Warum ich spiele: Pony Island

Cortyn hat Pony Island gespielt, eines der seltsamsten Spiele überhaupt. Der erste Eindruck täuscht nämlich gewaltig …

Vermutlich werde ich die Hälfte meiner potenziellen Leser schon beim Titelbild verloren haben, aber das ist mir in diesem Fall egal. Ich möchte heute eine meiner alten Kolumnen wiederbeleben und Euch von einem Spiel erzählen, das mich gefesselt hat, wie schon lange keines mehr. Seid gewarnt, es wird massive Spoiler geben.

Ihr alle habt sicher auch diesen einen Freund in der Freundesliste, der immer sagt: „Hier, schau dir das Spiel mal an, das ist total gut!“ Schon beim ersten Blick auf das Titelbild des Spiels wisst ihr „Wenn die Hölle zufriert, dann vielleicht“. Genau so war es bei „Pony Island“. Ich sah das Titelbild und dachte mir, dass es irgendein schrottiges Minigame ist, bei dem man ein Pony steuert, das über Hindernisse hüpft. Im Grunde ist es das auch – und dann doch wieder nicht.pony-island-optionen

Pony Island beginnt harmlos und kitschig, genau wie befürchtet. Ein fröhliches Pony hüpft über den Bildschirm und präsentiert mir das Startmenü. „Was soll schon schiefgehen?“ denke ich mir und starte das Spiel.

Pony Island – „Antwort auf deine Gebete“

Nach kurzer Zeit verfinstert sich der Bildschirm und ein zweites Startmenü erscheint, deutlich verpixelter – eben auf Retro getrimmt. Als ich hier „Start“ anklicken will, gelingt das nicht. Ich gehe in die Optionen und erkenne seltsame Einstellungen: „Ominöses Summen“, „Höllenfeuer“ und „Antwort auf deine Gebete“. Dazu ein Button „Repariere Startmenü“. Meine Neugier ist geweckt. Ich repariere also und starte das Spiel.pony-island-jumping

[pullquote]ich merke, dass ich verarscht werde. Nur von wem, das weiß ich nicht.[/pullquote]Wie vermutet: Ich bin ein Pony und hüpfe über Hindernisse. Ungefähr 10 Mal muss ich springen, bevor das Level geschafft ist. Das Spiel überhäuft mich mit Erfahrungspunkten, schenkt mir 70 Level-Ups zusammen mit endlos viel Lob: „Wow!“ – „So gut gesprungen!“ – „Faszinierend!“ und „360 no scope!“ – ich merke, dass ich verarscht werde. Nur von wem, das weiß ich nicht. pony-island-levelup

TL;DR – das Wichtigste in Kürze

Ich kürze an dieser Stelle ab und fasse etwas zusammen, denn ich merke schon jetzt, dass die Kolumne länger wird, als ich geplant hatte:

pony-island-hopelesssoulPony Island ist vom Satan persönlich programmiert worden. Er fängt Spieler an einer Arcade-Maschine und zwingt sie, das Spiel zu spielen – ewig und immer wieder. Weil wir „zu gut“ sind, können wir das System überlasten und kommen in Kontakt mit anderen Seelen, die im Spiel gefangen sind. Um sie zu befreien, müssen wir mehrere Kerndateien vernichten, die tief im Code des Spiels versteckt sind. Allerlei (mitunter recht kniffelige) Rätsel gilt es zu lösen, um selbst bei Verstand zu bleiben und zu den Kerndateien vorzurücken.

