Einem Kritikpunkt an Anthem stimme ich überhaupt nicht zu

Die Bewertung von Anthem fällt in Tests eher dürftig aus. Das Spiel musste sich in den letzten Tagen viel Kritiken anhören. Einer Kritik stimmt unsere Leya aber nicht zu: Seelenlos ist Anthem für sie nicht.

Oft lese ich in Artikel und höre in persönlichen Gesprächen, dass Anthem zwar eine wunderschöne Welt hat, diese aber ohne Seele daher kommt. Das bezieht sich sowohl auf die Open-World-Map, als auch auf Fort Tarsis, die Heimat der Spieler, in der wir auf die Bewohner von Anthem treffen.

So heißt es etwa im Anthem-Test von PC-Gamer:

Das ist das Problem mit Anthem: Es lebt komplett vom Moment seines umwerfenden ersten Eindrucks. Als der erste Lack erst mal ab war, begann ich Anthem als eine nachgeahmte, verbuggte, und manchmal ärgerlich seelenlose Welt zu sehen, die es nicht schafft, BioWares einzigartige Erzählkunst mit einem Koop-RPG-Shooter zu vereinen.

PC Gamer, Steven Messner

Das sehe ich anders. Für mich schlägt in Anthems Kern ein großes Herz mit einer facettenreichen Seele. Diese Seele ist in den vielen, liebevollen Details zu erkennen, vor denen Anthem nur so sprudelt.

Im Hintergrund liegt der Kopf einer schlafenden Statue. Was hat sie zu bedeuten und welche Geheimnisse birgt diese Welt noch? Was sind das für seltsame, organische Pflanzen zu meinen Füßen?

Eine Welt ohne Seele?

Nach etlichen Stunden der Erkundung von Anthems Welt, kann ich mich einfach nicht an ihr satt sehen. Ja, nicht mal satt hören. Überall entdecke ich Höhlen, durch die der Wind pfeift, Wasserfälle, die mit einem gewaltigen Rauschen hinab sausen, und Ruinen, in denen Fledermäuse quieken.

Diese Welt zieht mich immer wieder in ihren Bann, so dass ich manchmal stehen bleibe, meine Mission vergesse und einfach nur das Lichtspiel von Sonnenstrahlen auf meinem Javelin beobachte.

Anthem Open World Wasserfall
Kommt ein Sturm in Anthem auf, heult der Wind passend zum Rauschen des Wasserfalls.

Es ist ein herrliches Gefühl, mit dem Javelin durch diese Welt zu fliegen und sie aufzusaugen. Ich liebe es, zwischen den zahlreichen Ruinen hindurch zu manövrieren und meine Flugkünste zu üben.

Wer sich aber mal auf den Grund begibt und mit offenen Augen durch die Welt schlendert, der wird mit spannenden Anblicken belohnt.

So begegnete ich in der Abendämmerung einem riesigen Termiten-Hügel, aus dem sich ein bedrohlicher Schwarm Insekten emporhob und mich umkreiste. Das Brummen der Tiere bereitet mir selbst etwas Unbehagen.

Anthem Termitenhügel Open World
Der dunkle Termiten-Schwarm umkreist mich und brummt laut in mein Ohr.

Solche Details hätte Anthem nicht zwingend gebraucht. BioWare hätte diesen Termiten-Hügel nicht platzieren müssen. Genauso wenig hätte ein Schmetterling in der Heimatbasis Fort Tarsis sein müssen, der mir um die Nase flattert, wenn ich die Treppe hinab steige.

Die Ruinen hätten nicht voller mysteriöser Statuen stecken müssen, die vielleicht einer vergangenen Zivilisation entspringen. Ich frage mich, was dort geschehen ist, wer da vielleicht einmal hauste?

Anthem bei Nacht in der Open World
Der Nachthimmel von Anthem ist besonders malerisch.

Das ist eine Art, eine Geschichte zu erzählen, die durch Bilder und für sich selbst spricht. Noch viel wichtiger: Sie regt meine Fantasie und meine Sinne an.

Um als Action-RPG oder auch Loot-Shooter funktionieren zu können, hätte Anthem diese Details nicht gebraucht. Trotzdem sind diese Details da und lässt die Welt atmen, was ihr eine pulsierende Seele verleiht.

Anthem Energieströme Open World
Manchmal schwebt in Anthem eine Art Energiestrom umher.

Eine Story ohne Seele?

Anthem muss sich oft die Kritik anhören, dass seine Geschichte nicht an die vordergründigen Singleplayer-RPGs wie Baldur’s Gate oder Mass Effect herankommen.

