt: ein neues PvE-Spiel, das direkt dem Untergang geweiht ist, urteilen sie.
- Entweder ein Spiel bietet nicht genug Neues (Alles schon mal gesehen) oder ein Spiel verschreckt mit einer neuen Idee, wie der ISO-Perspektive („Das ist für mich kein MMORPG“).
- Dass in Asien nun Mobile-MMORPGs seit Jahren am Drücker sind und die Welle auch nach Europa und Nordamerika schwappt, geht schon mal gar nicht.

- Und überhaupt entwickelt die MMORPG-Industrie offenbar total am Interesse der hiesigen Spieler vorbei.
- Auf Ratschläge, doch in alte MMORPGs zu schauen, pfeift man fröhlich: Diese alten Schinken sind doch ausgelutscht, die will keiner mehr sehen, da hat man alles erreicht.
Die meisten MMORPG-Spieler verlieren das Interesse an einem neuen MMORPG schon in dem Moment, wenn sie es das erste Mal sehen.
Eine Ausnahme machen einzig die Indie-MMORPGs: Die haben den Vorzug, gar nicht erst konkret Inhalte zu zeigen, sondern über Jahre nur Konzepte vorzustellen, in die Spieler sich dann verlieben können, bis der Entwickler sie am Haken hat.
Aber ab und zu kommt es tatsächlich noch vor, dass ein hochwertiges MMORPG im Westen erscheint oder zumindest spielbar wird. Einige MMORPG-Fans warten seit 6 Jahren auf „Lost Ark“, nachdem sie 2014 die erste Demo auf YouTube sahen. Lost Ark ist ein Action-MMORPG aus der ISO-Perspektive, das 2018 endlich in Südkorea erschien, und dort eines der erfolgreichsten neuen MMORPGs seit Jahren war.
Einige besonders mutige Spieler konnten Lost Ark über Umwege bereits in Russland spielen. Doch wie war die Reaktion?
Ein Spieler schreibt auf MeinMMO:
Ich hab vor 4, 5 Monaten mal reingeschaut und war anfangs auch sehr begeistert. Das hielt dann 2 Wochen und das war’s dann auch: PvP hatte meines Erachtens einige Probleme und der PVE-Content war sehr gewöhnungsbedürfig.
Ein enttäuschter Spieler von Lost Ark
Ein neues MMORPG wird zwei Wochen mit Begeisterung gespielt und dann als Flop abgetan.
MMORPG-Fans auf der Suche nach der großen Liebe wie beim 1. Mal
Auch das hat sich seit 2013 nicht geändert: MMORPG-Fans, die ein neues MMORPG wirklich spielen, erwarten, dass es sie für Monate beschäftigt, so wie einst das erste MMORPG, das sie je gespielt haben und in dem alles neu für sie war. Ganz egal, ob das Dark Age of Camelot, Runes of Magic, World of Warcraft oder Guild Wars 2 war. Wenn ein Spiel das nicht bietet, setzt sich rasch dieser schale Geschmack im Mund fest, die Motivation verblasst, die Euphorie verfliegt. Plötzlich ist doch wieder alles dasselbe: Der Spieler hat sich in 2 Wochen in ein MMORPG verliebt und entliebt.
MMORPG-Spieler suchen bei neuen MMORPGs immer wieder nach dem Gefühl, endlos in ein Spiel zu fallen so wie beim 1. Mal. Sie werden das aber nicht erleben können, weil sie bereits zu viel Vorwissen mitbringen und sich die Spielkonzepte nicht neu erschließen können, wie einst.
Nach Jahren des Erkundens im ersten MMORPG hat man die Mechaniken verinnerlicht. Wer eine fremde Stadt erkundet hat, der kann sich eine weitere in Rekordzeit erschließen. Wer eine Prinzessin befreit und den Drachen erschlagen hat, der weiß, wie es geht: Die Herausforderungen haben ihren Zauber verloren.
Sind MMORPG-Spieler jetzt verdammt nie wieder den Kick von einst zu kriegen, den sie suchen? Ja, wahrscheinlich schon. Das Hochgefühl, das erste MMORPG zu entdecken und sich in das Game zu verlieben, werden die meisten Spieler nur einmal in ihrem Leben erleben.
5 Tipps, um wieder Spaß an MMORPGs zu haben
- Es hilft die Erwartungshaltung zu ändern. Schaut euch neue MMORPGs an und gebt ihnen eine Chance, bevor ihr sie nach 20 Sekunden und 3 Schlüsselbegriffen verurteilt, auf die ihr beim Scannen eines Artikels über sie stoßt.
- Senkt euren Enthusiasmus und eure Erwartungshaltung bei neuen MMORPGs: Hofft nicht, dass sie euch so flashen werden, wie das erste Spiel, als ihr noch ein Teenager wart. Sondern seht ein, dass auch zwei Wochen Begeisterung in einem MMORPG schon etwas Gutes und Wertvolles sind. Vielleicht werden aus den zwei Wochen auch zwei Monate, wenn ihr es nicht gleich mit eurer ersten großen Liebe vergleicht.
- Geht wieder in MMORPGs zurück, die ihr einmal rasch abgetan habt. Spiele wie ESO oder Final Fantasy XIV sind Beispiele für Games, die sich nach rauen Anfangszeiten gefangen und gewaltig verbessert haben.
- Der vielleicht beste Rat: Versucht Freunde von früher zu finden und fragt sie, ob sie mit euch gemeinsam ein neues MMORPG entdecken wollen. MMORPGs sind dafür gedacht, zusammen gespielt zu werden. Diese soziale Bindung ist der Kitt, der euch lange in eurem ersten Spiel gehalten hat. Wenn ihr als Nomade in ein neues Spiel zieht und dort von Beginn an das Gefühl habt, nur zu Besuch zu sein und euch umzuschauen, wird kein MMORPG der Welt euch halten können.
- Wenn ihr keine Spiel-Kumpane von früher findet, dann seid in neuen MMORPGs offen, Kontakte zu schließen, sucht euch eine Gilde oder Gaming-Buddys. Sprecht mit den Leuten, schreibt in den Chat, versucht Anschluss zu finden.
Ihr werdet die neuen MMORPGs, die erscheinen werden, nicht ändern können, sondern müsst Wege finden, mit dem Angebot umzugehen, dass da ist. Ich weiß, das will keiner hören. Ich sehe den Frust in den Kommentarspalten über neue MMORPGs und das Angebot das da ist. Ich verstehe die Sehnsucht nach dem einen MMORPG-Erlebnis von früher und nach dem neuen tollen Ding.
Aber letztlich ist es die Entscheidung von jedem einzelnen MMORPG-Spieler, ob er sich von neuen MMORPGs frustrieren lässt oder ob es ihm gelingt, das Beste aus dem Genre zu ziehen.
Wer kein Interesse daran hat, Spaß an MMORPGs zu finden und lieber ein erfahrener und bitterer Veteran im Online-Gaming werden möchte, dem empfehlen wir das klare Kontrastprogramm zu diesem Artikel:
7 einfache Schritte, um ein wahnsinnig unglücklicher MMO-Spieler zu werden
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