Die Kerndateien werden von Satans Dämonen bewacht, die natürlich nicht wollen, dass wir das Spiel vernichten und sich uns in den Weg stellen. Diese „Bosskämpfe“ gehören zu den coolsten Begegnungen, die ich jemals in einem Computerspiel hatte.pony-island-premummodus

Am besten erkläre ich die Gemeinheit des Spiels an einem schönen Beispiel …

Der Kampf gegen Asmodeus.exe

„Achte nur auf mich und wende den Blick nicht von mir ab. Beantworte meine Fragen korrekt. Wenn dir das gelingt, gewinnst du. Wenn du scheiterst, verlierst du und ich nehme mir deine Seele.“

Okay. Nichts leichter als das. Die verpixelte Datei, die den Dämon Asmodeus darstellen soll, bittet mich darum, die Nummer „666“ einzutippen. Kein Problem.

Als nächstes erschafft er ein Pony. „Es ist ein schönes Pony, nicht wahr? Schau nur, wie es funkelt.“ Weil ich ja nicht ganz blöd bin, schaue ich natürlich nicht hin. Ich starre auf den verpixelten Dämon. „Das Pony glitzert, oh wie schön es doch ist!“ Nicht mit mir, Asmodeus.exe! Auch seine zweite Frage beantworte ich ohne Probleme.

„Mir wird dieses Spiel langsam zu langweilig. Du bist gut, wirklich gut.“ Das macht mich irgendwie zufrieden. Plötzlich ertönt das „Ding“-Geräusch und ich werde im Steam von einem guten Freund angeschrieben. „lol, wurdest du gehackt?“ Die Gedanken rasen in meinem Kopf. Gehackt? Warum? Was ist mit meinem Account passiert? Oh Gott, der ist doch mit Paypal verbunden und meine Freundeslisten und – wieder plingt es. „Cortyn, bist du es?“ Ich drücke Shift+Tab, um das Steam-Overlay zu öffnen und zu antworten. Doch es geht nicht. Wieder ertönt ein Pling. Eine weitere Nachricht von meinem Freund: „ANTWORTE MIR, STERBLICHER“.

pony-island-asmodeusUnd da dämmerte es mir. Das Spiel hat mich ausgetrickst. Es hat mehr geschafft, als ich vermutete. Es hat meine Steamfreundesliste ausgelesen und zugleich meinen Accountnamen herausgefunden. Und dann hat es für die Simulation des „Steam-Overlay“ sogar die Grafik hochgeschraubt. Ich habe es nicht bemerkt. Asmodeus bittet mich, den von ihm genannten Begriff einzutippen. Ich kann es nicht. Ich habe nicht aufgepasst. Meine Seele ist fort.pony-island-game-over

[pullquote]Der Fehlerbildschirm verschwindet und Asmodeus.exe zwinkert. Oh, wie ich dieses Spiel hasse.[/pullquote]Beim zweiten Anlauf falle ich nicht mehr auf diesen Trick rein und entkomme auch dieser Falle. Bei der 4. Frage friert das Spiel jedoch ein und gibt einen ekeligen Sound von sich, bei dem ich mir das Headset von den Ohren reiße. „Pony Island reagiert nicht mehr“ prangert es in bester Windows-Manier auf meinem Bildschirm. „Auf Antwort des Programms warten“ oder „Programm beenden“? Ich bin mit der Maus schon auf „Programm beenden“, bevor ich es mir anders überlege. Ich warte. 5 Sekunden. 10 Sekunden. 20 Sekunden.Der Fehlerbildschirm verschwindet und Asmodeus.exe zwinkert. Oh, wie ich dieses Spiel hasse.

Am Ende zerstören wir den Arkade-Automaten und befreien die Seelen, in einer letzten, großen Schlacht. Doch das reicht nicht. Die letzte Seele sagt mir, dass Pony Island niemals ein Ende finden wird, solange ich das Spiel besitze. Ich soll es deinstallieren, nur dann kann ich frei sein. Dann schließt sich Pony Island automatisch.pony-island-seele-einfuegen

Ich sitze vor dem Rechner und habe das Gefühl, gerade das beste Spiel der Welt gespielt zu haben. Vielleicht spiele ich es jetzt noch. Wer weiß das schon.


Drei weitere Teile von „Warum ich spiele“, gibt es hier:

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