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Revelation Online Test: Wie Omas Apfelkuchen – Neues F2P-MMORPG

Das neue Free-to-Play-MMORPG Revelation Online ist seit einer Woche in der Open Beta für alle zugänglich. Der Fortschritt wird nicht mehr gewipet, man kann Revelation Online also als „veröffentlicht“ sehen. Was für einen Eindruck macht Revelation Online nach einem ersten Test?

Revelation Online befindet sich im Softlaunch, also der Form der Veröffentlichung, in der sich Publisher aus allen Unzulänglichkeiten herausreden können – man ist ja noch nicht offiziell veröffentlicht. Spieler können aber dank ausbleibendem Charakter-Wipe bereits erfolgsorientiert spielen und in den Ingame-Shop investieren. Und warum hat es den alten zynischen Erzkanzler dann trotzdem gefesselt? Ein Erklärungsversuch.

Revelation Online ist ein Phänomen, es ist unnötig komplex, ziemlich repetitiv, einige Spieler empfinden es gar als grafisch nicht ansprechend und der von mir als „Awesomenes-Faktor“ bezeichnete Anteil neuer Features, die das Genre neu definieren sollen, ist gleich Null. Aber all das hält mich nicht davon ab, mit erschreckender Regelmäßigkeit einzuloggen und echt Spaß zu haben. Revelation ist Fastfood.

Man brauch es nicht, so richtig gut ist es eigentlich auch nicht aber es macht Spaß. Hinterher fühlt man sich zwar irgendwie dreckig und versucht sich einzureden, es wäre nur ein einmaliger Ausrutscher gewesen -ab Morgen nur noch kulturell hochwertige Spielekost mit Alfalfa-Sprossen. Doch dabei wird’s nicht bleiben …

Revelation Online – Die volle Daily-Dröhnung

Um es vorweg zu nehmen Revelation Online ist eine Aneinanderreihung von täglichen Quests. Wer ein Sandbox-MMO oder gar ein questgetriebenes Story-MMO erwartet, hat nicht mal nur den Hauch einer Chance, in diesem Spiel glücklich zu werden.

Revelation Online bietet andere Inhalte, diese dafür dann aber fast schon als Essenz: konzentriert und kompromisslos.

Den Spieler erwarten täglich diverse Solo-und Gruppen-Instanzen, ein angeblich bockschwerer Raid und „Level“-Instanzen nach dem Schema: Töte 200 Monster. Dazu gesellen sich kurze, sich wiederholende Open-World-Quests á la: „Töte X, sammle Y“. Weiter geht’s mit Gildenquests, PvP-Quests sowie Fressen und Saufen im Wellness-Bereich.

Ja, richtig gelesen, eine tägliche Quest lautet: Stehe 15 Minuten AFK in den heißen Quellen, schlag dir den Bauch voll und trinke Alkohol! Wer Lust, hat kann dabei auch noch im Unterhemd am Wasser sitzen und (afk-) Angeln. Ziemlich ideal, um sich im realen Leben ein Ei in die Pfanne zu hauen und ein Bierchen zu öffnen. Anschließend geht es dann gesättigt ans Abarbeiten der Questliste.

Quests – kann man machen, muss man aber nicht

Diese Liste besteht aus allen oben aufgezählten Aktivitäten und man bekommt sie jeden Tag erneut vorgelegt. Will man sie komplett abarbeiten, kommen schon einmal 4-6 Stunden Spielzeit zusammen. Vor allem, wenn man auf die Gruppensuche zurückgreifen muss. Ein Großteil der Aufgaben ist aber nicht allzu wichtig, man kann also getrost auch mal nur die zwei oder drei bedeutendsten erledigen Quests und danach den MMO-Gott einen guten Mann sein lassen.

Man ist nicht gezwungen, täglich jede Quest akribisch abzuarbeiten, aber wer unter einer buchhalterischen Zwangsneurose leidet, sollte entsprechende Spielzeiten einplanen.

Langweilig wird es vorerst somit eher selten. Es gibt diverse Aufgaben die alle letztlich darauf abzielen, seinen Charakter weiterzuentwickeln, wenn auch teilweise in überschaubaren Babysteps.

Dungeon-Finder mit Mängeln

Ganz ohne Makel kommt aber auch dieses System nicht daher, denn leider haben die Entwickler beim Dungeonfinder vermeidbare Fehler gemacht. Instanzen gibt es in diversen Schwierigkeitsstufen (trail/easy/hard/expert usw.). Jene sind dann teilweise noch unterteilt, so gibt es einige Instanzen etwa in drei Expert-Stufen. Nach welchem Prinzip die Entwickler nun entschieden haben, wofür es Warteschleifen gibt und wofür nicht, bleibt mir schleierhaft.

