Hebt Final Fantasy XIV mit Heavensward endgültig ab?

In knapp einem Monat, am 23. Juni 2015, wird die erste große Erweiterung zu Final Fantasy XIV für PC, MAC, PS3 und PS4 veröffentlicht. Wir hatten die Gelegenheit, mit dem Chef des MMOs, dem japanischen Mastermind Naoki Yoshida, über sein Baby zu sprechen.

Das ganze Event im Zeichen von Heavensward wurde in Frankreich abgehalten, in der Nähe von Nantes. Wir residierten dort gemeinsam mit anderen deutschen Journalisten, YouTubern, Chocobos und Mogrys. Naoki Yoshida ist Game-Director, das Gesicht von FFXIV und sowas wie eine Lichtgestalt. Wenn’s im Moment weltweit einen MMORPG-Messias gibt, dann hatten wir den in Westfrankreich für eine halbe Stunde zu einem Interview zum Gespräch.

Die lieben Kollegen: “Was soll man jetzt noch schlecht bewerten?“

Der Tag begann mit einer Präsentation der Erweiterung, in einem abgedunkelten Raum im mitteralterlichen Flair, der die düstere Atmosphäre von Heavensward gut einfangen konnte. Final Fantasy XIV wird grausamer, man besinnt sich verstärkt auf die konfliktreichen Hintergründe des Universums. Das, was wir in 60 Minuten zu sehen bekamen, war schon beeindruckend. Unmengen an Content, untermalt mit Gänsehaut erzeugenden Videos und musikalischen Einlagen von Star-Komponist Nobuo Uematsu.

Als wir mit der Präsentation fertig waren, kam Maria Beyer-Fistrich, Asia-MMO Expertin und Redakteurin bei buffed, auf mich zu und zuckte mit den Schultern: „Jetzt weiß ich wirklich nicht mehr, was gegen eine sehr hohe Wertung sprechen sollte“. Das könnte in dem Fall höher als 85% bedeuten, denn das ist die aktuelle Wertung. Ich stimmte dem stumm zu, nickte ähnlich wie mein Hyruan während einer Story-Zwischensequenz. Ihr wisst schon, so wie bei dem Haupt-Szenario, wenn es darum geht, Eorzea zu retten.

Selbst Frank Fischer, der Branchen-Guru, unter anderem bekannt für seine Wiped-Kolumne bei Gamona, zeigt sich in unseren Gesprächen später beeindruckt. Wer seine Kolumne kennt, weiß, dass man das nicht unbedingt erwarten kann. Er gilt als einer der größten Fürsprecher der Sandbox, sieht darin die Zukunft im Genre. Themepark-MMOs kommen dabei nicht gerade gut weg. Obwohl Final Fantasy XIV keine wirklichen Sandbox-Features bietet und ihn der für westliche Standards gewöhnungsbedürftige japanische Kawaii-Stil zum Verzweifeln bringt, hat er großen Respekt davor, was Square Enix in den letzten 2 Jahren und jetzt mit der Erweiterung auf die Beine gestellt hat.

Final Fantasy XIV Dunkelritter

Wir sind uns hier größtenteils einig: Auf dem Markt der MMORPGs muss man lange suchen, um ein Spiel zu finden, das in solch einem rasanten Tempo kontinuierlich weiterentwickelt wurde. Bei einem Umfang, der seinesgleichen sucht. In 21 Monaten gab es 18 größere Inhalt-Updates. Diese zeichnen sich nicht nur dadurch aus, dass mehr vom Selben kommt, sondern sie bereichern das Spiel regelmäßig auch um gänzlich neue Spielesysteme: Unterkünfte, Hochzeiten, Chocobo-Rennen, Minigames wie Triple-Triad, fliegende Mounts, Luftschiffe und vieles mehr. Heavensward setzt hier noch einen drauf.

Was uns mit Heavensward erwartet

Final Fantasy XIV - Drachen-MountIch hatte während meiner Spiel-Session die Gelegenheit, zwei neue Gebiete anzuschauen, FATEs (dynamische, öffentliche Quests) zu schließen, Luftschiffe zu craften, in Dungeons zu wipen und den verrückten Gilgamesh mit einem vollen Trupp in seine Schranken zu weisen. Aber bevor wir zu den Eindrücken kommen, möchten wir Euch erstmal die Grundlagen über das neue Add-On geben. Hier sind die Fakten, das bringt Heavensward.

Fertig mit den Fakten? Wie ihr gemerkt habt, ist die die Liste an Änderungen lang. Aber ist Quantität gleich Qualität und sind die Inhalte überhaupt rund? Wir hatten in Gruppen den ganzen Nachmittag Zeit, den Content von Heavensward anzutesten und können im Ansatz eine Prognose abgeben.

