Mit dem Abschied von Lost Ark und Throne and Liberty als westlicher Publisher begräbt Amazon endgültig seine ambitionierten MMO-Pläne. MeinMMO-Redakteur Karsten Scholz blickt noch einmal mit Wut im Bauch auf das unfassbare Potenzial, das sich hier ungenutzt in Rauch auflöst.
Vor fast genau 10 Jahren ist Amazon Games an die Öffentlichkeit gegangen, um die damals neuen, ambitionierten Pläne für den Games-Bereich vorzustellen. Mit dabei: das MMORPG New World. Von diesen Ambitionen ist heute nicht mehr viel übrig. Aus dem Genre der Online-Rollenspiele zieht man sich in den kommenden Monaten vollständig zurück.
Das macht mich gerade gleichermaßen wütend und traurig. Amazon Games hatte nämlich alles, um das geplagte Genre der MMORPGs nach einer langen Dürre-Phase zurück in eine zweite Hoch-Phase zu führen. Doch als man dafür endlich ein solides Fundament gelegt hatte, riss man es ohne Not ein. Doch der Reihe nach …
Der große Hoffnungsträger aus dem Westen
Es gibt heutzutage nur noch wenige westliche Studios, die problemlos ein ambitioniertes Themenpark-MMORPG finanzieren und an die Ziellinie bringen können. Es ist für viele Entscheider einfach zu teuer und risikoreich, ein derartiges Projekt anzugehen. Für ständigen Content-Nachschub zu sorgen, wird bei so einem Themenpark schnell zu einem Albtraum. Darin sind sich viele erfahrene Entwickler-Urgesteine einig.
Amazon Games war eines dieser Studios, das die Ausnahme der Regel darstellen könnte. Dank des gleichnamigen Konzerns im Rücken, mit seinen dicken Geldtaschen und Server-Kapazitäten. Für New World hatte man sich beispielsweise eine ganze Reihe erfahrener Entwickler an Bord geholt und die – was man so hört – richtig gut bezahlt.
Ja, New World selbst litt dann beim Launch an vielen Problemen, die sich noch über Jahre hinweg negativ auswirken sollten. Der unfassbar erfolgreiche Start des MMORPGs auf Steam zeigte jedoch eindrucksvoll gleich mehrere Dinge (die beim späteren, ebenfalls sehr erfolgreichen Launch von Lost Ark teils erneut eine Rolle spielen sollten):
- Mit dem Versprechen „Amazon Games veröffentlicht ein neues, ambitioniertes MMORPG“ lässt sich Hype aufbauen
- Durch die Synergie mit Twitch (gehört Amazon) kann man diesen Hype gezielt spürbar verstärken
- Aufgrund der langen Dürre-Zeit haben viele Genre-Fans richtig Bock auf ein neues Themenpark-MMORPG, die potenzielle Zielgruppe ist da und groß
Man hat dann zwar mit New World und als Publisher von Lost Ark sowie Throne and Liberty diverse Fehler gemacht, doch gehört es zur Spiele-Entwicklung dazu, solche Fehler zu machen, aus diesen zu lernen und es fortan besser zu machen. Eine Analyse der letzten 10 Jahre Amazon Games findet ihr hier:
- Amazon will seit 10 Jahren ein Big Player für Games sein, woran scheitert es? – Analyse aus Mai 2025
- Das Ende von New World vervollständigt eine traurige Geschichte des Scheiterns – Update aus Oktober 2025
Das Fundament für Großes war 2025 gelegt
Tatsächlich konnten wir vergangenes Jahr dabei zusehen, wie Amazon Games bei New World nach schwierigen Jahren eine positive Trendwende hinlegen konnte. Warum?
Weil sie mit der Kombination aus dem Aeternum-Neustart und Saison 10 endlich einige der größten Baustellen des MMORPGs nachhaltig angehen konnten. Weil sie damit aufhörten, die geschrumpfte Community durch Saison-Server weiter zu teilen. Und weil sie Hürden für Neueinsteiger, Wiederkehrer und zwischen den Plattformen abbauten (und beispielsweise die Erweiterung Rise of the Angry Earth kostenlos in die PC-Version einfügten).
All das waren clevere Entscheidungen. Erstmals war die Stimmung innerhalb der Community gut. Die Spielerzahlen stiegen. Darauf konnte man aufbauen.
Und dann war da ja noch das Wissen, dass sich Amazon Games mit all seiner Erfahrung und Finanzkraft die Lizenz für Herr der Ringe gesichert hat, um dafür ein richtiges MMORPG zu machen. Ein modernes Online-Rollenspiel in Mittelerde … mit den Stärken von New World … allein die Vorstellung macht mich wuschig (Sorry, Herr der Ringe Online!). Das ist ein Elfmeter ohne Torwart, man muss nur dafür sorgen, dass der Ball die Linie überquert.
Genau das wäre die Art von Themenpark-MMORPG gewesen, die dem darbenden Genre den lange notwendigen Schups in Richtung Licht hätte geben können. Raus aus der Dürre, rein in die zweite Hoch-Phase des Genres. Dafür braucht man eine Lizenz wie Herr der Ringe und einen Konzern wie Amazon. Aber eben auch die Bereitschaft, diesen Elfmeter zu verwandeln …
KI-Schrott statt Mittelerde-Traum
Stattdessen hat sich Amazon nur kurze Zeit später einen Vorschlaghammer geholt und dieses vielversprechende Fundament in seine Bestandteile zerlegt. New World? Wird trotz des aktuellen Höhenflugs begraben. Das „Herr der Ringe“-MMORPG? Wird unter den Teppich gekehrt. Jetzt hat man sich zudem als Publisher von Lost Ark sowie Throne and Liberty verabschiedet. Das Thema MMORPGs ist damit Geschichte.
Von den ursprünglichen Ambitionen, ein Big Player der Games-Branche zu werden, zeugen derzeit nur noch die beiden Tomb-Raider-Projekte. Ansonsten konzentriert sich Amazon mittlerweile darauf, den hauseigenen Gaming-Service Luna mit kleinen Spielen zu füttern – darunter diverser KI-Schrott wie die beiden Courtroom-Chaos-Teile mit Snoop Dogg und Arnold Schwarzenegger (hier die aktuelle Spiele-Übersicht von Amazon Games).
Jap, statt des MMORPG-Traums in Mittelerde gibt es jetzt Urteile vom KI-Richter Snoop Dogg. Das kann doch nicht nur mich frustrieren, oder? Wie blickt ihr auf Amazon Games, New World und was aus all dem geworden ist? Verratet es mir gern in den Kommentaren. Fairerweise muss ich zu guter Letzt festhalten, dass nicht nur Amazon enttäuscht hat: Nur 1 großes MMORPG aus dem Westen in 12 Jahren zeigt das kollektive Versagen einer ganzen Industrie
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Kommentare
Wo hatte denn bitte Amazon Erfahrungen mit MMO’s?
Klar, man kann sich Leute einkaufen. Das heißt aber immer noch nicht, dass das automatisch auch zu einem Erfolg wird. Zumal NW mit der hauseigenen Lumberyard Engine lief und damit (wahrscheinlich) der Großteil der Belegschaft das erste Mal gearbeitet hat.
Es gab auch genug Posts von NDA Beta Spielern, die nahezu keinen Unterschied zur neun Monate späteren Release-Version beschrieben haben.
Und in Bezug auf LA und TnL waren sie nur Publisher, ergo auch keinen Zugriff auf den eigentlichen Code dahinter hatten und dementsprechend auch nichts anpassen konnten/durften.