Deutsche Synchronisationen von Anime haben einen miesen Ruf. Sie gelten oft als schlecht – aber warum ist das eigentlich so?
Wenn ihr den Vollblut-Weeb aus eurem Freundeskreis fragt, wie man Anime am besten konsumieren sollte, dann wird er oder sie euch vermutlich eine recht klare Antwort darauf geben: Japanisch mit Untertiteln. Das ist für viele die einzig wahre Variante, um Anime-Serien zu schauen.
Und wenn man sich einmal an die unbekannte Sprache und das Lesen von Untertiteln gewöhnt hat, dann stimmen viele dem sicher zu.
Danach ist es oft schwierig, die deutschen Varianten der Anime zu schauen. Oft ist das so unangenehm, dass man gar ein wenig „cringen“ muss.
Aber warum sind deutsche Synchronisationen bei Anime eigentlich so schlecht?
Die Antwort wird einige sicher enttäuschen, aber: Deutsche Synchronisationen sind im Schnitt ziemlich gut. Sie zählen weltweit zu den besten und aufwändigsten.
Und ja, jeder und jedem von euch fallen jetzt sicher drei oder vier Beispiele ein, wo die Synchronisation wirklich schlecht war. Das kommt vor und bleibt bei Tausenden synchronisierten Episoden pro Jahr auch gar nicht aus. Nicht alles kann ein Meisterwerk sein.
Dennoch hat Deutschland eine ziemlich ausgeprägte Synchronisations-Kultur, um die uns Menschen aus vielen anderen Ländern beneiden. Denn während man in Deutschland auf passende Stimmen und Lippensynchronität achtet, ist das in anderen Ländern oft gar nicht der Fall. Viele Länder haben nur eine Handvoll Synchronsprecher – da hört man in einer Serie immer die 5-10 gleichen Leute auf alle Rollen verteilt. Und das dann in jeder Serie.
In manchen Ländern war es in der jüngeren Vergangenheit sogar der Fall, dass über Filme und Serien einfach die Lautstärke runtergedreht wird und ein einzelner Sprecher sämtliche Charaktere übersetzt – in einer monotonen Art und Weise.
Im deutschsprachigen Raum sind wir, was Synchronisationen anbelangt, eigentlich ziemlich verhätschelt und haben es besser als ein Großteil der Welt, der sich schon glücklich schätzt, wenn es wenigstens eine englische Version gibt.
Aber warum fühlen sich Anime-Synchronisationen dann häufig so „falsch“ an?
Das „Problem“ ist, dass Anime, wie auch viele Fernseh-Serien aus dem asiatischen Raum, nach Theater-Regeln funktionieren. Das heißt, die Charaktere sprechen in einer deutlich übertrieben dramatischen Art und Weise. Reaktionen werden oft lautmalerisch begleitet und ganz grundsätzlich wird beim Sprechen in den meisten Szenen sehr viel mehr Emotion allein durch die Stimme vermittelt, als man das aus dem Alltag kennt.
Genau dieser Unterschied zwischen vielen „westlichen“ und asiatischen Produktionen stellt die deutschen Studios beim Vertonen von Anime vor ein ziemliches Problem und nur eine von zwei Möglichkeiten:
- Soll man dem Original möglichst treu bleiben und besonders viele Emotionen mit Hang zur Melodramatik durch die Sprecher transportieren, die Deutsche eher ungewohnt finden?
- Soll man die Variante „eindeutschen“ und die Charaktere beim Sprechen ruhiger und weniger theatralisch darstellen, wie es deutsche Zuschauer eher gewohnt sind?
Dazu kommen noch weitere Fragen, wie etwa:
Sollten Namen ihren japanischen Klang behalten oder sollte man sie „deutscher“ klingen lassen, damit sie zum Rest des Gesprochenen passen?
Die „falsche“ Antwort führt dann zu Memes, die noch für Jahrzehnte im Gedächtnis bleiben, wie etwa dieser Naruto-Klassiker:
Solche und andere Vorfälle haben sich in die Erinnerungen der Anime-Fans eingebrannt und oft auch blind für neuere Vertonungen gemacht, denen man kaum eine Chance gibt.
Die richtige Antwort zu finden ist schwierig, gerade weil die japanische Sprache so ganz anders klingt als die deutsche.
Es hat eine ganze Weile gedauert, bis man hier einen guten Mittelweg gefunden hat, der auf der einen Seite die theatralisch-übertriebene Natur von Anime bewahrt und gleichzeitig so klingt, dass deutsche Zuschauer nicht augenrollend vor dem Bildschirm in Schock-Starre verfallen.
Ninotaku hat dazu auch ein gutes Video veröffentlicht:
Dazu kommt natürlich, dass japanische Synchronsprecher und -sprecherinnen in der Regel ein irrsinnig hohes Niveau haben und diese Art der theatralischen, auf Anime zugeschnittenen Stimmen, über Jahrzehnte perfektioniert haben – schon lange, bevor Anime bei uns im Mainstream ankamen.
Es gibt zwar das oberflächliche Klischee, dass Anime ja nur voller „übertrieben kreischender Kulleraugen-Mädchen“ sind – aber wenn wir ehrlich sind, haben sie genau dieses emotional-überdrehte perfektioniert.
Das alte Vorurteil, dass Anime auf Deutsch einfach schlecht sind, ist in jedem Fall veraltet und entspricht – subjektiv wie objektiv – nicht mehr der Wahrheit.
Wenn ihr deutsch vertonten Anime mal eine Chance geben wollt, dann hört doch einfach mal in die deutsche Fassung von „Violet Evergarden“ oder den Filmen „Your Name.“ oder „A Silent Voice“ rein. Ihr könntet positiv überrascht werden.
Mehr Hintergrundwissen zu Anime: Warum gibt es nervige Recap-Folgen in Anime?
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