Ein kleines Steam-Spiel sorgte dafür, dass ich mich 3 Stunden lang mit einem Bot unterhalten habe

Ein kleines Steam-Spiel sorgte dafür, dass ich mich 3 Stunden lang mit einem Bot unterhalten habe

Es ist 2008 und der AOL Instant Messenger ist tot. Mit diesen Worten begrüßt einen die etwas skurrile Simulation Emily is Away <3 und möchte euch damit zu Facebook bewegen, denn das ist der heiße Trend im Jahr 2008, in dem ihr euch ab jetzt befindet. MeinMMO-Autor Mark Sellner hat die Zeitreise für euch gewagt und ist begeistert.

Emily is Away <3 ist ein seltsames Spiel. Um diese Aussage treffen zu können, genügt ein kurzer Blick auf die Steamseite des Geheimtipps. Was mich dort begrüßt, ist ein sehr pixeliges Profilbild, ein seltsam aussehendes Facebook-Logo in einem Browser, der an Windows-XP-Zeiten erinnert.

Gepaart mit dem Untertitel des Spiels „Es ist 2008 und AIM ist tot“. Für die jüngere Generation erklärt: AIM steht für AOL Instant Messenger, der war so etwas wie WhatsApp, bevor es Smartphones gab und in weniger praktisch und schön, benutzt haben ihn trotzdem echt viele Leute. Bis dann irgendwann Facebook groß wurde.

Und genau in diese Zeit zieht euch Emily is Away <3 zurück, denn das gesamte Spiel findet in einer Facebook-Oberfläche aus dem Jahr 2008 statt. Ihr spielt euch selbst in den letzten Jahren eurer Highschool-Karriere und habt euch soeben auf Facenook angemeldet, wie immer viel später als alle anderen.

Bei Facenook handelt es sich nicht um einen Tippfehler, so heißt die Ingame-Version der Plattform und somit euer Spiele-Hub. Abseits davon gibt es aber auch Playlists auf YouToob und eine Menge Chats.

So viel kann man den Screenshots auf Steam entnehmen und genau so viel hat auch gereicht, um mich zu der Investition von 8,19 € hinreißen zu lassen und Emily is Away <3 auszuprobieren.

Dein politischer Onkel regt sich über Veganer auf

Das Spiel startet und ich sehe eine Facebook-Timeline, die meiner heutigen recht ähnlich sieht. Der Titel blendet mir Postings einer „Wein trinkenden Mutter“ und meines politischen Onkels, der Veganer nicht so knorke findet, ein. Auf diese darf ich dann, wie das heute auf Facebook so ist, mit einem Emoji reagieren.

Bevor ich das erledige, darf ich mir sogar aussuchen, ob ich auf einem Windows oder einem Mac spielen möchte. Das ändert die Standardhintergründe und den Mauszeiger, um die Zeitreise zu perfektionieren.

Habe ich das getan, kann ich mir meine Erinnerungen anzeigen lassen, woraufhin Emily is Away <3 mit mir in das Jahr 2008 springt und ich mich erstmals bei Facenook anmelden darf. Ich suche mir also einen Namen und ein Profilbild aus, registriere mich und bin mittendrin.

Vor mir ist das leere Facenook-Profil von Mark, der noch ein bisschen dabei verzweifelt herauszufinden, was das Spiel jetzt eigentlich von ihm will. Wenige Sekunden später erhalte ich eine Freundschaftsanfrage von Mat Gursky, ich nehme an und er schreibt mir sofort.

Das Facenook von heute, ist einfach nicht so cool, wie früher

Wir scheinen gute Freunde zu sein, denn er freut sich mit dem Charme von 2008er-Teenie-Internet-Sprache darüber, dass ich endlich auch auf Facenook bin. Wir chatten eine Weile über die Schule und über unsere gemeinsamen Freunde Evelyn und Emily.

Offensichtlich gehen wir gemeinsam auf eine Party, ich muss mich nur noch entscheiden, zur welcher. Kurz darauf muss Mat auch schon wieder los, er meldet sich ab und ist dann auch nicht mehr erreichbar. So war das eben Prä-WhatsApp in 2008. Eine Erinnerung, an eine Zeit, die man fast vergessen hat.

„Omgggggg du bist endlich da“

Lange habe ich keine Zeit dazu, in Nostalgie zu schwelgen, denn schon kommt die nächste Freundschaftsanfrage herein geflattert. Emily Singer möchte mit mir schreiben. Sie veranstaltet eine der Partys, auf die ich eingeladen werden soll. Gleichzeitig meldet sich auf Evelyn bei mir, die die andere Party schmeißt.

Es ertönt ein Geräusch, das ich Jahre nicht mehr hörte, aber dennoch seltsam vertraut klingt. Evelyn hat mich angestupst. Ich stupse zurück und grinse wie ein Depp in meinen Bildschirm. Emily schreibt mich übrigens auch sofort an und freut sich, mich endlich bei Facenook zu sehen.

