Ein Insider-Bericht über Anthem wirft ein düsteres Licht auf BioWare

Es ist ein Insider-Report über die Entstehung des Online-Shooters Anthem erschienen, der 19 Quellen zitiert, die an Anthem mitgearbeitet haben. Der Bericht zeichnet ein düsteres Bild des Online-RPGs und seiner Entwicklungsgeschichte. Anthem soll hastig in einem Endspurt zusammengewerkelt worden sein.

Woher kommen die Information? Der lange Report ist auf der US-Seite Kotaku erschienen. Der Journalist Jason Schreier hat nach eigenen Angaben mit Mitarbeitern oder ehemaligen Mitarbeitern von BioWare gesprochen oder mit Leuten, die sonst am Projekt beteiligt waren. Er hätte mit 19 Leuten Interviews geführt. Die bleiben aber alle anonym, weil sie nicht autorisiert seien, über die Entstehung von Anthem zu sprechen.

EA und BioWare haben es, laut Schreier, abgelehnt, die Geschichte zu kommentieren.

Schreier ist allerdings bekannt dafür, Quellen in Gaming-Studios zu besitzen und die anzapfen zu können.

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18 Monate in Entwicklung statt 7 Jahre

Das ist die Kern-Aussage: In dem Insider-Report zitiert Schreier Quellen, dass die eigentliche „Production“-Arbeit an Anthem erst im Oktober 2017 begonnen hat. Also etwa 18 Monate vor dem Release im Februar 2019.

Daher wirke das Spiel so unrund. Es wäre nicht mehr genug Zeit gewesen, das Spiel zu testen.

BioWare gab an, dass man seit 2012 am Universum vom Anthem gearbeitet hat – laut den Berichten, die Schreier ausgewertet hat, stimmte das auch. Nur kam die ersten fünf Jahre kaum was bei rum.

Viele Überstunden, wenig Entscheidungen und keine Vision

Was lief vorher alles schief? Es werden zahllose Gründe aufgeführt, was die Probleme von BioWare in den Monaten und Jahren vor dem Release waren:

  • Das Studio sei ausgelaugt von harten Produktionen gewesen – BioWare habe schon immer so gearbeitet, dass jahrelang wenig passierte und es am Ende zu einem panischen Sprint kam. Schon bei Dragon Age: Inquisition (2014) sei der Crunch brutal gewesen.
  • Da der Titel aber so ein Erfolg war, führte das zu noch mehr Problemen: BioWare setze weiter auf harte Überstunden, weil man der „BioWare“-Magie vertraute. Die setze aber erst zum Ende ein: Das Spiel komme dann in der „Crunch-Time“ zusammen und sei fantastisch, auch wenn es vorher mies aussah
  • Viele Mitarbeiter hätten das Studio während der Entwicklung verlassen oder seien am Stress erkrankt. Sie wären dann für Monate ausgefallen
  • Im August 2014 ging der Chef, Casey Hudson, von Bord. Das ganze Team sei darauf ausgelegt gewesen, dass der die Richtung vorgibt. Er sei wie Captain Picard auf der Enterprise gewesen: Der Rest des Teams hätte seinen Anweisungen gehorcht.
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Casey Hudson, ging 2014 von Bord, kam dann 2017 wieder

Ohne Hudson wollte keiner Entscheidungen treffen

  • Es habe dann keiner Entscheidungen treffen wollen. Dies habe das Team gelähmt. Das neue Führungsteam habe uneinig gewirkt. Es seien viele ergebnislose Meetings abgehalten worden
  • die ursprüngliche Vision eines Spiels, das mehr auf „Überleben in einer fremden Welt“ ausgelegt war, wurde nach und nach verwässert
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  • Es sei letztlich keine Vision mehr für Anthem dagewesen
  • das Team wollte unbedingt was Neues und ganz anderes machen als Dragon Age. Das Team wehrte sich gegen Vorschläge einer epischen Story , weil diese „zu Dragon Age“ war. Der Dragon-Age-Autor, David Gaider, ging dann. Der wollte eine typische BioWare-Story.
  • Mass Effect: Andromeda zog zudem die Aufmerksamkeit der BioWare-Führung von Anthem für eine Weile ab – da näherte sich das Release-Datum und das Projekt war in einer Krisensituation

