Victoria 3: Seit ich das neue Strategiespiel auf Steam spiele, verstehe ich Olaf Scholz

Victoria 3: Seit ich das neue Strategiespiel auf Steam spiele, verstehe ich Olaf Scholz

Am 25. Oktober ist das Strategie-Spiel Victoria 3 auf Steam erschienen. MeinMMO-Autor Schuhmann sagt: In anderen Spielen geht es darum, mit einer Gruppe Ritter einen Drachen zu töten. In Victoria 3 dreht sich alles ums Bruttoinlandsprodukt und um Schulden. So viele Schulden.

Wenn ihr so aufgewachsen seid wie ich, habt ihr einige Sachen früh gelernt: Sei respektvoll zu Frauen und Älteren, iss keinen gelben Schnee und mach keine Schulden.

Schon früh wurde mir eingetrichtert, nur so viel Geld auszugeben, wie man hat – auf keinen Fall mehr.

Schulden zu haben, ist die Hölle. Eigentlich ist es streng verboten. Schulden nimmt man maximal einmal im Leben auf: Wenn man sich ein Haus baut, dann ist es gerade so okay.

Aber auch dann bedeuten Schulden nur Stress und Höllenqual: Denn nun muss man sich Jahre abplagen, um den Bausparvertrag zu bedienen, kann erst dann wieder in den Urlaub fahren und nachts ruhig schlafen, wenn der abbezahlt ist.

Auf die Idee, einen Fernseher oder ein Handy auf Pump zu kaufen, wäre ich nie gekommen: Das ist der sichere Weg in den Ruin und zu Peter Zwegat, wusste ich.

Deshalb war es für mich ein seltsamer Moment, als der damalige Finanzminister Olaf Scholz verkündete, er bekämpfe die Corona-Pandemie „mit der Bazooka“, indem er wahnsinnig viele Schulden aufnimmt. Die Folgen der Energie-Krise, sagte er später als Bundeskanzler, werde er mit dem “Doppel-Wumms” angehen.

Okay.

Zurückzahlen werde man die Schulden dann, indem man „aus den Schulden rauswächst.“ Ich konnte nie verstehen, was er meint. Das hat sich geändert, seit ich Victoria 3 auf Steam spiele.

Das ist die Netto-Neuverschuldung von Deutschland – man sieht 2020 und 2021 einen „moderaten“ Anstieg.

Statistik: Nettokreditaufnahme des Bundes von 2000 bis 2021 (in Milliarden Euro) | Statista
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Welt erobern, perfekte Gesellschaft aufbauen, Wirtschaftsmacht werden

Nun, im neuen Strategiespiel Victoria 3 dreht sich alles um Schulden und Wachstum, jedenfalls wenn man sich für diesen Weg entscheidet. Victoria 3 gibt euch zu Beginn die Wahl, wie ihr spielen möchtet:

  • Wollt ihr den perfekten Staat errichten, mit maximaler Freiheit und Gleichheit für jeden Bürger, dann spielt doch Frankreich
  • Wollt ihr die Welt mit Krieg überziehen, mit Panzern die halbe Erdkugel an euch reißen, spielt Deutschland, also Preußen
  • Wollt ihr aber zur größten Wirtschaftsmacht des Planeten aufsteigen, entscheidet ihr euch für die USA
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Wirtschaftsmacht werden, Weltherrschaft an sich reißen oder perfekte Gesellschaft bauen?

Victoria 3 mit Preußen zu spielen, ist ein seltsames Gefühl: Das Game dauert von 1836 bis 1936 an und jeder, der nicht völlig dumpf ist, weiß, warum es moralisch heikel ist, in dieser Zeit mit Deutschland zu spielen.

Das Spiel mit den USA behandelt mit Sklaverei und der Vertreibung und Auslöschung der amerikanischen Ureinwohner ebenfalls historische Gräueltaten, aber wenigstens muss ich nicht Frankreich wegen Elsass-Lothringen überfallen.

Im Wesentlichen dreht sich das Spiel mit den USA um das Wirtschaftswachstum: Euer Ziel ist es, 1936 die größte Wirtschaft der Welt zu haben.

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von Schuhmann

Ihr könnt natürlich ruhig und finanziell gesund wachsen …

Mit den USA fangt ihr klein an und die Welt ist in Ordnung. Ihr habt 35 Konstruktionseinheiten zur Verfügung, das heißt, ihr könnt innerhalb eines halben Jahres zwei neue Fabriken errichten. Das ist finanziell drin, die Zahlen bleiben grün, alles ist gut.

