Die Reaktion vom Blizzard-Chef zu Hearthstone macht mich richtig wütend

Der CEO von Blizzard hat auf die Hearthstone-Problematik mit Blitzchung reagiert. Cortyn empfindet die Reaktion allerdings als schlechten Witz.

Die letzte Woche war für Blizzard ein ziemliches PR-Desaster. Aus einem eigentlich relativ unspektakulären Bann eines Hearthstone-Spielers wurde eine riesige Boykott-Bewegung, die mehrere Zehntausend Male in den verschiedensten Foren unterstützt wurde.

Nochmal kurz zur Zusammenfassung: Der Hearthstone-Spieler Blitzchung hat während eines Streams eine Gasmaske getragen und sich zu den Protesten in Hongkong bekannt. Blizzard hat den Spieler und die beiden Caster des Interviews daraufhin gesperrt. Blitzchung wurde für 1 Jahr gesperrt und sein Preisgeld einbehalten, die Caster wurden auf Lebenszeit gebannt.

Das sorgte für tagelange Aufschreie in den sozialen Medien, bis es eine Nachricht von J. Allen Brack, dem CEO von Blizzard, gab. Die Strafe wurde für Caster und Spieler auf 6 Monate reduziert, das Preisgeld wird ausgezahlt.

Dazu gibt es noch eine sehr lange Begründung zur „Urteilsfindung“ und immer wieder Blicke auf Blizzards „Core Values“, die Leitwerte des Unternehmens.

Doch die Reaktion des Blizzard-Chefs J. Allen Brack auf die Proteste der Fans ist dürftig und aus meiner Sicht schlicht unglaubwürdig.

Vorweg: Ich verstehe nicht alle Feinheiten des China-Hongkong-Konflikts und will auch gar nicht den Eindruck erwecken, in dieser Situation eine Expertenmeinung beitragen zu können. Das Thema ist politisch hochbrisant und es auf „Hongkong will frei sein und China will Hongkong in den Staat integrieren“ herunterzubrechen wäre eine arge Verknappung der Sache. Darum soll es also auch nur ganz am Rande gehen.

Blizzards Statement ist reine Schadensbegrenzung ohne Wert

Auf den ersten Blick ist das Statement von J. Allen Brack nichts Besonderes. Er äußert sich zu den „Core Values“, also den Leitwerten des Unternehmens und sagt, dass man klar zu diesen stehe. Dann erklärt er in vielen Einzelschritten, warum man geurteilt hat, wie man geurteilt hat und was nun geändert wird.

Meine Lieblingspassage ist die Folgende (übersetzt):

Bei Blizzard verfolgen wir die Vision „die Welt durch epische Unterhaltung zusammenzubringen“. Und wir haben Leitwerte die hier gelten: ‚Denke global‘, ‚Führe verantwortungsvoll‘, und wichtig: ‚Jede Stimme zählt‘, womit wir alle dazu anregen wollen, ihre Sichtweise mitzuteilen. Unsere Handlungen am Wochenende haben dazu geführt, dass Leute hinterfragen, ob wir noch zu diesen Werten stehen. Das tun wir absolut und ich werde das erklären.

Doch genau das tut er dann nicht: Brack erklärt eben nicht, wie Blizzard zu diesen Grundwerten steht.

Etwas überspitzt ausgedrückt sagt er quasi, dass jeder seine Meinung mitteilen soll, aber bitte nur auf anderen Kanälen. Wenn man die Meinung und Sichtweise nur auf Kanälen mitteilen darf, die nicht zum Unternehmen gehören, dann ist das schlicht kein Leitwert des Unternehmens.

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J. Allen Brack – der Chef bei Blizzard.

Im Rest des Statements geht es vor allem darum, dass Blitzchung sein Geld erhalten soll, weil er fair gespielt hat und dass die Strafen gelockert wurden. Außerdem erklärt er die Rollen aller Beteiligten – also Caster und Spieler – sehr detailliert und was ihre Aufgaben in einem Stream sind.

Das komplette Statement im englischen Original könnt ihr hier selbst lesen.

Übrigens: Das Statement ist in keinster Weise ein Schuldeingeständnis oder ein Entschuldigung, was sich viele Spieler gewünscht hätten. Es gibt keine Worte wie „Wir bitten um Verzeihung“, „Es tut uns Leid“ oder „Wir haben einen Fehler gemacht“. Und genau das wird gleich noch wichtig.

Zusammengefasst möchte Blizzard keine Plattform für „umstrittene soziale und politische Ansichten“ sein und werde das auch weiterhin durch die Turnierregeln durchsetzen.

So weit so logisch und eindeutig. Oder?

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Chinesisches Statement sagt genau das Gegenteil

Was so manch einer nicht weiß ist, dass das Statement von J. Allen Brack nicht das einzige ist, was von Blizzard veröffentlicht wurde.

Über den chinesischen Dienst Weibo hat der offizielle Hearthstone-Account von Blizzard ebenfalls eine Stellungnahme abgegeben. Blizzard agiert in China mit dem Partner Netease, was aber dennoch das Sprachrohr von Blizzard ist. In diesem Beitrag heißt es, dass man „sehr wütend“ über das sei, was vorgefallen war. Doch vor allem der letzte Satz ist besonders eindrucksvoll, denn der heißt übersetzt:

Wir werden den Stolz unseres Landes immer respektieren und verteidigen.

