Klassische MMORPGs sterben aus. Nach dem Westen setzen jetzt auch asiatische Entwickler zunehmend auf MMO-Hybride oder „MMO Lite“-Varianten. Ein Hit aus 2025 und ein in China bereits veröffentlichtes Spiel zeigen, wie diese neue MMORPG-Zukunft aussieht.
Als ich vergangenes Jahr mit großer Faszination Where Winds Meet spielte, ahnte ich bereits: Das hier könnte die Zukunft des MMORPG-Genres sein. Der Rollenspiel-Hit aus China setzt seinen Fokus klar auf die Singleplayer-Erfahrung, bietet darüber hinaus aber eben auch einen optionalen MMO-Modus und entsprechende Inhalte wie Raids, PvP und Gilden.
Klar, der Multiplayer-Modus von WWM wirkt noch sehr aufgesetzt und hat diverse Macken. Beispielsweise wirkt die MMO-Variante der Welt sehr leer, viele Inhalte stehen dort nicht zur Verfügung. Der enorme globale Erfolg des Rollenspiels dürfte aber auch anderen Entwicklern und Publishern aufgefallen sein.
Und siehe da: Mit Honor of Kings: World kommt dieses Jahr bereits ein weiteres Spiel aus China, das die Struktur von WWM weiterdenkt und eine voraussichtlich deutlich bessere MMO-Erfahrung bietet, ohne den Singleplayer-Fokus zu verlieren. Dort tauchen die Charaktere anderer Spieler nämlich als Schemen (ähnlich wie in Dark Souls) in der eigenen Spielwelt auf und man kann mit diesen, wenn man das möchte, direkt interagieren.
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Die Zukunft gehört den MMO Lites
„MMO Lites“ dieser Machart sind kein völlig neues Phänomen. Schon in den 2010er-Jahren versuchten diverse westliche Entwickler, die Service-Blaupause von MMORPGs wie World of Warcraft auf andere Genres zu pressen, ohne das enorme Risiko einzugehen oder die hohen Kosten für eine persistente MMO-Welt stemmen zu müssen.
Destiny von 2014 gehört mit seinem Shared-World-Konzept zu den Urvätern der „MMO Lites“. Später folgten neben Destiny 2 auch Spiele wie The Division (2016) oder Anthem (2019).
Man trifft sich in Hub-Bereichen und in kleiner Zahl in der Welt. So richtig „Massively“ wird es nie. Die instanziierten Inhalte wie Dungeons, Raids und PvP geben sich meist vergleichsweise klein und fokussiert. Features wie Gilden, Chats und Handel bilden den sozialen Kit, der die Spieler immer wieder zurück in die Welt locken soll.
Dass dieser Trend auch an den asiatischen Entwicklern nicht vorbeigegangen ist, zeigt beispielsweise ein Genshin Impact von 2020, das seinen Singleplayer-Fokus mit Koop-Option und MMO-ähnlichen Progressionssystemen garniert. Dennoch bildeten Korea, China und Japan mit den dort regelmäßig produzierten MMORPGs in den vergangenen Jahren ein wichtiges Gegengewicht zur MMO-Müdigkeit im Westen.
Dieses Gewicht verschiebt sich durch Spiele wie Where Winds Meet und Honor of Kings: World jetzt aber wohl ebenfalls zunehmend in Richtung „MMO Lite“. Dazu passt auch die neue Ausrichtung von kommenden MMORPGs wie Chrono Odyssey oder ArcheAge Chronicles, die sich selbst als Online-Action-RPG bezeichnen und einen viel größeren Fokus auf PvE-Inhalte für Solisten und kleine Gruppen setzen, als das bei früheren MMOs aus Asien der Fall war.
Anders als das erste ArcheAge setzt der Nachfolger stark auf PvE-Inhalte für Solisten und kleine Gruppen – hier der Trailer:
Gute Gründe für das Lite-Format
In der Rolle des neutralen Beobachters kann ich jeden verstehen, der ein „MMO Lite“ statt eines vollwertigen MMORPGs entwickelt. Gute Gründe dafür gibt es einige:
- „MMO Lite“ passt besser in die heutige Zeit: Die MMORPG-Begeisterten von damals sind heute älter, haben weniger Zeit, suchen daher nach Spielen mit kürzeren Spiel-Sessions und der Möglichkeit, diese wahlweise alleine oder im Multiplayer erleben zu können.