Die Kapitalisten in eurem Land helfen euch sogar, mit Investitionen das Budget zu halten. Investitionen sind ein zweischneidiges Schwert:

  • Wenn nichts gebaut wird oder zumindest nichts, was von Kapitalisten finanziert wird, sammelt sich Geld in einem Investitionspool an
  • Wenn der Pool voll ist, führt das zu einer trügerischen Sicherheit, denn das Budget sieht gut aus
  • Sobald der Pool aber leer ist und der Staat alles selbst finanzieren muss, wird man mit der Realität konfrontiert: Schulden
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So fängt man als USA an – 23 Wochen warten, bis die erste Werkzeugfabrik steht. Aber dafür ist man finanziell gesund.

Ihr habt also die Wahl:

  • 2 Fabriken zu bauen und dann 5 Minuten untätig vorm Monitor sitzen und beobachten, wie die nutzlosen Goldreserven steigen, aber es einfach kaum Wirtschaftswachstum gibt.
  • Ihr könnt aber auch rasch 6 neue Baufirmen errichten und dann 4 Fabriken gleichzeitig hochziehen: Also doppelt so schnell wachsen. Dann allerdings macht ihr Schulden.
  • Ihr könnt auch 12 neue Baufirmen einrichten und dann 8 Fabriken gleichzeitig hochziehen. Dann aber zeigt euer Budget ein dickes, rotes Minus an. Hm!
MeinMMO-Autor Gerd Schuhmann ist seit 2004 und Crusader Kings 1 ein Fan der Strategie-Spiele von Paradox. Er hat bereits 59 Stunden in Victoria 3 verbracht und war weltweit einer der ersten, die den Erfolg für den “ökonomischen Sieg” errungen haben. Sagen jedenfalls die Steam-Achievements.
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Das Spiel als Deutschland unterscheidet sich stark von dem mit den USA.

“Wir wachsen aus den Schulden schon raus”

Letztlich dreht sich Victoria 3, wenn man die USA spielt, um Wachstum und Schulden. Denn der Gag ist: Schulden sind als Nation nicht so schlimm. Eigentlich merkt man sie kaum. Man muss die zwar abstottern, die Zahlen sind aber rasch so gewaltig, dass die Zinsen kaum ins Gewicht fallen.

Das Problem ist erreicht, wenn der Zustand „Default“ eintritt, dann ist man so stark verschuldet, dass einem die Bank keinen Kredit mehr gibt – alle Bauprojekte stoppen und man muss etwas tun.

Dann hilft eigentlich nur noch der Staatsbankrott: Alle Schulden sind getilgt, aber man hat die nächsten 10 Jahre mit heftigen Einschränkungen zu kämpfen.

Der Zustand „Default“ kommt in Victoria 3 dann, wenn der Schuldenstand ein Vielfaches des Bruttoinlandsprodukts beträgt. Das heißt im Umkehrschluss:

  • Je höher das Bruttoinlandsprodukt wächst, desto höher wächst auch das Kredit-Limit und desto höher kann man sich verschulden.

Staatsschulden verleiten dazu, falsche Wege bis zum Ende zu gehen

Das führt zu einer sehr seltsamen Spielweise, weil man eigentlich weiß, dass es gerade eigentlich mies läuft und man über seine Verhältnisse lebt, aber jetzt kann man auch unmöglich aufhören, weiterzuwachsen, denn dann kommt ja die Bank:

  • In den USA neigt man dazu, sich völlig zu verschulden, während man die Eisen-, Kohle- und Stahlindustrie aufbaut. Das ist ein Wirtschaftskreislauf, zu dem indirekt noch Werkzeuge, Motoren und Sprengstoff gehören.
  • Das führt unweigerlich dazu, dass man teure Infrastruktur aufbauen muss, also Häfen, Eisenbahnen und die Verwaltung.
  • Das ist ein Teufelskreis, denn ständig braucht man mehr Minen, um die Rohstoffpreise niedrig zu halten, damit Werkzeuge, Stahl und Motoren noch einigermaßen günstig sind.

Man merkt rasch: Ich mache gar nichts mehr, als diesen Industrie-Zweig zu fördern. Dabei weiß man ja, historisch gesehen, wohin dieser Fokus auf Kohle und Stahl die USA geführt hat: zum “Rust Belt” und Donald Trump.

