Anthem schweigt seit 30 Tagen – So geht „Games as a service“ nicht

Der offizielle Twitter-Account von Anthem ist seit einem Monat tot. Unser Autor Schuhmann sagt: Das zeichnet jetzt kein gutes Bild. Auch nicht von „Games as a service.“

So hab ich Anthem gesehen: Im Gegensatz zu anderen, die Anthem bereits zu Beginn heftig kritisiert haben, dachte ich zum Release im Februar und auch noch nach einem Monat im März: Anthem wird unverhältnismäßig hart kritisiert. Das hatte Anthem in meinen Augen nicht verdient.

Das Online-RPG startete in meinen Augen mit einem soliden Kern: Das Gameplay und die Welt fand ich interessant und spannend. Die Kampagne war solide.

Mich hat das Spiel für 35 Stunden gut unterhalten, mit dem Endgame wollte ich aber warten, bis BioWare die gröbsten Schwierigkeiten beseitigt hatte.

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Die Probleme zu Beginn von Anthem hielt ich für lösbar und war mir sicher, dass der Shooter 90 Tage nach Release viel besser wäre als zum Release.

Immerhin hatte BioWare einen ausführlichen Content-Plan angekündigt, um das Spiel in den kommenden Monaten mit weiteren Inhalten zu unterstützen:

  • die Welt sollte sich entwickeln
  • es sollten Gruppeninhalte kommen
  • und der Cataclysm, ein großes Event, sollte das Highlight von Akt 1 bilden

Außerdem hieß es früh, dass BioWare die Probleme im Spiel etwa beim Loot und Komfortfunktionen mit höchster Priorität angehen würde.

Das sehe ich auch als Stärke von „Games as a service“-Spielen: Die werden nach dem Release deutlich besser. Das ist das innewohnende Versprechen, das gratis jedem Games-as-a-service beiliegt.

Anthem-Roadmap

Ich dachte damals: Okay, Anthem hat einen schweren Start, aber nach 90 Tagen werden sie sicher aus dem Gröbsten raus sein und einen klaren Plan für die Zukunft vorlegen, so wie andere Spiele auch.

Anthem – 90 Tage nach Release

Das ist seitdem passiert: Seit dem Februar gab es eigentlich nur besorgniserregende Entwicklungen:

  • so erschien ein großer Insider-Bericht zum Spiel, nach dem es so aussah, als wäre Anthem in nur 18 Monaten entstanden und mit Ach und Krach fertig geworden
  • außerdem ist die Entwicklung wohl größtenteils vom Original-Team weggenommen und nach Austin, zu einem anderen BioWare-Team, übertragen worden
  • zudem hat BioWare die Content-Pläne auf unbestimmte Zeit verschoben, um erstmal die großen Probleme beim Loot und anderen Kernbereichen des Spiels zu fixen
  • und BioWare hat die Kommunikation fast völlig eingestellt: Die letzte Twitter-Nachricht von Anthem ist einen Monat her. Einen neuen Stream gab’s auch nicht. Es hieß, man will sich melden, wenn man mehr hat, aber man hat wohl noch nicht mehr
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Das ärgert mich gerade: Dieses Schweigen lässt Anthem und BioWare mit jedem weiteren Tag schlechter dastehen.

Wenn BioWare zum Release einen detailierten Content-Plan vorlegt mit klaren Zeitangaben, dann erwartet man als Spieler doch, dass die meisten dieser Inhalte schon so gut wie fertig sind und nur nach und nach freigegeben werden müssen.

Andere Spiele wie ESO oder The Division 2 fingen ja auch nicht erst an, ihren „Post-Release“-Content zu entwickeln, wenn das Spiel wirklich draußen ist, sondern hatten den schon in der Schublade.

Bei ESO ging ein paar Wochen nach Release damals 2014 der erste Raid live – der war natürlich zum Release schon fertig und musste nur freigeschaltet werden.

Bei Destiny weiß man etwa, dass die Jahr-1-DLCs schon lange in Arbeit waren, als Destiny erschien. Ich erwarte auch von BioWare, dass sie den Content so gut wie fertig haben, wenn sie ihn für „kommt in 2 Monaten“ ankündigen.

Anthem-Sunken

Das ist das Problem: Es ist verständlich, dass BioWare erstmal an den großen Problemen des Spiels arbeiten möchte, statt neue Inhalte nachzuschießen.

Aber Spieler jetzt ohne irgendein Zeitfenster dastehen zu lassen und ohne Content zu liefern, ist nicht okay.

Ein „Games as a service“-Titel kann nicht nach einem Monat einfach untertauchen und die Spieler mit den Problemen alleine lassen, auch wenn erste Updates mehr kaputt machte als reparierten.

Die jetzige Situation von Anthem schadet nicht nur BioWare und Anthem selbst, sondern auch der Grund-Idee eines „Games as a service“: Anthem bricht gerade das Versprechen, dass ein Spiel nach Release weiter unterstützt und mit Content versorgt wird. Und das nicht „irgendwann“, sondern schon zeitnah zum Release.

Eine Content-Pause, in der das Team neue Inhalte macht, ist völlig okay und normal. Aber doch nicht unmittelbar nach dem Release.

Anthem hat den Spielern nach dem Release-Monat kaum einen Grund gegeben, noch einmal einzuloggen. Eine einzige neue Festung ist viel zu wenig.

anthem_herz_des_zorns

Gerade dass sich die Hauptpersonen von BioWare jetzt offenbar von Anthem zurückgezogen haben, hinterlässt einen bitteren Beigeschmack.

Das erwarte ich von Anthem: Anthem muss jetzt schleunigst einen klaren Plan mit konkreten Zeitangaben vorstellen, wie man plant, das Spiel weiterzuentwickeln.

Ja, es gibt dann wieder das Risiko, dass man Spieler enttäuscht, wenn man die Zeitpläne nicht einhält – aber das hätte man sich überlegen müssen, bevor man die ganze PR-Kampagne darauf aufbaut, den Spielern zuzusichern, wie Anthem weiterentwickelt werden soll.

Ideal und richtig wäre es von Bioware, wenn man klar sagt: Wir löffeln die Suppe aus, die wir uns eingebrockt haben und ändern unsere Pläne. Das Original-Team von Anthem arbeitet weiter am Spiel, bis es aus dem Gröbsten raus ist. Dragon Age 4 muss solange eben warten.

Dass sich die Hauptpersonen von Anthem so früh von der Entwicklung zurückziehen, ist in der aktuellen Situation ein Fehler, der ein desaströses Signal sendet.

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