Warum gibt es überhaupt einen Genderlock in MMORPGs?

In asiatischen MMORPGs wie Black Desert Online ist ein Genderlock völlig normal. Bei uns im Westen wird dieser Genderlock oft kritisiert. Warum ist das so?

Was bedeutet Genderlock? Bei Spielen, die einen Genderlock besitzen, haben wir keine freie Auswahl zwischen dem Geschlecht. Männliche und weibliche Charaktere sind bestimmten Rollen zugeordnet. Diese Begrenzung zwischen den Geschlechtern ist typisch für MMOs, die aus Asien stammen. So ist die Walküre in Black Desert Online immer weiblich oder die Hrothgar in Final Fantasy XIV sind immer männlich.

Was ist das Problem mit Genderlock? Bei uns im Westen kommt diese strenge Einteilung der Geschlechter nicht gut an. Bei westlichen MMOs wie World of Warcraft wäre es undenkbar, dass uns hier ein Riegel vorgeschoben wird, ob wir unsere Klasse als Männlein oder Weiblein spielen möchten. Der Genderlock aus Asien hat bei uns schon zu großem Frust geführt:

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Darum gibt es in Asien einen Genderlock

Wir haben einen Experten gefragt: Wes Connor ist der Chef vom Asia-MMORPG Astellia. Er war auch an der Entwicklung von Black Desert Online beteiligt.

In Astellia entschied man sich bewusst gegen einen Genderlock im Westen. In Korea gibt es den Genderlock hingegen trotzdem noch. Es gibt zwei Versionen.

Wes hat sich tiefgehend mit diesem Phänomen und den Unterschieden im Westen und Osten beschäftigt. Auf unsere Frage, warum es denn den Genderlock überhaupt in Asien gibt, bekamen wir das folgende Statement von Wes Connor:


„Genderlock ist seit Jahren ein heißes Thema in der Gaming-Industrie. Einigen ist Genderlock egal, während es für andere ein K.O.-Kriterium ist. Es passiert allerdings nicht häufig, dass wir fragen: Warum gibt es einen Genderlock?. Meistens, wenn diese Frage gestellt wird, gibt es ein oder zwei Personen die sagen, dass die Firmen einfach Geld oder Budget sparen wollen, um mehr einzigartige Klassen erstellen zu können. Aber der Ursprung des Genderlocks geht viel tiefer als das.

Zuallererst ist es wichtig, sich die Geschichte der MMORPGs anzusehen, zurück zu den Multi-User-Dungeons (MUDs) und sogar die Games, die noch davor kamen. In den jungen Jahren der Industrie waren RPGs wirklich Rollenspiele, in denen Spieler die Rolle eines vordefinierten Charakters einnahmen und das Spiel durch die direkte Narrative des Charakters erlebten. Denkt einfach an jedes Zelda-Game, in dem ihr Link spielt und auch die Geschichte von Link verfolgt.

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Diese Art von Storytelling war für Dekaden die Norm. Aber als wir in der Diversität und Komplexität unserer Games weiter voran geschritten sind, nahmen die Spieler nicht mehr nur den Hintergrund eines vordefinierten Charakters an. Wir erstellen nun unseren eigenen Charaktere und schreiben ihre Geschichte durch unsere eigenen Entscheidungen innerhalb des Spiels.

Zelda Breath of the Wind
Wes führt den Genderlock auf alte RPGs zurück, in denen wir in die Rolle eines Charakters wie Link schlüpfen.

In asiatischen Games ist es immer noch normal, dass wir diesem klassischen Stil des Storytellings folgen. In Astellia spielt ihr etwa einen Charakter der ein einzigartiger Held mit einem legendären Hintergrund is. Aber ihr könnt schon sehen, dass das nicht so gut zu einem „Massively Multiplayer Online Game“ passt. Astellia wurde in Korea mit kompletten Genderlock der Klassen veröffentlicht. Wir haben erst angefangen darüber zu reden den Genderlock aufzuheben, als wir Astellia auch in den Westen bringen wollten.

