In vielen MMORPGs wie WoW verkaufen Spieler ihre Accounts für echtes Geld auf Plattformen wie Ebay. Das ist gegen die offiziellen Regeln und noch schlimmer: Es ist mit vielen Risiken für Käufer und Verkäufer verbunden. Aber das deutsche MMORPG Tibia aus Regensburg macht das seit 2020 anders. CipSoft hat das Tabu gebrochen und erlaubt den Handel mit Charakteren im Spiel. Wir von MeinMMO haben mit einem der Gründer gesprochen, wieso das so ist.
So ist es bei WoW: Wer jetzt gerade auf Ebay geht, kann sich dort für 160 € einen WoW-Account auf dem Server Blackhand kaufen mit einem Level 60 Priester und Krieger.
Der Verkäufer sichert zu: Der Account sei sicher, er habe auch etwa 100 Reittiere erspielt und die Kampagne zu 3/7 abgeschlossen. Bei Eingang der 160 € würde er alle vorhandenen Daten übergeben.
Das ist kein Einzelfall: In vielen MMORPGs werden ständig Accounts hin und her verkauft. Man redet nicht groß darüber.
Doch wahrscheinlich kennt jeder MMORPG-Spieler die Situation, dass ein Freund in der Gilde sich von allen verabschiedet, weil er mit dem Spiel aufhört: Doch einige Wochen später loggt sein Charakter dann doch wieder ein, aber es ist nicht mehr der Freund, der den altbekannten Helden spielt, sondern ein Fremder.
Ein umstrittenes Feature in MMORPGs ist der Genderlock:
Account-Handel über eBay bringt große Risiken, abgezockt zu werden
Das ist das Problem mit dieser Art von Handel: Dieser Handel findet abseits des Spiels statt und ist von Blizzard und anderen Publishern nicht gewollt: Es besteht das reale Risiko, dass der Account nachträglich gebannt wird oder dass sich der Verkäufer den Account doch noch per Einspruch zurückholt, wenn die nächste Erweiterung losgeht.
Auch der Verkäufer trägt das Risiko, dass der Käufer sein Geld zurückfordert.
Der Handel von Charakteren und Gegenständen über Plattformen wie Ebay wird von MMORPG-Entwicklern nicht unterstützt, sondern mehr oder weniger ausgeblendet. Wer dort handelt, tut das auf eigene Kappe. Außerdem wird dort immer der „ganze Account“ gehandelt.
So ist es im MMORPG Tibia: In Tibia gibt es seit dem 25. August 2020 den „Character-Bazar“. Wie auf einem Marktplatz können Spieler dort frei Charaktere kaufen und verkaufen.
Es gibt klare Regeln für die Transaktion: So muss der Charakter aufgeräumt sein, darf kein Haus mehr besitzen oder für bestimmte Charakter-Dienste angemeldet sein.
Von den Tibia-Coins, die beim Handel fließen, bekommt Entwickler CipSoft 12 % Kommission.
Den ganzen Podcast zu Tibia könnt ihr hier hören. Das Segment beginnt etwa bei 33 Minuten:
23 Jahre lang war Account-Handel in Tibia streng verboten
Wie war es die ganze Zeit in Tibia: Wir von MeinMMO haben im Mai mit einem der Gründer von Tibia, Stephan Vogler gesprochen. Vogler hatte mit Studienfreunden im Jahr 1997 das MMORPG Tibia aus der Taufe gehoben.
Auch in Tibia galt über mehr als 20 Jahre die goldene Regel, dass der Handel mit Accounts streng verboten war:
Das war bei uns ein heiliger Grundsatz, dass man den Account nicht weitergeben darf: Man durfte sich den Zustand eines Levels nicht einfach erkaufen, sondern es musste immer Zeit dranhängen. Bis zum August 2020 haben wir gesagt: Nein, man darf Accounts nicht tauschen. Und wenn wir das mitbekommen, dann werden diese Accounts auch verbannt und bestraft.
Jeder Top-Account war gehandelt worden – Es war schon seit Jahren Standard
Wie änderte sich das? Vogler erklärt, irgendwann habe man sich mal genau angeschaut und sich gefragt: Wie ist das eigentlich, wie viel Prozent unserer Accounts sind denn nicht getradet?
Wir haben dann festgestellt, dass praktisch alle High-Level-Accounts, die im vorderen Drittel waren – die waren alle getradet. Alle. Es gab praktisch niemanden, der seinen Charakter bis zu dem Punkt gespielt hat. Und durch Umfragen haben wir festgestellt: Es ist für Spieler einfach normal zu traden. Die haben halt die Klappe gehalten und es vor uns geheim gehalten und haben damit nicht angegeben, aber es war im Prinzip über Jahre schon Standard in der Community.
Vogler führt aus, dass man bei CipSoft sehen konnte, wie stark Spieler ihre Charaktere illegal handelten, denn ein bestimmtes System zur „Account Recovery“ sei unheimlich oft ausgelöst worden. Das hätten Käufer verwendet, um sicherzustellen, dass der neue Charakter wirklich ihnen gehört.
Vogler erklärt, man hätte das gesehen, auch genau gewusst, dass das sicher mit dem „blöden Trading“ zusammenhängt, aber sich nie groß darum geschert.
Letztlich kam man aber zum Entschluss:
Am Ende haben wir gesagt: Ey, wenn es schon Standard ist, dann machen wir es halt offiziell.
Charakter-Bazar ist ein großer Erfolg für das MMORPG
Der Vorteil beim Char-Bazar sei jetzt, dass man jeden Charakter einzeln weitergeben kann und das unter sicheren Bedingungen:
Es ist wirklich krass, wie gut das angenommen wird und wie viele Transaktionen durchgeführt werden. Und es hat sich auch nie wer beschwert aus der Community.
Vogler erklärt beim „illegalen Handel“ außerhalb der Plattform müsse man immer wem vertrauen: Der Käufer dem Verkäufer, der Verkäufer dem Käufer oder man muss einem Mittelsmann das Vertrauen schenken. Der Character-Bazar mache die Transaktion aber insgesamt sicher.
Tibia ist ein hochinteressantes MMORPG, das in einigen Ländern der Welt eine große Rolle spielt:
Mann in Venezuela ernährt seine Familie, indem er ein sehr altes MMORPG spielt
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