Anthem wird in wenigen Tagen abgeschaltet – Eine Schande, wenn man bedenkt, was daraus hätte werden können

Anthem wird in wenigen Tagen abgeschaltet – Eine Schande, wenn man bedenkt, was daraus hätte werden können

Am 12. Januar 2026 ist endgültig Schluss: Die Anthem-Server werden abgeschaltet. MeinMMO-Chefredakteurin Leya spricht über ihren Frust und verschenktes Potenzial.

Das Gefühl, das mir Anthem gab, habe ich nie wieder zurückbekommen.

Wenn ich mit meinem froschgrünen Javelin-Kampfanzug wie Iron Man durch die Lüfte sauste, meinen Gegnern eine Giftbombe vor die Füße warf, mich direkt hinabstürzte und ihnen einen nach dem anderen einen mächtigen Tritt verpasste, um ganze Gegnergruppen auszuradieren – Mann, das hat sich einfach unbeschreiblich gut angefühlt.

Gerade das Fliegen mit den Kampfanzügen macht Anthem bis heute einzigartig. Jedes kleine Manöver durch Tunnel mit glänzenden Steinen, vorbei an modrigen Ruinen und weit über funkelndem Wasser, kann so präzise ausgeführt werden, dass selbst ein gewaltfreier Ausflug durch die Open World ein Erlebnis für sich war.

Ja, Anthem war wahrlich nicht perfekt. Fundamentale Systeme wie das Loot-System waren schlicht schlecht und fühlten sich nicht belohnend an. Raids wurden schnell eintönig. Ein Endgame? Nicht vorhanden.

Und trotzdem komme ich seit mittlerweile sieben Jahren gedanklich nicht mehr los von BioWares Loot-Shooter. Es steckt bis heute so viel Potenzial in diesem Spiel. Anthem hätte eines der relevantesten Service-Games aller Zeiten werden können.

Jedoch: Am 12. Januar 2026 werden die Server für immer abgeschaltet.

Eine Schande, sage ich.

Schon im Launch-Trailer fühlt man, wie besonders das Fliegen wird

Anthem stand für einen Wandel, der vielen nicht schmeckte

Wir müssen die Uhr einmal zurückdrehen und einen Ausflug ins Jahr 2019 machen. In diesem Jahr wollten alle so sein wie der quietschbunte Battle-Royale-Shooter Fortnite.

2019 war das Jahr, in dem Fortnite seinen Status vom „Hype“ zu einer kulturellen Institution festigte und das Modell „Games as a Service“ (GaaS) endgültig zum Industriestandard erhob. Der Battle Pass wurde zur Norm. Fortnite wurde mehr als nur ein Spiel – es wurde eine lebendige Plattform mit Event-Charakter, die die Massen anzog.

Wir erinnern uns an das „Black Hole“-Event: Im Oktober 2019 „endete“ Fortnite spektakulär. Die gesamte Map wurde in ein schwarzes Loch gesaugt und das Spiel war für fast zwei Tage offline. Millionen Menschen starrten weltweit auf einen schwarzen Bildschirm.

MMORPGs machten solche Online-Dynamiken schon lange vor, sind in ihrer Beschaffenheit aber komplexer und teurer in der Entwicklung.

2019 markierte auch das Jahr einer Identitätskrise vieler Studios. „Wie können wir mehr wie Fortnite sein?“, schien der Antrieb zu sein. Große, etablierte Singleplayer-Studios wandten sich den Service-Games zu. Bethesda brachte Fallout 76 heraus – heute gelobt, damals verhöhnt und verspottet. Ubisoft versuchte, fast jedes Franchise in ein Service-Modell zu pressen. Damals war das besonders an Ghost Recon Breakpoint zu spüren, das ebenfalls floppte.

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Und BioWare, bekannt für epische Singleplayer-Rollenspiele wie Dragon Age und Mass Effect, machte nun Anthem.

Aus Sicht der Publisher war das verständlich: Schafft man es in diesem Ökosystem, folgt ein stetiger Cashflow. Ein Singleplayer-Spiel wie The Witcher oder God of War verkauft sich in den ersten Monaten hervorragend, wirft danach aber kaum noch Geld ab. Ein Service-Game generiert über Jahre hinweg durch Battle Passes und Mikrotransaktionen Einnahmen, was für die Investoren der großen Publisher (EA, Bethesda/Zenimax, Ubisoft) attraktiv war und noch immer ist.

Dieser Wandel war für viele Studios und Teams schmerzlich, und einige schafften es nicht, da es teils an Zeit, Expertise und Ressourcen fehlte.

Und trotzdem: Anthem hätte niemals sterben dürfen

Zurück ins Jahr 2026.