- „MMO Lite“ ist oft günstiger: Bei einem MMORPG erwarten viele Genre-Fans ein umfangreiches Inhaltspaket, das mit WoW und Co. konkurrieren kann. „MMO Lites“ können sich indes für den Release voll auf die Singleplayer-Erfahrung konzentrieren und Multiplayer-Inhalte mit der Zeit organisch nachreichen. Und auch die Serverauslastung ist eine völlig andere, wenn nur wenige Spieler in der Welt wirklich aufeinandertreffen.
- „MMO Lite“ passt besser zu Konsolen und Mobile: Burgbelagerungen wie in Throne and Liberty, an denen teils 1.000 Spieler teilnehmen, lassen sich nur schwer auf Mobile-Geräten und Konsolen abbilden. Varianten wie bei Where Winds Meet, Genshin Impact oder Honor of Kings: World sollten indes auf allen Plattformen reibungslos laufen (natürlich auch abhängig von den durchgeführten Optimierungen der Entwickler und dem Hardware-Hunger der genutzten Engine).
- „MMO Lite“ spricht größere Zielgruppe an: Mit Singleplayer-Fokus, einem bunten Mix aus PvE- sowie (optionalen) PvP-Inhalten, der optionalen Möglichkeit für Multiplayer, Releases auf diversen Plattformen (darunter Mobile) und Free2Play-Modell erreicht man heutzutage die größtmögliche Zielgruppe. Hier ist theoretisch für jeden etwas dabei.
MMORPG-Urgestein Jack Emmert erklärte mir im Januar 2026, dass es heutzutage zudem fast unmöglich ist, für ein ambitioniertes MMORPG eine ausreichend hohe sowie verlässliche Finanzierung zu erhalten. Sein eingestelltes Warhammer-MMORPG ist der perfekte Beweis dafür: Extrem starke Marke, erfahrenes Team, spürbare Fortschritte in der Entwicklung, und dennoch drehte Geldgeber NetEase den Hahn zu.
Seiner Ansicht nach muss man heutzutage mit einem kleineren, fokussierteren Projekt anfangen, das man bei Erfolg durch Updates und Erweiterungen nach und nach zu einem richtigen MMO ausbauen kann. Als Beispiel nannte er Warframe, das heute ein ganz anderes Spiel ist als zu Beginn, oder ein Helldivers 2, das man leicht zu einem MMO machen könnte.
Der MMORPG-Fan in mir trauert
Nur damit ihr mich nicht falsch versteht: Ich habe nichts gegen „MMO Lites“. Where Winds Meet gehört für mich zu den besten Spielen 2025, nach den fantastischen Kingdom Come 2 und Clair Obscure: Expedition 33. Traurig bin ich, weil es immer mehr Spiele mit halbgarer MMO-Erfahrung gibt, aber keine neuen MMORPGs, die das Potenzial sowie die einzigartige „Massively-“Faszination des Genres auch nur annähernd erreichen.
Es fehlt abseits der altgedienten Genre-Vertreter, die wir seit ein, zwei Dekaden spielen, an frischen, modern inszenierten MMORPGs, die zwar neue Akzente setzen und gemachte Fehler vermeiden, unter der Haube aber richtige MMORPGs sind. Mit Welten, in denen hunderte oder gar tausende Spieler aufeinandertreffen. Mit Spielsystemen, die das Mit- und Gegeneinander fördern, ohne zu frustrieren.
Durch Hits wie Where Winds Meet spwie Genshin Impact und Fehlschläge wie Blue Protocol oder Tarisland wird es solche MMORPGs leider auch aus Asien zunehmend seltener geben. Im Zuge unserer MMORPG-Themenwoche 2024 hatte ich mal zu Papier gebracht, wie mein Traum-MMORPG heute aussehen müsste: Wenn jemand so ein MMORPG ankündigt, nehme ich ganz vorne Platz auf dem Hype-Train
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