WoW-Dämon Cortyn ist sauer – und zwar so richtig. Denn Blizzard hat den Schattenpriester überarbeitet und aus kleinen Problemen ganz große gemacht.
Ich spiele eine Schattenpriesterin in World of Warcraft. Nicht erst seit gestern, sondern seit Januar 2007, als ich mit „The Burning Crusade“ auf einen anderen Realm für Rollenspiel gewechselt bin. Ich wechsel nicht für eine „Flavor of the Month“-Klasse. Mir ist nicht so wichtig, ob Schattenpriester im DPS-Ranking ganz oben oder ganz unten stehen (auch wenn „ganz oben“ natürlich nett ist).
Seit 16 Jahren spiele ich diese Klasse und Spezialisierung. Ich kenne sie aus Zeiten, in denen sie eine „Manabatterie“ für andere Klassen war, liebte die adrenalingeladene Zeit von „Legion“ und bin ihr sogar treu geblieben, als sie zum Start von „Battle for Azeroth“ so schlecht war, dass man regelmäßig beim Questen gestorben ist, weil man aus Versehen drei anstatt zwei Mobs gepullt hat.
Als es vor einigen Monaten hieß, dass mit Patch 10.1 Glut von Neltharion ein kleines Rework des Schattenpriesters anstehen würde, war ich neugierig und interessiert.
Denn, so unter uns Priestern kann ich ja ehrlich sein: Ja, sie konnte extrem viel Schaden machen und die DPS-Listen anführen. Ja, Massenbannung, Glaubenssprung und Vampirumarmung sind echt starke Utility-Fähigkeiten für die Gruppe.
Aber, bei den Alten Göttern, ist diese Klasse ein Chaos.
Nicht nur hat der Schattenpriester bisher so viele Buttons, dass man selbst mit 4 Skill-Leisten nur ganz knapp auskommt, sondern auch die Prioritätenliste des Priesters war mit über 25 Einträgen so verwirrend, dass viele die Flinte gleich ins Korn geworfen haben, die diese Klasse lernen wollten.
Eine Überarbeitung war also notwendig – aber nicht so, wie das nun geschehen ist.
Ich warne schonmal vor, heute wird es ein „bisschen“ technisch. Aber ich muss es einfach mal rauslassen.
Der letzte Funken Mobilität ist tot
Der Schattenpriester ist traditionell eine der immobilsten Klassen in World of Warcraft. Wenn im Kampf Bewegung erforderlich ist, dann verliert diese Klasse dabei eine Menge Schaden. Bisher konnte man das durch einige Proccs und Spontanzauber kompensieren. So hat man sich etwa Aufladungen von spontanen „Gedankenschlägen“ und „Gedankenstacheln“ aufgehoben, um dann in einer bewegungsintensiven Phase diese raushauen zu können.
Tja, auch das geht nun nicht mehr. Wenn die Bewegung länger als 2 Sekunden andauert, kann man genauso gut springen oder Emotes tippen – ein wenig drastisch formuliert.
Das Ende der Auswahl
Ein großes Ziel war es, dem Schattenpriester mehr Auswahl bei den Talenten zu geben, um auch andere Builds zu ermöglichen. Und es stimmt, dass man bei den „Endtalenten“ nun mehr wählen kann – aber beim ganzen Rest nicht.
Zuvor konnte der Schattenpriester auswählen, wie er Flächenschaden machen möchte. Man hatte die Auswahl zwischen „Multi-Dotting“ oder der Gedankenexplosion – einem Flächenzauber, den man sogar auf Verbündete wirken konnte, die dann in schattenhafter Energie explodieren und alles verwüsten.
Die „neue Variante“ ist: Gedankenexplosion ist weg – einfach gestrichen. Ab jetzt muss man immer Multi-Dotting betreiben. In welcher Welt das „mehr Auswahl“ und „mehr Spielstile“ sind, muss man mir vielleicht noch genauer erklären, denn ich sehe es einfach nicht.
Entscheidungen, bei denen man nur verlieren kann
Auch habe ich den Eindruck, dass Blizzard beim Entwickeln der Talente für den Schattenpriester einfach die Ideen ausgegangen sind. Das alte Talent „Schattengeschoss“ ist ein langsam fliegendes Projektil, das nach kurzer Zeit einschlägt, hohen Schaden verursacht und alle Ziele im Bereich mit den Dots des Schattenpriesters belegt. Die neue Variante sieht so aus: Der Zauber macht pauschal 70 % weniger Schaden und wenn er Ziele mit Dots belegen soll, dann muss man noch einen zweiten Talentpunkt investieren.
