Warum der Boykott bei Anthem keine gute Idee ist

Bei Anthem fordern Spieler auf, den Entwicklern „ein Zeichen zu setzen“ und nicht mehr einzuloggen. Unser Autor Schuhmann sagt: Das ist verständlich, aber das falsche Zeichen.

Was ist das für ein Boykott? Aktuell berichten viele Seiten über einen Boykott-Aufruf bei Anthem.

Spieler sollen eine Woche lang bis zum 15. März nicht mehr einloggen, um den Entwicklern ein Zeichen zu setzen, dass sie doch die Loot-Raten wieder anpassen sollen. Kern des Protests ist ein Post auf der englischsprachigen Community-Plattform Reddit.

Auf Reddit führt man stolz auf, wie viele Seiten schon über den Protest berichtet haben, von der deutschen GameStar über russische Seiten hin zu Kotaku und Polygon.

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Ein Teil des deutschen Presse-Echos zum Boykott-Aufruf.

Was steckt hinter dem Boykott-Aufruf? Spieler haben das Gefühl, dass BioWare aktuell zu knausrig mit dem Loot ist und wünschen sich die Drop-Raten zurück, die es zwischenzeitlich durch einen Bug gab.

Sie wollen einen „Loot-Regen.“ Es sollen möglichst viele meisterhafte und legendäre Items droppen, damit die Spieler dann aus denen die besten Rolls aussortieren können, um ihre Builds zu verfeinern.

Die Logik ist: „Auch wenn ich voll legendär ausgerüstet bin, hab ich ja immer noch nicht die allerbesten Items und farme für die God-Rolls weiter.“

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Mit dem gezielten Wegbleiben möchten Spieler jetzt ein Zeichen setzen und die Entwickler dazu zwingen, nachzugeben und die Dropraten anzupassen.

Die Idee ist: „Wenn das Spiel eine Woche lang komplett tot ist, dann sehen es die Investoren und die Entwickler selbst und werden schon reagieren.“

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Bei Anthem brennt aktuell der Baum – und das Klauninchen.

Darum halte ich das für keine gute Idee: Grundsätzlich habe ich Sympathie für Leute, die mehr Loot wollen. Das will ich auch – und zwar immer.

Doch ich finde diese Erpressungs-Kultur, die sich auf Reddit formt, bedenklich. Mich hat das schon gestört, als Reddit gezielt genutzt wurde, um eine nervige Entwicklerin bei Guild Wars 2 feuern zu lassen – und es stört mich jetzt.

Die Entwickler haben angegeben, dass Loot eine heikle Sache ist. BioWare selbst ist unzufrieden mit dem Loot in Anthem, will aber vorsichtig damit sein, ihn anzupassen.

Man spricht von „erheblichen Änderungen in den nächsten Monaten.“ Das ist den Spielern offenbar zu langsam.

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Was ist die Idee dahinter, den Entwicklern zu widersprechen und zu sagen: Macht es gleich?

Es ist ein bisschen so, als sagt man dem Chirurgen, der einem am Herz operieren soll, aber noch die Ergebnisse abwarten möchte: „Nein, schneid gleich! Sonst bist du dran.“

Chirurg-operieren
Vergiss die Untersuchung – Schneid gleich!

BioWare hat doch in den letzten Tagen gezeigt, dass sie bereit sind, Überstunden zu machen, um die Probleme zu lösen. Deshalb kam der wichtige Patch ja schon am Samstag und nicht erst am Dienstag.

Warum will man sie jetzt mit der Pistole auf der Brust zu etwas zwingen, das die Entwickler selbst offenbar für keine gute Idee halten?

  • Solche Aktionen führen letztlich dazu, dass es ein schlechtes Licht auf das Spiel wirft
  • Die Fronten zwischen Entwicklern und Spielern verhärten sich
  • Es kommt noch mehr Druck auf den Kessel

Unter solchem Druck können kaum gute Dinge entstehen. Im besten Fall kommt hier eine „kurzfristige Lösung heraus“, die dann vielleicht nachhaltige Schäden verursacht.

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Full Legendary und dann zum nächsten Spiel fliegen?

Wenn jeder komplett legendär rumrennt – Was hätte das für Auswirkungen auf das Spiel? Wäre es wirklich möglich, das „gesund“ zu halten über Monate und Jahre hinaus?

Man würde Leute ermutigen, „Anthem jetzt durchzuspielen und abzuschließen“, damit die zum nächsten Spiel ziehen können. Ist das wirklich die beste Entscheidung, die BioWare jetzt treffen kann?

Vorbild: The Division 1 und ESO

Was wäre die bessere Lösung? Man kann und sollte davon ausgehen, dass die Entwickler bei BioWare genauso viel Interesse daran haben, aus Anthem das bestmögliche Spiel zu machen, wie die nun wütenden Fans. Doch diese „Erpresser-Mentalität“ kann da keine Lösung sein.

Anthem ist nicht das erste Spiel, das große Probleme zum Start hat. Praktisch jedes große Online-Spiel macht zum Release eine schwierige Phase durch. Das einzige, was hier wirklich hilft, ist ruhig bleiben, sich das Feedback genau anzusehen und dann in Ruhe darauf reagieren.

Das dauert und ist nervig, aber das ist die einzige vernünftige Lösung.

ESO Duel
The Elder Scrolls hatte riesige Änderungen zusammen mit den Top-Gilden diskutiert

Alle Spiele, die langfristig eine Wende geschafft haben, suchten den Dialog mit den Fans und verbesserten das Spiel dann über Monate nach und nach:

All diese Prozesse dauerten Monate und basierten auf einer guten Kommunikation mit den Fans. Solche „Hauruck“-Boykott-Aktionen sind vielleicht ein Ventil für die verständlich schlechte Laune, senden hier aber ein falsches Signal.

Mehr als Druck und Boykotte braucht Anthem aktuell vernünftiges Feedback und Zeit.

Wer so einen Hals auf BioWare hat, dass er „den Investoren ein Zeichen geben möchte“, sollte vielleicht einfach mal was anderes spielen, bis sich sein erhitztes Gemüt abgekühlt hat.

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