Der Aufstieg von Fortnite und der Fall von Destiny 2

MMOs und Games-as-a-service sind was Feines, sagt unser Autor Schuhmann. Aber es gibt nun viel mehr Verlierer unter den Games als früher: Destiny 2 gehört neuerdings dazu. Ironisch, 2014 hat man die Ideen eingeführt, die jetzt Fortnite zum Höhenflug verhelfen.

So war es noch 2014: Als im September 2014 Destiny erschien, beherrschte das Spiel einen Monat lang die Schlagzeilen. Es gab zu der Zeit eigentlich kaum was anderes, über das die Gamer sprachen, zumindest im Mainstream.

Dieses neue Ding von Activision – es war überall. Ob man es nun mochte oder nicht: Das Rampenlicht der Medienwelt gebührte Destiny.

Destiny-Xur_Sunbreakers

Xur, im Oktober 2014

Das Besondere an Destiny 2014: Der „Kalender“

Deshalb war Destiny 2014 ein Vorreiter: Ja, natürlich das Gunplay war fantastisch, die Grafik super und Bungie hatte einen Riesen-Namen unter Gamern. Der Erfolg lag aber eigentlich an etwas anderem: dem „Kalender“, den Bungie plötzlich einführte.

Mit einem mysteriösen Händler wie Xur und regelmäßig wechselnden Aktivitäten brachte Destiny 2014 etwas Neues für viele Spieler auf PS4 und Xbox One: Ein Spiel, das sich von Tag zu Tag, von Woche zu Woche veränderte und frisch blieb.

destiny-atheon-gläserne-kammerDestiny – das 1. „Lifestyle“-Game im Mainstream

Das machte Destiny damals anders: Destiny hatte sich von MMORPGs wie World of Warcraft einige Ideen abgeschaut:

  • wöchentliche und tägliche Resets
  • Händler mit wechselndem Inventar
  • Events
  • Lockouts für Raids und besondere Strikes
  • Bonus-Veranstaltungen, die nur zu besonderen Zeiten da waren wie das Eisenbanner oder später die „Prüfungen von Osiris“

So schuf man einen „Kalender“ für die Spieler, einen Zeitplan, dem sie folgten konnten.

Der Hüter wussten dann: „Dienstag mach ich den Nightfall, am Freitag kommt Xur, am Wochenende gehe ich in den Raid oder in die Trials – und einmal im Monat ist Eisenbanner.“

Destiny - Chillen auf dem Mond

Die große Sache von Destiny war: Das war neu für Spieler damals. Später sagten Journalisten: Destiny wäre zum „Lifestyle-Game“ geworden. Zu einem Spiel, das zum Alltag der Spieler gehört.

Zwar gab es vorher so Spiele auch schon: MMORPGs á la World of Warcraft oder Everquest. Die waren aber eher nischig und nur für den PC. Destiny brachte diese Lifestyle-Games dem „Main-Stream“ auf den Konsolen.

Das Motto: Geben wir den Leuten täglich oder wöchentlich einen Grund, wieder ins Spiel zu schauen.

Destiny-Klassenruestung-Eisenbanner

Eisenbanner Rüstungen, Oktober 2014

Hat das geklappt? Das Konzept hat für Destiny immer wieder auf kurze Zeit wunderbar funktionierte. Für die ersten Monate 2014, dann wieder gelegentlich 2015 zu neuen Erweiterung und den DLCs. Dauerhaft hat der Plan aber nicht geklappt. Immer wieder liefen diese Systeme leer:

  • Irgendwann hatte Xur keine neuen Items mehr, die Spieler wollten.
  • Irgendwann spielten nur noch Profis die Trials und alle anderen hielten sich fern.
  • Irgendwann waren alle auf dem höchsten Power-Level und es gab keinen Anreiz mehr, in die Dämmerung, den Raid oder ins Eisenbanner zu gehen

Eigentlich war geplant, dass alle vier Monate neue, substantielle Inhalte zu Destiny kommen würden, um die Systeme neu zu befüttern und die Räder im Hintergrund zu schmieren.

Doch dieser Zeitplan brach schon in Jahr 2 völlig zusammen.