Zwar hat der Zauber nun weniger Abklingzeit, aber ein Problem wurde „aus Versehen“ verstärkt.
Im letzten Patch war es nämlich möglich, Dots auf Zielen nahezu endlos verlängern zu können, auch auf ganzen Gruppen. Das geht nun nicht mehr, sodass man Gruppen regelmäßig mit „Schattengeschoss“ nachdotten muss.
Das Problem ist allerdings, dass man als Priester nun permanent abwägen muss: Soll ich diese Gruppe hier nochmal nachdotten und dafür riskieren, dass ich beim nächsten Pull alle Ziele einzeln mit Dots belegen muss? Oder opfere ich hier den Schaden, um beim nächsten Pull direkt wieder durchstarten zu können?
Das ist keine „kleine“ Entscheidung wie bei anderen Klassen, ob man noch einen kleinen Cooldown ziehen möchte. Das ist die essenzielle Frage, ob man überhaupt Schaden macht oder der einfach mal um 60 % einbricht.
Es gibt keine gute Antwort in diesen Szenarien, die in Dungeons Dutzende Male vorkommen. Egal welche Antwort man wählt, es fühlt sich immer schlecht an.
So “ganz nebenbei” hat das Schattengeschoss auch den Nachteil, dass es eine Flugzeit hat, die man einberechnen muss. Wenn der Tank also gerade mal die Mobs kiten will – weil das Tanks eben so machen – geht das Geschoss gerne mal ins Leere. Aber hey, mit der Leere kennen sich Schattenpriester ja aus.

Blizzard vergreift sich an der bekanntesten Fähigkeiten
Ein letzter Punkt, den ich nur schwer verzeihen kann, ist, dass Blizzard sich an der ikonischsten aller Schattenpriester-Fähigkeiten vergreift. Keine Fähigkeit des Schattenpriesters ist so alt und berüchtigt wie „Gedankenschinden“, oder um es mit den Worten von Onkel Barlow zu sagen: „Amtlich fies-dreckige Gesichtsschmelzen“.
Der Zauber war so berüchtigt und so wichtig für den Schattenpriester, dass es damals auf jedem Realm gleich mehrere Priester gab, die sich „Facemeltor“ (oder eine Abwandlung davon) nannten.
Es ist ein kanalisierter Schadenszauber mit starker Verlangsamung, der zumeist als „Filler“ eingesetzt wird – aber ein uraltes, ikonisches Herzstück dieser Spezialisierung.
Mit Patch 10.1 ist „Gedankenschinden“ ein Wahl-Talent und teilt sich den Slot mit „Gedankenstachel“. Die Idee dahinter, dass man nur einen der beiden Zauber haben soll und daher weniger Knöpfe zu drücken hat, ist grundsätzlich löblich – aber musste das wirklich bei der ikonischsten Fähigkeit überhaupt sein?
Schlimm ist daran vor allem, dass – nach aktuellem Stand – der „Gedankenstachel“ fast immer die bessere Wahl zu sein scheint, gerade in Raids und Solo-Kämpfen, wie eben großen Bossen.
Oder kurz gesagt: Wenn ich eine „gute“ Schattenpriesterin sein will, muss ich mich von der ikonischsten Fähigkeit verabschieden. Das ist, als würde man einem Magier seinen Feuerball oder einem Druiden seine Katzengestalt wegnehmen.
Ich vermisse den Spielstil des Schattenpriesters aus Legion. Mir ist klar, dass der in seiner damaligen Form niemals zurückkehren wird, denn der war schlicht unmöglich zu balancen bei steigender Ausrüstung. Aber seither ist jeder Patch und jede Überarbeitung ein Schritt, der mir mehr von meiner „Verbindung“ zum Schattenpriester raubt.
Boah, das tat gut. Es musste einfach mal raus.
Bei all den positiven Nachrichten rund um WoW, bin ich zuversichtlich, dass Blizzard das irgendwann noch hinkriegt – aber ob ich meiner Klasse bis dahin noch die Treue halten kann, wird immer unwahrscheinlicher.
Wie gefallen den Schattenpriestern unter euch die Änderungen? Seid ihr mit dem Rework zufrieden? Oder habt ihr auch Kritikpunkte?
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