Jeff Kaplan war ein legendärer Blizzard-Entwickler, egal ob für World of Warcraft oder Overwatch. Heute antworten Kollegen nicht einmal mehr auf seine Mails.
Wenn man an legendäre Blizzard-Entwickler der Vergangenheit denkt, kommt früher oder später sicher Jeff Kaplan in den Sinn. Er war einer der ursprünglichen Entwickler von World of Warcraft, wurde aber gerade mit Overwatch deutlich berühmter. Das lag nicht nur an den famosen Parodien, die es zu ihm gab, sondern auch an seinen absurden Auftritten, wie er etwa stundenlang schweigend und fast reglos vor einem Kamin saß.
Vor einigen Monaten äußerte er sich zu seinem Weggang bei Blizzard und wie es das „größte ‘Fick dich’ seines Lebens“ war. Jetzt erzählt er von anderen Problemen – etwa, dass niemand mehr seine Mails beantwortet.
Inzwischen arbeitet Jeff Kaplan mit einem neuen Team – losgelöst von Blizzard – an einem Western-Spiel: The Legend of California. Während eines Interviews mit dem Magazin GameSpot sprach er über viele Details der Vergangenheit und auch, wie Blizzard und die Arbeit an Overwatch oder World of Warcraft sein Leben geprägt haben.
Vom großen Namen zum Nobody, dem keiner die Tageszeit sagt
Eine Sache, die Kaplan rasch gelernt hat, war dass das Verhalten ihm gegenüber stark mit seiner Arbeit bei Blizzard zusammenhing. Er war einer der „ganz Großen“, dessen Meinung und Ansichten von allen geschätzt wurden. Jetzt beantworten viele nichtmal mehr seine E-Mails:
Es war auf eine großartige Weise Augen öffnend, wenn auch manchmal schmerzend. Wie die Leute mich jetzt behandeln im Gegensatz zu dem, wie es war, als ich noch zu Blizzard gehörte.
Ich habe Leute in der Industrie, die nicht einmal auf meine Mails antworten oder mir die Tageszeit nennen würden.
Das findet Kaplan aber nicht so schlimm, denn er habe nun von vielen Leuten eine ehrlichere Meinung und wisse nun „wo die Loyalitäten liegen“ und wer wirklich zu ihm halte.
Jeff Kaplan hat alle Verbindungen zu Overwatch gekappt
Wenn man an Jeff Kaplan denkt, ist es unmöglich, nicht auch über Overwatch zu sprechen. Daher wurde auch dieses Thema von GameSpot thematisiert.
Mit Overwatch hatte ich eine nahezu klinische Trennung, da ich mich daran erinnerte, wie es bei WoW ablief. Ich habe das Spiel buchstäblich nicht seit April 2021 gespielt.
Wir hatten gerade Echo hinzugefügt. Sie war die letzte Heldin. Und das ist meine Erinnerung an Overwatch, wie ich es im April 2021 gespielt habe. Ich [spiele es nicht mehr], für meine eigene Psyche. Ich lese die Subreddits nicht. Nachdem ich mich vom kompetitiven Overwatch und dem Subreddit verabschiedet habe, bin ich nie zurückgegangen um es zu lesen.
Ich schaue mir keine YouTube-Videos an. Ich suche nicht nach meinem Namen in Overwatch. Ich suche gar nicht nach Overwatch. Ich habe mich einfach davon getrennt. Ich sage auch den Algorithmen „Ja, ich habe kein wirkliches Interesse mehr an Overwatch. Ich weiß, du denkst, ich wäre der Overwatch-Typ, aber das bin ich einfach nicht mehr.“
Trotz dieser Trennung verbindet Jeff Kaplan auch viele schöne Erinnerungen mit Overwatch. Er ist stolz auf das, was er und sein Team geleistet haben.
Ich habe noch diese sehr emotionalen Momente, wenn ich mal ein Bild von der BlizzCon 2014 sehe, wo wir Overwatch angekündigt haben. Das ist bis heute einer der besten Tage meines Lebens, weißt du?
Chris [Metzen] dabei zuzusehen, wie er auf die Bühne tritt und es ankündigt, und dann darüber reden zu können. Die Art und Weise, wie sich mein Team gefühlt hat. Ich bin überwältigend stolz auf alles und alle bei Blizzard und was sie getan haben, um Overwatch zu einem großartigen Spiel zu machen, nicht nur Team 4.