Mehr zum Thema
Destiny 2 und der größenwahnsinnige Masterplan von Activision

Destiny 2 – das große Straucheln

Das lief schief: Durch lange Content-Pausen gab es immer Zeiten, in denen es keine Gründe gab, sich in Destiny einzuloggen:

  • 2016 blieb der Content-Plan fast völlig leer
  • 2017 enttäuschte Destiny 2 viele Core-Fans und hat Vertrauen zerstört
  • 2018 war im ersten Halbjahr eigentlich nur „Schadensbegrenzung“ angesagt, während Destiny die Spieler weg rannten
  • erst mit dem September 2018 kam mit der neuen Erweiterung Forsaken die Wende
Mehr zum Thema
Destiny: Die großen Youtuber und Fanseiten stöhnen „Es gibt nichts zu berichten“

Das waren die Folgen der Fehler: Die lebendige Community-Szene mit populären Streamern und Fanseiten wurde bis Forsaken schon nachhaltig geschädigt – manche verlor man sogar unwiederbringlich. Destiny war über weite Strecken für viele kein Thema mehr. Es war einfach weg.

Hinzu machte sich Destiny einen negativen Ruf, indem man immer wieder „bessere Zeiten“ versprach, diese Versprechen aber lange nicht einlösen konnte. Zudem wurden Spieler sauer, weil sie immer wieder für DLCs, neue Erweiterungen oder gar ein neues Spiel zur Kasse gebeten wurden.

In der Zeit hat Destiny seinen Vorsprung völlig verspielt und neue Spiele kamen hoch.

Quad-Ramme-Fortnite

Das Besondere an Fortnite 2018: Der „Kalender“

Der neue Hit: Fortnite Battle Royale erschien im September 2017, startete seinen Höhenflug im Januar 2018 und hat jetzt im November einen weiteren Höhepunkt mit 8,3 Millionen gleichzeitigen Spielern erreicht.

Dabei hilft Fortnite, dass sie Ideen von Destiny aus 2014 kopiert haben. Auch sie setzen auf einen „Kalender“, der Spieler dazu lockt, jeden Tag Fortnite zu spielen.

Jede Woche erzeugt Fortnite mit Patches, Balance-Änderungen und Herausforderungen Schlagzeilen. Im Cash-Shop wechselt täglich das Angebot – ständig kommen neue Skins hinzu.

Mehr zum Thema
Wow, Fortnite ist mit Zombies ein ganz anderes Spiel

Auch wenn Fortnite nur eine Map bietet, sorgen stetige Änderungen, Events, neue Items und spezielle Modi doch für eine Varianz in der Spielerfahrung.

Hinzu trägt eine lebendige Streamer-Szene dazu bei, Fortnite ständig in den Schlagzeilen zu halten.

Noch mehr Lifestyle, noch mehr Mainstream: Auch Fortnite ist ein Lifestyle-Game. Nur hat man den Gedanken von Destiny bereits viel weiter getrieben. Fortnite ist kostenlos, zielt auf Jugendliche und Kinder ab – und es ist auf so gut wie allen Plattformen mittlerweile.

Mehr zum Thema
Wir haben Google gefragt: Warum ist Fortnite: Battle Royale ein Hit?

Mehr Mainstream als Fortnite geht nicht.

Destiny war das Vorbild für Fortnite und ihre Systeme

Das hat Fortnite mit Destiny zu tun: Als Epic das Spiel Fortnite – damals noch den PvE-Teil – Journalisten vorstellte, nannten die Entwickler ausgerechnet Destiny als Vorbild.

Um ein „robustes, lebendiges Spiel“ zu sein, hatte man sich diese Systeme einverleibt. Schon damals sagte der Epic Kreativ-Chef, Donald Mustard, der Seite Polygon:

„Wenn du dir Destiny anschaust. Es ist kein Free2Play-Spiel, aber es ist wie eins designed. Diese Robustheit der Events und wie es ein lebendiges Produkt ist, das sich ständig entwickelt. Es gibt diesen Rhythmus, diesen Takt, der viel lebendiger ist als bei Spieler, die traditionell erweitert werden. Unsere Systeme sind noch robuster als ihre.“

Das ist etwa anderthalb Jahre her. Seitdem ist viel passiert.

