WoW Classic ist die bessere Fantasy-Welt, aber Retail das bessere Spiel

Cortyn hat ein paar Unterschiede zwischen den beiden WoW-Versionen ausgemacht. Dabei lässt sich klar feststellen, wo die Vor- und Nachteile beider Spiele liegen.

Wer wie ich in den letzten Wochen viel Zeit in World of Warcraft Classic verbracht hat, aber zuvor auch viel in Battle for Azeroth („Retail“) unterwegs war, der wird sich vermutlich einige Fragen gestellt haben. Warum funktioniert der Reiz von Classic noch so gut? Was sind eigentlich die grundlegenden Unterschiede und warum ist das, was in Retail als unverzichtbar gilt, in Classic gar nicht notwendig? Warum macht Classic noch immer Spaß und gibt mir etwas, das ich in Retail nicht bekomme?

Die Frage hat mich beschäftigt und tat es auch gestern noch, als ich gerade Essenzen des Feuers in Classic farmte – nachdem ich in Retail meine Weltquests abgeschlossen hatte.

Essenzen des Feuers farmen. Yay. Fast.

Auf der Suche nach Spielern, denen es ähnlich ging, bin ich im Subreddit von WoW dann auf ein Zitat vom Nutzer Avanguardian gestoßen. Der sagte nämlich:

Classic ist ein Videospiel, das versucht, eine Fantasy-Welt zu simulieren.

Retail ist ein Videospiel, das nichts anderes will, als ein Videospiel zu sein.

Genau dieses Zitat fasst eigentlich perfekt zusammen, was ich fühlte und über Classic dachte – und lässt sich auch direkt an mehreren Beispielen belegen.

Die Welt von Classic basiert auf Fantasy-Logik

Ein Beispiel ist hier etwa die Kräuterkunde. Kräuter wachsen nicht nur in den Gebieten, die zum jeweiligen Level des Spielers und dem Gebiet passen, sondern dort, wo sie „logisch“ wachsen. So wächst Lila Lotus etwa immer in der Nähe von Ruinen und das auch in Ashenvale. Da man für den Lila Lotus die Kräuterkunde bereits auf 210 haben muss, wird das kaum ein Spieler beim Leveln in Ashenvale schon abbauen können, geschweige denn zu Tränken verarbeiten.

Ein weiteres Beispiel ist das Item „Verschmorte Verkabelung“. Das ist ein Gegenstand, den man vornehmlich in Gnomeregan bekommt, einem Dungeon für ungefähr Stufe 30. Allerdings braucht man diese Verkabelung auch für ein paar Ingenieurs-Rezepte auf Stufe 60, wie etwa den beliebten Reparatur-Bot. Aus „videospieltechnischer Sicht“ ist es komplett bescheuert, dass man so niedrigstufige Items für hochstufige Gegenstände benötigt. Aus Sicht einer Fantasy-Welt, die nach Fantasy-Logik und nicht nach Videospiel-Logik funktioniert, ist das allerdings sinnvoll.

Ein Level 20-Gebiet mit Kräutern, die für Stufe 50 gedacht sind.

In Retail sind solche Dinge relativ streng nach Videospiel-Logik sortiert. Ein Gebiet ist das aktuelle „Endgame“? Dann gibt es auch nur dort die spezielle Endgame-Ressource. Mir fällt auf Anhieb kein Beispiel ein, bei dem ich nochmal in einen alten Dungeon zurück müsste oder noch einmal ein altes Gebiet aufsuchen muss – es sei denn, eine der Kriegskampagnen-Quests führt mich dort hin.

Etwas ähnliches trifft auch auf die Gebiete von Classic zu. Diese Wirken schon von ganz alleine größer, weil man eben nur zu Fuß oder mit einem vergleichsweise langsamen Reittier unterwegs ist – geflogen wird erst recht nicht.

Wie schnell levelt ihr eigentlich in WoW Classic?

Meine Annahme ist sicher falsch, aber das Gefühl, das man bei den Gebieten in Classic hat, ist das folgende: Die Entwickler haben zuerst das Layout für das Gebiet als solches erschaffen und anschließend Dinge wie Ortschaften oder besondere Wegpunkte eingebaut. Die Spielwelt wirkt, als hätte es wirklich erst das Gebiet „Ashenvale“ gegeben und später hätten Nachtelfen und Orcs dort ihre Lager errichtet, um Teile des Gebiets nach ihrem Willen anzupassen. Das ging mir nicht nur in Ashenvale so, auch in Azshara, an der Dunkelküste und vor allem im Un’Goro-Krater hatte ich immer wieder den Gedanken, dass eine Fantasy-Welt so „natürlich“ entstanden sein könnte.

