Die Welt des Gamings wird seit einem Monat erschüttert. Vorwürfe sexueller Belästigung gegen Streamer, E-Sportler und Entwickler rütteln die Branche durch. Andrey „Reynad“ Yanyuk erklärt, wie er als Chef einer E-Sport-Organisation damit umgeht, dass sein Star-Spieler „ZeRo“ eingestand, Minderjährige belästigt zu haben.
Das ist die Situation: Seit Ende Juni 2020 erschüttern Vorwürfe die Gaming-Branche, dass es in den vergangen Jahren zu sexuellen Belästigungen gekommen ist. Diese Vorwürfe werden häufig über Twitter geäußert.
Einen, den die Vorwürfe trafen, war Gonzalo „ZeRo“ Barrios (25). Der Chilene ist einer der erfolgreichsten Smash-Spieler aller Zeiten. Der hat mittlerweile eingestanden, „sexuell eindeutige Nachrichten“ an Minderjährige geschickt zu haben. Es geht um Vorfälle aus 2014, da war er 19 Jahre alt. Barrios sagt, er habe schreckliche Dinge getan, und verdiene es nicht, dass Leute ihn verteidigen (via ESPN).
Die Organisation Tempo Storm, der ZeRo angehört, hat daraufhin ein Statement abgeben:
- Sie trennen sich von ZeRo
- Sie bieten an, den Betroffenen professionelle Unterstützung zu vermitteln
- Auch ZeRo will man dabei helfen, sicherzustellen, dass sich sein Verhalten nicht wiederholt, selbst wenn man die beruflichen Verbindungen zu ihm sonst beendet
Mob-Justiz über Social Media setzt gefährlichen Präzedenzfall
Das sagt Reynad zu der Situation: Der Chef von Tempo Storm, Andrey „Reynad“ Yanyuk (28), sieht die Situation gespalten. Das sagt er in einem Interview mit Inven. Einerseits findet er es gut, dass jetzt vieles ans Licht kommt, andererseits hält er die Art, wie „Mob-Justiz über Social Media verhängt wird“ für einen gefährlichen Präzedenzfall.
Er hat Bedenken, dass viele verschiedene Fälle von unterschiedlicher Schwere zusammenfließen und gleich behandelt werden. Es gebe ein breites Spektrum, wie schwer die Anschuldigungen wiegen. Das fließe aber alles zusammen. Vor allem, dass die ernsten Fälle ans Licht kommen, findet Reynad großartig.
Aber ich denke es ist ein sehr gefährlicher Präzedenzfall, wenn Teenager auf Twitter zu Richtern, Geschworenen und Henkern in zukünftigen Fällen werden. Das sind meine Bedenken, aber insgesamt, ist es gut, dass die Bewegung passiert.
Reynad
So ging Reynad mit dem Fall „ZeRo“ um: Er sagt, es war jetzt eine harte Zeit für ihn. Die Anschuldigungen gegen ZeRo kamen wenige Tage, nachdem Byron „Reckful“ Bernstein gestorben war. Auf Twitter postete Reynad: Der Tod von Reckful habe ihn tief getroffen.
Er war enttäuscht, als er von den Vorwürfen gegen ZeRo hörte, aber wollte unbedingt seinen Spieler anhören und dessen Version der Geschichte erfahren, bevor er eine Entscheidung traf.
Man hatte sich dann im Team rasch darauf geeinigt, wie man damit umgeht, dass man ZeRo rauswirft, aber viel Wert darauf legt, allen Betroffenen und auch ZeRo professionelle Hilfe anzubieten. Die Rehabilitation sollte im Vordergrund stehen, nicht die Strafe.
Das hält Reynad für die richtige Vorgehensweise:
Ich denke in Amerika tendieren Leute dazu, Bestrafung mit Rehabilitation gleichzusetzen. Ich denke nicht, dass es viel bringt Leute nur zu bestrafen, damit sie bestraft werden. Wenn jemand etwas macht, das nicht okay ist, ist es am Wichtigsten dafür zu sorgen, dass sowas nicht mehr passiert.
Reynad
Reynad glaubt, dass ZeRo heute ein ganz anderer Mensch ist als damals, als er mit 19 irgendwelche Skype-Nachrichten verschickt hat. Der sei in den letzten Jahren als Mensch enorm gewachsen. Daher ist Reynad zuversichtlich, dass sich ZeRo wieder erholen kann.
Das steckt dahinter: Reynad beschreibt ein Problem, dass bereits in anderen Branchen diskutiert wurde, als es um die Auswirkungen der #MeToo-Bewegung ging. Die „Social Media“-Justiz hat Vor- und Nachteile:
- Einerseits kommen Fälle ans Licht, die über Jahre verschwiegen wurden und die den Opfern offenbar tiefe Wunden zugefügt haben. Das ist reinigend und kann künftige Vorfälle hoffentlich verhindern, die Opfer derart traumatisieren.
- Andererseits gibt’s bei all diesen Fällen letztlich nur eine Strafe: den Rücktritt aus dem Job und Verlust des Gesichts. Unabhängig von der Schwere des tatsächlichen Falls. Jemand, dem vorgeworfen wird, wen vergewaltigt zu haben, ist in der Konsequenz genauso dran wie jemand, der verbal eine Frau belästigt haben soll. Er ist eigentlich beruflich ruiniert.
Auch in Diskussionen auf Plattformen wie MeinMMO äußern viele Leser Kritik an der Art, wie diese Vorwürfe behandelt werden. Immerhin seien das nur Anschuldigungen. Da gebe es kein Gerichtsurteil und keine polizeiliche Untersuchung.

Das ist Reynad: Andrey Yanuk (28) ist ein US-Amerikaner, der schon eine wilde Karriere hinter sich hat. Ursprünglich war er E-Sportler in Strategie-Kartenspielen wie Hearthstone oder Magic: The Gathering. Dazu betrieb er einen Twitch-Kanal und war früh erfolgreich. Reynad war aber immer kontrovers und hatte starke Meinungen zu praktisch allem. Er galt zudem als ziemlich “salty”, als jemand, der schlecht verlieren konnte, weil er so ehrgeizig war.
Bereits im Mai 2014 erkannte Reynad die Zeichen der Zeit und zog mit „Tempo Storm“ seine eigene E-Sport-Organisation hoch. Am Anfang war das ein Hearthstone-Team, später ging es auch in neue Bereiche wie Overwatch, Heroes of the Storm oder Super Smash Bros. Heute ist Reynad ein Geschäftsmann und ein kluger Kopf beim Thema E-Sport, mit dem er schon so lange zu tun hat.

Gerade die E-Sport-Szene um Super Smash Bros., eine Spiele-Reihe von Nintendo, scheint von den aktuellen Vorwürfen besonders heftig getroffen zu sein. Die Reihe hat viele junge Fans und die E-Sportler treffen sich häufig auf lokalen Events:
24-jährige soll 14-jährigen Spieler von Super Smash Bros. sexuell benutzt haben
Das Titelbild kommt vom YouTube-Kanal Reynads.
Deine Meinung ist uns wichtig!
Gefällt dir der Artikel? Hast du irgendwelche Kommentare? Sag uns, was du denkst!

























