Luke Smith – Wie der Retter von Destiny zum Schurken in Destiny 2 wurde

Was macht eigentlich den Reiz von Destiny aus? Unser Autor Schuhmann sagt: Das liegt irgendwie an Luke Smith und einer außergewöhnlichen Biographie. Aber so recht dankt es dem ehemaligen WoW-Junkie kaum ein Fan – eher im Gegenteil: Smith ist für viele der Sündenbock für Destiny 2.

Was ist das Geheimnis von Destiny? Ich hatte immer den Eindruck, dass Luke Smith besser als jeder andere versteht, was die Spieler von Destiny eigentlich wollen: Sie wollen die Spielmechaniken und das Drumherum von World of Warcraft mit dem Shooter-Gameplay und der tollen, saftigen Hülle von Halo. Also praktisch eine seelenverwandte Frau mit tollen inneren Werten im Körper eines Super-Models.

Luke Smith brachte seine Vision, was Destiny ist, mal auf den Punkt: „Destiny ist es, Aliens ins Gesicht zu schießen, während man mit seinen Freunden über die Oscars redet.“ Kurz: Soziale Bindung trifft Gameplay.

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Aber es ist noch ein bisschen mehr an einem funktionierenden Destiny dran:

  • Ein tolles Universum, das so viele Möglichkeiten bietet
  • ein tiefes Anpassen des eigenen Charakters, bis er haargenau so funktioniert, wie er funktionieren soll
  • und ein stetiger Fortschritt, ein Streben nach etwas – eigentlich egal, nach was genau.

All diese Eigenschaften und das Verständnis darum schienen lange die Arbeit von Luke Smith auszuzeichnen. Aber warum findet sich dann so wenig davon in Destiny 2 wieder? Immerhin war Smith dort Game-Director, also eigentlich der Regisseur und Hauptverantwortliche. Und warum soll bei einem Spiel, an dem 700 Leute mitarbeiten, ein einzelner so wichtig sein?

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Ein Nerd spielt bei den coolen Jungs mit

Wie kommt ein WoW-Fan zum Halo-Studio? Für viele wirkt Destiny ja wie am Reißbrett zusammengebastelt. Destiny erscheint als eine „durchkommerzialisierte Marke.“ Erschaffen und ausgeknobelt, um damit Geld zu drucken. Aber im Endeffekt musste ein WoW-Fan zum Halo-Studio Bungie finden, damit es etwas werden konnte.

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Wer ist Luke Smith? Luke Smith hat in Interviews seine Lebensgeschichte erzählt (via gq). Er war nicht gerade das, was man einen Erfolgsmenschen nennt. Nach der Schule und dem Studium, so 2004, hatte er einen Abschluss in Englisch, ein bisschen Film und Psychologie studiert – und er liebte Videospiele. Was sollte daraus nur werden?

Smith ließ sich für einen Artikel mit einem Elektroshocker tasern

Am Rande der Armutsgrenze: Damals schrieb Smith für eine Lokalzeitung und war am Rand der Armutsgrenze. Er ließ sich für ein Interview mit einem Taser schocken, um dann über seine Erfahrung zu schreiben, wie sich das so anfühlt. Noch heute höre er das „Click-Click-Click“ des Tasers, erzählt er. Die Erfahrung, getasered zu werden, bezeichnet er als „abschreckend.“

Traum „Bungie“: In einem Interview erzählt Smith, dass er damals die Special-Edition-DVD von Halo 2 gesehen habe und total beeindruckt davon war, wie cool die Jungs bei Bungie drauf waren. Das sei eine zynische Gruppe von Spielern, die sagten: „Wenn uns was nicht in den ersten 10 Minuten gefällt, machen wir’s einfach aus.“ Smith dachte damals, es gebe keine Chance für ihn, jemals bei einer solchen Firma zu arbeiten.