Azshara ist weitläufig und kaum unterteilt. Es wirkt wie eine „logische Fantasywelt“.

In Retail fühlt sich das anders an. Dort heben sich Siedlungen und „Landmarks“ deutlich von der Umgebung ab. Du siehst schon auf den ersten Blick, wo eine Siedlung ist oder was die große Bedrohung der Zone ist, die über allem thront. Dazu kommt, dass die Welt nicht wie „aus einem Guss“ wirkt, sondern jede Zone in kleine Unterzonen unterteilt ist, die sich oft nicht in ein Gesamtbild einfügt.

Innerhalb eines Gebiets gibt es „harte Grenzen“ und nur noch selten fließende Übergänge. Das passt gut, um den Spieler zu führen und durch eine Welt zu leiten, in der jedes kleine Untergebiet eine Handvoll eigener Quests hat. Zu Classic, in der ganze Zonen oft nur wenige Quests haben, hätte das einfach nicht gepasst.

In Classic musste man seinen Fokus selbst finden. Nicht selten lief ich eine Straße entlang um dann überrascht festzustellen: „Ach, hier war ja eine kleine Ansammlung von NPCs“. Die sieht man oft erst im letzten Augenblick und nicht schon aus der Ferne. Ihre kleinen Lager sind fest in die Umgebung integriert, ragen aber nicht überdeutlich aus dieser hinaus.

wow-classic-titel-01

Ich will damit nicht sagen, dass Retail schlechter ist als Classic – das ist es definitiv nicht. Es hat in seinen Gebieten einfach eine „cineastische“ Erzählweise, die darauf bedacht ist, die Story zu erzählen und bestimmte Punkte in den klaren Fokus zu rücken. Immerhin hat die riesige Eiskronen-Zitadelle in Nordend eine bedrückende, bedrohliche Präsenz und der verdorbene Shaladrassil in Val’sharah ist ähnlich einschüchternd.

Auch bleiben die Orte (meiner Meinung nach) deutlich besser in Erinnerung, weil ihre Präsentation häufig ein wichtiges Element in der Story der Quests ist.

Classic ist eine Fantasy-Welt, Retail ist ein Videospiel

Battle for Azeroth hat sich von vielen alten Konzepten längst verabschiedet. Man hat viele Dinge, die eine stimmige Fantasy-Welt ausmachen, zu Gunsten von sinnvollen Videospiel-Mechaniken geopfert. „Mythisch+“-Dungeons sind zum Beispiel eine sehr sinnvolle Erweiterung, wenn es um Videospiel-Aspekte geht. Immer neue Belohnungen mit immer schwierigeren Herausforderungen sind gut und geben den Spielern neue Ziele am laufenden Band.

Das gleiche gilt für mehrere Schwierigkeitsgrade in Raids. Wer den normalen Modus schafft, darf sich danach an „Heroisch“ versuchen oder sogar „Mythisch“, wenn er und seine Gilde besonders ehrgeizig sind.

In Classic war das nicht so. In Classic würde es gar keinen Sinn ergeben, dass Mobs aus einem Dungeon plötzlich neue Fähigkeiten erlernen oder schwerer werden, weil man einen Schlüsselstein dabei hat. Aus Story-Sicht ergibt das auch in Retail keinen Sinn, aber das ist nicht wichtig, denn Blizzard hat schon länger ein klares Motto: „Gameplay first“. Das Gameplay muss Spaß machen und alles andere muss sich dem unterordnen.

Das war in Classic einfach noch nicht so ausgeprägt und sorgt dafür, dass man nun zwei sehr unterschiedliche Spielwelten hat. Von daher finde ich es auch schwierig zu sagen, ob WoW Classic oder WoW Retail das „allgemein bessere Spiel“ ist. Das liegt wohl einfach an den eigenen Maßstäben.

Aus meiner Sicht ist WoW Retail das „Bessere Videospiel“, denn es gibt mir immer neue Aufgaben und stetig etwas zu tun. WoW Classic hingegen ist die bessere Fantasy-Welt, in der man sich verlieren kann und die nach Fantasy-Logik besser funktioniert. Ich mag beides.

WoW ist das perfekte Spiel für mich, wenn man Classic UND Retail zockt

Oder wie seht ihr das Ganze?

Ihr wollt mehr zum Spiel? Tolle Specials, heiße News und interessante Infos zu World of Warcraft findet Ihr auch auf unserer WoW-Seite auf Facebook.

Autor(in)
Deine Meinung?
Level Up (22) Kommentieren (1)
Passwort vergessen

Bitte gib Deinen Benutzernamen oder Deine Email-Adresse ein. Du erhälst einen Link, um ein neues Passwort per Email zu erstellen.