Warum Fallout 76 für Single-Player-Fans nicht funktioniert

Als großer Fallout-Fan fieberte MeinMMO-Autor Andreas Bertits dem Release von Fallout 76 entgegen. Was er nach den ersten Tagen davon hält, teilt er euch mit.

Kann sich Fallout 76 nach den vollmundigen Versprechungen von Bethesda wirklich mit in die Endzeit-RPG-Serie einreihen? Nach der heftigen Kritik zum Release scheint es schwierig zu werden.

Ein Fan wartet auf „Fallout Online“

Ein Fan der ersten Stunde: Ich bin 1997 in die Fallout-Reihe eingestiegen, verfolgte die Entwicklung des Spiels aber schon vorher, als noch geplant war, es als Computerspiel zum Pen&Paper-RPG G.U.R.P.S. zu veröffentlichen.

Fallout 1

Schon damals faszinierte mich die Spielwelt, die durch den schwarzen Humor und das von den 1950er-Jahren angehauchte Endzeit-Setting frischen Wind ins Rollenspiel-Genre brachte. Entsprechend liebte ich Teil 2, der nur ein Jahr später, 1998, erschien. Mit Fallout Tactics konnte ich dagegen weniger anfangen.

Als Bethesda 2007 Fallout 3 zeigte und auf eine Egosicht setzte, war ich skeptisch. Könnte das funktionieren? Ohne Rundenkämpfe? Und wie es funktionierte! Entsprechend konnte ich den Release von Fallout: New Vegas und Fallout 4 kaum erwarten.

New Vegas stellt für mich bis heute das Highlight der Reihe dar. Wer ist mein Freund, wer hintergeht mich? Ein wichtiger Grund dafür, dass Fallout: New Vegas mein Liebling der Serie ist, sind die interessanten NPCs, welcher der Welt Leben einhauchen und die man aufgrund ihrer abwechslungsreichen Persönlichkeiten gerne kennenlernen möchte. Und genau das ist ein Punkt, weswegen meine aktuelle Meinung zu Fallout 76 so ausfällt, wie ich sie gleich beschreibe.

Fallout New Vegas

Fallout als Onlinespiel? Endlich! Zunächst mal muss ich sagen, dass ich schon sehr lange über ein „Fallout Online“ nachgedacht habe.

  • Wie wäre es, gemeinsam mit Freunden das Ödland zu erkunden?
  • Wie kann ein „Fallout Online“ aussehen?
  • Ergibt ein klassisches MMORPG in diesem Szenario Sinn?

Mir war von Anfang an klar, dass ein „Fallout Online“ anders sein müsste als das, was man von klassischen MMORPGs kennt. Tausende von Spielern, die in einer eigentlich kaum noch vorhandenen Zivilisation agieren? Das konnte ich mir nicht vorstellen. Für mich sollte dieses Gefühl vorhanden sein, dass die Welt erst wieder aufgebaut werden musste, es wenige Menschen gab und überall Gefahren lauerten. Zudem dachte ich mir, dass sich Bethesda nie selbst Konkurrenz zu The Elder Scrolls Online machen würde.

Ich habe schon vor einiger Zeit mal einen Artikel darüber geschrieben, wie ich mir ein „Fallout Online“ vorstellte. Entsprechend war ich sehr gespannt darauf, was Bethesda letzen Endes aus dem Projekt machen würde.

Fallout-76-Feuer

Mehr zum Thema
Alles, was Ihr zu Story und Gameplay in Fallout 76 wissen müsst

Eine Betrachtungsweise aus zwei Blickwinkeln

Funktioniert Fallout 76 für mich aus Sicht der Single-Player-Reihe? Als Bethesda Fallout 76 ankündigte und erklärte, dass das Onlinespiel trotz fehlender NPCs auch Fans der Einzelspieler-Titel Spaß machen sollte, hörte ich schon die Alarmglocken in meinem Kopf schrillen. Einer der wichtigsten und coolsten Aspekte des Spiels sollte weggelassen werden? Ich war skeptisch.

Nun spiele ich Fallout 76 seit Release am 13. November und habe mir den Titel auch aus genau diesem Blickwinkel angeschaut. Die Prämisse, dass alle NPCs tot sind, ist grundsätzlich interessant. Nur funktioniert sie – für mich – auf Dauer nicht.

  • Ich soll den Fraktionen beitreten und deren Aufnahmeprüfungen erledigen, obwohl es gar niemanden mehr gibt, der diesen Fraktionen angehört?
  • Ich begebe mich ständig auf die Suche nach neuen Tonbändern, was sich wie typische Suche-Quests anfühlt
  • Ich werde losgeschickt, um NPCs zu finden, von denen ich schon im Vorfeld weiß, dass sie tot sind
  • Die Welt wirkt schrecklich leer ohne NPCs
  • Die Suche nach der Aufseherin wirkt so, als hätte ich eine Karotte vor der Nase. Ich werde weitergeleitet, darf aber nie zubeißen

fallout 76 screen 11

Das Fehlen von NPCs würde meiner Meinung nach für eine Stadt sehr gut funktionieren. Warum sind alle Bewohner der Stadt tot? Diesem Geheimnis dann mit Tonbändern auf die Spur zu kommen, wäre spannend. Diese Art von Story und Erzählstruktur kann aber kein ganzes Spiel tragen. Zumindest nicht für mich.