Wenn man sich als neutrales, global operierendes Unternehmen positionieren will, dann ist es mehr als fragwürdig, wenn eine der eigenen Aussagen ist, „den Stolz des Landes“ zu verteidigen.

Das ist auch der Community aufgefallen. Der entsprechende Post existiert noch bis heute und wurde nicht gelöscht. Es ist ziemlich einfach zu sagen, dass man politisch neutral ist, wenn man in den entsprechenden Ländern dann Partei ergreift, wo das gewünscht ist, um die Regierung zu besänftigen.

Das ist nicht neutral. Das ist nicht unpolitisch.

Merkwürdigkeiten am Statement selbst

Hinzu kommen ein kleine Details, für die man vielleicht die Alu-Hüte etwas enger schnallen muss. So ist die Veröffentlichung von Bracks Statement auf den 12. Oktober datiert. Allerdings war es zum Zeitpunkt der Veröffentlichung in Amerika noch der 11. Oktober. In einigen anderen Zeitzonen – wie etwa China – war bereits der 12. Oktober angebrochen.

Außerdem sagen viele englische Muttersprachler, dass sich das Statement von Brack komisch liest. Es würde Formulierungen und Wendungen enthalten, die man so eigentlich nicht benutzt, wenn man ein Muttersprachler ist.

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Ist alleine das schrecklich? Nein. Es ist nur logisch, dass man sich bei so einem Vorfall mit den Partnern in China trifft und eine Strategie abspricht und genau abwägt, was man sagt. Doch das verstärkt den Eindruck, dass es sich nicht wirklich um die Worte des Blizzard-Chefs handelt, dessen Meinung man unbedingt hören wollte, sondern um ein sorgsam mit dutzenden Personen formuliertes Papier, das alle Seiten besänftigen und niemanden verärgern soll.

Genau das würde auch erklären, warum das Statement in keinem Punkt von einem Schuldeingeständnis spricht oder davon, dass man einen Fehler gemacht habe. Denn das könnte ja wieder so gewertet werden, dass man „gegen China“ sei.

Generell hatte Blizzard 2019 ein Jahr voller Shitstorms.

Keine Politik in Blizzard-Spielen und deren Streams?

Auch eine andere Haltung finde ich ein bisschen verlogen.

Ja, die Grandmaster haben einen Vertrag unterschrieben, in dem drinsteht, dass Strafen fällig sind, wenn sie Aussagen treffen, die irgendeine Gruppe beleidigen könnten. Diese Klausel ist aber so offen formuliert, dass Blizzard im Grunde jeden Satz so auslegen könnte, wenn sie wollen.

Hier im speziellen Falle mit der Politik wäre es wohl eindeutig gewesen.

Aber diese Abwesenheit von Politik hält Blizzard in den eigenen Veranstaltungen sonst auch nicht ein. Politik ist einfach ein Thema, das so ziemlich jedes Event durchzieht, vor allem bei einem global agierenden Unternehmen. Ein Beispiel? Blizzard und vor allem Overwatch hat den „Pride-Day“ recht stark gefeiert. Da geht es vornehmlich um die Rechte und Gleichbehandlung von LGBTQ+-Personen.

Während ich persönlich die Positionierung und die Unterstützung, auch etwa durch die Lore von Overwatch, absolut begrüßenswert finde, ist das doch ein politisches Statement. Ich glaube, dass man in Russland oder anderen eher konservativ geprägten Ländern damit durchaus eine Bevölkerungsruppe verärgert hat.

Blizzard: „We are not a platform for social or political views.“ Also Blizzard: from r/hearthstone

Dennoch dürfen Caster in den Regenbogen-Farben moderieren und die Overwatch-League hat sogar vor Ort Schweißbänder in den Pride-Farben verteilt.

Und genau deshalb finde ich das Statement von J. Allen Brack so ärgerlich. Politik und politische Statements sind immer Teil der Spiele-Umgebung gewesen, mal mehr und mal weniger deutlich. Warum ist ein Pride-Armband in Ordnung aber der Ruf nach „Free Hongkong“ ist es nicht? Beides ist definitiv politisch.

Die Antwort ist zumindest für mich recht klar: Mit der Unterstützung der Pride-Bewegung ist man ohnehin vorwiegend auf Seiten den Fans. Die überwiegende Zahl der jungen Generation dürfte so etwas unterstützen und gutheißen.

Mei wurde zu einem Symbol des Protestes gemacht – aus Boykott gegen Blizzard.

Mit „Free Hongkong“ hat man allerdings die Sorge, den Zugang zu einem Markt zu verlieren, weil in China der Staat nur einmal den Daumen nach unten wandern lassen muss und Blizzard verliert komplett den Zugang zum ganzen Land.

Wenn J. Allen Brack sich also hinstellt und sagt, dass man keine Plattform für „umstrittene soziale oder politische Ansichten ist“, dann ist das in meinen Augen nur eines: heuchlerisch.

Ich kann absolut nachvollziehen, dass Blizzard den chinesischen Markt nicht verlieren will und deswegen so handeln, wie sie eben handeln. Aber versucht doch nicht den Rest der Welt für dumm zu verkaufen. So blöd sind eure Spieler dann doch nicht.

Oder wie seht ihr das Ganze?

So reagiert Blitzchung, nachdem Blizzard den Hearthstone-Bann lockert
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