Erster Eindruck: Gut. Viel zu viel, um es in ein paar Stunden anzuschauen.

Vorneweg: Alle angespielten Inhalte machten einen guten, polierten Eindruck. Nur blieb zu wenig Zeit, um einen tieferen Einblick zu erhalten. Einige Details blieben uns verwehrt und so durfte z.B. nicht mit NPCs interagiert oder die Story gezeigt werden.

Bei den Zonen ist mir sofort positiv aufgefallen, dass sie viel größer wirken, als es noch in ARR der Fall war. Die Gebiete in Heavensward übertrumpfen die Gebiete der Vorgängerversion im Verhältnis um 50 oder gar 100 Prozent.

Final Fantasy XIV Zonen

Das klingt nach viel, sehr viel. Einen Vergleich zu finden, fällt hier schwer: Russland ist 50-Mal größer als Deutschland. Wahrscheinlich ist es aber damit begründet, dass „über den Wolken“ zahlreiche, eigenständige Plateaus schweben. In der Erdatmosphäre herrscht also keine Leere. Die Plattformen erreicht man dabei mit den Flug-Reittieren. Diese sind doppelt so schnell wie ihre Pendants auf dem Boden und lassen sich angenehm in alle Richtungen steuern. Was mir persönlich fehlt: Ein temporärer Turbo-Boost, den ich in anderen MMORPGs lieben gelernt habe.

Für mich gehört das Kampfsystem von Final Fantasy XIV noch zu den schwächsten Bereichen des Spiels, wenn man das so aussprechen kann. Hier möchte ich lobend anmerken, dass die neuen Job-Fähigkeiten auf dem Bildschirm kraftvoller rüberkommen. Sie strahlen eine Wucht aus und harmonieren auf visueller Ebene besser mit dem „Flashy-Kampfsystem“. Viele Animationen der vorigen Fähigkeiten gehen oft im Effekt-Gewitter unter, wirken fast schon langweilig. Das haben sie bei den neuen Skills besser gelöst, selbst in Instanzen mit anderen Spielern sind sie noch ein Hingucker.

Die Dungeons – wir sind ein paar der neuen gelaufen – sind abwechslungsreich gestaltet. Sie bieten wie gewohnt imposante Bosse. Das Grafik-Upgrade durch die Direct X 11 Unterstützung macht die Kulissen zudem noch einmal schöner, vor allem bei den Spiegelungen macht es sich bemerkbar. Ansonsten ist es mehr vom Selben. Freuen dürften sich viele wohl auf den neuen Raid Alexander, der 2 Wochen nach Release seine Pforten öffnet.

Von den 8 Instanzen liegen übrigens 5 auf dem Levelweg, die anderen 3 stellen Herausforderungen im Endgame dar. Der Schwerigkeitsgrad richtet sich eher an Gelegenheitspieler. Das heißt: Journalisten sind damit ein wenig überfordert. Die Gamemaster von Square Enix haben so gut wie möglich versucht, uns zu unterstützen. Außer einer, der spielte den neuen Job „Dunkelritter“ als DPS-Klasse und pullte ständig irgendwelche Monstergruppen. Zum Glück hatten wir Thomas Wallus von PlayMassive im Team, der den Astrologen spielte, einen Heiler.

Final Fantasy XIV Boss Heavensward

Der Maschinist war mein Favorit – „because he has Guns“

Apropos neue Jobs: Mir hat es insbesondere der „Maschinist“ angetan, eine Gunner-DPS-Klasse. Mit dieser Vorliebe bin ich nicht allein. Der Maschinist beanspruchte bei der Community lange Zeit den ersten Platz auf der Wunschliste. Die Fans forderten ihn wie keinen anderen Job. Beim Klassendesign des Fernkämpfers hat man sich darum bemüht, mehrere Spielstile anzusprechen.

So ist es möglich, mit der stylischen Wumme auch während einer Bewegung den Gegner in die Knie zu zwingen. Ideal für Spieler, die dynamische Kämpfe bevorzugen. Wer seine Kanone aber richtig glühen lassen möchte, ändert mit einem Skill das Gameplay. So benötigen die Angriffe zwar eine gewisse Wirkungszeit, um aufgeladen zu werden, verursachen dafür aber auch deutlich mehr Schaden.

Final Fantasy XIV Maschinist

Kleiner Nachteil: Sie müssen aus dem Stand heraus ausgeführt werden. Die Geschütztürme, die der Maschinist aufstellen kann, runden das Gameplay ab. Sie sorgen etwa in einem bestimmten Radius für AoE-Schaden oder verstärken die Skills. Am Ende wollte fast jeder Journalist einen Maschinist spielen, selbst die GMs von Square Enix. Die Erklärung dafür könnte simpler nicht sein: „…because he has Guns„. Leider kommen neue Spieler nicht so schnell in den Genuss der neuen Jobs. Der Content bis Patch 2.55 muss durchgespielt werden, um seinen Anspruch darauf geltend zu machen. Und überhaupt: Profitieren eigentlich nur die alten Spieler von der Erweiterung?

