Im deutschen Twitch polarisiert aktuell kaum jemand so sehr wie die 25-jährige Pia Scholz alias Shurjoka. Die Streamerin sieht sich seit Monaten heftig in der Kritik. Doch was steckt eigentlich dahinter und wieso scheint das alles kein Ende zu nehmen?
„Ich wünsche dir alles, was Hunden in asiatischen Ländern angetan wird.”
Solche und ähnliche Kommentare findet man zuhauf unter den Selfies und Outfit-Checks einer jungen Frau auf Instagram. Die Frau ist Pia „Shurjoka“ Scholz, Twitch-Streamerin, politische Aktivistin und Zentrum eines nicht enden wollenden Feldzugs von Inhalten auf YouTube und Social Media, die sie in ein negatives Licht rücken.
Was als Debatte um das Harry-Potter-Spiel Hogwarts Legacy begann, hat sich längst zu einem Wust aus persönlichen Angriffen, Beleidigungen und Meinungsmache über die Streamerin entwickelt.
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Von der Twitch-Streamerin zum „woken“ Feindbild
Woher kommt die Ablehnung? Mit ihrem Aufruf, Hogwarts Legacy zu boykottieren, war Shurjoka Anfang 2023 auf viel Unverständnis gestoßen. Viele konnten die Kritik nicht nachvollziehen und fanden sie überzogen, wollten sich ihre Kindheitserinnerungen nicht schlecht reden oder ein Spiel verbieten lassen.
Die Twitch-Streamerin bezeichnete sich selbst als „laut“, schien überzeugt von ihrem moralischen Kompass und der Richtigkeit ihrer Ansichten. Damit eckte sie an, schaffte es aber auch, viel Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken. Sie war nicht die Einzige, die sich gegen Hogwarts Legacy aussprach, doch sie wurde zum Gesicht einer linken Bewegung gemacht.
Manche vergessen vielleicht, dass „Shurjoka“ kein Konzept ist, kein abstraktes Feindbild, sondern eine junge Frau, die sich für Minderheiten starkmachen und ihre Ideale vertreten wollte.
Im Nachhinein könnte man argumentieren, dass man das besser hätte aufziehen können, da hätte man geschickter agieren können, mehr Leute abholen, statt ihnen mit einem aggressiven Tonfall vor den Kopf zu stoßen.
Doch auch Monate später sieht sich Shurjoka anhaltender Kritik ausgesetzt. Insbesondere das Trio aus den Content Creatorn Tim „KuchenTV” Heldt, Marcel „MontanaBlack” Eris und Theo „Scurrows” Bottländer hat entdeckt, wie lukrativ es ist, die Streamerin wiederholt zum Mittelpunkt ihrer Inhalte zu machen.
Die Content-Machine der Reaction-Streamer
„Ich nehm’ die Klicks natürlich gerne mit“ – so KuchenTV, wenn es um die Auseinandersetzung mit Shurjoka geht. (via YouTube).
Jede Aussage von Shurjoka wird in einem Video aufgearbeitet, auf das andere Creator wieder reagieren können. Manchmal wird auch auf die Reaction noch einmal selbst reagiert. So entsteht eine nicht endende Content-Schleife über ein und dasselbe Thema – ein und dieselbe Person.
Dass sich drei Personen, die ein Vielfaches von Shurjokas Reichweite haben und teilweise deutlich älter sind, an einer jungen Frau abarbeiten, scheinen viele dabei weder fragwürdig oder gar unfair zu finden.
Die drei Content Creator scheinen sich im Recht zu fühlen, weil Shurjoka sie mit ihren Aussagen nervt, weil sie ihre Ansichten nicht nachvollziehen können. Scurrows sagt: Shurjoka habe seine Karriere zerstören wollen. Doch sie ist es, die seit Monaten Follower verliert, während seine Karriere floriert.
Den Titeln von KuchenTVs Videos nach sind es immer die anderen, die gegen ihn hetzen, Lügen verbreiten. Er selbst übe nur sachliche Kritik. Gleichzeitig wirft er Shurjoka vor, sich ständig in eine Opferrolle zu begeben.

Aus dem eigentlichen Motiv wird dabei auch kein Hehl gemacht: Es läuft einfach zu gut. KuchenTV brüstet sich damit, wie viele Aufrufe seine Videos plötzlich bekommen (via Twitter) und revanchiert sich bei MontanaBlack, indem er dessen Energy-Drink auffällig im Hintergrund seiner Videos platziert.
