In einem alten MMORPG habe ich meine Kindheit verbracht, jetzt ist es wieder da und schon die Beta reißt mich entzwei

Ragnarok Zero Beta angespielt Benedict verzweifelt über Sigrun Titel

Ragnarok Zero legt das uralte MMORPG aus den frühen 2000ern neu auf und MeinMMO-Redakteur Benedict Grothaus hat sich die offene Beta angeschaut – mit gemischten Gefühlen. Trotz der Liebe für das Spiel kann er es nicht empfehlen. Nicht so zumindest.

Das einzige Spiel, das ich mehr gezockt habe als Ragnarok Online, ist World of Warcraft. Kein Spiel hat ein so gutes Klassensystem wie Ragnarok und seit ich das MMORPG kenne, suche ich verzweifelt nach etwas Vergleichbarem.

Ich weiß noch, dass meine Mutter damals skeptisch war. Schließlich habe ich Ragnarok Online fast meine ganze Kindheit über gespielt und so gut wie mein ganzes Taschengeld ging damals für das Abo drauf. Etwa von meinem 10. bis 13. Lebensjahr dürfte das MMORPG mein Spiel gewesen sein. Ohne Ragnarok wäre ich vermutlich heute kein Redakteur bei MeinMMO.

Jetzt ist Ragnarok wieder da und testet mit einer Beta die Neuauflage Ragnarok Zero. Nachdem die europäischen Server seit Jahren schon nicht mehr existieren und die internationalen einen Geoblock hier haben, musste ich natürlich reinschauen.

Ragnarok Zero hat sofort alte Erinnerungen geweckt und bietet sogar einige Verbesserungen zu der Version, die ich noch von damals kenne. Und obwohl ich schon wusste, was auf mich zukommt – auch in Sachen Monetarisierung – ist der Funke nicht übergesprungen. Dabei ist das Gameplay wirklich gut.

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Der Trailer zu Ragnarok Online, dem MMORPG-Urgestein

Ein deutlicher Rückschritt in Sachen Service

Eigentlich sollte Ragnarok Zero ohne Pay2Win auskommen wie den Shop, den die Gravity-Version des Spiels schon seit Jahren hat: echtes Geld zahlen für Boni wie mehr XP, besseren Loot oder sogar direkt Items.

Ehrlicherweise stört mich der Shop nicht, hat er schon damals nicht. Das Grundspiel war kostenlos, ich habe sowieso solo gezockt und nicht kompetitiv. Wenn ich mir mal was gönnen wollte, sind eben ein paar Euro geflossen.

Ragnarok Zero verlangt dazu aber noch ein Abonnement und das für rund 10 Euro im Monat. Für ein Spiel, das offenbar aus der Mobile-Version entwickelt wurde, finde ich das frech – und ja, das wurde es, auch wenn man behauptet, es sei anders.

Kein Mobile-Game, aber eindeutig Mobile-Features

Es ist schwierig, mit dem Finger darauf zu zeigen, was mich beim Spielen gestört hat. Oder vielleicht auch weniger gestört, sondern mehr… das Spielgefühl geschwächt hat. Ihr kennt das sicherlich: irgendwas stimmt nicht, aber ihr könnt nicht sagen, was.

Schließlich ist mir ein „Detail“ aufgefallen, das mich auf die richtige Spur gebracht hat: ein kleines Zeichen am rechten Bildschirmrand, zwei gekreuzte Schwerter. Die „Auto-Jagd“. Und nein, dabei geht es nicht darum, bessere Autos in Forza zu bekommen, sondern um eine Automatisierung.

Ja, Ragnarok Zero bietet die Möglichkeit, dass das Spiel für euch spielt, mit Einstellungen wie wann welche Tränke geschluckt werden, welche Monster man jagen, welchen Loot man aufheben will. Wo andere MMORPGs gegen Bots kämpfen, macht Ragnarok Zero sie zum Feature.

Und genau das ist auch, was mir so sauer aufgestoßen ist. Die Spielwelt ist zwar voller Spieler, aber niemand davon ist aktiv. Alle sind auf Autopilot. Selbst die wenig besiedelten Privat-Server, auf denen ich über die Jahre gespielt habe, fühlten sich lebendiger an.

Obwohl ich Ragnarok fast immer wie ein Solo-Spiel gespielt habe, war es für mich doch im Kern immer ein MMORPG. Ich konnte mit Spielern interagieren, wenn ich sie getroffen habe. In Ragnarok Zero geht das nicht.

Ragnarok Zero ist trotz aller Makel das Spiel meiner Kindheit

Was jetzt klingen mag wie ein Rant, ist eigentlich keiner, sondern mein verzweifelter Versuch, irgendwie meine eigenen Gefühle zu Ragnarok Zero einzuordnen. Hat es grauenhafte neue Mechaniken? Ja, auf jeden Fall. Fühlt es sich trotzdem an wie früher? Auch ja… irgendwie.

Ich habe für meinen Test einen Dieb angefangen, da ich – neben meinem geliebten Barden – später fast ausschließlich Assassinen gespielt habe:

  • Das Spielgefühl ist das Gleiche wie damals. Ich habe mich direkt in meine Kindheit zurückversetzt gefühlt. Allein die Musik und die Optik der Welt, dafür könnte ich Stunden in Rune Midgard verbringen.
  • Zugleich fehlen Herausforderungen. Jobs, also die Klassen, wähle ich im Tutorial-Gebiet einfach aus, statt sie mir durch eine (mehr oder weniger) knifflige Quest zu verdienen.

