Ein Jahr voller Shitstorms – Blizzard rennt mit Anlauf in den nächsten

Blizzard rauscht von einem Shitstorm in den nächsten. Bricht das der Spieleschmiede nun das Genick?

Vor inzwischen fast einem Jahr habe ich einen Artikel geschrieben, in dem ich mich über den damals aktuellen Zustand von Blizzard ausgelassen habe. Ich war traurig, weil Blizzard immer weiter von dem Weg kam, was ich am Gaming so sehr mochte. Meine Hoffnung war, dass Blizzard sich im Jahr 2019 erholen und wieder einen richtigen Kurs einschlagen würde. Nicht nur in Bezug auf neue Spiele, sondern vor allem auch in Bezug auf PR-Disaster, merkwürdige Aussagen und ein „vor China buckeln“.

Auch wenn das Jahr noch lange nicht rum ist, lässt sich wohl schon sagen: Das hat 2019 nicht geklappt. Blizzard torkelt seit einem Jahr von einem Shitstorm in den nächsten und manchmal sogar mit Anlauf.

Die BlizzCon 2018 – Der Anfang vom Ende?

Die richtige Negativ-Welle fing mit der BlizzCon 2018 an. Eigentlich ist Blizzards Hausmesse immer ein großer Erfolg und ein Highlight, doch die Messe in 2018 hätte auch unter „Pleiten, Pech und Pannen“ laufen können. Viele Fans waren enttäuscht, dass die große Ankündigung auf der BlizzCon „nur“ Diablo: Immortal war. Ein Mobile-Game, das nicht auf dem PC erscheinen würde.

Die Frage „Don’t you guys have phones?“ wurde zu einem Meme, das noch heute immer wieder vorkommt. Blizzard wurde vorgeworfen, den Kontakt zu seiner Kern-Spielerschaft verloren zu haben.

Die Core-Gamer, jene, die Blizzard groß gemacht hatten, waren nicht mehr wichtig, sondern nur noch das schnelle Geld im Mobile-Markt. Das war und ist zumindest die Befürchtung von vielen.

Die Entlassungen der Mitarbeiter

Kurz nachdem J. Allen Brack den Posten des CEO bei Blizzard Entertainment von Mike Morhaime übernommen hatte, kam es zu weiteren Hiobs-Botschaften. Über 800 Mitarbeiter von Activision Blizzard wurden entlassen und über 100 Mitarbeitern im Support wurde eine Abfindung angeboten, wenn sie aus freien Stücken gehen.

Den Berichten einiger Angestellten zufolge, wurden Mitarbeiter wie am Fließband einzeln in die Büros zitiert, um dann ihre Entlassung entgegenzunehmen. Das, zusammen mit den Berichten, dass Blizzard seine Mitarbeiter und deren Leidenschaft ohnehin ausnutze und vergleichsweise wenig Lohn zahle, sorgte für weitere Entrüstung.

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Das Einstellen der eSports-Liga bei HotS

Obwohl auf der BlizzCon 2018 noch in Präsentationen für die „Heroes of the Storm“-Liga geworben wurde, kam es kurz danach zu einer anderen Meldung. Die HGC, die größte HotS-Liga mit hohen Preisgeldern, wurde eingestellt. Viele Profi-Spieler hatten schon fest mit der HGC gerechnet und sich darauf vorbereitet. Sie und Caster des Spiels standen plötzlich ohne einen Job da und mussten sich neu orientieren.

Wenig verwunderlich, dass Blizzard auch hier massive Kritik einstecken musste. Eine genaue Begründung, warum bei HotS die Turniere abgesagt wurden, gab es allerdings nicht. Es passte aber dazu, dass bei HotS die Anzahl der Entwickler drastisch reduziert wurde. Immerhin ist die Entwicklung seit der BlizzCon deutlich verlangsamt worden.

Allzeit-Tief der Moral der Mitarbeiter

Die vielen Entlassungen, die harsche Kritik der Fans von HotS und das allgemeine Arbeitsklima bei Blizzard führten dazu, dass die Moral der Entwickler auf einem Tiefpunkt angelangt war.