Evelyn wählt den wahren 2008er-Weg des Erstkontakts und schreib mir ein freudiges „omgggggg Mark, du bist endlich da“. Ich fühle mich ertappt. In den Chats mit den verschiedenen Person des Games habe ich immer mehrere Auswahlmöglichkeiten einer Antwort.

So sehr in meine Schulzeit zurückversetzt, fühlte ich mich selten

Diese bieten aber stets genug Varianz und sind so formuliert, dass mir kaum auffällt, dass ich nicht frei tippen kann. Dazu trägt auch der Fakt bei, dass ich mir zwar eine Antwort aussuchen muss, die dann aber nicht einfach da ist. Viel mehr muss ich zufällige Tasten auf meiner Tastatur tippen und gebe somit die vorgefertigte Antwort selbst ein. Was anfangs noch nervt, sorgt für richtig viel Immersion und ist ziemlich super.

Gleichzeitig führe ich dann Chat-Gespräche mit Evelyn und Emily. Sie stellen mir Fragen und ich beantworte sie brav, so wie 2008-Mark das auch getan hätte. Immer wieder erwische ich mich dabei, wie ich mich durch die Profile der beiden fiktiven Frauen klicke, um auch ja das richtige zu antworten. Man möchte auf der Highschool schließlich gemocht werden. Auch Musik schicken mir die beiden, Links auf YouToob mit tollen Windows-Movie-Maker-Lyric-Animationen dahinter. Natürlich gefällt mir Kings of Leon – Sex on Fire (Lyric Video) BRANDNEW, Evelyn. Es ist von nun an mein Lieblingslied.

Wir tauschen Chat-Nachrichten aus, stupsen uns an und schreiben uns gegenseitig auf die Pinnwand. Emily muss leider irgendwann gehen, weil ihr Vater an ihren PC muss. Hier erwischt mich die Nostalgie schon wieder, herrlich. Sie bittet mich aber noch darum, einen Fragebogen auszufüllen, der total angesagt ist.

Auch YouToob sieht aus wie früher. Die Seite ist übrigens auch außerhalb des Spiels voll funktionsfähig (via emilyisaway.com).

Drama, dass du nie wieder erleben wolltest

Da mir Emily in den Stunden, die ich bereits mit beiden schrieb, wesentlich sympathischer war als die rebellische Evelyn, mache ich das natürlich. Ein bisschen suchen musste ich schon, um den Fragebogen überhaupt zu finden. Aber Emily selbst hat ihn auf ihrem Profil ausgefüllt, also kopiere ich ihn mir auf meine Pinnwand und fülle ihn aus.

Ich gebe bei einer der Fragen an, dass Evelyn und ich nur „Bekannte“ sind, nicht unbedingt Freunde. Ein Fehler, wie ich später merkte. Dass Evelyn diese Angabe nicht mögen wird, war mir von vorneherein klar, aber auch schlichtweg egal.

Doch sogar Emily spricht mich darauf an, ob ich Evelyn nicht leiden könnte. Es beginnt ein Drama, welches ganz genau so in meiner Schulzeit hätte stattfinden können. Genau so eines, über das man froh war, sie eigentlich nie wieder erleben zu müssen. Evelyn nervt mich, Emily ist enttäuscht, mein alter Kumpel Mat findet die Aktion auch nicht so pralle, und ich verstehe gar nicht, wieso er sich da jetzt einmischen muss.

Wenn ihr es richtig macht, unternehmen eure Freunde auch etwas mit euch.

Ihr ahnt es schon, aber zu diesem Zeitpunkt war ich bereits so tief in der Welt von Emily is Away <3 versunken, dass es kein Entkommen mehr für mich gab. Ich wollte wissen, wie es weitergeht, ob meine Avancen an Emily Früchte tragen würden, und ob Mat sich von seiner Freundin Kelly trennt.

Ohne es wirklich zu merken, wurde es in der echten Welt späte Nacht. Ich habe mich sage und schreibe 3 Stunden und 18 Minuten lang mit Bots unterhalten, ohne es zu merken. Mir war keine Sekunde langweilig und ich wollte gar nicht aufhören, musste aber am nächsten Tag früh raus.

Selbst daraus baut das Spiel aber eine Mechanik. Denn wenn ich meine Kapitel immer brav zu Ende spiele, so hört auch der Tag für mich auf, wenn das Kapitel endet. Ich kann also am nächsten Tag einfach weiterspielen und es fühlt sich sogar noch realer an. Denn auch für meine neuen, virtuellen Freunde ist ein gesamter Tag vergangen.

