E-Sport und Gemeinnützigkeit: Vom Scheitern der Politik

Warum „E-Sport“ nicht gleich „E-Sport“ bedeutet, erklärt unser Gast-Autor und Experte Timo Schöber – Leiter der Denkfabrik Esportionary – an einem aktuellen Beispiel in der Politik.

Die CDU/CSU-Fraktion des deutschen Bundestages hat am 16. Juni 2020 ein Positionspapier (via cducsu.de) zum Ehrenamt in Deutschland vorgelegt. Was für E-Sport im ersten Moment weniger relevant klingen mag, ist mit einer hohen Wichtigkeit für den elektronischen Sport verbunden. Unter Punkt 2.6 des Papiers heißt es, dass E-Sport in der Abgabenordnung (§52 AO via gesetze-im-internet.de) ergänzt werden soll, konkret im zugehörigen Anwendungserlass. Dabei grenzt die Fraktion diese Ergänzung aber ein, so heißt es in dem Papier: „E-Sports fällt unter den Begriff Sport, soweit es sich um elektronische Sportsimulationen handelt“.

Verschiedene Stellen haben diesen Schritt Richtung E-Sport grundsätzlich begrüßt, beispielsweise der eSport-Bund Deutschland (via gameswirtschaft.de) (ESBD), gleichzeitig aber auch darauf hingewiesen, dass die Eingrenzung auf Sportsimulationen nicht zielführend ist.

Warum der Vorstoß der CDU/CSU-Bundestagsfraktion eher ein Schritt in die falsche Richtung ist, wird im Folgenden dargelegt.

Über den Autor: Timo Schöber ist Autor des Bestsellers „Bildschirm-Athleten“. Darüber hinaus ist er als Dozent der Europa-Universität Viadrina und Leiter der Denkfabrik Esportionary forschend tätig. 
Timo Schoeber

E-Sport versus eGaming: Adaption der DOSB-Haltung

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) unterteilt das wettbewerbsorientierte Spielen von Videogames in zwei Kategorien:

  • E-Sport: Sportsimulationen, wie FIFA oder NBA2k.
  • eGaming: Alle Videospiele außer Sportsimulationen, etwa League of Legends und Counter-Strike: Global Offensive.

Diese Unterteilung ist vielfach kritisiert worden, nicht zuletzt, weil der DOSB E-Sport nicht aufgrund dessen klassifiziert, was vor dem Bildschirm stattfindet, sondern anhand unterschiedlicher Genres. E-Sport definiert sich durch Wettbewerbsorientierung, Training, Leistung und sportliche Aspekte. Dabei ist es unerheblich, welches Genre gespielt wird. E-Sport unterscheidet sich vom Gaming durch das, was vor dem Bildschirm stattfindet: Hohe APM-Zahlen (Aktionen pro Minute), Multitasking, Vorbereitung auf Wettbewerbe und Gegner, ganzheitliche Trainingspläne, Ausgleichssport, Ernährung und so weiter.

Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion adaptiert offensichtlich die Haltung des DOSB. Damit schwächt das Positionspapier E-Sport insgesamt, weil die Ansichten des größten deutschen E-Sport Kritikers (DOSB) übernommen worden sind. Allem Anschein nach scheint die Sportlobby in Berlin hervorragende Arbeit geleistet zu haben.

So ganz dann aber auch nicht: Es heißt, dass E-Sport unter den Sportbegriff fallen würde, wenn es um Sportsimulationen geht. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass anerkannt wird, dass E-Sport nicht nur aus Sportsimulationen besteht, sonst wäre der zweite Halbsatz obsolet. Das macht das Vorgehen der CDU/CSU-Bundestagsfraktion noch fragwürdiger: Wenn man weiß, dass E-Sport nicht nur Sportsimulationen ist, warum übernimmt man dann trotzdem die Haltung des DOSB bei der Unterteilung von Genres?

Nach der Fortnite-WM 2019 „disste“ eine Sportschau-Moderatorin eSportler und erntete einen Shitstorm. Sie wollte damit eine Diskussion anstoßen, wie sehr man E-Sport gleichbedeutend mit klassischem Sport sehen könnte.

Der falsche Fokus

Die politische Fokussierung auf Sportsimulationen gibt es in dieser Form nur in Deutschland. Sie ist nicht nur hinderlich bei Diskussionen zum Thema E-Sport, sondern sie zeichnet ein falsches Bild des E-Sports insgesamt.

Aktuell findet sich nur eine Sportsimulation unter den wichtigsten eSports- Titeln (via Esportsobserver). Hierbei gilt FIFA allerdings nur als Tier 3-Spiel. Das bedeutet, dass FIFA bei den „großen“ eSports-Disziplinen lediglich in der dritten Liga spielt. Die derzeitigen Tier 1-Spiele, also die wichtigsten eSports-Disziplinen, sind die MOBAs League of Legends und Dota 2, als auch die Taktikshooter Counter-Strike: Global Offensive und Rainbow Six Siege.

