Politiker und Wirtschaft fordern mehr Arbeit von den Deutschen. Doch Norwegen zeigt, dass es auch anders geht. Denn hier wird Freizeit hochgeschätzt. Es gibt aber einen entscheidenden Unterschied zwischen Deutschland und Norwegen, und das ist die Art, wie die Rente finanziert wird.
Die Deutschen sollen mehr arbeiten, das liest man immer häufiger. Raus aus der Teilzeit, rein in die Vollzeit. Das wird oft von Politikern der Bundesregierung oder der Wirtschaft gefordert, berichtet etwa die Tagesschau. Dabei arbeiten in Deutschland ohnehin die meisten Arbeitnehmer bereits zu viel.
Während die Deutschen mehr tun und fleißiger sein sollen, zeigt Norwegen, dass es auch anders gehen kann. Denn hier machen alle Arbeitnehmer nicht nur pünktlich Feierabend, sondern arbeiten insgesamt auch weniger als in Deutschland. Denn in nordeuropäischen Ländern wie Norwegen und auch in Schweden hat der „Fritid“, die Freizeit, einen besonders hohen Stellenwert.
Die Norweger arbeiten insgesamt weniger, aber sind trotzdem produktiver
Wie sieht es konkret in Norwegen aus? Offiziell hat Norwegen keine 4-Tage-Woche eingeführt, die reguläre Arbeitswoche ist hier dennoch um einiges kürzer. Laut 4dayweek.io liegt die Arbeitszeit bei etwa 34 Wochenstunden. Spannend ist außerdem, dass die Arbeitsstunden sogar noch zurückgehen: Arbeitete man im Jahr 2011 noch durchschnittlich 34,3 Wochenstunden, liegt die Zeit im Jahr 2021 nur noch bei 33,7.
Ein markantes Merkmal ist übrigens der frühe Feierabend, der in vielen Unternehmen bereits um 15:30 Uhr beginnt. Dafür fangen viele Leute in Norwegen aber auch zwischen 8:00 und 8:30 mit der Arbeit an.
Der frühe Feierabend um 15:30 Uhr hat übrigens signifikante Auswirkungen auf die Produktivität der Arbeitnehmer. Viele Studien, etwa die Studie der arbeitnehmernahen Hans-Böckler-Stiftung, belegen, dass kürzere Arbeitszeiten nicht zwangsläufig zu einem Rückgang der Produktivität führen, sondern vielmehr zu einem Boost der Produktivität.
Norwegen finanziert Rentensystem mit seinem Ölreichtum, den Deutschland nicht hat
Es gibt aber noch einen weiteren, wichtigen Unterschied, warum sich Norwegen ein flexibleres Arbeitssystem erlauben kann: Und das ist die Art und Weise, wie die Rente in Norwegen finanziert wird.
Denn neben einer verpflichtenden Betriebsrente setzt Norwegen vor allem auf seinen großen Reichtum aus Erdöl: Denn die hohen Einnahmen aus der norwegischen Erdöl- und Erdgasförderung fließen zu einem Großteil in den staatlichen Pensionsfonds, der wiederum die Rente mitfinanziert.
In Deutschland gibt es weder eine verpflichtende Betriebsrente noch hohe Einnahmen durch Erdöl, welche in die Rente fließen könnten (via MDR.de). Und der Umkehrschluss in vielen Köpfen lautet: Arbeiten die Leute mehr, dann wird auch mehr in die Rentenkasse eingezahlt, womit man wiederum die Rentenbeiträge stabilisieren könne. Würden die Leute länger arbeiten, argumentiert etwa die Deutsche Bundesbank, ließe sich die Rente besser finanzieren.
Die Bundesregierung will, dass die deutsche Bevölkerung mehr arbeitet. Doch die meisten arbeiten ohnehin schon viel zu viel. Das zeigt jetzt ein Bericht vom Bundesamt für Statistik. Immerhin: Im Vergleich zum Vorjahr sind die Überstunden leicht gesunken, aber immer noch hoch: Merz fordert mehr Arbeit von den Deutschen, doch jeder Fünfte in Deutschland macht bereits zu viele Überstunden
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