Ragnarok Zero ist zugänglicher als früher und ich begrüße das durchaus für neue Spieler, auch wenn Veteranen wie mir da etwas Erfahrung verlustig geht. Für mich ist das ein annehmbarer Tausch, denn Ragnarok Zero bringt sogar Inhalte mit, die ich überhaupt nicht erwartet habe.

Quests in Ragnarok – Und sie haben sogar eine Story!

Über die Jahre hat Ragnarok verschiedene Ansätze gehabt, was Quests und Leveling anging:

  • Ganz am Anfang lief Leveln nur über Grind. Quests gab es, aber die waren schlecht ausgearbeitet und meist nur als Dungeon-Attunement oder für besondere Items gedacht.
  • Später gab es die Eden-Gruppe und die Criatura-Akademie, die durch einfache Jagd-Quests und ein lebendigeres Tutorial einen Leitfaden durch die Welt geboten haben.
  • Ragnarok Zero dagegen kommt mit einer gesamten, neuen Questreihe und einer Story, wie ich sie in Ragnarok nicht erwartet habe – und die holt mich sogar ab!

Wie der Name schon verrät, geht es in Ragnarok Online um die nordische Mythologie… weitestgehend zumindest, denn alles hat natürlich einen asiatischen Touch. In der neuen Version ist die legendäre Walküren-Königin Sigrun meine Begleiterin und wir suchen eine magische Halskette.

Obwohl ich noch nicht sonderlich weit bin, kann das eigentlich nur Brisingamen sein, Freyjas verzauberter Halsschmuck. Das alles lässt mich diebisch kichern und aufgeregt zappeln, und dennoch…

Auch mit einer guten Spielerfahrung ein klares „Nein“

So sehr ich meine aktuelle Zeit in Ragnarok Zero genieße, kann und werde ich das Spiel in dieser Form niemandem empfehlen. Dem MMORPG fehlt die Seele, alles ist auf Automatisierung ausgelegt und dem entgegen steht die neue Story, die ich eigentlich erleben will.

Ich kann aber keine epische Geschichte ernst nehmen, wenn die Welt von leblosen Bots bevölkert ist, denn „normale“ NPCs im Spiel haben keine nennenswerten Interaktionen, fühlen sich nicht wie Teile der Spielwelt an. Teilweise brechen sie sogar die vierte Wand und die deutsche Übersetzung – die mich nebenbei überrascht hat – ist KI-generiert. Wäre ja okay, aber in einem Fantasy-Spiel mit „Sie“ angesprochen zu werden, bricht die Immersion komplett.

Dazu kommt, dass Ragnarok einfach ein altes Spiel ist. Pixelige Sprites in ISO-Perspektive sprechen vielleicht Retro-Fans an, setzen aber sonst eher auf Nostalgie, die bei mir nicht zündet und bei der eines noch einmal deutlich aufs Gemüt drückt: die Monetarisierung.

Ohne Abo werde ich sofort spielen

Als Free2Play-MMORPG würde ich Ragnarok Zero sofort anfangen, selbst trotz der Mängel und mit dem Pay2Win-Shop, der mich ja früher schon nicht gestört hat. Allein die Möglichkeit, meine Klassen nochmal zu spielen oder neue auszuprobieren, während ich der (hoffentlich epischen) Quest folge, reizt mich.

Dafür allerdings 10 Euro im Monat zu zahlen, insbesondere, wenn das Spiel in einer sonst quasi unveränderten Form der von 2002 entspricht, sehe ich nicht ein. Ja, WoW hat auch ein Abo, aber WoW hat sich auch weiterentwickelt. Ragnarok bekam lediglich mehr vom Gleichen.

Es ist schade, dass Ragnarok Online seit Ewigkeiten in Europa nicht spielbar ist, außer man macht sich die Mühe mit VPNs oder sucht sich Privatserver mit der Gefahr, alles zu verlieren, wenn der schließt. Zwar gibt es einen Nachfolger, aber Gravity hat EU-Bürger explizit gebeten, das neue Ragnarok Online 3 nicht zu spielen. Ragnarok Zero wäre eine tolle Gelegenheit gewesen, die so in der Form aber nicht funktioniert.

Wenn ihr das anders seht, und ich weiß, dass einige von euch mich für die Einstellung zum Shop direkt anfauchen werden, schreibt mir gerne einen Kommentar. Vielleicht kennt ihr ja sogar bessere Alternativen zu Ragnarok Zero.

Mit meiner Liebe zu Ragnarok Online bin ich nicht allein, wenn ich mir so die Anzahl der Charaktere in der Beta ansehe – auch wenn die meisten davon nach ihrem Tod AFK in der Stadt herumstehen. Sogar eine deutsche Gilde habe ich gefunden, die KuhMuhNisten. Nicht fragen … Ein Fan war sogar ziemlich verzweifelt: Fan vermisst das Feeling von einem uralten MMORPG, macht einfach sein eigenes auf Steam im gleichen Stil

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