Das ging zumindest aus Quellen hervor, die etwa im Gespräch mit Kotaku anonym bleiben wollten. Alle bangten um ihren Arbeitsplatz und viele fürchteten, dass man nun unterbesetzt sei. In so ziemlich allen Bereichen, die nicht mit der direkten Spiele-Entwicklung zu tun hatten, wurde an Personal gespart.

Shop-Mounts ohne Ende in WoW

Dieser Punkt ist zwar kein richtiger Shitstorm, aber doch ein schwelender Brand, der in den letzten Monaten immer stärker geworden ist. In World of Warcraft waren die Spieler lange Zeit unzufrieden mit der aktuellen Erweiterung „Battle for Azeroth“.

Die Mechaniken des Spiels, das allgemeine Setting und die Inhalte gefielen vielen nicht. Innerhalb der Community zählt Battle for Azeroth bei weiten Teilen der Spieler als die schlechteste aller Erweiterungen.

Genau in diesem Zustand der Unzufriedenheit hat Blizzard extrem viele Reittiere in den Shop von World of Warcraft gepackt, die man nur mit Echtgeld kaufen kann. Die Kritik lautete hier: Anstatt das Spiel wirklich zu verbessern, ballert Blizzard einfach Reittiere ohne Ende raus, um die Verluste aufzufangen.

Als es dann Ende 2018 noch ein „See You Later“-Bundle gab, bei dem Blizzard viele Dinge aus dem Shop genommen hat unter der kleinen Androhung, dass sie vielleicht nie wieder erhältlich sind, kochte die Stimmung über.

Seither erntet jedes Reittier im Shop Kritik, vor allem da die Qualität der tatsächlich im Spiel erhältlichen Reittiere abnimmt und immer häufiger nur „Recolor“, also Neueinfärbungen bestehender Reittiere, zu finden sind.

Der „Züchtigkeit“-Patch von Hearthstone

Ein weiterer Vorfall spielte sich im Hearthstone-Subreddit ab. Während eines Patches bei Hearthstone kam es zu einer kleinen Detail-Änderung im Spiel. Da wurde die Oberweite der Magier-Heldin Jaina ein bisschen züchtiger verpackt. Das wurde noch locker genommen, doch wenige Monate später kam ein weiterer Patch.

Dieser entfernte einen großen Teil der Brutalität und Nacktheit aus dem Spiel. Blut wurde von mehreren Karten entfernt und eher „anrüchige“ Dämonen wie die Sukkubus wurden gegen vollständig andere Karten ausgetauscht.

Schon damals hatten die Fans spekuliert, dass diese Änderungen im vorauseilenden Gehorsam gegenüber China geschehen würden. Immerhin gelten dort extrem strenge Regeln in Bezug auf Gewaltdarstellungen oder anzüglicher Kleidung.

Blizzard hatte hier argumentiert, dass die Darstellungen nicht mehr zeitgemäß wären und nicht mehr das Repräsentieren, für was Hearthstone stehen wollte. Das hat mich persönlich besonders aufgeregt, denn Sukkubi waren seit jeher ein fester Bestandteil von Warcraft.

Die Blitzchung-Affäre und Hongkong

Der neuste Shitstorm ist erst wenige Tage alt und inzwischen dürften die meisten davon gehört haben. Der Hearthstone-Spieler Blitzchung wurde von Blizzard aus den Grandmasters geworfen und all sein Preisgeld dieser Saison wurde ihm aberkannt. Zwar wurde diese Strafe inzwischen deutlich abgeschwächt und Blitzchung darf wohl in den Grandmasters bleiben, doch trotzdem nehmen die Fans Blizzard diesen harten Schritt sehr übel.

Grund für die Strafe war, dass sich Blitzchung in einem Stream politisch geäußert und die Proteste der Bewohner von Hongkong unterstützt hat. Doch nicht nur er wurde aus Hearthstone entfernt, sondern auch die beiden Shoutcaster, die mit ihm ein Interview führten.

Sie sollten nie wieder mit Blizzard zusammenarbeiten dürfen, obwohl sie den Stream sofort nach der Aussage in die Werbung geschickt haben. Mittlerweile wurde auch ihre Strafe auf „6 Monate suspendiert“ gekürzt.

