Die Kündigungswelle bei Bungie ist das traurige Ergebnis jahrelangen Management-Versagens. Chefredakteurin Leya verabschiedet sich von Destiny und dem Studio dahinter.
Ohne Destiny würde ich hier gerade nicht sitzen und diesen Artikel für euch schreiben.
Denn Destiny verhalf MeinMMO vor mehr als zehn Jahren zu seinem Durchbruch. Das Spiel war revolutionär und brachte das MMO auf die Konsolen – verpackt in einen Loot-Shooter mit einem konkurrenzlosen Gunplay. Wir waren da, um zu erklären, was denn überhaupt ein Händler-Reset ist. Xur führte regelmäßig bei uns zu Server-Downs. Auch so etwas wie Raids waren neu und aufregend. Es formte sich eine innige Community um das Spiel, die mit uns zusammen wuchs.
Ich habe Destiny nie selbst aktiv gespielt. Aber ich habe es und seine Hüter zehn Jahre lang auf MeinMMO begleitet. Ich habe eure Geschichten gelesen. Als Beobachterin im Hintergrund habe ich mich mit euch gefreut, gelacht und geärgert.
Als ich die Nachricht um die rund 400 entlassenen Menschen las, die nun nicht mehr an Destiny arbeiten werden, kochte sie erneut in mir hoch:
Wut.
Das kreative Herz wurde herausgerissen, ein Studio geopfert
Ich bin nicht wütend auf das Spiel. Ich bin erst recht nicht wütend auf die rund 400 Menschen, die jetzt ohne Job dastehen. Nein, meine Wut richtet sich nicht gegen die VFX-Künstler, Narrative Designer, Community-Manager oder Spieletester.
Das kreative Herz wurde vor die Tür gesetzt, weil man sich an der Spitze verkalkulierte. Gerade die letzten Wochen haben noch einmal gezeigt, was für ein Talent und welche Qualität da jetzt ziehen gelassen werden. Nachdem der Druck abfiel und gefühlt alles egal war, hatten die Entwickler so viel Spaß wie schon lange nicht mehr und feuerten ein finales Update heraus, das Destiny 2 temporär sogar zum Top-Seller auf Steam machte.
Zu diesem Zeitpunkt dürften die Entlassungen wohl schon festgestanden haben. Aber dieses letzte Aufbäumen hat noch einmal deutlich gemacht, wie viel Potenzial und Liebe zum Spiel hier verschenkt wurden. Auch seitens der Community: Die Hüter haben bewiesen, dass ihr Herz immer noch an Destiny hängt – auch wenn man nicht mit jedem Update glücklich war. Aus meinem gewohnten Beobachtungsposten sah ich einen Kampf und Fassungslosigkeit. Das durfte doch nicht das Ende sein.
Doch leider ist es das. Während das Team im Maschinenraum alles gab, um das Schiff über Wasser zu halten, hat die Führungsetage auf der Brücke sehenden Auges den Eisberg gerammt – und die Fahrt in diese unweigerliche Kollision fing schon vor Jahren an.
Vom glücksspielenden Kapitän und teuren Autos
Die Probleme von Bungie kam nicht über Nacht. Sie ist das Resultat jahrelanger, arroganter Fehlentscheidungen einer Chefetage, die sich schlichtweg verzockt hat.
Es begann mit dem Drang nach absoluter Freiheit: Die teure Trennung von Activision im Jahr 2019 wurde als Triumph gefeiert. Doch das Management unterschätzte blind, was es kostet, ein Content-Monster wie Destiny 2 ohne den finanziellen Rückhalt eines Megakonzerns am Leben zu erhalten. Hinzukommt ein Hauptsitz in Bellevue, Washington – einem der teuersten Tech-Pflaster der Welt direkt neben Microsoft und Amazon – wodurch man Talent auch Spitzengehälter zahlen muss.
Die Flucht nach vorn war ein gigantisches Glücksspiel: Der Verkauf an Sony für 3,6 Milliarden Dollar im Jahr 2022. Das Management versprach Umsatzziele, die man nicht halten konnte. Als die Erwartungen einbrachen, schlug die Realität zu. Das Ergebnis dieser Realitätsverweigerung lässt sich heute in den Sony-Bilanzen ablesen: Der Tech-Riese musste eine gigantische Wertminderung von 766 Millionen Dollar für Bungie verbuchen. Allein 201 Millionen Dollar dieser Verluste gehen auf das Konto von Destiny 2, weil die astronomischen Erhaltungskosten die Einnahmen auffraßen, während parallel über 200 Millionen Dollar in das strauchelnde Marathon gepumpt wurden.