MontanaBlack zeigt ganz offen, wie viel Geld er schon mit seinen Reactions auf Videos, von KuchenTV – die Shurjoka in den Mittelpunkt stellen – verdient hat. Das seien für ihn die Raten auf den GLS, einem Mercedes (via YouTube)
Und Scurrows, der lange als Glücksspiel-Streamer verschrien war, darf plötzlich wieder bei den anderen mitspielen (via YouTube).
Um hier einmal ein Verhältnis der Reichweiten zu geben: Im Jahr 2023 hatte Shurjoka 1,626 durchschnittliche Zuschauer auf Twitch (via Twitchtracker). Alleine MontanaBlack hingegen stolze 25,183 durchschnittliche Zuschauer (via Twitchtracker).
Shurjoka in der Zwickmühle
Währenddessen scheint es für die Streamerin kaum Möglichkeiten geben, aus diesem Teufelskreis auszubrechen. So sagte sie im Mai, sie könne sich nicht wehren, da jede Reaktion ihrerseits nur zu weiteren Videos und Reactions führen würde.
Mit Ignorieren habe sie ebenfalls keinen Erfolg gehabt, da habe sie dann gemerkt, dass jemand über sie gesprochen habe, wenn sie wieder eine neue Welle an Hassbotschaften auf ihren Accounts erhalten hätte.
Die Streamerin versuchte es daraufhin auf juristischem Weg, doch auch das scheint sich nicht zu ihrem Vorteil entwickelt zu haben und führte zu weiteren Inhalten auf YouTube und Social Media.
Mittlerweile äußert Shurjoka sich öffentlich kaum noch zu dem Thema. Das muss sie auch gar nicht mehr, denn bereits die Erwähnung ihres Namens reicht aus, um eine neue Welle loszutreten.
Die Moderatorin eines Streamers, mit dem Shurjoka selbst nicht viel zu tun hat, schrieb in dessen Chat, Gronkh sei wohl ziemlich rechts, so, wie er gegen Shurjoka hetzen würde. Das resultierte aus einer Aussage von Gronkh, einem der bekanntesten YouTuber Deutschlands, dass er von Shurjoka kritisiert wurde und sich dort offenbar ungerecht behandelt fühlte.

Die Streamerin selbst hatte überhaupt nichts mit diesem Vorwurf zu tun, distanzierte sich sogar (via Twitter). Dennoch wurde auf Twitter erneut das Narrativ von der „lächerlichen Shurjoka-Bubble“ verbreitet, für die alle rechts seien, die eine andere Meinung hätten.
Sie deaktivierte ihren Twitter-Account. Doch auch Tage später trendeten „Shurjoka” und „Gronkh” auf Twitter.
Auch KuchenTV, MontanaBlack und Scurrows scheinen noch nicht bereit zu sein, diesen „Goldesel“ aufgeben zu wollen: Wenn es keine neuen Inhalte von Shurjoka selbst gibt, wird ein altes Video, ein Artikel über sie oder eine Dokumentation des WDR hergenommen (via YouTube).
Wie es Shurjoka wirklich mit dem andauernden Strom an Negativität geht, lässt sich von außen nur erahnen. Im Gespräch mit dem WDR sagte sie im Mai, sie schlafe schlecht, stelle ihren Aktivismus über ihre eigene psychische Gesundheit.
Aktuell scheint es, als nehme sie sich zumindest etwas zurück. In ihren Streams zeigt sie Normalität: Da wird Baldur’s Gate 3 gezockt, werden Filmempfehlungen ausgetauscht.
Es bleibt abzuwarten, ob damit endlich Ruhe einkehrt. Wie es überhaupt so weit kommen konnte, könnt ihr auf der nächsten Seite nachlesen.
Wie kam es zu diesem Punkt? Eine chronologische Einordnung
Auf Twitch wurde Shurjoka hauptsächlich mit dem Strategie-Spiel Crusader Kings 3 bekannt. Sie nutzt ihre Plattform jedoch auch, um sich politisch zu engagieren und setzt sich für die Rechte von Frauen und queeren Menschen ein.
Obwohl sie zu diesem Zeitpunkt mit mehr als 200.000 Followern auf Twitch bereits zu den größeren deutschen Streamern gehört, wurde eine breitere Masse erst Anfang 2023 im Zuge der Kontroverse um das Harry-Potter-Spiel Hogwarts Legacy auf Shurjoka aufmerksam.
Boykott von Hogwarts Legacy
Schon im März 2022 hatte Shurjoka zu einem Boykott des Spiels aufgerufen. Mit dem anstehenden Release im Februar 2023 nahm die Debatte um Hogwarts Legacy wieder Fahrt auf.