Mittlerweile haben Spiele wie Baldur’s Gate 3 oder Clair Obscure: Expedition 33 gezeigt, dass starke Singleplayer-Titel doch nicht ausgestorben und nach wie vor verdammt lukrativ sind. Währenddessen feiern Service-Games wie Arc Raiders oder auch weiterhin Fortnite große Erfolge. Denn ja, beide Modelle können wunderbar nebeneinander existieren.

Erst kürzlich erklärte der ehemalige Chef-Entwickler des Loot-Shooters, woran Anthem aus seiner Sicht wirklich scheiterte. Hier wird die Schuld vor allem bei einem schlechten Management gesehen. Andere Projekte wie Dragon Age: Inquisition banden Ressourcen, die dann bei Anthem fehlten. Lange Zeit war dem Team gar nicht klar, was die Identität des Loot-Shooters werden sollte und worauf sie eigentlich hin entwickelten.

Das war seinerzeit von außen schwer ersichtlich.

Und bis heute frage ich mich: Was wäre passiert, wenn Anthem eine faire Chance bekommen hätte, sich zu wandeln und zu wachsen?

Denn gerade bei Service-Games ist es nicht ungewöhnlich, dass diese erst einmal einen katastrophalen Start hinlegen. Bei Final Fantasy XIV mussten die Server sogar komplett abgeschaltet und das Spiel nahezu neu aufgelegt werden. ESO holte sich Community-Experten ins Studio, um das Spiel in der Anfangsphase zu reparieren. Das heute gefeierte Warframe stand ebenfalls kurz vor dem Aus, weil faire Service-Systeme erst gelernt werden mussten. Die Liste ist lang.

Anthem hat immer noch etwas, wonach sich viele Studios die Finger lecken: eine leidenschaftliche Community, die dem Spiel nun hinterherweint. Ich tue es gewiss.

Anthem bietet eine perfekte Power-Fantasy, die sich wie die beste Iron-Man-Simulation aller Zeiten anfühlt. Die wuchtigen, vertikalen Kämpfe sind mächtig. Und auch die Story war für einen Loot-Shooter tiefer und ausgereifter als bei den meisten Genre-Vertretern.

Ich bin überzeugt: Mit etwas Liebe, Geduld und mehr Ressourcen hätte man die grundlegenden Probleme um das Loot-System fixen und mit Erweiterungen ein ordentliches Endgame bauen können. Die Community wäre drangeblieben – bis heute.

Die Erinnerung an Anthem wird für mich immer eine liebevoll positive bleiben. Aber sie ist auch ein Schandfleck der Gaming-Industrie – aus all den falschen Gründen.

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dragon274

Ich habe dieses Spiel auch geliebt. Und ich hoffe, dass eines Tages etwas vergleichbares kommt. Nicht von EA… Am besten ein kleines Indie Studio… Ein Studio mit Menschen die nicht auf’s schnelle Geld aus sind, sondern “Kunden” zufrieden stellen… Was die großen Studios angeht… Sowohl Ubisoft als auch EA sind für mich keine Wahl mehr. Der Verkauf an die Araber wird Auswirkungen haben. Die Pläne Spiele zukünftig nahezu komplett von KI generieren zu lassen – aber trotzdem als Vollpreis Titel zu verkaufen… Das schließt diese Studios zukünftig aus.

ObiWanKnobi

Wir wollten es eigentlich zum Abschied nochmal spielen, jetzt am kommenden Samstag… leider ist das nicht mehr möglich. Bei einem ist es komplett verschwunden aus der Bibliothek, ich kann es nicht mehr herunterladen. Ein Fehler das ich das Spiel nicht besitzen würde erscheint dann.

Das ist wirklich ein verdammt trauriger Abschied und einen den ich gerne nochmal mit ein paar Runden gefeiert hätte. Danke EA für nichts….

seska1973

Man nehme Anthem, verpasst Sie als “überlebende eines Raumschiffs Crash”. Die auf einem fremden “Lebensfeindlichen” Planeten abgestürzt sind. Lassen wir mal die Stadt weg. Verpflanzen wir sie in die Vergangenheit von Anthem. Jupp. Die Pioniere. Ressourcen suchen. Teile des Schiffswracks plündern. Die mit den Ressourcen des Planeten zum laufen hinzubekommen. Die Fauna nach passenden Lebensmitteln suchen (solange der Notvorrat noch reicht)

Aber, so viel anders ist es nicht zum alten Spiel. Ist ned einfach diese “Iron Man’s in einem anderem Spiel zu pressen

Den es gab auch ähnliche Spiele, sogar mit “PSI” Kräften. Die den Boden nicht wirklich verlassen haben und nur einen kurzen Flug hatten. Glaub es war von “People can fly” oder so. Ich habs. es ist “outriders”