Während die Belegschaft später um ihre Existenz bangte, sammelte der Chef Statussymbole: Während die Entwickler im Studio versuchten, die finanziellen Löcher zu stopfen, lebte die Führung scheinbar auf einem anderen Planeten. Es setzt der Tragödie die Krone der Dekadenz auf, dass CEO Pete Parsons in den Monaten vor und während der ersten Entlassungswellen nachweislich Millionen für private Oldtimer auf Auktionsplattformen verpulverte. Das war 2023, als Bungie völlig überraschend rund 100 Mitarbeiter gehen ließ, kurz nachdem die Einnahmen durch die Lightfall-Erweiterung eingebrochen waren. Pete Parsons nannte es damals zynisch einen „traurigen Tag bei Bungie“.
Das Management hat gewirtschaftet, als gäbe es kein Morgen – und die Zeche zahlen jetzt die Angestellten, die in Bellevue ihre Schreibtische räumen müssen.
Bungie: Nur noch ein Name auf dem Papier
Und wo steht Bungie heute? Das einst stolze Studio, das uns Halo und Destiny geschenkt hat, ist nur noch eine leblose Hülle. De facto wurde das Team halbiert, um panisch alles auf die Karte Marathon zu setzen. Doch blicken wir der Realität ins Auge: Ein Live-Service-Spiel wie Destiny 2 kann ohne die Hände, die es pflegen, nicht überleben.
Es wird einen langsamen, qualvollen Tod sterben. Mit einem strauchelnden Nischen-Projekt im Rücken und einer zutiefst verletzten Community im Nacken gebe ich Bungie in dieser Form kein Jahr mehr. Sony wird das Studio vollends schlucken, umstrukturieren und den Namen Bungie endgültig zu einer reinen Marketing-Marke degradieren.
Bungie ist dabei leider kein Einzelfall, sondern das traurige Paradebeispiel für eine gesamte Industrie, die sich in den letzten Jahren kolossal verzockt hat. Getrieben von einer allgemeinen Wirtschaftskrise und der ungesättigten Gier nach dem nächsten Milliarden-Live-Service-Hit haben sich die ganz Großen der Branche – ob nun Sony, Ubisoft oder EA – massiv verkalkuliert.
Die Quittung für diese utopischen Wachstums-Fantasien zahlen nie die Bosse im Elfenbeinturm. Sie zahlen immer die Menschen, die diese Spiele mit ihrem Herzblut überhaupt erst erschaffen.
Der Silberstreif: Raum für Neues
Und doch gibt es in all dieser Tragik einen kleinen Silberstreif am Horizont. Denn Krisen, so schmerzhaft sie sind, schaffen auch immer Platz für etwas Neues. Die Spielegeschichte hat oft genug gezeigt: Wenn kreative Köpfe sich aus den Fesseln von gierigen Publishern und unfähigen Chefetagen befreien, entsteht oft die wahre Magie.
Vielleicht formieren sich schon jetzt, in diesem Moment, ex-Bungie-Mitarbeiter in neuen Indie-Studios. Vielleicht gründen sie das nächste große Ding und schenken uns in ein paar Jahren das, was Clair Obscur: Expedition 33 gerade für das RPG-Genre verspricht: ein unverbrauchtes, von echter Leidenschaft getriebenes Highlight – nur eben für das Genre der Loot-Shooter. Ohne den Ballast von überteuerten Hauptsitzen in Bellevue und ohne Chefs, die lieber Luxusautos sammeln, als ihre Belegschaft zu schützen.
Das bleibt abzuwarten. Doch bis dahin bleibt mir nur eins zu sagen: Danke an die rund 400 Macher, die Destiny zu dem gemacht haben, was es zehn Jahre lang für uns war. Natürlich war nicht jede Erweiterung ein Highlight. Doch ihr habt etwas geschafft, wonach sich andere die Finger lecken: Ihr habt eine leidenschaftliche Community aufgebaut, die jetzt mit euch von dannen zieht. Sie hat mit euch gekämpft bis zum Schluss.
Ihr habt diesen Abgang nicht verdient.
Und jetzt zu euch: Was löst dieser finale Kahlschlag bei euch aus? Glaubt ihr, dass Bungie das nächste Jahr überlebt, oder habt ihr mit dem Studio und Destiny 2 innerlich bereits abgeschlossen? Lasst uns eure Gedanken und eure schönsten Destiny-Momente in den Kommentaren da.
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Wie so oft ruiniert die Gier einiger weniger Freude für viele andere.