Shurjoka kritisierte die Aussagen der Harry-Potter-Autorin J.K. Rowling bezüglich transgeschlechtlichen Menschen und warf ihr sowie den Machern des Spiels vor, antisemitische Stereotypen zu reproduzieren.
Viele Menschen, gerade diejenigen, die mit Harry Potter aufgewachsen waren, wollten sich die Freude am Spiel allerdings nicht nehmen lassen. Bei ihnen kam an: Da will mir wer ein Spiel verbieten, da werde ich als transfeindlich bezeichnet, weil ich ein Spiel spielen will.
Die Twitch-Streamerin wurde für viele zum Gesicht einer linken, „woken“ Bewegung, die ihnen vorschreiben wolle, was man konsumieren dürfe.
Dieses Narrativ begann, sich zu verselbstständigen, als Anfang Februar ein Clip des Twitch-Streamers Erik „Gronkh” Range auf Twitter die Runde machte. Der 46-Jährige hatte gefragt, ob ihm J.K. Rowling einfach egal sein dürfe.
Die aus dem Kontext gerissene Aussage wurde ihm von einigen Twitter-Nutzern als Transfeindlichkeit ausgelegt. Man hatte sich wohl von einem Content Creator mit seiner Reichweite ein klares Statement gegen Hogwarts Legacy gewünscht.
Auf Twitter hagelte es Kritik, doch Gronkhs Unterstützer hielten mindestens ebenso vehement dagegen. Eine „Schuldige“ war schnell gefunden: Shurjoka oder zumindest die „Shurjoka-Bubble“ versuche, Gronkh zu canceln.
Die Twitch-Streamerin selbst stritt ab, etwas mit dem Shitstorm zu tun gehabt zu haben. Sie sei im Urlaub gewesen, habe erst auf Twitter davon erfahren, wie alle anderen auch. Mit der Verbreitung des Clips habe sie nichts zu tun gehabt.
Der Wirbel um Hogwarts Legacy legte sich zwar nach und nach, doch in den Köpfen vieler blieb das Bild der linksradikalen Shurjoka, die ihnen mit Gewalt ihre Meinung und ihre Hobbys verbieten wolle.
Auszeichnung als „Spielerin des Jahres“
Die Stimmung kochte erneut hoch, als Shurjoka für ihr politisches Engagement im Zusammenhang mit Hogwarts Legacy mit dem deutschen Computerspielpreis als “Spielerin des Jahres” ausgezeichnet wurde.
Der Meinungs-Blogger Tim “KuchenTV” Heldt veröffentlichte auf YouTube mehrere Videos darüber, warum die Streamerin den Preis seiner Meinung nach nicht verdient habe. Er hatte bereits im Februar eine sechstündige Reaction auf ihre Äußerungen zu Hogwarts Legacy veröffentlicht und ihre vermeintliche Doppelmoral kritisiert.
Nun sagte er: Sie sei toxisch, würde hetzen, Rufmord betreiben, keine andere Meinung zulassen und eine “richtige Gamerin” sei sie auch nicht.
Mehr Hintergrund-Infos findet ihr hier:
Auf diese Videos reagierte Marcel “MontanaBlack” Eris in seinen Streams. Er war in der Vergangenheit selbst mit KuchenTV aneinander geraten, doch bei Shurjoka waren die beiden sich scheinbar so einig, dass hier eine neue brüderliche Freundschaft aufblühte.
Das setzte einen Teufelskreis in Gang: Shurjoka äußerte sich in ihren Streams, KuchenTV reagierte darauf im Stream und/oder postete ein Video dazu und MontanaBlack sah sich das dann mit zehntausenden Zuschauern an, um seinen Senf dazuzugeben.
Die Twitch-Streamerin sagte dazu später, sie merke immer, dass ein männlicher Influencer wieder etwas über sie gesagt hätte, weil ihre persönlichen Accounts plötzlich mit Hass-Nachrichten überschwemmt würden.
Wie Shurjoka in einem Stream feststellte, konnte sie sich nicht wehren. Jeder Kommentar, jede Aussage ihrerseits führte zu neuen Videos, neuen Reactions, neuen Hass-Kommentaren.
Machte sie jedoch einfach ihr Ding, hielt das die anderen auch nicht davon ab, Content aus ihr zu machen. Ein Ausweg wäre vielleicht ein vollständiger Rückzug aus der Online-Welt gewesen, doch da gibt es ja noch das Studio in Berlin und die Angestellten, die bezahlt werden müssen. Shurjoka ist nun mal Streamerin von Beruf und die Leben davon in der Öffentlichkeit Content zu machen. Das ist ihre Lebensgrundlage.