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Zeit bei Kotaku war auch Zeit der maximalen WoW-Sucht

Hauptberuflich „WoW-Spieler“: Später schrieb Smith einige Monate für die Online-Gaming-Seite Kotaku (via YouTube), wo er sich mit den Artikeln ein Leben finanzierte, bei dem er größtenteils World of Warcraft spielte. Smith bezeichnet die Zeit damals, als „8 oder 9 Monate mit robustem Warcraft-Spielen und Schreiben.“ So wie viele damals, als das MMORPG herauskam, drehte sich das Leben von Smith um WoW. Nebenbei schrieb er für Kotaku:

„Ich wachte um 9 Uhr auf, schrieb alle Geschichten für den Morgen in den ersten zwei Stunden, programmierte die Artikel, legte mich wieder hin, wachte um 15 Uhr wieder auf, stellte sicher, dass nichts total am Arsch war, dann holte ich mir was von Taco Bell,  loggte mich in World of Warcraft ein und spielte bis 3 oder 4 Uhr nachts. Das war’s eigentlich.“

Warcraft-Film-Trailer

Einer der Top-Gaming-Journalisten der Welt: Aber Smith machte seine Sache gut und erhielt weitere Chancen im Gaming-Journalismus bei der neuen Seite „1Up“. Schon 2006 galt er als einer der 50 Top-Gaming-Journalisten der Welt. Während seiner Zeit bei 1Up coverte er vor allem Halo. Aber Smith wechselte nach einem Angebot von Bungie die Seiten und landete jetzt bei der Firma, die Halo entwickelte und die er früher so cool fand, als er sich noch tasern ließ.

Nach oben gearbeitet: Die Erfahrung als WoW-Junkie gereichte ihm 10 Jahre später zum Vorteil, als er zum Raid-Designer von Destiny befördert wurde und später sogar zum Game-Director. Eigentlich hatte er bei Bungie nach einem Auf und Ab als Gaming-Journalist nur angefangen, um fürs Internet ein paar Witze zu schreiben, wie er sagt. Aber nach und nach hatte sich Smith auf der Karriereleiter nach oben gearbeitet und war Game Designer geworden.

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Erste Erfolge mit dem Raid, Durch mit The Taken King

Gläserne Kammer designt: Bei Destiny hatte es Smith schon zu einem wichtigen Team-Mitglied gebracht und war für den Raid „Die Gläserne Kammer“ verantwortlich. Das war damals eine Art Geheimmission. Auch viele Entwickler bei Bungie wussten lange nicht, was das Raid-Team dort treibt. Nachdem das gut lief und „Die Gläserne Kammer“ zu einem Hit in Vanilla-Destiny geworden war, beförderte man Smith letztlich zum „Creative Director“ von Destiny „The Taken King.“ Er war nun der starke Mann von Destiny.

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WoW in „The Taken King“ spürbar: Der Einfluss von World of Warcraft auf Destiny ist in „König der Besessenen“ spürbar: Tricks wie Time-Gates, das Hinauszögern von Missionen, und die Lust auf Loot merkte man in der Erweiterung wie nie zuvor. Destiny führte sogar Quests ein. Das Spiel schien nach einem schwierigen ersten Jahr nun seine Bestimmung gefunden zu haben. Es erhielt sogar eine zusammenhängende, vernünftige Story.

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Ein bisschen mit dem Charakter spielen: Smith ist selbst ein begeisterter „Min-Maxer“, der sich um jedes Fitzelchen mehr Power bei seinen Destiny-Hütern bemüht. Auch das war am stärksten ausgeprägt, als Smith die Leitung über The Taken King übernahm.

Retter von Destiny – zumindest für die Höhepunkte verantwortlich

Wichtige Rolle bei Destiny: Der YouTuber Datto hatte vorm Launch den Plan gefasst, Destiny so zu covern wie WoW. Mit seiner MMORPG-Erfahrung würde er den unbeleckten Shooter-Spielern auf PS4 und Xbox One die MMO-Mechaniken erklären.

Als Destiny dann startete, gab es aber fast nichts zu erklären oder „Mysteriöses.“ Destiny galt als ein plattes Spiel mit guten Schauwerten, aber ohne viel dran. Erst als der Raid „Die Gläserne Kammer“ mit seinen Geheimnissen und Mechaniken öffnete und sich Spieler damit richtig beschäftigten, gab es etwas für den „Destiny-Erklärer“ zu tun.