Man versucht aber tatsächlich, aus den Schulden rauszuwachsen, indem man einfach immer mehr von dem macht, was einen jetzt schon in die Krise geführt hat: Es ist das Gefühl da, ich muss einfach noch mehr Kohle abbauen, um die Produktionskosten von Stahl zu senken, um das Wachstum weiter anzukurbeln.

Dabei wäre es eigentlich die richtige Entscheidung, die Wirtschaft auf die Produktion von Luxusgütern umzustellen oder verdammt noch mal, einfach langsamer und gesünder zu wachsen.

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Hups, hab ich mal wieder die Wirtschaft der USA gecrasht.

Man stellt dann fest: Okay, irgendwas ist hier schiefgelaufen, ich flute die Welt gerade mit Kohle und Blei. Ich muss doch aber eigentlich, historisch gesehen, Coca-Cola erfinden und Hollywood hochziehen – Wo ist denn der Schalter dafür?

Man kann jetzt aber auch nicht aufhören, denn dann würde ja das Bruttoinlandsprodukt stagnieren, das muss aber wachsen, damit der Kreditrahmen weiterwächst, den man voll ausschöpft.

Der herrliche, kurze Moment, wenn das Budget wieder grün wird

Victoria 3 bildet die historische Realität ab und zwischen 1836 und 1936 gab es immer wieder Erfindungen, welche die Produktion enorm ankurbelten. So ist das in Victoria 3 auch:

Irgendwann taucht am Horizont das Versprechen von technischem Fortschritt auf: Plötzlich arbeitet man in den Minen mit Nitroglyzerin und Dynamit, auf den Feldern mit Düngemitteln, schließlich sogar mit Traktoren und Elektrizität.

All das sind Punkte, an denen der Ausstoß der Fabriken, Felder und Minen plötzlich einen riesigen Sprung macht und man für einen winzigen Moment wieder ein grünes Budget hat:

  • Jetzt wäre eigentlich der Moment erreicht, sich zurückzulehnen, den Schuldenberg abzubauen und vielleicht die Wirtschaft moderat zu erweitern, sich um andere Industrie-Felder zu kümmern, vielleicht ein paar Universitäten zu bauen oder ein neues IKEA aufzumachen

Oder … man errichtet noch mehr Baufirmen und Kohlebergwerke. Aus den Schulden wachs ich schon raus!

Beim Spielen von Victoria hatte ich das Gefühl, die aktuellen politischen Debatten besser zu verstehen:-

  • Wie Christian Linder hoffte auch ich auf den “technischen Fortschritt”, der mit einmal die Misere löst, in die ich mich hineinmanövriert hatte
  • Wie Olaf Scholz sah ich Schulden als kein großes Problem an: Solange das Bruttoinlandsprodukt steigt, wächst man da in Victoria 3 tatsächlich raus
  • Nur für Robert Habeck hab ich beim Spielen von Victoria 3 kein zusätzliches Verständnis entwickelt. Mit Umweltschutz und Klimakrise hat das Spiel nichts am Hut: Ich will gar nicht wissen, wie es wäre, in meinen “USA” zu leben – mit all den Kohlekraftwerken und ohne Hollywood, Universitäten und Coca Cola

In Victoria 3 dreht sich alles um die Wirtschaft, in Crusader Kings 3 um die Erben:

Wenn man Crusader Kings 3 richtig spielt, züchtet man den „Übermensch“

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Keragi

Schulden für den Staat sind einfach wichtig sonst haben die Bürger kein Geld, denn die Schulden des einen sind das Vermögen des anderen. Natürlich ist es privat wichtig schulden zu vermeiden.
Das Spiel geht wirklich einen interessanten Weg.

Wrubbel

Das mit den Schulden wiederstrebt mir auch (noch) aber macht irgendwie Spaß. Ich bin ja Komplexität durch Paradox von Hearts of Iron 4 gewöhnt allerdings in Bezug Militär. Dies nun in Wirtschaftspolitik zu haben, ist irgendwie was neues. Anno 1800 ist zwar auch komplex aber mMn anders, weil man früher oder später dort Selbstversorger mit allen Rohstoffen/Waren ist.