Diese Dinge passieren, da Spieler auf dem östlichen Markt ihre Charaktere und ihre Stories nicht auf die gleiche Weise betrachten wie westliche Spieler. Für die östlichen Spieler sind sie einfach irgendwelche Charaktere und nicht ihre Charaktere. Allerdings können wir nicht sagen, ob das eine oder andere in allen Fällen richtig ist. Es liegt an den Entwicklern und Publishern, die Vorlieben ihrer Communities zu berücksichtigen und das zu bieten, was im besten Interesse des gesamten Spiels und der Spielerfahrung ist.“

Wes Connor, Product Lead bei Astellia


Astellia ist ein asiatisches MMORPG, das gespannt erwartet wird und noch in 2019 erscheint. Die Closed Beta von Astellia startet bald und so macht ihr mit.

Was bedeutet dieses Statement? Wes führt den Genderlock im wesentlichen auf zwei Dinge zurück:

  • die Geschichte von Videospielen, in denen wir in früheren Rollenspielen immer einen vorgefertigten Charakter spielten. Wir hatten keine Wahl, wer wir sind und es gab damals auch nichts anderes.
  • die asiatische Kultur, in der die individuelle Ich-Perspektive nicht so stark vorhanden ist, wie bei uns im Westen. Für einen Spieler im Osten, ist es normal und ok einfach „irgendeinen Charakter“ zu spielen. Er/sie möchte sich durch den Charakter nicht selbst verwirklichen.
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Gibt es noch mehr Gründe für einen Genderlock?

Der Genderlock ist in erster Linie auf die Geschichte von Spielen und auf die Kultur in Asien zurückzuführen. Es kann jedoch noch mehr Vorteile für die Entwickler bieten.

Ein weiterer Faktor: In einem Interview mit MMORPG.com verrieten die Entwickler von Asia-MMORPG TERA einst, dass es ein großer Aufwand sei, Frau und Mann für eine Klasse zu erstellen. Jede Bewegung und jeder Skill bräuchte eine eigene aufwändige Animation.

In Asien bekommen unterschiedliche Geschlechter komplett verschiedene Animationen und diese sind generell auch aufwendiger produziert als im Westen. Daher wägen Entwickler auch ab, ob sie als nächstes eine männliche oder eine weibliche Klasse erstellen.

TERA trieb dies sogar mal auf die Spitze und brachte fünf weibliche Klassen hintereinander raus. Der Grund? Simpel: Kosmetische Gegenstände für Frauen würden sich besser verkaufen als die für Männer, so die Entwickler.

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Also ja, das Finanzielle spielt durchaus eine Rolle bei der Entscheidung des Genderlocks. Es ist nur nicht der einzige und auch nicht immer der entscheidende Grund.

Genderlock hat auch seine Vorteile

Welche Nachteile sehen wir eigentlich im Genderlock? Bei uns wird der Genderlock als sexistisch empfunden und wir fühlen uns in unserer freien Entscheidung beschnitten.

Bei uns entspricht es nicht der modernen Weltanschauung, dass eine Frau kein muskulöser Krieger mit großem Schwert sein kann. Genauso kann ein Mann auch ein zarter Barde im knappen Seidenkostüm sein.

Welche Vorteile bietet der Genderlock? Über den Genderlock hat ein Spiel mehr unterschiedliche spielbare Klassen. Denn jede Klasse mit einem Genderlock hat eigene Skills, eine eigene Hintergrundgeschichte und eigene Mechaniken. So gesehen, bringt das mehr Abwechslung als spieltechnisch zweimal das gleiche zu haben, nur mit anderem Geschlecht.

final fantasy xiv viera header
Viera sind in der Final-Fantasy-Lore immer weiblich, also haben sie in Final Fantasy XIV einen Genderlock.

Ein Genderlock hat oft auch einen geschichtlichen Hintergrund. Spielern, denen Lore und Geschichte wichtig sind, kommt der Genderlock entgegen. Als man in Final Fantasy XIV etwa die Hasen-ähnlichen Viera zum Spiel brachte, wurden diese als reine Frauen-Klasse veröffentlicht. Viera sind in der Lore von Final Fantasy immer weiblich. Als Gegenzug wurden noch die Leoparden-artigen und rein männlichen Hrothgar eingeführt.

In sofern gibt es auch Fans vom Genderlock, da dieser mehr Abwechslung im Gameplay für sie bedeutet und die Geschichte/Lore nicht missachtet wird.

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