„Für Abonnenten sind die Inhalte sehr attraktiv, aber habt ihr auch an neue Spieler gedacht?“

Final Fantasy XIV - Heavensward

Naoki Yoshida ist ein sehr authentischer, freundlicher Typ. Als meine Mutter das Foto gesehen hatte, war ihr Kommentar: „Ist er in deinem Alter?“

Mit dieser Frage habe ich Naoki Yoshida nach der Probe-Runde konfrontiert. Denn wir in der Mein MMO Redaktion haben das Gefühl, dass gerade in Deutschland bei Final Fantasy XIV noch Luft nach oben ist. Es ist nicht zu leugnen, dass der Stil sehr eigen ist und das klassische Kampfsystem bei einem Cooldown von über 2 Sekunden für manchen zu altbacken daherkommt. Dennoch sind das eher Punkte, die stark von subjektiven Vorlieben abhängig sind.

„Wer noch kein Final Fantasy XIV gespielt hat, für den ist „A Realm Reborn“ der Startpunkt. Neue Spieler haben eine lange Story-Line vor sich und finden ein stark erweitertes Spiel vor, mit den ganzen Updates, die bis 2.55 Einzug erhalten haben. Sie haben zu allem Zugang.“.

Ich habe bei seinen Antworten zu diesem Thema „den“ großen Aufhänger vermisst, warum Heavensward der perfekte Einstieg für Spieler sei, die bisher noch gar nicht nach Eorza gefunden oder nur kurz in der Beta bzw. mit einer Probeversion reinschnuppert haben. Er hat ansonsten aber natürlich Recht, denn auch ARR wurde lange Zeit weiterentwickelt und bietet Neuankömmlingen ein umfangreiches MMO.

Positiv, wenngleich nichts Besonderes, ist, dass mit der neuen Erweiterung der Levelfluss angepasst wird:

„Mit dem Launch von Heavensward werden alle Belohnungen und Erfahrungspunkte für das Beenden der Story-Quests angepasst und entsprechend erhöht, sodass ihr in der Lage seid, zügiger zu den anderen Spielern aufzuschließen.“

Final Fantasy XIV Heavensward Story

Es gibt übrigens auch ein All-in-on-Bundle, in dem sowohl A Realm Rebon als auch Heavensward enthalten sind.

Es wäre sicherlich interessant gewesen, wenn die Entwickler die alten Gebiete so umgestaltet hätten, dass auch diese für die fliegende Reittiere zugänglich gewesen wären. Das stellt man, so wurde es mir gesagt, für einen späteren Zeitpunkt in Aussicht. Insgesamt zieht das Spiel erst ab Level 20 so richtig an – doch dann endet die kostenlose Proveversion abrupt. Es ist nicht unbedingt leicht zu erkennen, welch hohe Qualität sich hinter diesem Rohdiamanten versteckt. Die zum Teil fehlende Vertonung bei der Main-Storyline kann auf neue Spieler verstörend wirken, wie auch einigen Kommentaren bei uns zu entnehmen ist. Die Ankündigung einer kompletten Vertonung des Haupt-Szenarios wäre auch ein Argument gewesen.

Fazit: Insbesondere für aktive oder auch ehemalige Spieler führt eigentlich kein Weg daran vorbei, Heavensward als Pflichtkauf zu bezeichnen. Die Kritikpunkte zum Release wurden konsequent ausgemerzt: Über zu wenig Abwechslung im Endgame und zu kleinen Zonen kann man wohl kaum mehr klagen.

Aber auch neue Spieler sollten einen Blick wagen, sofern sie mit dem asiatischen Stil sympathisieren. Zugegeben, Final Fantasy XIV ist und bleibt ein sehr spezielles Game, das nicht jeden Gusto trifft. Man sollte auch keine Behrührungsängste mit einem klassischen Kampfsystem à la World of Warcraft haben oder sich Sandbox-Inhalte versprechen. Wer damit und mit dem Abo-Modell kein Problem hat: Es hat sich in den letzten 18 Monaten eine Menge getan in der Welt von Final Fantasy Online. Es ist noch besser geworden. Fans von Themepark-MMOs sollten sich eine Probe-Runde nicht entgehen lassen.

Final Fantasy XIV Heavensward Drache


Wir halten Euch auch in den nächsten Tagen auf dem Laufenden: Mit weiteren Ausschnitten aus dem Interview und Infos zur Zukunft von FFXIV.

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