Studie sagt: eSports-Profis haben so viel Stress wie professionelle Football-Spieler

Dies untermalt ebenfalls die reine Profiszene. Die erfolgreichste Sportsimulation nach ausgeschütteten Preisgeldern ist FIFA 19 mit rund 3,3 Millionen US-Dollar in Summe. Zum Vergleich: Das The International 2019 in Dota 2, also ein einziges Turnier, hat über 34 Millionen US-Dollar an Preisgeldern verteilt. Das ist zwar ein Ausreißer nach oben, aber auch andere Spiele schütten bei einzelnen Turnieren deutlich mehr Preisgeld aus, als es FIFA 19 in Summe innerhalb eines Jahres geschafft hat, etwa League of Legends alleine bei bisher drei Turnieren.

FIFA 19, als erfolgreichster Serientitel der wichtigsten Sportsimulation im E-Sport, befindet sich im Übrigen auf Rang 28 aller E-Sport-Disziplinen, wenn man die ausgeschütteten Preisgelder betrachtet. Wenn man die vier erfolgreichsten Teile der FIFA-Serie kumuliert, dann steht FIFA immer noch nur auf Platz 14. Darüber hinaus sind in FIFA Pay-to-win-Aspekte (via esports.com) implementiert, die den eSports Status der Spielereihe zusätzlich herabsenken. Sportsimulationen sind ein Teil des eSports, aber mitnichten der wichtigste. Gerade MOBAs, Taktikshooter und Echtzeitstrategiespiele sind hier deutlich relevanter, ebenso wie das umstrittene Battle Royale Genre, das aufgrund der in ihm vorkommenden Zufallsfaktoren im eSports stark diskutiert wird.

Darum ist die Abgabenordnung wichtig

§52 der Abgabenordnung regelt gemeinnützige Zwecke. Mit einer Gemeinnützigkeit sind diverse Vorteile verknüpft, etwa steuerlicher Natur. Darüber hinaus bietet sie auch vielerlei indirekte Vorzüge, beispielsweise hinsichtlich der gesellschaftlichen Wahrnehmung. Wenn etwas offiziell als gemeinnützig gilt, dann wird dies von Menschen vielfach sehr positiv wahrgenommen.

Eine Gemeinnützigkeit ist aber auch aus politischen Gründen von großer Bedeutung. Zum einen, weil von gemeinnützigen Organisationen staatliche Fördertöpfe genutzt werden können, um Projekte von gesellschaftlichem Nutzen voranzutreiben.

Zum anderen, weil etwas, das gemeinnützig ist, im politischen Diskurs anders wahrgenommen wird und anders auftreten kann, als etwas, das diesen Status nicht hat. Das bedeutet, dass etwa die Debatte (via Zeit.de), ob eSports Sport sei oder nicht, mit neuem Leben erfüllt werden könnte – was eine gesonderte Erwähnung von eSports in der Abgabenordnung gänzlich überflüssig machen würde. Schließlich ist Sport ein gemeinnütziger Zweck (§52, Absatz 2, Nummer 21 AO).

E-Sport ist gemeinnützig

Die mediale Berichterstattung beschäftigt sich vorwiegend mit dem Profi-E-Sport: Volle Hallen, hohe Preisgelder, gut bezahlte Profis. Dabei ist dies nur die Spitze des Eisbergs. E-Sport ist vorwiegend eine Sportart des Breitensportbereichs (via t3n.de). Breitensportler sind in aller Regel auch Fans von Profiorganisationen und Spielern. Sie kaufen Merchandise-Artikel, besuchen Events und finanzieren Wettbewerbe, etwa durch Ingame-Käufe von Spielinhalten. Sie bringen Leidenschaft und Herzblut in den E-Sport und schaffen dabei gleichzeitig eine riesige Basis, ein Fundament an Fans ohne die der vergleichsweise in absoluten Spielerzahlen kleine Bereich Profisport nicht möglich wäre.

Auf Basis dieser Leidenschaft haben sich in den vergangenen Jahren deutschlandweit zahlreiche Breitensportvereine im E-Sport gegründet. Sie bringen das Thema in die Gesellschaft. Sie bieten Fortbildungen in den Bereichen der Medienkompetenz und der Jugendarbeit. Sie schaffen in Form von Vereinsheimen Sozialisierungspunkte, um E-Sportler aus ihren Zimmern in die Gemeinschaft des Vereins zu holen.

Sie klären Eltern, Schulen und Hochschulen zum E-Sport auf. Sie unterstützen Studierende bei Abschlussarbeiten und stellen selbst Forschungsprojekte auf die Beine. Sie veranstalten Turniere und Events für jedermann, oft in Zusammenarbeit mit zum Beispiel Jugendringen. Sie organisieren Charity-Veranstaltungen, um die eigene Region zu unterstützen.

Sie bieten Trainingspläne an und begleiten Jugendliche beim E-Sport, indem sie beispielsweise aufzeigen, dass Ausgleichssport wichtig ist und die Schule vor dem E-Sport steht. Sie vernetzen sich mit lokalen und regionalen Unternehmen und traditionellen Sportvereinen. Auch viele solcher Sportvereine erkennen die Chancen des E-Sports, etwa bei der Gewinnung von Nachwuchs – und schaffen deshalb eigene E-Sport Sparten.