Das “Wir” Gefühl, wie aus den Trailer zu der Zeit. War einfach nicht vorhanden. Nur bei events hat man andere Spieler gesehen, glaub ich mich noch zu erinnern. Gab es da den schon NPCs? Oder hatte es das gleiche Schicksal wie der “Frühstart” von Fallout 76? Wie geschrieben. Das was der Trailer “zeigte” war noch nicht wirklich geboren

Zuletzt bearbeitet vor 5 Tagen von seska1973
Dariusz

Outriders fand ich auch klasse. Hatte seine Schwächen zum Release und ein Endgame ist nahezu nicht existent, aber ich hatte Spaß. Definitiv einer meiner liebsten Loot-Shooter, was das Gameplay angeht.

Yoma

Grad das Loot-System ist aus meiner Sicht nicht enstcheidend ob ein Spiel gut ist. Wenn ich so ein Spiel spiele dann hauptsächlich weil der Kampf überzeugt. Loot ist da nur ein i-Tüpfelchen. Wenn ich mal zurückdenke sind alle Spiele die ich verlassen habe, weil der Kampf nicht funktioniert, oder besser gesagt nicht langfristig bindet.

BinAnders

Nachdem Anthem und WildHearts von EA vermasselt wurden, kann ich die EA Hater verstehen. Und auch ich werde kein EA Spiel mehr kaufen.
Dieser Laden ist mittlerweile dermaßen inkompetent, das geht gar nicht.

skelli

Das mit Anthem hat mich auch sauer gemacht. Seit dem hab ich von EA kein Game mehr gekauft. Allerdings muss man zugeben das alle Publisher nur noch verlogen sind und man ihnen keine Versprechen mehr glauben kann.

nWo4Life

”Mittlerweile haben Spiele wie Baldur’s Gate 3 oder Clair Obscure: Expedition 33 gezeigt, dass starke Singleplayer-Titel doch nicht ausgestorben und nach wie vor verdammt lukrativ sind.”

Das Problem an diesen Spielen ist das sie keine Deutsche Synchronisation haben.
Ständig den kleinen Text zu lesen holt mich nicht in die Welt und die Geschichte.
Ich habe Angst dass das bald Standard wird.

Zuletzt bearbeitet vor 5 Tagen von Anne-Jane oder AJ
Greenbeast

Vieleicht wäre das ein Job für eine KI in der Zukunft das zu übersetzen. Doch dann kommen wieder die Hater. Man kann nicht alle glücklich machen.

seska1973

Es gibt Sie doch schon oder meinst du Stimmen KI?

dragon274

Bitte nicht KI… Dann spiele ich lieber auf Englisch… Alternativ eine KI in der Konsole die das Spiel übersetzt… Aber ich glaube in diese Richtung denkt niemand. Aber bitte keine KI in “Kunst” auch nicht in Computerspielen!

Greenbeast

Bisschen spät hier. Aber Sony arbeitet schon fleissig in die Richtung. Sony hat die größten Anime Anteile in der Industry. Die sind nicht mehr weit weg vom Monopol.
Die haben da ein Patent gemacht. On the fly Zensur. Das zB im Sprachchat Beleidigungen rausfiltert usw.. Sowas könnte man bei Animes dann auch gleich miteinbauen. Je nach Sprache werden bestimmte Wörter “angepasst”. Da ist eine KI Übersetzung nicht mehr sooo weit entfernt.

Fun Fact: Ein anderes Patent von Sony. Das man “Mc Donalds” ins Mikro rufen muss, wenn die Werbung auf dem Bildschirm erscheint, um das loszuwerden. McDonalds wird da als Beispiel direkt genommen von Sony.

Zuletzt bearbeitet vor 1 Tag von
EsmaraldV

Nicht nur Forderungen stellen; einfach mal einen Schritt entgegen kommen; englisch lernen. Das ist machbar.

kMike

Mensch wie die Zeit vergeht Leya. Ich kann mich noch an deinen Anthem Artikel errinnern, den ich bis heute nicht vergessen habe. Dort hattest du beschrieben wie besonders und anziehend die Anthem Welt und seine Charactere für dich waren. Danach habe ich wirklich gedacht, dass ich das doch auch mal testen muss obwohl ich durch Destiny wenig Interesse daran hatte.
Wirklich schade, dass man über die Jahre keinen Weg gefunden hat das zumindest mit Peer2Peer weiter laufen zu lassen.

kMike

Ihr seid meine Gamingnewsseite. Das bleibt auch so, allein auch schon wegen dem guten Austausch in den Kommentaren. Also nutze ich das hier gleich mal als Gelegenheit für ein Danke an Euch alle. Macht weiter so.

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