World of Warcraft: Twink-Raids, Nerd-Screams, Ruhm – Das Rennen um den World-First in WoW im Wandel der Zeit

Bei World of Warcraft plagen zwei Probleme das Wettrennen auf die „World First Kills“, den heiligen Gral im PvE-Content. Ein Wettrennen, das sich über die Jahre gewandelt hat und bei dem sich nun eine Seite, die bislang als Chronist diente, als Schiedsrichter hervortut.

Aber schauen wir uns erstmal die Geschichte der World-Firsts: Wie hat sie sich im Laufe der Jahre entwickelt?

Progress-Raiden war schon immer hardcore

Als „Rennen um den World First“ bezeichnet man bei World of Warcraft die Konkurrenz von verschiedenen Top-Gilden darum, wer als erstes den Oberbösewicht einer Raidinstanz auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad zur Strecke bringt.

Das Rennen hat sich mit den Jahren extrem gewandelt. Zu Beginn gab es das noch nicht. Niemand hat wirklich ein Wettrennen auf Ragnaros, den ersten Raid-Endboss, unternommen. 154 Tage stand der ungeschlagen in Molten Core rum. Etwas später bildete sich dann doch eine Raid-Szene heraus, aber Blizzard hat noch lang nicht jenes komplexe Geflecht aus Lockout, Loot, Raidgrößen und Schwierigkeitsgraden in Kraft wie heute.

Damals hieß es noch „nur eine Instanz und eine Gruppengröße für alle.“ Zum Ende von Vanilla-WoW hielt ein Boss wie Kel’Thuzad in Vanilla-WoW noch 90 Tage lange Stand. Später kamen verschiedene Gruppengrößen, Hard-Modes und die Lebens-Spanne der Bosse verkürzte sich immer weiter. Was sicher auch daran lag, dass die Spieler immer professioneller und härter an die Sache herangingen.

Am 25. April 2005 lag Ragnaros das erste mal … und es war kein bisschen ein „Wettrennen um den World First“

Die Goldene Zeit in The Burning Crusade und Wrath of the Lich King

Das Progressraiden um die World-Firsts war schon immer Hardcore. 12, 14, 16 Stunden am Tag über Wochen hinweg, so erzählt man sich, waren die Raidgilden unterwegs und warfen sich den Bossen solange entgegen, knobelten so lange an der Taktik, feilten am letzten Detail, bis die Gegner endlich aufgaben.

Beobachtet wurden sie dabei von den restlichen Spieler. Manche schauten schmunzelnd und mit etwas Sorge herüber, andere durchaus mit Neid und wiederum andere mit tiefer Bewunderung.

Wahrscheinlich hatte dieses Wettrennen, wie auch WoW, seinen Höhepunkt zu der Zeit des späten Vanilla-WoW, The Burning Crusade und bestimmten Tiers von Wrath of the Lich King. Damals lieferten sich Gilden wie Nihilum, SK Gaming oder Death and Taxes ein hartes Wettrennen um First-Kills, Ruhm und Sponsorenverträge.

Das sieht schon mehr nach World-First aus. Nihilium World-First C'Thun: 25. April 2006.

Das sieht schon mehr nach World-First aus. Nihilium World-First C’Thun: 25. April 2006.

Das „Drama“ unter den Gilden fand Beachtung. Welcher Tank wechselte wohin? Welche Gilde löste sich auf? Wer ercheatete sich einen Vorteil in Ahn’Qirai? Welche Gilden schossen gegeneinander Giftpfeile ab?

Doch diese Zeit währte nicht ewig. Blizzard änderte das Tuning der Raids, führte verschiedene Schwierigkeitsgrade und Gruppengrößen ein, Raids wurden zugänglicher. Nicht jedem passte dies. Zudem wurde die erste Generation der Raider auch nicht jünger und änderte die Prioritäten in ihrem Leben.

Die erste Ära des Rennens auf die World Firsts in World of Warcraft war vorbei.

So sehr sehnen sich Spieler nach einer Rückkehr dieser „glorreichen früheren Tage“ von Ruhm und Anerkennung, dass in diesem Jahr das SF-MMO WildStar mit dem kaum verhohlenen Versprechen startete, es würde diese Zeit wiederbringen.

Und auch wenn viele von damals der World of Warcraft mittlerweile den Rücken gekehrt haben, profitiert noch so mancher von den damaligen Schlachten und dem Schlachtenruhm. Kungen, der Maintank von Nihilum, ist heute ein erfolgreicher Streamer.

In Pandaria und Cataclysm zerfiel die Raiding-Szene; jetzt ist sie wieder da

Nachdem es in den beiden vorherigen Add-Ons Cataclysm und Mists of Pandaria zu einer Zersplitterung der Raid-Szene in 10er und 25er-Raids gekommen war, hat Blizzard jetzt wieder eine „einheitliche Raidgröße“ eingeführt, den 20er-Modus „mythisch“

Dadurch hat das Wettrennen mit Warlords of Draenor wieder Fahrt angenommen. Den Wettlauf um den ersten World-First hat die finnische Gilde Paragorn für sich entschieden. Der Endboss Mar’Gok hielt keine einzige ID Stand.