All dies ist gelebte Gemeinnützigkeit, gerade im Breitensport häufig für die eigene Region oder das eigene Bundesland.

Fazit

Der „Vorstoß“ der CDU/CSU-Bundestagsfraktion ist im Grunde ein Rückschritt, weil man sich fast vollständig dem DOSB angleicht. Dies wird einerseits die Fronten verhärten, die zwischen vielerlei Parteien im E-Sport und im Sport bestehen. Andererseits bleibt die Rechtsunsicherheit für traditionelle Sportvereine mit E-Sport Sparten bestehen: Verlieren sie ihre Gemeinnützigkeit, weil sie nicht nur FIFA und NBA2k anbieten, sondern auch E-Sport Titel wie League of Legends und Counter-Strike: Global Offensive?

Die Würdigung des E-Sports als Sport, als auch die Anerkennung der gemeinnützigen Leistungen von Breitensportlern und Vereinen wird so jedenfalls nichts. Das ist nicht nur schade, sondern ein Schlag ins Gesicht für all jene, die sich Tag für Tag für den E-Sport, die Gesellschaft und die Jugend in diesem Bereich einsetzen. An dieser Stelle ist die Politik, wenn es dabei bliebe, deutlich gescheitert. Vor allem, wenn man bedenkt, dass die CDU/CSU als Regierungsparteien im Koalitionsvertrag (via Welt.de) von 2018 noch Folgendes vereinbart hatten: „Wir erkennen die wachsende Bedeutung der eSport-Landschaft in Deutschland an. Da eSport wichtige Fähigkeiten schult, die nicht nur in der digitalen Welt von Bedeutung sind, Training und Sportstrukturen erfordert, werden wir eSport künftig vollständig als eigene Sportart mit Vereins- und Verbandsrecht anerkennen und bei der Schaffung einer olympischen Perspektive unterstützen.“    

Die Betonung liegt auf „vollständig“.

An anderen Stellen geht es im E-Sport weiter nach vorne. Erst im Dezember 2019 ging Deutschland einen wichtigen Schritt in Richtung Gaming- und E-Sport-Land.

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9 Tage zuvor

Schöner Artikel!
Mir gefällt vor allem, wie einmal die Wichtigkeit des Breitensports betont wird. Das gilt auch für andere Sportarten. Auch andere Randsportarten neben E-Sport werden in Deutschland so schlecht gefördert, dass sie den Breitensport gar nicht fördern können. Dadurch kommen (bzw. bleiben) aber weniger Leute in den Vereinen, es fehlt an Helfern für Events des Profisports und Trainern. Ehrenamt wird eh nicht mehr gewürdigt, vor allem macht da die Politik es den Leuten immer schwerer. Der Bekanntheitsgrad des Sports wird kaum größer.
Da gehört so viel geändert zu Gunsten kleiner Sportarten und ihrer Sportler. Das jetzt ist nur wieder ein Schritt in die falsche Richtung, zeigt meiner Meinung nach wieder die Sparpolitik und den Geiz unserer Regierigen. Wieder mal tun sie so, als würden sie eine ganze Menge Leute fördern, aber wenn man genau hinschaut, werden da so viele abgespalten, die eigentlich dazugehören müssen und die die Förderung vor allem bräuchten.

Heimdall
10 Tage zuvor

Die oberste Chefin der CDU hat vor nicht allzu langer Zeit ein schönes Zitat geprägt, welches perfekt zu CDU/CSU passt.
[…]Das Internet ist Neuland für uns.[…]
Wer nun erwartet hat, dass von dieser Partei was sinnvolles kommt, der hat Söder, Merz, AKK und die Flintenuschi scheinbar komplett verpasst.
Die CDU/CSU kann man komplett vergessen. Da wird nie was gutes bei rumkommen

VA771
10 Tage zuvor

Bei allem gebotenen Respekt – aber das Zitat passt wie Ar… auf Eimer zu diesem Land.

Manch einer da draußen glaubt, die Fähigkeit sein Frühstück unfallfrei fotografieren zu können, qualifiziere ihn als Digital-Experten.
Wenn ich mir viele Foren-Beiträge, nicht auf diesen bezogen, ansehe – dann sind da Personen, welche jegliche soziale Umgangsformen vermissen lassen. ‚Weil is‘ ja inet‘

Der Großteil hat überhaupt keine Ahnung, und will sich auch gar nicht damit beschäftigen, warum Sicherheit oder Verhaltensregeln im Netz sinnvoll sein könnten.

Die Empörung über Datenmissbräuche wird allerdings immer gekonnt inszeniert – es gibt eben für alles ’nen passenden Filter.

Mike
10 Tage zuvor

Das Problem ist also, dass man einen Vorwand/Abgrenzung sucht, um das nicht fördern zu müssen ? Eigentlich muss ich sagen, dass ich es ganz gut finde, dass sich DOSB so eindeutig positioniert. Dann brauch ich da keine Zeit mehr verschwenden.

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