Für viele Instanzen kann ich mich einfach im Tool anmelden und fröhlich durch die Welt rennen, etwa um Rufquests zu machen, zu Angeln oder was auch immer. Wenn sich eine Gruppe gefunden hat, kann ich mich direkt luxuriös in die Instanz teleportieren lassen. Wird der Schwierigkeitsgrad aber höher, gibt es diesen Luxus nicht mehr.

Möchte ich also eine Gruppe für eine Instanz im Expert*** Schwierigkeitsgrad finden, bin ich gezwungen vor der Instanz zu stehen und mir eine Gruppe im Chat zu suchen … das macht wenig Spaß, gerade wenn die Levelunterschiede der Spieler in der Anfangsphase des Spiels noch stark variieren, kann das auch mal eine Dreiviertelstunde dauern.

Zeit die man sinnvoller hätte nutzen können, und sei es mit Alkohol im SPA-Bereich. So stellt sich mir oft die Frage, ob ich mir eine Gruppe suche oder lieber Solo-Content abarbeite. In beiden Fällen hab ich das Gefühl, Zeit sinnlos zu verschwenden. Natürlich kann man dieser Unannehmlichkeit durch einen Gildenbeitritt entgegenwirken. Aber, wenn man schon ein Dungeonfinder anbietet, sollte er doch wenigstens eine sinnvolle Erweiterung darstellen.

Die Leiden der jungen Okkultistin

Die Instanzen sind in den unteren Schwierigkeitsgraden kaum der Rede wert. Wenn sich die Gruppe nicht ganz dusselig anstellt, geht das auch mit mir als Tank. Je höher man sich im Schwierigkeitsgrad vorkämpft, desto wichtiger wird Equipment und eine vernünftige Gruppenzusammensetzung. Mein erster Ausflug in einem Expertendungeon mit Dreistern-Wertung zeigt: Mit Faceroll-Taktiken wird man an seine Grenzen kommen.

Nur ein Beispiel: Ich kite 3 Ads und habe einen DoT auf mir ticken, ergo muss ich mich entweder heilen – was schwer ist, weil ich wie ein angestochenes Huhn vor meinen Häschern fliehe – oder mich heilen lassen. Was wiederum auch nicht so einfach ist, weil der Heiler gerade lieber unseren Tank am Leben erhalten möchte. Also werf ich mir ein Heilfeld vor die Füße. Dafür muss ich aber kurz stehenbleiben und verschätze mich grandios!

Nicht genug Abstand! Also klöppeln mir die Ads schön alle einmal in den Rücken. Da meine Rüstung als Okkultist mäßig ist, rutscht mein Lebensbalken unter 30% HP. Und das ist gar nicht gut. Denn der Bossgegner ist aufmerksam! Egal wie viel Aggro der Tank aufgebaut hat, fällt jemand unter 30% Leben, springt ihn der Boss an wie ein Frettchen auf Angle Dust!

Bosse im Blutrausch!

Hat der betreffende Spieler keinen Schutz-Buff oder Ähnliches, trampelt der Boss das Gesicht des Betreffenden in den Instanzboden. Leider war ich der Einzige, der mir ein Schild hätte zaubern können, aber nur wenn meine Einstimmung aufgeladen gewesen wäre. Und beim Kiten baut man eben keine Einstimmung auf. Das Ende vom Lied: Boss frühstückt mich, Ads frühstücken Heiler und dann den Tank.

Als Nachtisch dann noch ein paar Damagedealer, man kennt das. Es geht aber auch einfacher. Wer im 20-Meter-Radius des Bosses steht, wenn dieser seinen AoE raushaut, kann schon einmal die Münzen für den Fährmann ins Totenreich rausholen. Dass überlebt man nur als Tank, mit gutem Equipment oder mit viel Heilung.

Revelation Online – Nostalgie-Bonus

Alles in allem ist Revelation Online also althergebrachte MMO-Instanzkost wie wir sie aus guten alten Zeiten kennen. Langweilt mich das? Nein!

Nach Jahren innovativer, sich gegenseitig überbietender Spielmechaniken empfinde ich diese klassische Rückbesinnung als entspannend, vertraut und vielleicht habe ich sie sogar vermisst. Eine Holy-Trinity aus Tank, Heiler und DD hat etwas Vertrautes, Beruhigendes und ist ein wenig wie Omas Apfelkuchen – vielleicht nicht das innovativste aber man genießt es.

Revelation Online – Warum einfach, wenn es kompliziert geht?

Wirkt Revelation am Anfang noch recht zugänglich, ja fast banal, so zeigt es sich später deutlich fassettenreicher. Im weiteren Verlauf wird es dann aber leider auch unnötig kompliziert. Nehmen wir beispielsweise einmal das Skillsystem in Augenschein. Man schaltet Skills mit dem Level frei. Mit aufsteigendem Charakter-Level kann ich diese Fähigkeiten dann noch mit Punkten steigern. Gut, versteh ich, mag ich, passt!