Die Hochzeit der Destiny-YouTuber begann dann mit „König der Besessenen“ – da war das Spiel tief und es gab eine Menge zu tun und zu wissen:

  • Der Raid und die Gläserne Kammer gelten bei Fans als die beiden große Höhepunkte von Destiny 1. Für beide war Luke Smith maßgeblich verantwortlich.

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Die Sache mit dem Geld und dem Monitor

Geld gegen Monitor werfen: Die große Ironie der Geschichte ist, dass Smith aber für viele der Schurke von „The Taken King“ geworden ist. Denn Smith übernahm mit seiner Erfahrung als Journalist auch die PR für „The Taken King.“ In einem Interview plapperte sich Smith in aufgeheizter Stimmung in eine seltsame Situation.

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Der erwartete auf einer PR-Tour ein lockeres Interview und diese lockeren Interviews bekam er auch immer wieder von den US-Journalisten, gerade wenn sie eine Kamera auf ihn richteten. Smith geriet aber auch an einen Journalisten von Eurogamer, der ein schriftliches Interview mit ihm führte.

Mit Fragen nach dem Preis und der Umrechnung in Euro und britische Pfund bedrängt, redete sich Smith um Kopf und Kragen. Damals sagte Smith flapsig den folgenschweren Satz: „Wenn ich Euch die Gesten jetzt zeigen könnte, würdet Ihr Geld gegen den Monitor werfen.“ Auch wenn „The Taken King“ später die Erwartungen der Fans überragte, hing das Smith nach.

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Später entschuldigte sich Smith für den Satz: Jeder, der ihn kenne, wisse, wie er das gemeint habe und dass er eben so flapsig spricht. Für alle anderen müsse er aber wie ein Arsch geklungen habe.

Destiny 2 – nicht wie geplant

Destiny 2 – der Feuerwehrmann: Was dann mit Smith passierte, wissen wir nicht ganz genau. Nach dem Ende von „The Taken King“ war klar, dass Smith in irgendeiner Form weiter an Destiny arbeiten würde. Aber die Öffentlichkeit wusste nicht, in welcher Funktion. Wahrscheinlich war der Plan, Smith die erste große Erweiterung von Destiny 2 machen zu lassen, die damals noch für September 2017 vorgesehen war. Doch in der Zeit von Ende 2015 bis Anfang 2016 geschahen seltsame Dinge bei Bungie:

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Umbruch: Eigentlich war Destiny 2 für September 2016 vorgesehen. Es waren schon in einem Stream die Weichen dafür gestellt, mit CJ Cowan einen neuen „starken Mann“ zu präsentieren. Der war da 13 Jahre bei Bungie und als „Narrative Lead“ und wohl auch als Chef von Destiny 2 vorgesehen.

Der hatte in einem Stream schon Mara Sov und Eris Morn positioniert – es schien klar: „Das werden die Stars von Destiny 2.“ Aber plötzlich, im April 2016, verließ Cowan die Firma, Destiny 2 war vorher schon auf September 2017 verschoben worden. Mara Sov und Eris Morn sind seitdem verschollen und Luke Smith wurde zum neuen Game Director von Destiny 2.

Ist Smith bei Destiny 2 nur der Sündenbock?

Vorzeige-Figur für ein zum Untergang verdammtes Projekt: Nach allem, was wir wissen, hat Luke Smith erst im April 2016 Destiny 2 übernommen, nur etwa 17 Monate vor dem geplanten, ultimativem Release-Datum im September 2017. Smith ging dann tapfer auf PR-Tour und verlor kein Wort über den Konflikt hinter den Kulissen. Aber zwischen den Zeilen war herauszuhören, dass ihm die Zeit davon lief. So hieß es etwa bei dem Ersatz für die „Random Rolls“, man habe da eine tolle Idee, wisse aber nicht, ob die es noch ins Spiel schafft.

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Destiny 2 passt nicht zu Smith: Interessant ist, dass fast nichts von dem, was „The Taken King“ ausgezeichnet hat, sich in Destiny 2 wiederfindet. Genau dieses „Destiny als Hobby“ ist verschwunden. In Podcast hat sich Smith leise kritisch über einige der Ideen geäußert – so war er wohl auch gegen die Änderung der Waffenslots mit Destiny 2, aber er hat auch nie offen Kritik an Bungie oder den gefällten Entscheidungen geäußert.