Fortnite Ninja Cash Money title

Star-Streamer Ninja wird mit dem Aufstieg von Fortnite verbunden

Fortnite ganz oben – Destiny nicht

Das ist das Ergebnis:

  • Fortnite hat der Ansatz 2018 zu neuen Höhen geführt.
  • Bei Destiny hingegen gab es für Activision ein rüdes Erwachen. Das durchwachsene Destiny 2 hat viel Vertrauen zerstört. Destiny 2 ist unter den hohen Erwartungen von Activision geblieben. Und wurde in einem Earning Call als Problemkind herausgestellt.

Destiny 2 Forsaken Cayde Guardian

Die zwei großen Probleme von Destiny 2

Das ist das Problem von Destiny: Die Auferstehung mit Forsaken ist Destiny 2 zwar gelungen – aber das bekommen heute viel weniger Spieler mit, als es 2014 noch der Fall gewesen wäre.

  • Zum einen haben sich viele Spieler ihr Bild von Destiny schon geformt und sind nicht mehr bereit, es zu überdenken. Sie haben das Gefühl zwischen 2016 und 2018 schon zu oft enttäuscht worden zu sein. Außerdem wollen sie nicht wieder viel Geld für einen weiteren Destiny-Artikel zahlen.
  • Zum anderen gibt es heute viel mehr Konkurrenz im Gaming als 2014

cod blops 4 ajax

Mehr Konkurrenz im Schaufenster

Das hat sich 2018 noch verändert: 2018 sieht die Welt der Gamer anders aus. Denn Spiele gehen nicht mehr weg. Die Games-as-a-service-Spiele setzen darauf, über Jahre weiterentwickelt zu werden. Und die neuen Spiele sind ständig präsent.

Gehörte Destiny 2014 das Rampenlicht noch alleine, ist 2018 die Gaming-Welt plötzlich voll von „neuen Spielen“, die Aufmerksamkeit für sich beanspruchen:

  • Es gibt die alten Platzhirsche, die weiter oben schwimmen oder ein Comeback planen – wie Fortnite, LoL, WoW, GTA Online und die anderen Service-Spiele. Diese Spieler binden ihre Fans und setzen stetig Highlights
  • Es gibt die regelmäßigen Franchises, die jedes Jahr ihre Spieler abholen: wie FIFA, Call of Duty, Battlefield oder bald The Division 2. Schon für die ist es schwierig geworden, jedes Jahr die Aufmerksamkeit zu holen, wie in den Jahren zuvor
  • Und es gibt die neuen Franchises und Spiele, die nach vorne drängen – wie jetzt Red Dead Redemption 2 oder bald Anthem.
    Battlefield-V-Trailer-titel

    Ist da noch Platz für Battlefield 5?

Heute gehen Spiele nicht mehr weg

Das sind die Ziele der Publisher: Wer als Publisher oder Studio noch kein dickes „Games-as-a-service“-Spiel hat, der plant eins: Wie BioWare mit Anthem oder Gearbox mit Borderlands 3.

Und wer schon eins hat, der will weitere platzieren: Wie Blizzard es mit Overwatch gelungen ist oder wie es Rockstar mit Red Dead Online vorhat.

Was verbindet diese unterschiedliche Spiele? Auch wenn all diese Spiele unterschiedlich aussehen und andere Zielgruppe im Auge haben, sind sie doch alle eins: Games-as-a-service-Spiele, die einfach nicht mehr weggehen wollen.red-dead-redemption-2-this-is-my-city-title

Das Highlander-Problem: Für viele Spieler ist klar, eins dieser „Lifestyle“-Games reicht ihnen. Daneben ist kaum Platz für ein zweites Spiel.

Vor allem da andere Entspannungs-Alternativen wie Netflix riesige Zeitfresser sind, die mit „Lifestyle“-Spielen um die Zeit der Zocker konkurrieren.

Deine Riesen-Marke gegen meine Riesen-Marke

Diese Auswirkungen hat es: In einem Geschäftsbericht von Activision ist zu lesen, dass es für die Publisher ein Kampf der Marken wird. Die stärksten Marken von Activision wie Destiny, Call of Duty, Overwatch oder WoW treten gegen die stärksten Marken der anderen Publisher an, um sich auf dem Markt durchzusetzen. Gegen Marken von Ubisoft, EA oder den anderen Riesen.