Auch bei der Story wird gesagt, dass diese keine Seele besitzt und unwürdig für BioWare sei. Die Begründung liegt oft in der Vergangenheit des Studios. Im Test der GameStar heißt es etwa:


Einfluss auf die Story können wir auch keinen nehmen. In vielen Gesprächen gibt es zwar Dialog-Optionen, die beschränken sich aber grundsätzlich auf zwei wenig aussagekräftige Antwortmöglichkeiten (zum Beispiel „Klar“ versus „Nicht wirklich“). Auf diese Weise beeinflussen wir höchstens mal das Schicksal von unwichtigen Nebencharakteren, nie aber den Verlauf der eigentlichen Geschichte. So verschenken die Entwickler das gesamte Story-Potenzial, denn wir erleben in Anthem keine denkwürdige Bioware-Geschichte, sondern einfach nur eine Reihe recht belangloser Ereignisse.

GameStar, Michael Herold

Anthem ist kein typisches BioWare-Spiel. In früheren Spielen des Studios stand die Story klar im Vordergrund. Gameplay ist hier das Mittel zum Zweck, um die Geschichte zu erzählen und voranzutreiben. Es gibt schwerwiegende Entscheidungen für den Spieler, Romanzen und einen linearen, starken Handlungsstrang.

Anthem Story Haluk Faye
Anthem besitzt viele charmante Filmszenen, die mich manches mal haben lachen lassen. Wer bereits an dieser Stelle in Anthem war, weiß was ich meine.

Bei Anthem ist es genau umgekehrt. Anthem ist ein Online-Multiplayer-Action-RPG mit starken Loot-Shooter-Elementen. Für diese Spiele ist eine Langlebigkeit entscheidend. Dafür spielen vor allem das Gameplay und die Loot-Spirale eine erhebliche Rolle. Die Story tritt hier in den Hintergrund und unterstützt das Gameplay.

Anthem ist hier eher mit Spielen zu vergleichen wie Destiny 2 oder meinetwegen auch mit dem Genre-verwandten Monster Hunter World. Genau hier siedel ich auch meinen Anspruch für die Story an.

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Anthem bietet eine tiefere Story, als ich dachte. Ich habe nie das große Epos bei Anthem erwartet und wurde trotzdem positiv überrascht. Es mag durchaus sein, dass der Kontakt zu den NPCs oft keine Auswirkung auf das große Ganze hat. Die Geschichte ist auch noch offen und hier und da etwas vage.

Aber was bin ich schon in einige Charaktere verliebt oder einfach angepisst von ihnen gewesen!

Ich möchte niemanden spoilern, deswegen gehe ich nicht ins Detail. Ich nehme bei den NPCs eher die Rolle des Zuhörers ein, ich mag es ihnen zu lauschen. Sie erzählen von Verlusten, von Ängste, von Liebe, von Krieg und sind auch manchmal zwielichtig.

Anthem Owen NPCs
In Anthem gibt es kaum einen „glatten“ Charakter. Sie sind alle etwas eigensinnig.

So gibt es einen Mann, der mir erzählte, dass er selbst eine schreckliche Tat begann, um sein Überleben zu sichern.

In die ganzen Hintergründe der Personen muss einfach eine Menge Herzblut geflossen sein. Genauso verrückt bin ich auch nach den Radiosendungen, die von den Menschen in Fort Tarsis so konsumiert werden, wie wir Netflix gucken.

Anthem-Grabbit-Klauninchen-Detektiv-Hoppel
Das berühmteste Klauninchen in Anthem löst Kriminalfälle.

Genau diese Geschichten machen die Seele von Anthems Story aus. Ziehe ich nochmal den Vergleich zu Destiny oder Monster Hunter World: Hier hat mein Held nicht mal eine Stimme. Hier gibt es auch kein tolles, gewaltiges Epos. Da hat Anthem für mich die Nase einfach vorne.

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Anthem hat noch einige Baustellen, aber nicht an seiner Seele

Es gibt viele Kritiken, denen ich absolut zustimme. Auch ich sehe großen Bedarf an Verbesserungen.

Meine beiden größten Dornen im Auge sind noch die technischen Mängel und das Loot-System, an dem gearbeitet werden muss. Das erste, große Loot-Update von Anthem ist ja schon live. Wann die technischen Probleme ausgemerzt sind, steht noch etwas in den Sternen.

Ich kann jedoch nicht unterstreichen, dass Anthem einfach nur ein Grafik-Blender ist ohne Seele ist. Dafür spüre ich die Welt zu stark atmen und gehe in den ganzen kleinen Geschichten und Details von Anthem immer wieder zu sehr auf.

Ich sehe viel Potential, diese versteckten, kleinen Details noch auszuweiten und sie noch bedeutender zu machen. Besonders cool fände ich noch mehr Verstecke, in der Open World, die einem Geheimnisse und neue Orte offenbaren.

Anthem trägt sein Herz für mich jetzt schon am rechten Fleck. Ich bin schon gespannt, was da so in Zukunft noch kommt:

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