Anschuldigungen gegen Scurrows
Shurjoka wollte sich allerdings auch nicht unterkriegen lassen, wollte laut sein, sich weiterhin für ihre Überzeugungen einsetzen. In diesem Zug übte sie auch Kritik an Theo “Scurrows” Bottländer, einem Streamer, der mit Rollenspiel in GTA bekannt wurde und später hauptsächlich Glücksspiel-Inhalte zeigte.
Als Twitch im Oktober 2022 seine Guidelines zum Thema Glücksspiel verschärfte, verloren Scurrows und andere “Casino-Streamer” Zuschauer und Relevanz.
Scurrows entdeckte jedoch eine neue Nische für sich: Ätzen über Gendern und Cancel Kultur. In einem Stream sprach Shurjoka von „offen transfeindlichen, queerfeindlichen und frauenfeindlichen” Aussagen, die seinen Twitter-Verlauf füllen würden.
Fast beiläufig erwähnte sie, dass gegen ihn auch Anschuldigungen diverser Influencerinnen inklusive ihr selbst im Raum stünden. Sie spielte auf Vorwürfe an, Scurrows habe ihr 2017 auf der gamescom in den Ausschnitt gefilmt und ihr unangebrachte Kommentare nachgerufen.
Der Streamer ging vor allem auf den Teil mit der Belästigung ein.
Scurrows sagte, diese Vorwürfe hätten seine ganze Karriere gefährden können, dabei schien niemand die Aussagen besonders zur Kenntnis genommen haben, bis er sie an die Öffentlichkeit zerrte.
Die vollumfänglichen Vorwürfe werden dabei nicht allzu oft wiedergegeben, stattdessen wird fast ausschließlich vom Vorwurf sexueller Belästigung gesprochen. (via YouTube) In einem Video wollte Scurrows seine Unschuld beweisen, indem er einen Ausschnitt seines Streams vom Zusammentreffen mit Shurjoka auf der gamescom 2017 zeigte. (via YouTube)
Darüber, was das Video nun eigentlich zeigt, gibt es verschiedene Meinungen. Denn auch dieses Video wurde stark auf Social Media diskutiert.
Die Meinung war in der breiten Masse gefestigt: Es hieß, man sehe, dass Shurjoka ein Fan von Scurrows gewesen sei, sie aktiv in seinen Stream gekommen sei.
KuchenTV veröffentlichte ein Video daraufhin, dass Shurjoka ihre Glaubwürdigkeit zerstört habe. MontanaBlack reagierte darauf.
Die Content-Mühlen mahlen weiter.
Aktion und Reaktion
Die 25-Jährige positioniert sich in der Öffentlichkeit als Feministin, als Ally, als Aktivistin die sich wie ein Schutzschild vor marginalisierten Gruppen stellt, ihnen eine Stimme verleihen will, bis zur Selbstaufgabe.
Dabei verrennt sie sich manchmal, lässt sich zu unüberlegten, emotionalen Aussagen hinreißen und geht auch mal zu weit. Aussagen, wie die, dass KuchenTVs Videos seinem Sohn peinlich sein könnten (via YouTube), gehören nicht in eine solche Auseinandersetzung.
Auch gibt es widersprüchliche Aussagen von ihr. So sagte sie etwa, sie habe seit Monaten nicht mehr über KuchenTV gesprochen. Er reagierte, indem er Timestamps zeigte, wie oft er innerhalb dieser Monate Teil ihrer Streams gewesen sei (via YouTube).
Doch das sollte nicht davon ablenken, wie disproportional die Antwort der Gegenseite ist. Ihre Aussagen werden unnötig aufgebauscht, aus dem Kontext gerissen und ins Lächerliche gezogen.
Immer wieder berichtet Shurjoka von massiven Gewaltandrohungen, besonders auch sexualisierter Gewalt. Sie ist ständigen Anfeindungen ausgesetzt, welche über eine politische Meinungsverschiedenheit hinausgehen und sich auch auf andere Bereiche ihres Lebens ausweiten.
Shurjoka wollte aufklären und nebenbei zocken, Pen&Paper-Runden mit ihren Freunden veranstalten. Dabei ist sie mit ihrer lautstarken und teils aggressiven Meinung angeeckt. Was am Ende bleibt:
„Ich wünsche dir alles, was Hunden in asiatischen Ländern angetan wird.”
Wie steht das im Verhältnis?
Update: 19. August, 9:30 Uhr: Die Kommentare waren temporär über Nacht geschlossen, da wir hier keine Moderation gewährleisten können. Wir haben die Kommentare jetzt wieder geöffnet. Wir bitten darum, beim Kommentieren respektvoll zu bleiben.
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