Stress mit EA-Chef und der Frostbite-Engine

  • EA-Chef Patrick Söderlund hätte die Weihnachtsdemo von Anthem 2016 gespielt und völlig verrissen. Das sei nicht das Spiel, das ihm versprochen worden war. Vor allem die Grafik sei enttäuschend. Söderlund hätte das Führungsteam von BioWare nach Stockholm bestellt, damit die sich Hilfe bei DICE holen
  • Es mussten neue Konzepte her – da war wohl viel Druck da und das Team arbeitete 6 Wochen an einer Privat-Demo, um Söderlund zu überzeugen. Erst hier führte man wieder das Fliegen ein und legte den Fokus vor allem darauf, dass Anthem toll aussieht.
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  • Die Frostbite-Engine sei insgesamt furchtbar und hätte ewig viel Zeit verschlungen – es war sogar ein „Strike-Team“ der Battlefield-Entwickler DICE da, um hier zu helfen
  • Außerdem hätte man bei BioWare nicht Destiny erwähnen dürfen und konnte deshalb nicht aus den Fehlern von Bungie lernen. Es wäre bei BioWare sogar Tabu gewesen, das Wort Destiny auch nur zu erwähnen.
  • Zudem gab es noch intern Probleme, weil Techniker mit Frostbite-Erfahrung von EA abgezogen wurden, um am Goldesel FIFA zu arbeiteten statt an Anthem – das frostige Edmonton als Studio-Standort habe es schwer gemacht, gute Programmierer anzuheuern

Verschieben konnte BioWare den Launch von Anthem angeblich auch nicht mehr, weil der Release unbedingt noch im Fiskaljahr von Electronic Arts liegen musste, das Ende März endete.

Laut einem Entwickler, hätte es sich so angefühlt, als sei Anthem im Prinzip erst in den letzten 6 bis 9 Monaten entstanden. Vorher sei nichts dagewesen, man konnte es nicht spielen.

Den kompletten Artikel von Kotaku mit vielen Details findet Ihr hier auf Englisch (via Kotaku).

Anthem Evil Guy with fist title

So geht es weiter: Es gibt auch einen Hoffnungsschimmer im Insider-Report. Die Leute, die jetzt an Anthem arbeiten, hätten das Gefühl, Anthem reparieren zu können.

Wenn die Spieler nur Geduld hätten, könnte Anthem dieselbe Wende hinlegen wie viele Service-Games vorher wie Diablo 3 oder Destiny.

BioWare findet Fokus des Insider-Berichts über Anthem unfair

So reagiert BioWare: BioWare hat dann doch einen Blogpost verfasst und veröffentlicht (via Blog.Bioware).

Dort heißt es, man stehe hinter jedem jetzigen und früheren Mitarbeiter, der an Anthem gearbeitet hat. Man hat sich dazu entschieden, die Story nicht zu kommentieren, weil man dort einen unfairen Fokus auf einzelne Teammitglieder und Führungskräfte sieht, die ihr Bestes gegeben hätten.

Man glaube nicht, dass solche Artikel dazu beitragen, die Gaming-Industrie und das Handwerk, Spiele zu entwickeln, zu verbessern. BioWare sieht keinen Wert darin, einander oder die Arbeit des anderen niederzureißen.

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Etwas Neues zu schaffen sei immer die härteste Aufgabe. Man höre die Kritik. Man habe die Studio-Kultur schon verbessert und viel in die Planung investiert, um den Crunch zu vermeiden.

Im Moment liege der volle Fokus des Teams auf den Spielern und darauf Anthem zu all dem zu machen, was es für die Community sein soll.

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