Ich habe als 15-Jähriger alte Säcke in einem MMORPG herumkommandiert und dabei viel fürs Leben gelernt

Ich habe als 15-Jähriger alte Säcke in einem MMORPG herumkommandiert und dabei viel fürs Leben gelernt

MMORPGs sind bekannt dafür, besondere Gaming-Momente zu kreieren. An einen solchen Moment erinnert sich MeinMMO-Redakteur Alexander Leitsch. Er hat als Schüler eine Gruppe von Spielern im PvP trainiert und viel über Führung und Respekt gelernt.

Kompetitive Spiele haben mich immer fasziniert, egal ob FIFA 99 im eins-gegen-eins gegen meinen Vater oder später Titel wie League of Legends und Teamfight Tactics. Doch meine schönste Zeit hatte ich im MMORPG Guild Wars 1, wo ich mehr als zwei Jahre lang eine Gruppe von PvP-Spielern trainieren durfte.

Diese Gruppe war bunt gemischt, mit Spielern in meinem Alter, aber auch mit mehreren Leuten über 30, einem Familienvater Mitte 40 und einem älteren Herren über 50. Und mal ehrlich, für einen 15-Jährigen sind alle ab 30 schon uralt!

Sie alle hörten auf mein Kommando, was meine Mutter übrigens bis heute nicht nachvollziehen kann. Sie hat immer den Kopf geschüttelt, wenn ich ihr gesagt habe, dass sich selbst ein Papa die Zeit für unser Training nimmt und sie deshalb das Abendessen doch bitte früher zubereiten soll!

Die Truppe schaffte es durch regelmäßiges Training von einem unkoordinierten Haufen zu einem regelmäßigen Gewinner der Halle der Helden zu werden. Und das, obwohl ich selbst nicht der beste PvPler war und mir anfangs viele “Skills” als Leader fehlten.

Wer spricht hier? Alex ist der MMORPG-Experte auf MeinMMO und hat in Guild Wars 1 über 10.000 Stunden Spielzeit. Doch auch in anderen Games wie Guild Wars 2 oder New World hat er vierstellige Spielstunden erreicht.

Toxischer Leader war so anstrengend, dass ich selbst ein Team aufbauen wollte

Mein Einstieg ins PvP begann nur knapp 7 Monate, bevor ich mein eigenes Team gründete. Damals wurde ich Teil eines sogenannten R-Spikes, der sich zweimal die Woche traf. Im Fokus der Teamkomposition standen drei Waldläufer und ein Paragon, die gemeinsam ein Ziel attackierten. Das Ziel war, diesen Gegner so schnell zu “spiken”, dass die Heiler gar keine Chance hatten, ihn zu retten. Das machte man nach und nach mit der ganzen gegnerischen Gruppe.

Dazu gab es den Caller, der immer heruntergezählt: “Ziel einloggen, 3, 2, 1, Angriff.” Diese Kombo sollte ich die kommenden Jahre noch tausende Male sagen.

Das Team, dem ich als dritter Waldläufer beigetreten bin, war jedoch schnell frustriert und der Caller sehr toxisch. Viel zu oft wurde geschrien, viel zu schnell wurden Games aufgegeben. Das hat mich extrem gestört.

Gerade bei unseren Heilern sah ich großes Potential und entschied mich dann, mit zweien von ihnen ein eigenes Team aufzubauen – ohne wirklich Ahnung davon zu haben, wie man ein solches Team trainiert und bei Laune hält. Diesem traten vor allem Mitglieder meiner damaligen Gilde bei.

Wie ein R-Spike grob aussieht, könnt ihr euch in diesem 15 Jahre alten Video vom YouTuber Jgregoire108 anschauen:

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Der Start war entsprechend holprig, immerhin konnte die Gruppe kaum verschiedener sein. Wir drei hatten schon Vorerfahrung, unser neuer Ritualist war sogar ein richtig erfolgreicher PvPler, aber wir hatten auch drei komplette PvP-Neulinge sowie einen Spieler, der überhaupt erst wenige Wochen Guild Wars 1 gespielt hatte.

Trotzdem entschlossen wir uns, zweimal die Woche zu trainieren und bei Bedarf am Wochenende auch mit zufälligen Gruppen loszuziehen, um daraus zu lernen.

Unsere ersten Runden im Modus “Aufstieg der Helden” waren eine Katastrophe, auch weil das Spielprinzip extrem anspruchsvoll und vollkommen ungeeignet für uns war:

  • Das erste Match spielt man immer auf der Karte Unterwelt. Dort spielt ein Team gegen ein anderes. Das Ziel: Alle feindlichen Spieler ausschalten.
  • Als Sieger zieht man auf die nächste Karte, als Verlierer musste man sich neu anmelden und startet wieder in der Unterwelt.
  • Die zweite Karte setzt noch auf das gleiche Spielprinzip, doch ab dann wird es wilder. Es gibt Karten mit Priestern, die wiederbeleben, Karten mit Eroberungspunkten oder mit Reliquien-Runs. Das sind teilweise ganz eigene Modi, die an eine Gruppe vollkommen neue Voraussetzungen und Taktiken richten.
  • Die Karten mit Reliquien-Run oder King of the Hill erreichten wir viel seltener, weswegen wir viel weniger dort trainieren konnten, weswegen wir viel öfter dort verloren. Ein Teufelskreis.

Frust machte sich nach einigen Monaten intensiven Trainings breit. Würden wir es je schaffen, das große Finale im Aufstieg der Helden zu sehen?