EsmaraldV

Ein toller Artikel! Mal was andres aber total interessant geschrieben. Zufällig hat mir heute mein Cousin von dem Spiel berichtet – ich kannte es bis heute nicht, vielleicht wage ich einen Blick.

Eine kleine Info am Rande: Das BIP als Maßstab zu nutzen und im Verhältnis zu den Schulden zu stellen ist mit Vorsicht zu genießen – man muss berücksichtigen, was eigentlich alles ins BIP reinfließt…manipulativ kann man das BIP gerne als “green-washing” nutzen, damit hat die Regierung leider Erfahrung (Atomenergie…)

Wrubbel

ich kannte es bis heute nicht, vielleicht wage ich einen Blick.

Das Spiel ist auch erst seit 5 Tagen veröffentlicht.

Eine kleine Anmerkung, weil es im Text nicht so direkt rüber kommt: Der Dreh- und Angelpunkt des Spieles ist sehr komplexe Wirtschaftspolitik und damit das Jonglieren mit Zahlen in Menüs über Menüs. Militär/Marine ist zwar “vorhanden”. Die Mechaniken dazu sind absolut rudimentär. Außendiplomatie ist jetzt auch nur unterstützend dabei.

Threepwood

Interessanter Artikel, ich bin zu sehr RPG-Fraktion geworden, um mich heute noch in solche Spiele zu fressen. Umso cooler, dass nebenbei mal mitzubekommen.

Die lieben Schulden. Schäuble, Lindner weitere Finanzminister, die wir so hatten, verteufeln sie. Scholz war da nicht anders. Als Kanzler will er nur “irgendwie” durch seine Amtszeit kommen, die Folgen wird er nicht mehr erleben (siehe China, Saudis etc.).

Genutzt werden Schulden als Gegenargument zu nötiger Entwicklung (Hallo Klimawandel), sozialer Ausgewogenheit (Smith anyone?).
Sie halten bis heute das Bild hoch, dass “der kleine Mann” (Frauen im Jahre 2022 müssen nicht hm?) die Staatsschulden abzahlen muss. Und dann noch die kommenden Gegenrationen…oje….moment, welche konkreten Staatsschulden zahlen wir grad aktuell ab? Von den Boomern? Oder noch eher? Nachkriegsinvestitionen?
Diese Phrase ist nicht haltbar, aaaaber die Konservativen sind sich nicht zu schade, sie bei jeder Gelegenheit in die Köpfe zu pflanzen. Veralteter und widerlegter ökonomischer Denkschule und Ideologie sei Dank. Staatshaushalte sind eben keine privaten Haushalte, auch wenn sie so tun, als ob es so wäre.

Trickle Down und die liberale Deregulierungsbewegung funktionierte zu kurz für zu wenige und hat Folgen, die wir grad als Teaser erleben dürfen. Siehe Energiepreise. Der Markt regelt, nicht wahr?

Oje, ich weiß jetzt wieder, warum ich solche Spiele nicht mehr spiele…eben weil ich dann erst recht kein Verständnis mehr für Liberale und Konservative habe.😄

Zord

Für Schulden müssen Zinsen gezahlt werden, je höher die Schulden desto höher auch der Zinssatz. Deutschland zahlt aktuell 2,08% Zinsen für Staatsanleihen, die USA 3,97% und Griechenland sogar 4,39%. Wir müssen dieses Jahr nach einer Schätzung aus dem Juli run 16 Milliarden nur an Zinsen zahlen. Hätten wir höhere Schulden dann entsprechend deutlich mehr.
Schulden sind dann sinnvoll wenn sie für Infragstruktur Maßnahmen (z.B Strom Erzeugung oder neue Bahn Verbindungen) oder um kurzzeitige Krisen (z.B. Corona) zu bewältigen. Wenn die nur genutzt werden um den Konsum zu steigern, dann kann einem das gehörig um die Ohren fliegen. Ich wüßte auf jeden kein Beispiel wo ein Land durch massive Verschuldung einen langfristig höheren Lebensstandard für die unteren Bevölkerungsschichten erreicht hat

Sorry, der Satz ist leider Mumpitz.

Die Höhe der Schuld hat keinen direkten Einfluss auf die Höhe des Zinssatz. Die Zinsen steigen mit der Schuld aber nicht der Satz.

Häufig ist es sogar umgekehrt, große Kredite sind oft billiger als kleine. Baufinanzierungen haben kleinere Zinssätze als Konsumentenkredite. Oft.

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