Zu repetitiv wirkt mit der Zeit, das nächste Tonband anhören zu müssen. Zu offensichtlich ist der Ausgang der meisten Quests. Zu sinnlos wirken viele Aufgaben, wie etwa Fraktionen beizutreten, die es eigentlich gar nicht mehr gibt. Ständige frage ich mich, warum ich das alles überhaupt mache? Das Gefühl, etwas erreicht zu haben, NPCs geholfen zu haben, fehlt komplett.

Fallout 76 Tagebuch

Die Story-Notizen sind nach einiger Zeit repetitiv und ermüden zusehends.

Nun mag man sagen, dass es doch einige NPCs in Form von Robotern gibt. Diese beten aber nur ihren Text runter und ich kann sie nichts fragen. Ich kann nicht entscheiden, was ich sagen möchte. Damit verliert Fallout 76 gegenüber den Vorgängern für mich einen enorm wichtigen Punkt, der die Spiele so interessant und spannend gemacht hat: NPCs kennenlernen und Dialoge führen.

Es mag nicht jeden stören, dass es keine NPCs gibt. Manche finden es sicher gut, was ja völlig in Ordnung ist. Geschmäcker sind eben verschieden. Für mich aber ist dies ein extrem großer Minuspunkt, der verdeutlicht, warum viele Fans der Single-Player-Spiele eben doch nicht so viel Spaß mit Fallout haben und nun frustriert sind und warum ich aufgehört habe, der Story zu folgen.

Funktioniert Fallout 76 für mich aus der Sicht eines Onlinespielers? Fallout 76 ist ein Onlinespiel. Das merkt man an allen Ecken und Enden. Die Events in der Gruppe zu erledigen macht unheimlich viel Spaß. Gemeinsam vorzugehen, zu taktieren und vielleicht dann sogar einen Spieler mit einzubeziehen, der nicht zur Gruppe gehört, ist ein großer Multiplayerspaß.

Selbst, einfach mit anderen loszuziehen und vielleicht irgendwo eine alte Hütte zu finden, wo ein Kampf wartet, ist spaßig. Fallout 76 lebt von diesen Situationen. Selbst der Basenbau gemeinsam mit Freunden – so sehr Bethesda hier noch nachbessern muss – ist lustig. Genau, wie Atombomben zu zünden und dann im verseuchten Gebiet nach coolen Items zu suchen. Hier glänzt Fallout 76 und zeigt, dass die Reihe eben auch als Onlinespiel funktioniert.

Nur wirkt der gesamte „Single-Player-Ansatz“ mit den Tonbändern, den toten NPCs, der Story und den Quests völlig aufgesetzt. So, als wäre es eigentlich gar nicht geplant gewesen und die Entwickler hätten sich aus Angst vor dem Zorn der Single-Player-Fans kurzfristig noch entschieden, etwas für diese Gruppe einzubauen. Für mich funktioniert das aber nicht. Es reißt mich aus dem Onlinespiel raus und offenbart eine Seite an Fallout 76, die nicht passt.

Mehr zum Thema
Bespuckt mich ruhig, aber ich finde Fallout 76 cool

fallout-76-brotherhood-of-steel

Meinung zu Fallout 76

Wie finde ich denn Fallout 76 jetzt? Meiner Meinung nach hat Bethesda einen großen Fehler begangen: Man hätte Fallout 76 nicht auch als Spiel für Single-Player-Fans vermarkten sollen, denn das ist es nicht. Das stellt sich schon recht früh heraus. Spätestens nach dem zehnten Tonband, das man anhört, wieder einem Computer, den man abgrast und der x-ten Leiche, die man suchen muss, merkt man, dass gerade der Story-Aspekt des Spiels repetitiv wird. Die Missionen und die Geschichte kommen einfach nicht an die der Einzelspieler-Fallouts heran.

Manche Onlinespiele-Fans mögen die Quests und die Story als guten Zusatz sehen, mir ist beim Spielen aber oft aufgefallen, dass viele Spieler egal welcher Stufe nur wenige Sekunden an einem Computerterminal im Spiel verweilten. Diese Zeit reicht niemals aus, um alle Einträge zu lesen und der Story richtig zu folgen. Das erweckt den Eindruck, als sind ganz einfach viele Spieler gar nicht an diesem Aspekt von Fallout 76 interessiert.

Als Onlinespiel, in dem man gemeinsam mit Freunden Events erledigt, die Welt erkundet, eine Basis baut und vielleicht Rollenspiel betreibt, funktioniert Fallout 76 aber richtig gut. Ist es perfekt? Nein. Vor allem nicht aus technischer Sicht. Aber es macht als „Fallout Online“ durchaus Spaß. Nur Single-Player-Fans finden hier meiner Meinung nach nicht das, was sie suchen. Und hier hätte Bethesda einfach in Sachen Marketing eindeutiger sein müssen.

Autor(in)
Deine Meinung?
Level Up (15) Kommentieren (60)
Mein-MMO.de hat jetzt einen eigenen Discord-Server für die Community:

Jetzt zum Discord von Mein-MMO.de

Passwort vergessen

Bitte gib Deinen Benutzernamen oder Deine Email-Adresse ein. Du erhälst einen Link, um ein neues Passwort per Email zu erstellen.