Daher werden Spiele jetzt häufiger „mehr als nur Spiele sein“: Mit Kinofilmen, TV-Serien, Spielzeugen, Ablegern, Event-Turnieren und allem möglichen.Destiny 2 Edge Transit Zavala Titel4

Doch der Gaming-Markt wird immer enger. Denn die „alten“ Spiele gehen nicht mehr weg – wie früher. Und Destiny hat den Fehler gemacht, einige Jahre wegzugehen.

Das führt dazu, dass:

  • Fortnite, ein Spiel aus 2017, im November 2018 noch riesig ist und das Rampenlicht für sich beansprucht.
  • Activision und Destiny 2 Schwierigkeiten haben, klar zu machen, das Destiny 2 in 2018 immer noch lohnt.
  • viele „neue Marken“ wie Paragon, Gigantic oder Battleborn direkt eingehen
  • Die alten Marken um ihre Spieler kämpfen müssen. Denn die Bindungskraft der „erfolgreichen Spiele“ ist hoch.

Heute heißt „ein neuer Destiny-Teil“ nicht mehr automatisch, dass es die volle Aufmerksamkeit der Medien und Spieler hat. Heute muss sich Destiny das Rampenlicht teilen.

Das bewirkt, dass eine spielerische Verbesserung mit Forsaken nicht immer dazu führt, dass alle Spieler zurückkommen.

Destiny 2 Thumbs up

Destiny 2 darf nicht mehr 2 Jahre einfach „weg sein“

Das ist für Destiny wichtig: Für Destiny wird es jetzt entscheidend sein, wie die nächsten Content-Updates und Monate laufen. Denn heute ist die Konkurrenz viel schärfer als 2014. Wer nicht regelmäßig liefert und sich lange Pause gönnt, der könnte in der „Neuen Welt der Videospiele“ nicht nur kurzzeitig schlecht dastehen – so wie jetzt.

Der Vorsprung, den Destiny einst hatte, ist lange verspielt. 2018 machen andere Spiele dasselbe wie Destiny 2014 und sie machen es genauso gut oder besser.

Content-Pausen und Fehltritte kann sich Destiny heute nicht mehr leisten. Für Destiny wird es enorm wichtig sein, dass die nächsten DLCs liefern und das Spiel lebendig und in den Schlagzeilen halten. Destiny 2 darf nicht mehr weggehen, so wie Destiny 1 zwei Jahre lang verschwand.

Fortnite-Zombie

Fortnite muss anders und lebendig bleiben

Das ist für Fortnite wichtig: Aber auch für Fortnite heißt der aktuelle Höhenrausch nicht, dass der immer so weiter gehen wird. Es gab schon Anzeichen, dass der Höhepunkt erreicht ist. Bei Fortnite zeigen die Spieler Ermüdungs-Erscheinungen. Hier darf Epic nicht den Fehler machen, zu lange stillzustehen.

Das Würfel-Event zog sich lange – zu lange für viele. Die ewigen Map-Änderungen sind nett, aber erschöpfen sich langsam. Eine weitere Map würde neues Leben ins Spiel bringen.

Fortnite muss das Kunststück schaffen, Spieler weiter zu überraschen und die Gefahr vermeiden, dass sich die Systeme irgendwann leer laufen.

Eine besondere Herausforderung für ein Spiel an der Spitze besteht darin, sich ständig weiter selbst zu übertreffen. Eine Herausforderung, an der Destiny wohl gescheitert ist – zumindest vorerst. Aber vielleicht kommt ja noch das Comeback.

Zuletzt ging es mit Destiny 2 ja wieder aufwärts. Wie ihnen das gelungen ist, haben wir in diesem Artikel beschrieben:

Mehr zum Thema
Deshalb fühlte sich Destiny 2 den ganzen September über so gut an
Autor(in)
Deine Meinung?
Level Up (58) Kommentieren (150)
Passwort vergessen

Bitte gib Deinen Benutzernamen oder Deine Email-Adresse ein. Du erhälst einen Link, um ein neues Passwort per Email zu erstellen.