Das World-First-Raiden hat sich im Vergleich zu früher erheblich gewandelt.

Paragon bezwingt den Lich-King World-First am 26.3.2010 – vielleicht der letzte große World-First

10er oder 25er die wahren World-Firsts?

Die Hauptdiskussion in der Community drehte sich in den vergangenen Jahren darum, ob denn Kills im 10er oder im 25er schwieriger waren und daher „mehr zählten“. Das war eine „Einerseits-andererseits“-Diskussion.

Einerseits ist es leichter, 10 Top-Spieler zu finden und zu koordinieren und die Encounter bieten viel mehr Platz.

Andererseits haben 25 Mann wesentlich mehr Raid-Cooldowns und die Bosse sind anders getunet.

Nachdem diese Diskussion nun mit dem 20er-Raid ein für alle Mal erledigt ist, taucht eine neue auf: Die Twink-Raids.

World of Warcraft Warlords of Draenor Test

Zu seiner Zeit war das Raiden zersplittert.

Die zwei Probleme des Progressraidens heute

Twink-Raids erhöhen den Item-Level und den Aufwand

Seit Mitte des zweiten AddOns Wrath of the Lich King gibt es bei den Top-Gilden eine Tendenz, dass Spieler nicht nur mit ihren Haupt-Chars, den sogenannten Mains, raiden gehen, sondern auch raidfähige Zweitklassen auf hohem Niveau spielen.

Damit fingen Gilden zur Mitte von Lichking an, als Blizzard Algalon einführte: einen „Spezial“-Mob, für den Raids nur einen Versuch pro Wochen hatten. Es etablierte sich dann die Sitte, dass die Top-Gilden auch mit ihren Twinks nach Ulduar gingen, um eine Chance pro Woche mehr zu herauszuquetschen, sich Algalon anzusehen, ihn einzustudieren und so schneller zu bezwingen. Da diese Top-Gilden für andere schon immer eine Vorbildfunktion annahmen, breitete sich der Trend rasch aus.

Ironischerweise sorgte Blizzards Idee, das Raiden von der „Fleißarbeit“ wegzuführen und nur noch einen Try pro Woche zu erlauben, zu der „Super-Fleißarbeit“, die wir gerade beobachten.

Denn aus den „Wir machen 2-Algalon-Tries die Woche“-Raids ist mit den Jahren der Trend entstanden, dass Gilden nicht nur „einen Raid“ haben, sondern mehrere, um das Loot-System auszunutzen.

WoW-Algalon

Mit Algalon fing alles an – Ensidia World-First 3.6.2009.

Twink-Raids nutzen Loot-System voll aus

Es werden Raids gebildet aus Twinks und einigen wenigen „Haupt-Charakteren“, denen dann Loot-Vorrecht zugesprochen wird, während die anderen „unwichtigen“ Charaktere nur das bekommen, was die Mains nicht brauchen. Bei einem 20er-Raid mit 4 Haupt-Charakteren, die Loot-Vorrechte genießen, kann sich die Top-Gilde deutlich schneller (wenn’s ideal läuft, 5-mal schneller) equippen, als wenn alle 20 Haupt-Charaktere in einem Raid unterwegs wären.

In der Woche etwa, als „nur“ die HC-Version von Hochfels offen war, haben die Top-Gilden den Raid schon so oft mit allen möglichen Träger-Twinks und Raid-Mains durchgespielt, dass ihr Item-Level dann zum Start von „Mythic“ wesentlich höher war, als er es gewesen wäre, hätten sie Hochfels HC nur einmal mit den Mains geraidet.

Item-Level heute in Relation zu früher viel höher

Das wurde nun an einigen Stellen im Netz und in der Community diskutiert: Früher seien die Spieler total undergearet vor den schweren Bossen gestanden und hätten perfekt spielen müssen, um sie zu bezwingen, da die Bosse für einen wesentlich höheren Item-Stand ausgelegt gewesen seien. Immerhin waren die Bosse für Gruppen getunet, die den „vorherigen Schwierigkeitsgrad“ schon öfter bezwungen hatten.

Klassische World First erzielten diese Kills damals „praktisch nackt“ – ohne Raid-Gear. Durch Twink-Raids und „Gating von Blizzard“ (der mystische Raid machte erst eine Woche nach dem heroischen auf) seien die Kills heute leichter.

Grommash - Warlords of Draenor

Andere argumentieren, dass es zwar richtig sei, dass man eine neue Instanz durch das Twink-Raiden stärker beginne als früher, die Instanzen seien aber so getunet, dass sie nach hinten raus deutlich schwerer würden, da sie ein Farmen der bis dahin erlegten Bosse voraussetzten.