Destiny 2 Forsaken Barons trickster

Sündenbock Smith: Luke Smith, der so viel Gutes für Destiny getan hat, steht mittlerweile eher als Sündenbock für die Probleme von Destiny 2 dar. Dass er es war, der „die große Ankündigungs-Rede“ zu Destiny 2 hielt und die PR-Termine für das Spiel wahrnahm, nehmen ihm viele Fans übel, die noch das „Geld gegen den Monitor“ im Ohr haben. Für viele ist Smith das Gesicht der Krise.

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Oder hat Smith seinen Weg verloren?

Oder wirklich der Schuldige? Da wir nicht wissen, was im Hintergrund ablief, kann man die Rolle von Smith auch deutlich kritischer sehen: Immerhin hat er offenbar seine kreative Vision nicht verwirklichen können. Er hat die Idee mitgetragen, dass Destiny 2 ein besseres Spiel wird, wenn man es möglichst breit und zugänglich macht, als tief und etwas sperrig wie den ersten Teil.

Betriebsblindheit: Entwickler bei Bungie klagen, wenn sie mal sprechen, nicht nur über den Zeitdruck, sondern auch über Betriebsblindheit. Man war so darauf versessen, Destiny 2 zu polieren, dass man die Magie weggehobelt hat. Das könne man von außen klar sehen. Doch innerhalb des Studios, während man das Spiel entwickelt hat, sei man sich absolut sicher gewesen, das Richtige zu tun. Das wäre ein Fehler des „Regisseurs“ und Game Directors, der für die übergeordnete Vision des Spiels verantwortlich ist.

Vielleicht hat Smith nach dem Erfolg von „The Taken King“ die Spur verlassen, zu viel auf andere gehört oder er war mit dem Projekt „Destiny 2“ schlicht überfordert – ist so schnell so hoch aufgestiegen, dass es nicht mehr funktioniert hat.Destiny 2 Forsaken Cayde Guardian

Forsaken machen jetzt andere

Wiederaufbau machen andere: Ob man Smith nun als Schuldigen oder Sündenbock sieht, in jedem Fall ist es ruhiger um ihn geworden. Die „guten“ Nachrichten zu Destiny 2 kommen derweil von anderen Entwicklern bei Bungie, wie Christopher Barrett, der verkündete häufig Änderungen und positive Meldungen. Die Erweiterung „Forsaken“ wird von Steve Cotton als Game-Director geleitet.

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Christopher Barett

Seitdem hat sich Smith wieder aus der Öffentlichkeit zurückgezogen: Man darf gespannt sein, ob und was wir in Zukunft von Luke Smith noch hören. Aktuell hat Bungie andere Eisen im Feuer: Mit NetEase ist man einen Entwicklungs-Deal eingegangen. Gut vorstellbar, dass Smith dort einem neuen Projekt vorsteht.

Im Moment twittert er noch zu Destiny, aber er ist deutlich in den Hintergrund getreten. Inwieweit Smith noch Input zu Destiny 2 gibt, ist von außen schwer zu sagen. Aber es scheint, dass ausgerechnet bei dem Spiel, wo sein Name als „Game Director“ ganz prominent vertreten ist, sein Einfluss fehlt.

Ich vermisse Smith: Ich jedenfalls hab das Gefühl, dass Destiny noch stärker war, als Smith mit seinen Monaten als WoW-Junkie am Ruder saß und seine künstlerische Vision durchdrücken konnte – mit ausreichend Zeit und als alles noch nach Plan lief. Seine Ideen, die in „The Taken King“ so viele fesselten, fehlen mir in Destiny 2 ein bisschen. Ich bin gespannt, wann Smith wieder in Erscheinung tritt und was für ein Spiel uns erwartet, wenn er wieder am Ruder ist.

Bis dahin hoffe ich, dass Steve Cotton und die vielen anderen talentierten Entwickler bei Destiny 2 mit Forsaken das schaffen, was Smith und seinem Team mit „The Taken King“ gelang: Ein  kommerzielles Popcorn-Produkt, das trotzdem irgendwie eine Seele hat.

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