The Elder Scrolls 6 und Fallout werden Xbox nicht retten – Sie wiederholen einen der größten Fehler der Industrie

Der radikale Xbox-Umbau lässt die Gaming-Welt fassungslos zurück. Doch während die Chefetage mit Minecraft und Candy Crush Milliarden scheffelt, droht an der traditionellen Core-Front ein gefährliches Glücksspiel. Warum der krampfhafte Fokus auf Fallout und The Elder Scrolls 6 die völlig falsche Lektion aus der Krise ist – Ein Kommentar von MeinMMO-Chefredakteurin Leya.

Seit Tagen tobt ein Beben, das die Gaming-Industrie nachhaltig erschüttert. Anfang Juni gab Xbox-Chefin Asha Sharma bekannt, dass 3.200 Mitarbeitende entlassen und fünf Studios abgestoßen werden. Kleinere, kreative Teams fliegen raus, der Mittelbau wird rücksichtlos wegrasiert.

Inmitten von Trümmern und schlechter Moral formiert sich die neue Core-Strategie: Alles konzentriert sich panisch auf die Megamarken. Obsidian wird auf Fallout angesetzt, alle Hoffnungen ruhen auf The Elder Scrolls 6. Daneben sollen die etablierten Cash-Cows rund um Minecraft und Candy Crush jetzt erst so richtig gemolken werden.

Das ist kein genialer Rettungsplan, sondern ein riskanter Rückfall in genau das AAA-Wettrüsten, das diese Krise der Industrie heraufbeschworen hat.

Die zwei Welten von Xbox

Oberflächlich betrachtet ergibt die Strategie von Xbox Sinn.

Aus Sicht der Geldgeber ist eine bekannte Marke wie Fallout das risikoärmste Investment, das man tätigen kann – besonders nach dem gigantischen Erfolg der TV-Serie. Der Markt ist so übersättigt, dass neue, originelle Marken es immer schwerer haben, überhaupt noch durchzudringen. Das Setzen auf Nostalgie und bekannte Namen ist die logische Überlebensstrategie in dieser Rezession.

Skyrim hat sich über 60 Millionen Mal verkauft und ist ein popkulturelles Phänomen. Allein der Name The Elder Scrolls 6 wird am ersten Wochenende Millionen einspielen – völlig egal, wie die Kritiken aussehen. Für Microsoft ist das der ultimative Game-Pass-Treiber und Systemseller, den sie als Zugpferd für ihr Ökosystem brauchen, selbst wenn das Spiel am Ende „nur“ eine solide 80er-Wertung einfährt.

Finanziert werden soll das teure Glückspiel durch eine völlig andere Welt im eigenen Haus: Auf der profitablen Gegenseite stehen Candy Crush und Minecraft. Das sind die Cash-Cows, die nun direkt an die Chefin berichten, kaum Risiko bergen und das finanzielle Fundament sichern, während der Activision-Blizzard-Zweig mit Call of Duty, World of Warcraft und Diablo zumindest stabiles Service-Geld reinspült.

Die risikofreien Plattformen finanzieren also die traditionellen Giganten quer, und am Ende halten wir glücklich unsere Hardware mit einem vorinstallierten Elder Scrolls 6 in den Händen. Xbox ist gerettet. Das klingt solide.

Und trotzdem kann ich an diese Strategie nicht glauben.

Das Starfield-Trauma und ein moralisches Pulverfass

Die Annahme, dass TES 6 ein garantierter, unfehlbarer Megahit wird, ist naiv.

Starfield hat schmerzhaft bewiesen, dass die alte Bethesda-Formel bröckelt. Die Spieler von heute sind durch Baldur’s Gate 3 oder kreative Überraschungshits wie Clair Obscur: Expedition 33 schlicht anderes gewohnt. Bis TES 6 erscheint, werden fast zwei Jahrzehnte seit Skyrim vergangen sein. Die Erwartungshaltung ist so astronomisch, dass das Spiel sie fast nur enttäuschen kann. Wenn ein 300-Millionen-Dollar-Projekt über acht Jahre entwickelt wird und am Ende nur solide abliefert, ist das im heutigen AAA-Geschäft ein wirtschaftlicher Totalschaden.

Genau hier liegt eines der größten Probleme, die diese Industrie überhaupt erst in die Krise gestürzt haben: das blinde Setzen auf ein einziges Projekt mit der größten Open World, der schicksten Grafik und den astronomischsten Kosten. Wird dieses eine Mal verspielt, entstehen Löcher, die ein Konzern kaum noch ausgleichen kann.

Und nun soll Obsidian also Fallout retten. Was für Fans nach süßer New Vegas 2-Romantik klingt, ist in der Realität ein Pulverfass. Die Team-Moral nach den Massenentlassungen – unter anderem direkt beim Schwesterstudio id Software – ist am Boden. Entwickler sind keine Maschinen, die man per Knopfdruck auf „Kreativ-Höchstleistung“ programmiert. Wenn ein meisterhaftes RPG-Studio wie Obsidian von oben herab als reiner Fließband-Befehlsempfänger für eine fremde Bethesda-Marke eingespannt wird, drohen kreativer Burnout und das Abwandern von Schlüsseltalenten.

Ja, mit Tim Cain kehrt der Urvater von Fallout zurück – aber mit einem ausgebrannten Team wird auch er keine Wunder reißen können. Microsoft muss nun darauf hoffen, dass Entwickler sich damit zufriedengeben, auf einer bekannten Marke im sicheren Sattel zu sitzen, während die restliche Industrie um sie herum zerrüttet. Eine visionäre Ausgangslage für einen Megahit ist das jedenfalls nicht.

Der hausgemachte Systemfehler

Während Hits aus der zweiten Reihe beweisen, dass die Spieler hungrig nach frischen, schlanken Ideen sind, verdoppelt Xbox den Einsatz bei den trägen Supertankern.

Microsoft versucht, ein strukturelles Problem mit schierer Größe zu lösen. Wenn The Elder Scrolls 6 oder das neue Fallout ins Straucheln geraten, gibt es kein federndes Auffangnetz aus kreativen AA-Projekten mehr – diese Teams hat das Management gerade abgestoßen. Microsoft spaltet seine Gaming-Sparte in zwei extreme Welten: Während im Hintergrund die absolut sicheren Mobile- und Plattform-Cash-Cows gemolken werden, setzt man an der traditionellen Core-Front mit den letzten verbliebenen Kultmarken alles auf diese zwei Karten.

Dabei leidet die Strategie an einem hausgemachten Systemfehler: Dem Game Pass. Das Abo-Modell schluckt Hunderte Millionen an Entwicklungskosten für Megaprojekte am ersten Tag, kann sie durch stagnierende Abo-Zahlen aber nicht refinanzieren. Indem Xbox den kreativen Mittelbau opfert, um das Loch im Game Pass mit noch größeren, trägeren Marken zu stopfen, manövrieren sie sich nur tiefer in die Sackgasse.

Jetzt möchte Xbox wieder den Gigantismus erzwingen, an dem sie gerade ersticken.

Am Ende sei nur noch gesagt: Im Casino gewinnt am Ende selten der Spieler.

Wie seht ihr die aktuelle Strategie von Xbox? Aktuell bluten noch mehr Teams unter dem Schirm von Microsoft: Die Entlassungen bei den Machern von Elder Scrolls Online sind noch krasser als angenommen. Kann so die große Wende für Xbox gelingen?

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