Die Schule, oder in meinem Falle Arbeit, ist vorbei, und man trifft sich abends auf Facenook und unterhält sich über seinen Tag. Während man unterwegs ist, geht das schließlich nicht, denn es ist 2008 und ein Klick auf die Internettaste seines Handys löst nichts außer pure Panik aus.

Am nächsten Tag schreibe ich wieder mit Evelyn, Emily und Mat. Sie zeigen mir Musik, erzählen mir den neuesten Tratsch über fiktive Mitmenschen, die ich gar nicht kenne. Ich bin aber so involviert, dass mir das kaum auffällt. Später lädt Emily mich dazu ein, bei ihr Mario Kart zu spielen, doch ich kann das Gespräch nicht weiter führen, weil ich im echten Leben Besuch bekomme.

Daher sorry Emily, ich muss offline für heute.

Fazit: Eine Zeitreise, die sich auch 2022 richtig lohnt

Die besten 8 Euro meines Spielejahres

Emily is Away <3 ist ein Anflug reiner Nostalgie. Zumindest für mich mit Baujahr 1995 spiegelt die Facenook-Simulation so ziemlich exakt den Alltag meines 18-Jährigen-Ichs wider. Die Charaktere und Dialoge überzeugen mit Tiefe und Humor, während eure Entscheidungen den Spielverlauf maßgeblich beeinflussen.

Ich habe zugegebenermaßen nichts von dem Game erwartet, außer einen witzigen Ausflug in das Facebook von 2008. Überrascht wurde ich dann von einer emotionalen Story und grandiosen Charakteren, die dafür sorgten, dass ich mich über 3 Stunden lang mit einem Bot unterhalten habe. Und traurig war, als der Bot offline gehen musste.

Das Spiel mag ein Geheimtipp sein, doch ich kann mich den 94 % positiven Steambewertungen nur anschließen und Emily is Away <3 fast jedem empfehlen, der ungefähr aus dieser Zeitperiode kommt. Es gibt wirklich hunderte kleine Details, die einen perfekt in das Facenook der 2000er Jahre zurückholen. Wer mit Chatten vor Zeiten von WhatsApp aber gar nichts mehr verbindet, hat vielleicht nicht so viel Spaß in der Simulation.

Wer noch zu einem älteren Semester zählt, kann übrigens auch die beiden Vorgänger Emily is Away und Emily is Away Too ausprobieren. Die gehen in der Zeit noch weiter als 2008 zurück und bauen auf das gleiche Konzept.

Mark Sellner
Freier Autor bei MeinMMO

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Nyan-chan

Naja, man hätte da ruhig erwähnen können, dass das der dritte Teil einer Reihe ist. Das „Herzchen“ steht da nämlich nicht ohne Grund im Titel und soll das damit signalisieren. 😉
Die Vorgänger habe ich sogar gespielt. Waren ganz nett.

T.M.P.

Nur vom Titel her hab ich jetzt aber auch nicht kapiert, dass das der dritte Teil einer Reihe ist.^^ Da wäre es natürlich interessant zu wissen, ob die selben Personen schon in der ersten Teilen vorkommen. Dann sollte man die wohl zuerst spielen, zwecks Immersion. =)

Nyan-chan

Man kann die Titel auch alle einzeln spielen, aber ja, das sind die gleichen Personen. Der erste Teil heißt „Emily is away“ und spielt vor Facebook, hauptsächlich auf den AOL Instant Messanger an (daher stammt auch der Titel, da dort ja immer stand „User X is online/away“. Im zweiten Teil „Emily is away too“ taucht dann auch Evelyn auf und es gibt auch hier schon youtube-links, die man geschickt bekommt und Facebookprofile zum stöbern. Und auch damals musste man natürlich schon die Antworten „austippen“, statt einfach nur anklicken, das fand ich in der Reihe schon immer ganz witzig ^^

Tehra

Richtig cooler Beitrag, danke dafür 😁.

Das hat mich sofort gecatcht und wird heute Abend gespielt, bzw besser „erlebt“.

Als kleiner Bonus, dieses Spiel gab es schon vor vielen Jahren einmal, durch deinen Artikel hast du es mir zurück ins Gedächtnis gerufen.

Mit dem schlichten Titel „Emily ist away“ (ohne das Herzchen)

Dort erlebt man eine ähnliche Sogwelt, nur in der Zeit von AIM ICQ und Co.

Also direkt die Generation davor.

….. Jetzt frag Ich mich, ist das vll sogar eine indirekte Fortsetzung 🤔

Huehuehue

Nicht nur indirekt

Nyan-chan

Ist eine Trilogie:
Teil 1: Emily is away
Teil 2: Emily is away too
Teil 3: Emily is away <3

Tehra

😱😱😱 das war mir gar nicht Bewusst.

Vielen Dank, noch mehr zum nachholen 😁

Skyzi

Die Japaner wäre damit schon zufrieden

Kornelius

Wird geladen für den Preis. Klingt ja echt Interessant.

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