Jeff Kaplan hat nicht für WoW gelebt, er war WoW
Ebenfalls ein großer Teil des Interviews dreht sich um World of Warcraft und die Beziehung von Jeff Kaplan zu diesem Spiel. Wer das nicht mehr weiß: Jeff Kaplan kam damals zu Blizzard, weil er einer der größten und aktivsten Kritiker von EverQuest war. Er wurde quasi dazu eingeladen, an „etwas Besserem“ zu arbeiten – und kam so zum WoW-Team. Die Arbeit an WoW hat ihm extrem viel bedeutet, was sich auch unschwer aus seinen Worten herauslesen lässt:
Seltsamerweise war das Verlassen [des WoW-Teams] für mich eine Lernerfahrung. Als ich WoW verlassen habe, um an Titan zu arbeiten, das war im November oder Dezember 2008. Und WoW war zu diesem Zeitpunkt, wer ich war. Ich habe jede Minute – jede einzelne, wache Minute – an WoW gearbeitet. Wenn ich nicht an WoW gearbeitet habe, dann habe ich WoW gespielt. Und jedes Mal, wenn ich WoW gespielt habe, hatte ich einen Notizblock neben mir auf dem Schreibtisch und mitgeschrieben, damit ich am nächsten Morgen „Diese Dinge hier müssen wir ändern“ sagen kann.
Für Kaplan war World of Warcraft deutlich mehr als nur ein Spiel. Es war sein ganzes Leben und entsprechend schwer war es, davon loszukommen:
Es war irgendwie schockierend, auf eine sehr negative, emotionale Art und Weise, sich von WoW zu lösen, denn das war so ein großer Teil von dem, wer ich war und womit ich mich selbst identifizierte als Spiele-Entwickler.
Ich bin durch einen kleinen Schock damals in 2008 gegangen. Als ich dann im April 2021 von Overwatch wegging, war ich daran schon etwas gewöhnt, an diesen Moment und was es bedeutet, alles von dir selbst, dein Herz, deine Seele in etwas zu geben – denn es ist nicht einfach nur ein Job. Es gibt niemanden, der das tun kann und für den das einfach nur ein Job ist. Und dann hast du diesen schockierenden Moment, wo du dir gewahr wirst, dass dir diese Sache nicht gehört. Es gehört dem Team, es gehört den Spielern, es gehört Blizzard, aber es gehört nicht dir.
Diese Erkenntnis müssen wohl viele Entwickler durchlaufen, dass sie lediglich Teil eines größeren Teams sind. Besonders bei Blizzard gab es ohnehin lange den negativen Ruf, dass man die Leidenschaft der Mitarbeiter gezielt ausnutzen würde (zu Zeiten des Sexismus-Skandals), auch wenn sich die Kultur in den letzten Jahren deutlich verändert haben soll.
Das ganze Interview ist es durchaus wert, vollständig gelesen zu werden.
Cortyn meint: Jeff Kaplan hat auf mich immer den Eindruck eines sehr korrekten Typen gemacht. Ein introvertierter Nerd, der für Videospiele brennt – nur eben noch deutlich extremer, als es die meisten Gamer sind. Wann immer er in Videos auftaucht oder ein Interview gibt, hat man den Eindruck, dass er offener und deutlich weniger durch „PR-Blabla“ verwässert sagt, was eigentlich Sache ist. Daher bin ich auch gespannt zu sehen, wie „The Legend of California“ wird und sogar geneigt, es zu spielen – obwohl ich mit Western gar nichts anfangen kann.
Ich bin auch bis heute der Meinung, dass die Vertreibung von Jeff Kaplan von Blizzard einer der größten Fehler des Unternehmens überhaupt war. Es gibt keinen Entwickler, der so stark diese Ich bin ein Gamer, so wie ihr
-Aura ausstrahlt, wie Kaplan. Wenn man solche Leute vergrault, ist es weniger verwunderlich, dass viele Spieler heute (oft zu Unrecht), den Entwicklern vorwerfen, dass sie ihre eigenen Spiele nicht spielen würden. Für mich ist Kaplan immer ein Inbegriff des alten Blizzard – aber stattdessen haben wir nun ein Blizzard für Alte.
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Kommentare
Das ist aber sehr freundlich ausgedrückt für Teile seines damaligen Verhaltens 🙂