Ein Obermotz wie Mar’Gok sei immernoch ein richtiger Brocken und extrem schwer getunet.

Stacking ist auch ein Thema

Durch die Twink-Raids, kritisieren manche, ist der Aufwand, um am World-First-Rennen teilzunehmen, noch größer geworden, nicht in der Spitze, sondern über die Zeit hinweg gesehen.

Während früher zwar die „Progress“-Zeit anstrengend war, gestaltete sich die „Farm“-Zeit eher entspannt. Doch aus einem Raid-Abend zur Farmzeit sind mittlerweile vier oder fünf geworden.

Außerdem müssen Raider so ihre Twinks pflegen. Im Zweifel werden die ohnehin für Raids gebraucht. Wenn eine bestimmte Klasse in einem Bosskampf zu stark ist, werden Angehörige der Klasse gestackt, also bevorzugt mitgenommen.

Paragon-Imperator-Kill

Startschuss für eine neue Ära? Der Paragon-Kill, wichtigster World FIrst in 2014.

WoW-Progress schließt Echtgeld-Einsatz aus

Das Wettrennen um den World-First wird auf der Seite wowprogress dokumentiert. Dort lassen Spieler nach einem Kill ihren Fortschritt checken. Es gibt dort Ranglisten, die weit zurückreichen und das Rennen um die First-Kills protokollieren.

Aber wowprogress sieht sich nicht länger nur als „Chronist“ des Wettrennens, sondern übernimmt Verantwortung, wenn „das was möglich ist“ zu dem zu werden droht, „was man halt machen muss, um mitzuhalten.“

Mit dem nächsten Raid-Tier, der Schwarzfelsgießerei, will man solche Gilden vom Wettrennen ausschließen, die Chars für Echtgeld auf einen anderen Server transferieren, um in deren Schwarzmarkt-AH Items zu kaufen.

Ein ausnutzen dieser Transfers könnte die Balance im Rennen um World-Firsts massiv beeinflussen: Denn jeder Server hat sein eigenes BMAH und dort können Best-in-Slot-Gegenstände auftauchen, die einen Vorteil versprechen, wenn denn eine Gilde auffällig viele von ihnen vereint.

Grommash Höllschrei - World of Warcraft

Wie es bei ihm wohl wird?

Das war zum Thema geworden, als eine asiatische Gilde davon ausgiebig Gebrauch machte. Angeblich soll eine Gilde für 20 Raider 78 Schwarzmarkt-AH-Items gesammelt haben. In Asien ist der Server-Transfer deutlich günstiger als in Europa.

WoW-Progress hat sich mit dieser Entscheidung nicht nur Freunde gemacht. Man wolle damit ausschließen, dass der Einsatz von Echtgeld das Rennen beeinflusst. In dieser neuen Funktion als „Schiedsrichter“, muss man sich auch einiges anhören: „Wer glaubt Ihr denn, wer Ihr seid? Es wird vielleicht Zeit für eine neue Seite!“, postete ein User bitter.

Who are you? lol, everyone is able to use the BMAH. Maybe its time for another site.

Man kann nur erahnen, was auf WoW-Progress zukäme, wenn man anfinge, noch weiter in ein Rennen um World Firsts einzugreifen. Nein, diese Änderungen müssten von Blizzard kommen.

Ende der Twink-Raids wäre nur einen Mausclick entfernt, hätte aber Auswirkungen auf alle

Mein MMO meint: Letztlich hat Blizzards Design mit Lockouts, komplizierten Loot-Regeln und ähnlichem dafür gesorgt, dass wir die jetzige Raid-Szene haben. Und in einer derart professionalisierten Umgebung, wie wir sie in WoW gerade beobachten, wird jeder das Maximum für den Erfolg tun, der ihn will. Ob es ihm passt oder nicht.

Dabei wäre es einfach, die Sache zu fixen, wenn man nur das Wohl der Raider im Sinn hätte: Twink-Raids könnten der Vergangenheit angehören, wenn „Personal Loot“ verpflichtend wäre. Ein Ende der Twink-Raids würden wahrscheinlich viele Top-Raider begrüßen, denn das klassische „Wir wipen 150-mal und beim 151.-mal liegt er“ wird ihnen deutlich lieber sein als eine stundenlange Fleißarbeit im Farm-Content.

Doch balancet Blizzard eben WoW nicht auf die „oberen 0,01%“ hin, sondern auf das Gros der Spieler in World of Warcraft. Und da ist die die Idee des Gruppen-Loots populär.


Mehr zu World of Warcraft lest Ihr auf unserer WoW-Themenseite.

Autor(in)
Quelle(n): MMO-Champion Forum (Diskussion über Twink-Raids)Weitere Quelle: SK-GamingWoWProgressWeitere Quelle: Manaflask.com
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