Für die Spieler ist klar, dass Blizzard so gehandelt hat, weil sie nicht im Ansehen der chinesischen Regierung sinken wollten. China ist ein großer Markt und wer dort Fuß fassen will, der braucht die Zustimmung der Regierung. Da wird jeglicher „Anti-China“-Kommentar gar nicht gerne gesehen.

Innerhalb von 2 Tagen brach die Hölle los. Sämtliche Subreddits zu allen Blizzard-Spielen wurden überhäuft mit Boycott-Aufrufen. Zehntausende Spieler erklärten, dass sie ihren Blizzard-Account gelöscht hätten und nie wieder ein Spiel der Firma kaufen würden, wenn Blizzard nicht seine Einstellung zu Menschenrechten überdenkt.

Gleichzeitig wollten die Protestanten aus Hongkong und die verärgerten Spieler ein Zeichen setzen. Sie machten die Overwatch-Heldin Mei zu einem Symbol des Widerstands, in der Hoffnung, dass China Bilder von Mei verbieten würde und damit auch Overwatch in China verbietet.

Mei wurde zum Symbol des Widerstands in Hongkong.

Selbst amerikanische Senatoren haben sich mit dem Vorfall beschäftigt und sogar andere Spiele-Firmen gaben ein Statement dazu ab, wie etwa Epic – was natürlich auch ironisch ist, da Epic Games zu einem großen Teil von dem chinesischen Unternehmen Tencent gehalten wird. Aber das wäre Stoff für einen anderen Artikel.

Die BlizzCon 2019 – Prädestiniert zu scheitern

Mit dieser aufgeheizten Stimmung steuern wir nun auf die BlizzCon 2019 in wenigen Wochen zu. Das sollte die „beste BlizzCon bisher“ werden, denn zahlreiche Neuankündigungen werden erwartet. Doch ob man sich als Gamer darüber dann richtig freuen kann, wenn im Hintergrund eine Lawine an Negativmeldungen noch weiter wütet, die immer mehr an Fahrt gewinnt und kein Ende in Sicht ist?

Vor allem das letzte Ereignis mit Blitzchung und Hongkong könnte auch auf die BlizzCon Einfluss nehmen. Hunderte Fans hatten angekündigt, auf der BlizzCon T-Shirts tragen zu wollen, auf denen „Free Hong Kong“ zu lesen ist. Die verschiedenen „Q&A“-Panel von allen Fragen in Bezug auf diese Entscheidung freizuhalten, dürfte ebenfalls schwierig werden.

Blizzard sitzt hier auf einem Pulverfass, das sich eigentlich schon längst in der Explosion befindet.

Der Hongkong-Protest überschattet die BlizzCon – Wird das noch ein Gaming-Event?

Wenn die BlizzCon nicht im nächsten großen Skandal mit Shitstorm enden soll, dann wird es dringend Zeit, dass Blizzard – vor allem die Führungsetage – ein paar Dinge klarstellt. Dass Blizzard sich zu den eigenen Werten bekennt, die aktuell noch so groß auf dem Campus des Unternehmens prangern.

Noch so ein Jahr an Katastrophen-PR könnte Blizzard das Genick brechen. Denn auch wenn es einen großen Unterschied gibt zwischen „sich laut beschweren“ und „Blizzard wirklich den Rücken kehren“, ist die Gruppe, die sich für letzteres entscheidet, offenbar gewachsen. Manche verbrennen sogar schon ihre Spiele.

As a prior US Marine who fought for freedom, your actions apall me. Goodbye blizzard from r/Blizzard

Es wäre doch sehr ironisch, wenn ein Unternehmen, das in seinen Spielen mit Ehre, Verantwortung, Anstand und Leitsprüchen wie „Die Welt braucht immer Helden“ wirbt, am Ende zugrunde geht, weil der Auslöser die Angst war, keine Gewinne in einem Land einzufahren, dessen Regierung mit Meinungsfreiheit und Pluralismus nun so gar nichts am Hut hat.

Oder was denkt ihr dazu?

Hearthstone: Sogar Mitarbeiter von Blizzard protestieren gegen den Bann
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