Aber dann verlangt das Spiel von mir den Passierschein A38  aus „Asterix erobert Rom.“ Es gibt Spezialskills, die man sich erst freispielen muss. Etwa durch die Story, für die sich nicht einmal das obligatorische Weiterklicken zu lohnen scheint, oder durch Iems von Rufhändlern, für die man erst einmal genug Ansehen grinden muss. Es kommt also vor, dass man über Wochen uninspirierte Rufquests erledigen muss, deren Anspruch die geistige Kapazität voraussetzt, zwei Tasten nacheinander drücken zu können.

Nur, um letzten Endes Zugang zu einer Fähigkeit zu erlangen, die zur Grundausstattung der Klasse gehört. Als ich anschließend herausbekomme, das der entsprechende Rufhändler als Bezahlung für diesen Skill gerne Gegenstände eines andern Verkäufers einer anderen Ruffraktion haben möchte, wünsche ich mir aus tiefstem Herzen einen Obelix herbei, der dem Guten die Nase Richtung Norden dreht. „Passierschein A38?“  „Paff paff, KLANG! BLOING!“

Zeitverschwendung mit Methode

Leider ist diese sinnlose Verschachtelung System. Brauche ich etwa eine bestimmte Zutat, um mir eine neue Waffe zu bauen, droppt diese nicht etwa in einer Instanz. Nein, es droppt ein Gegenstand, den ich doppelklicken muss, um eine Schriftrolle zu erhalten. Die erteilt mit eine Quest, welche mich per Autopath an eine willkürliche, nichtmarkierte Stelle der Karte führt.

Revelation-Online-Beta02Dort wird mir aus heiterem Himmel Material ins Inventar geworfen, das ich bei einem Händler gegen das Zeug eintauschen kann, welches ich wiederum brauche, um meine Waffe zu bauen … also zumindest, wenn ich genug Ruf hätte. Sowohl die Rufquests, als auch die Anzahl der Materialien die ich auf diese Weise erhalten kann, sind wöchentlich begrenzt. Das nenne ich mal Timesink-Lobotomie in Perfektion.

Revelation Online – Nichts für bequeme Spieler

Das alles zu entwirren ist schon eine Aufgabe für sich. Kein Wunder, dass Einsteiger-Guides für dieses Spiel oft den Umfang eines Großstadt-Telefonbuchs haben. Also eher ein Spiel für jene, die sich in anderen Spielen zu sehr an die Hand genommen fühlen.

Ein ganz klarer Gegensatz zum Ersteindruck. Die grünleuchtenden Questpfeile, welche den Boden des Tutorials pflasterten, hatten anderes erwarten lassen.

Revelation-Online-Beta05Ich erspare euch weitere Details, aber ähnlich verschachtelte Systeme finden sich in vielen Bereichen des Spiels. Ob Skillentwicklung, Charakterentwicklung oder Ausrüstungssystem, ein strahlendes Beispiel für intuitive Nutzerführung ist Revelation Online bei aller Liebe nicht.

Revelation Online – Oft nervig, aber leider geil

Eigentlich ist Revelation Online ein Spiel, dass mächtig Potenzial besitzt, mir in kürzester Zeit so auf die Nerven zu gehen, dass entweder meine geistige Gesundheit oder meine Eingabegeräte in Mitleidenschaft gezogen werden. Spekulationen über meine geistige Gesundheit mal beiseitelassend: Warum lebt mein elektronisches Nagetier immer noch?

Weil mir das Gameplay wirklich viel Spaß bereitet. Die Klassen spielen sich alle flüssig, das Kampfsystem ist ausgereift und vor allem in Instanzen greifen viele Zahnrädchen so perfekt ineinander, dass es mich an die „guten alten Zeiten des MMO-Genres“ erinnert.

Aber ob Revelation Online wirklich das Potenzial hat, eins der großen MMOs zu werden, wage ich zu bezweifeln.

Es reiht sich zwar weit vorne in die Riege der Free2Play-MMOs ein, letztlich wird es aber von vielen Spielern nicht als AAA-Titel wahrgenommen und das vielleicht sogar zu Recht. Für all jene, die instanzbasiertes Gameplay lieben, bietet Revelation Online dennoch ein „Futtern wie bei Muttern“-gewürzt mit chinesischer Soße Süß-Sauer.

Dieser Text stammt von unserem Leser Erzkanzler. Mehr von Erzkanzler gibt’s auf seinem Blog.


Wenn Ihr selbst mal Revelation Online ausprobieren wollt, hier geht’s zur Webseite mit Download.

Dieser Beitrag stammt von einem Gastautor, der nicht zur Redaktion von Mein MMO gehört. Wenn du auch Interesse hast, einen Gastartikel zu verfassen, dann kontaktiere uns über das Kontaktformular.
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