WoW Classic zu spielen, ist so, wie ein gutes Buch das zweite Mal zu lesen

Seit WoW Classic seinen Release gefeiert hat, nutzt unser Autor Benedict die meisten seiner freien Stunden, um sich erneut in das 15 Jahre alte Abenteuer zu stürzen. Er findet: Classic zu spielen ist so, wie ein gutes Buch nochmal zu lesen, obwohl man es schon kennt.

Was hat Classic mit Büchern zu tun? Spiele und Bücher haben für mich viele Dinge gemeinsam. Beide entführen mich in ihre Welt, beide erlauben mir, mich in einen anderen Charakter hineinzuversetzen und beide erzählen mir tolle Geschichten.

Bücher lassen dabei meiner Fantasie noch ein wenig mehr freien Lauf, während Spiele mich fortwährend belohnen mit neuen Items, tollen Ereignissen oder eben mehr Story. Das ist einer der Gründe, warum man überhaupt Spiele spielt.

Eben diese Geschichten sind es, die zumindest in Rollen spielen wie WoW dafür sorgen, dass sie sich beim zweiten Mal spielen anfühlen wie ein Buch, das man schon kennt.

Es kommen einfach viele tolle Momente zurück – aber es fallen mir auch neue Nuancen auf, die ich beim ersten Mal gar nicht gesehen habe oder wertschätzen konnte.

Das ist so toll am „zweiten Mal“ Classic

So zieht die Geschichte mich ein zweites Mal in den Bann: Während ich erneut das Spiel erlebe, das ich vor etwa 14 Jahren angefangen habe zu spielen (ja, ich habe WoW erst nach Release gespielt), fallen mir immer wieder Momente auf, die ich früher schon einmal hatte.

Es kommt häufig vor, dass ich bei einem Charakter vorbeikomme, der mir eine Quest andreht und mir denke: „Ach ja! Das war diese Questreihe, bei der ich damals so verzweifelt bin. Ob ich es dieses Mal besser schaffe?“

https://mein-mmo.de/wow-sylvanas-keiner-weiss-was-sie-will-problem/
Auch dieses Mal hat mich Calvinius wieder dazu gebracht, ihm zu helfen.

Obwohl ich bereits weiß, was ich zu tun habe und wie ich es am besten Meistern kann, freue ich mich darauf, es noch einmal zu erleben. Dabei interessiert mich weniger, ob ich diese Quest wirklich besser schaffe, sondern eher, ob mir Details auffallen, die mir früher entgangen sind.

Es sind schlicht Momente, verbunden mit Emotionen von damals, die wieder aufkommen. Als wären sie irgendwo verstaut worden, um mit der gleichen Stärke noch einmal wiederzukommen. Auch Cortyn hat solche Momente in WoW Classic.

Darum ist das „zweite Mal“ so wichtig: Was mich aber eigentlich so sehr an das Spiel beim zweiten Durchgang fesselt, sind die Details und Quests, denen ich früher keinerlei Beachtung geschenkt habe.

Viele dieser Quests deuten aber Geschehnisse an, die in späteren Erweiterungen von World of Warcraft eingetreten sind.

WoW All Addons title

Erst durch das Wissen, das ich nun nach der langen Geschichte von sieben Erweiterungen von WoW habe, verstehe ich überhaupt, worum es geht.

Geschichten aus WoW von heute – schon damals

An vielen Geschichten laufe ich vermutlich immer noch vorbei – einfach, weil sie von NPCs erzählt werden, mit denen man nie reden muss. Andere Geschichten verstecken sich in Quests und sind selbst heute noch aktuell.

Erste Quest – Battle for Azeroth: Eine dieser Quests ist beispielsweise „Die Dritte Flotte“ für die Allianz im Sumpfland, im Hafen von Menethil. Ein Matrose berichtet davon, dass er als Mitglied der dritten Flotte von Kul Tiras unterwegs war, als etwas Schreckliches passiert ist.

Die Dritte Flotte ist dabei ein Teil der Streitkräfte von Kul Tiras und von der „Verlorenen Flotte“ – zu denen auch die Schiffe gehören, die Jaina Prachtmeer in Battle for Azeroth aus dem Nebel rettet:

An der Flotte hängt dabei noch mehr Geschichte. Denn eines der versunkenen Schiffe, von denen der betrunkene Matrose erzählt, gehörte Derek Prachtmeer, Jainas Bruder. Dieser wird später als Untoter von Sylvanas für ihre Pläne missbraucht, jedoch von Baine gerettet.

Zweite Quest – Cataclysm: In einer weiteren Quest, die aus einer langen Dungeon-Questreihe nach dem Erhalt eines nicht verschickten Briefs von Edwin Van Cleef in den Todesminen hervorgeht, verstecken sich Hinweise auf Cataclysm.

Nachdem der Brief abgegeben wird, forscht der Meisterspion des SI:7, Mathias Shaw etwas weiter. Dabei landet er irgendwann bei Elling Trias, einem Käse-Händler. Dieser sagt zum Abschluss der Quest:

Die Bruderschaft der Defias, sagt Ihr? Tja, Ihr seid wirklich der Überbringer wunderbarer Neuigkeiten, was? Als Nächstes werdet Ihr mir erzählen, dass Deathwing noch am Leben sei und die Stadt angreift.

WoW Dragon Glory Deathwing
Todesschwinge – oder damals noch Deathwing – wurde schon in Classic vorhergesagt.

Übrigens: Elling Trias selbst ist wohl ein Verwandter von Lucian Trias, der einen Feinkost-Laden in Dalaran besitzt. Hier dient er als Verbindungs-Mann für die Ordenshalle der Schurken in Legion. Hier steckt also ein weiterer Wink.

Dritte Quest – Wrath of the Lich King: Die dritte Quest, die mir beim zweiten Spielen aufgefallen ist, ist die Questreihe „Nichts als die Wahrheit“ für die Horde in den Sümpfen des Elends.

Ein menschlicher Spitzel, Marksen, hat offenbar wichtige Informationen betreffend der Allianz und der Horde. Bevor er jedoch auspacken kann, sorgen Apotheker Faustin und Todespirscher Zraedus dafür, dass er vergiftet wird. Während er stirbt, sagt Marksen noch:

Ich glaube, die Verlassenen führen die Verbündeten der Horde in die Irre… Moment… ich fühle mich so… schwindelig…

Dieser Satz kann gleich zwei historische Ereignisse aus WoW vorhersagen:

  • Erstens den aktuellen Verlauf der Geschichte mit Sylvanas. Einige Fans vermuten, dass sie nicht zum Wohl der Horde handelt.
  • Zweitens und wahrscheinlicher, was an der Pforte des Zorns während Wrath of the Lich King geschehen ist:

Solche Verknüpfungen, wie sie in Classic bereits bestehen, konnte man als Spieler vor 15 Jahren überhaupt nicht verstehen. Viele der alten Quests sind zudem mit Cataclysm und der Umformung Azeroths verschwunden oder einfach später in Vergessenheit geraten.

Nun, da Classic wieder in seiner alten Form spielbar ist, finde ich es spannend, das alles noch einmal zu erleben und zu verstehen, wie viel Geschichte von WoW bereits in Vanilla steckte. Und selbst einige Skeptiker sind überzeugt:

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