Bis der Arzt kommt – Sucht oder nur ein zeitintensives Hobby?

Ich bin mir sicher, so ziemlich jeder passionierte Gamer aus meiner Generation wird sich schon so manches Mal folgenden Vorwurf angehört haben:

Du hast gar keine Zeit mehr für XYZ, du bist doch süchtig nach diesen Computerspielen!

Ich glaube, dass viele Menschen, vor allem Eltern, sich nicht bewusst sind, was sie mit einer solchen Aussage anrichten können. Ich nehme mich hier persönlich einfach als Beispiel, denn da habe ich logischerweise die meiste Kenntnis.

Wie wohl viele andere, habe ich damals mit „World of Warcraft“ angefangen (Gut – ich habe auch „Silkroad“ gespielt, aber wer kennt das noch?) und wurde immer mehr in die verschiedenen Spielinhalte eingebunden. Zuerst waren es nur abendliche Instanzgänge (Scholomance, immer wieder Scholomance!) und später wurde es dann eine Raidgruppe aus 40 Leuten, was wiederum bedeutete, dass man 2-3 Mal die Woche für mindestens 4 Stunden Zeit haben musste – da war die Farmzeit für Fläschchen und Bufffood noch nicht mit eingerechnet.

Aber zurück zum eigentlichen Thema: Ich habe mir damals viele Gedanken gemacht, ob ich denn wirklich süchtig bin, und habe mein Handeln sehr intensiv reflektiert. Dabei habe ich auch eine Menge recherchiert: Was genau macht eine Sucht aus?

Zu diesem Thema gibt es viele Meinungen; einige Leute sind davon überzeugt, dass man mit 2 Stunden Computerspielen pro Tag schon als stark suchtgefährdet gilt, während andere die These vertreten, dass eine Sucht niemals an der Zeit bemessen werden kann – auch, wenn sie ein Indiz sein kann. Ich vertrete die letzte Ansicht und mein Studium der „Sozialen Arbeit“ hat mich in dieser Meinung nur noch weiter bestärkt, denn da ist eine der vorherrschenden Thesen:

Eine vermeintliche ‚Sucht‘ ist nur dann eine Krankheit, wenn für den Betroffenen ein Leidensdruck entsteht.

Das bedeutet, grob übersetzt: Man ist nur süchtig, wenn etwas anderes vermisst wird, für das man gerne Zeit aufwenden würde, es aber aufgrund der Sucht nicht kann. 

Um ein Beispiel zu nennen: Du bist mit deinen Noten in der Schule unzufrieden und würdest gerne mehr lernen, allerdings kannst du das nicht, weil du den ganzen Tag zockst. Damit hätten wir einen Leidensdruck (schlechte Noten, die man ändern will) und ein klares Indiz für die Sucht.

World of Warcraft - kann Spieler in seinen Bann ziehen.
World of Warcraft – kann Spieler in seinen Bann ziehen.

Ich habe das immer anders gehandhabt. Mir waren meine Noten weitestgehend egal, also konnte ich, ganz ohne Leidensdruck, meine Zeit für Raids und Rollenspiel ausgeben. Da ich ebenfalls keinen Alkohol trinke, wurde es mit steigendem Alter auch langweilig Partys zu besuchen – zumindest nach einem bestimmten Zeitpunkt, wenn der Alkoholpegel die magische „Nervgrenze“ übersteigt.

Man könnte mir natürlich nun nachsagen, dass ich es mir damit zu einfach mache, denn eine süchtige Person wird, wie der Volksmund sagt, immer abstreiten, dass sie süchtig sei. Genau das habe ich auch gemacht, bis meine Erziehungsberechtigten auf die grandiose Idee kamen, mich zu einem Suchtberater zu schicken – wie demütigend das ist, wenn die eigenen Eltern einen für suchtkrank halten, können sich die meisten vermutlich ausmalen.

Das Ganze hat sich dann aber zur bestmöglichen Lösung für mich gewandelt: Nach zwei Sitzungen mit dem Suchtberater, kam er zu der Überzeugung, dass ich nicht suchtkrank sei – mir fiel wirklich ein Stein vom Herzen und von da an konnte ich meiner Leidenschaft auch noch ohne schlechtes Gewissen weiter nachgehen!

Was man daraus auf jeden Fall mitnehmen kann: Lasst Euch von anderen Leuten nichts einreden.

Fragt euch selbst, reflektiert euer Handeln selbst und ehrlich, dann habt ihr fast immer die richtige Antwort, wie es um Euch eigentlich steht.

Uff, heute habe ich aber wirklich ein bisschen aus dem Nähkästchen geplaudert. Habt ihr ähnliche Erfahrungen gemacht? Was haltet ihr von diesen ganzen Zuschreibungen, die man in unserer Gesellschaft so schnell angehängt bekommt? Lasst es mich in den Kommentaren wissen, bis zum nächsten Mal!

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Schuhmann

Na ja, ich denke bei Süchtigen füllt die Sucht eine Lücke aus, die ohnehin da ist. Viele Menschen, die heute als „Medien-süchtig“ gelten, wären vor 15 Jahren noch „Couch-Potatoes“ gewesen.
Die Wertigkeit ist in unserer Zeit noch eine andere.
Wenn jemand sagt: „Ich kann heut abend nicht, da kommt die letzte Folge von Bones, die darf ich auf keinen Fall verpassen“ – ist das okay. Wenn einer sagt: „Geht nicht – Raid!“ – dann wird das anders gewertet.
Das verschiebt sich im Laufe der Jahre. Früher galt als „bedenklich“, wenn jemand viel gelesen hat. Paar Hundert Jahre später war das Medium „Musik“ das Problem und Leute wurden beäugt, wenn sie sich der Musik hingaben. Vor 20 Jahren war das Fernsehen problematisch und wurde reglementiert, heute ist das voll im Mainstream angekommen. Mit Comics und Superhelden passiert gerade dank Hollywood das gleiche. Genau so ist es in den letzten Jahren mit SF und Fantasy-Subkulturen passiert. Und ich denke mit Computerspielen wird es genau so gehen.
Dann wird man eben von einer „MMORPG-Leidenschaft“ sprechen und nicht gleich mit dem Arzt kommen. Es gibt ja heute schon Firmen und Unternehmenskulturen, in denen MMORPGs gefördert werden als Team-Building-Varianten: Teamplay, Kommunikation und soziale Kompetenz werden tatsächlich in MMORPG-Raids geschult.

Wie es in dem Artikel steht mit dem „Leidensdruck“ – es gibt Leute, die sind depressiv und suchen nach ständiger Zerstreuung oder Prokrastination – da ist das MMORPG aber nicht Ursache, sondern eher Auswirkung.

Elaro

Schwieriges Thema…Die Frage ist ja auch, ob man gewisse Einstellungen dann dem Computerspielen anpasst. Eventuell sind einem z.B. gute Noten usw. erst durch das intensive Spielen eher unwichtig geworden. Das ist so der Punkt, der für Eltern nicht leicht zu erkennen ist. Es stimmt aber, dass Eltern teilweise falsch an die Sache herangehen und den Effekt sogar verstärken können. Toleranz ist Verstehen.

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