Spaßige Abende im Kampf gegen den Frust

Ich spürte, wie die Stimmung kippte, wollte aber in jedem Fall verhindern, dass das Team so toxisch werden würde, wie mein altes. Also griff ich auf “teambildende Maßnahmen” zurück.

So spielten wir an einem Trainingsabend gar nicht im Aufstieg der Helden, sondern duellierten uns in zwei Viererteams in der Team-Arena. Ein anderes Mal spielten wir im Modus Gilde-vs-Gilde, was uns ebenfalls vollkommen aus dem Trainingstrott riss, obwohl hier wenigstens die gesamte Gruppe aus 8 Spielern gegen eine andere Gruppe aus 8 Spielern antrat.

Einen Tag tauschten wir alle unsere Rollen und spielten eine völlig ungewohnte Klasse. Das brachte keine großen Erfolge, aber hatte einen riesigen Lerneffekt.

An einem anderen Trainingstag spielten wir nach zwei erfolglosen Runden einfach nur verstecken in der Gildenhalle mit ausgeschaltetem Interface. Es war wohl einer der besten Abende, die wir jemals hatten.

Der Lohn nach über 9 Monaten

Mit den Wochen kehrte die Motivation zurück und nach fast 9 Monaten Training holten wir unseren ersten Sieg in der Halle der Helden. Diese erreichte man damals etwa nach 6 bis 9 Siegen in Folge im Aufstieg der Helden – je nachdem wie viel an einem Abend los war.

Die Halle der Helden hat zudem die Besonderheit, dass hier drei Teams gegeneinander spielen. Ich selbst hatte kaum Erfahrung mit dieser letzten Karte, hatte aber ein paar Guides gelesen und mit anderen Callern gesprochen. Die wichtigste Regel lautete: Halte dich im Hintergrund, damit sich nicht direkt zu Beginn zwei Teams gegen dich verbünden.

Die Runde wurde legendär. Beim Reliquien-Run gewinnt das Team, dass nach Ablauf der Zeit die meisten Reliquien in die Mitte gebracht hatte. Wir lagen lange Zeit zwei Punkte hinten, sodass wir uns mit dem Team auf Platz 2 gegen die Führenden verbündeten.

3 Sekunden vor Schluss hatten die beiden gegnerischen Teams die gleiche Anzahl an Reliquien in die Mitte gebracht. Wir lagen eine hinten. Jedoch gewinnt das Team, das bei Gleichstand als Letztes den Punkt holt – also potentiell wir. Die letzten Sekunden spielten dann die beiden anderen Teams gegen uns, doch unser Läufer triumphierte knapp und holte uns den Sieg.

Guild Wars Halle der Helden
Die Halle der Helden, das Ziel unserer PvP-Träume.

Diesen Moment werde ich bis heute nicht vergessen, den Jubel im Teamspeak, die Freude als Gruppe und unser Name im All-Chat. Denn in Guild Wars 1 wird das Team namentlich erwähnt, das die Halle der Helden gewonnen hat.

Den Sieg – und auch die dutzenden Hallwins, die wir danach holten – hatten wir uns vor allem mit Fleiß, Freundschaft und Respekt untereinander verdient. Jeder stand für jeden ein, keiner wurde sonderlich laut oder beleidigend.

Mich hat das als damals 15-Jähriger stark geprägt. Auch heute noch bleibe ich im PvP in Guild Wars 2 oder New World oder aber in Matches in TFT sehr ruhig.

Nicht umsonst schaue ich gerne den deutschen LoL-Streamer NoWay4u, der ebenfalls eine so ruhige Art hat und gleichzeitig unheimlich viel erklärt. Denn toxisches Verhalten hat ein Game noch nie besser gemacht.

Was waren für euch besondere Gaming-Momente, die ihr bis heute nicht vergessen habt? Und von welchen konntet ihr sogar was lernen?

Unsere ehemalige Autorin Larissa Then hat ebenfalls viel aus einer Führungsposition gelernt. Sie nahm dafür die Rolle der Raid-Leaderin ein:

Wie ich mal Raid-Leader in WoW war und was ich fürs Leben gelernt habe

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8 Kommentare
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Smeller86

Ich konnte mit PvP in MMOs leider noch nie wirklich etwas anfangen, aber ich liebe dieses Gruppengefühl, wenn alle am einem Strang ziehen und konzentriert bleiben. Das ist im PvE ja ähnlich. Das Problem für mich ist, dass mittlerweile viele Spieler viel zu viele und einfache Fehler machen. Ich weiß, dass es nach einem harten Arbeitstag schwer ist zu 100% konzentriert zu sein, aber wenn man das nicht schafft, sollte man vielleicht einsehen, dass manche Inhalte nicht für einen gemacht sind.

zickzack

R-Spike <3
Von r3 bis r11 durfte ich als hauptberuflicher Bimb… äh ich meine… Ritu begleiten.
Wir als Team haben einfach den Spaß in den Vordergrund gestellt. Ich erinnere mich an so manche Abende mit “bei jedem win nen shot” auch leider nur noch halb 😉

BlueOcean

Einer der Besten Beiträge! Klasse, bitte weitere Stories von Spielern.

BinAnders

“alte Säcke” … tssss … du Puper

BinAnders

lol, das kommt noch besser …. Als ich ca. 40 war und mit einer Wollmütze im Winter vor der Bahn stand, sagte mal ein Pubertier: “da steht ein Opa mit Hut” … okay …

Echo Mirage

Ich hab gestern entsetzt festgestellt, dass ich in meiner Raidgruppe die Älteste bin (wenn auch “nur” um paar Monate). Das war dann schon etwas sad 😀

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