Egal ob bei Tolkien, in World of Warcraft oder anderen Rollenspielen, Zwerge werden fast überall als kleinwüchsiges Volk dargestellt. Klar, denn: Zwerge sind klein. Aber das stimmt eigentlich gar nicht – zumindest geben die ursprünglichen Sagen das gar nicht her.
Einigen von euch ist vielleicht bekannt, dass Zwerge eigentlich aus der nordischen Mythologie stammen. Die meisten dürften aber lediglich vier Dinge über Zwerge wissen:
- Zwerge leben unter der Erde, in Bergen und Höhlen – seltener auch mal als „Wildzwerge“ draußen.
- Sie können hervorragend schmieden und sind herausragende Steinmetze.
- Was von Zwergen gefertigt wird, ist stabil und überdauert alle Zeit.
- Zwerge sind stur, aber zutiefst loyal, grummelig, tragen Bärte und sind… klein.
Während Vieles davon sich eindeutig auf die Sagen, Legenden und Lieder der Wikinger, etwa aus der Edda, zurückverfolgen lässt, wird ausgerechnet ihr ausschlaggebendes Merkmal als kleinwüchsiges Volk dort nie erwähnt.
Alles nur christliche Propaganda?
Wie recht viele Wesen aus der modernen Fantasy stammen Zwerge aus den nordischen Mythologie – genau wie Trolle, Riesen oder Elfen, wobei letztere stark mit den keltischen Sidhe vermischt wurden. Einer der Gründe dafür ist übrigens Tolkien, der als Ikone des Genres gilt und sich von eben diesen Mythologien viel ausgeliehen hat.
Warum also gelten Zwerge nun als klein? Das ist nicht unbedingt Tolkiens „Schuld“, sondern eher ein Ergebnis von fehlender Überlieferung und bewusster Veränderung. Viele Schriften, die die Sagen der Wikinger behandeln, sind erst weit nach ihrer Zeit entstanden und als Skandinavien bereits zu großen Teilen christianisiert war.
Eine der wichtigsten Quellen ist die Edda nach Snorri Sturlurson. Rudolf Simek schriebt in seinem Lexikon der germanischen Mythologie, das als eines der wichtigsten Werke zum Thema gilt: „Zudem war Snorri Christ, und seine christliche Erziehung ist in seine Darstellung miteingeflossen. Dennoch sind seine Werke eine unserer Hauptquellen für die germanische Mythologie.“
Warum genau jetzt Zwergen eine kleine Gestalt zugeschrieben wird, lässt sich kaum eindeutig belegen. Möglich wäre, dass das Christentum die alte, nordische Religion als buchstäblich „kleiner“ darstellen wollte. Möglich wäre aber auch, dass es sich schlicht um eine fehlerhafte und mehrdeutige Übersetzung handelt.
Die nordischen „Zwerge“ waren brillante Schmiede, aber nicht unbedingt klein
In den Wikinger-Sagen heißen die Zwerge „dvergar“ (ähnlich wie der zwergische Eigenname der Zwerge in Warhammer) und werden zwar als „andersartig“ beschrieben, aber nie ausdrücklich als klein.
Der deutsche Mittelalterarchäologe Matthais S. Toplak beschäftigt sich ausgiebig mit nordischer Geschichte und Sagen. In seinem Beitrag „or brimi bloðgo“ – Körperlichkeit und Exklusion in den gesammelten Essays Res, Artes et Religio, schreibt der Forscher:
Der zentrale Parameter in der äußeren Erscheinung der dvergar wäre demnach nicht ihre geringe Körpergröße, sondern ihre Monstrosität, die sie als Zerrbild des Menschen erscheinen lässt.
M. S. Toplak in „or brimi bloðgo“ – Körperlichkeit und Exklusion, kostenlos zu lesen via academia.edu
Auch, wenn es also durchaus möglich sein kann, dass Zwerge klein waren, ist das keiner ihrer grundlegenden Wesenszüge. Im Übrigen gibt es Vermutungen, dass die dvergar und die svartálfar, also „Schwarzelfen“, das gleiche Volk gewesen sein könnten.
Was dagegen stimmt und wo auch Toplak zustimmt, ist, dass zwergische Handwerkskunst als meisterlich gilt. Sie haben verschiedene magische Artefakte geschmiedet, etwa:
- Freyas Halsreif Brísingamen
- Gleipnir, die Kette, die den Wolf Fenrir gefesselt hat – mit Zutaten wie dem Bart einer Frau, der Spucke von Vögeln und dem Tritt einer Katze
- Odins mächtige Waffe Gungnir, einen meisterhaften Speer
- und natürlich Thors berühmten Hammer Mjölnir

Riesen sind übrigens auch gar nicht so „riesig“
Wenn wir schon dabei sind, eure Vorstellungen zu zerstören: Zwerge sind nicht nur nicht klein, Riesen sind dazu auch noch nicht riesig – zumindest nicht, wenn man sich ihre Vorbilder anschaut. Auch die stammen nämlich aus der germanischen Mythologie.
Dort sind Riesen, oder Jötnar, die Quasi-Gegenspieler Aesir oder Asen und der Vanen, also der uns bekannten Götter. Zwischen den Göttern und den Riesen gibt es zwar oft Kriege, aber auch Frieden und sogar Hochzeiten, etwa zwischen Njörd und Skadi.
Jötnar werden gemeinhin als gleich groß wie die Aesir beschrieben, oder zumindest nicht explizit als größer, und Aesir selbst wiederum nicht als größer als Menschen. Die einzige Ausnahme bildet hier der Ur-Riese Ymir, aus dessen Körper die ersten Götter (Odin, Vili und Vé) die Welt erschufen.
Eine weitere Annahme, wenn auch deutlich weniger verbreitet, ist, dass Zwerge nicht zaubern können – unter anderem, weil sie angeblich aus Stein bestehen. Auch das ist nicht quellengetreu, denn in der Edda beherrschen sie durchaus Zauberei, etwa den Gestaltwandel (was ihre Trope als „kleines“ Volk ohnehin verwerflich macht). Schaut man sich moderne Zwerge an, zahlen die für Zauberei aber einen hohen Preis: In Warhammer gibt es 3 Arten von Zwergen und gleich zwei davon tun verbotene Dinge
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