MMO-Kultur: Von Fanbois und Hatern, von Bashern und Whiteknights

Das MMO besteht nicht aus dem Spiel allein, sondern auch aus der Diskussion darüber – genau wie beim Fußball. Wir werfen heute einen Blick auf Fanbois und Hater, auf Basher und Whiteknights, kurz auf den ganz alltäglichen Wahnsinn rund um die schönste Nebensache der Welt. Und damit meinen wir weder Sex noch Fußball.

Als dritte Halbzeit bezeichnen manche Fans die Diskussionen nach einem Spiel in der Vereinskneipe. Gott und die Welt und vor allem der Fußball werden da besprochen. Gamer brauchen dafür weder Bier noch Kneipe. Sie nuckeln an Energy-Drinks und treiben sich in Foren, auf Webseiten und in den Sozialen Medien herum. Und es geht auch nicht um Fußball, um Gott oder gar die Welt, sondern um MMOs.

In unserer Kolumne „MMO-Kultur“ wollen wir bei Mein MMO heute mal einen Blick auf die verschiedenen Typen in so einer Diskussion werfen und wie sehr sie sich ihrem Spiel verbunden fühlen.

Wir haben dafür an einer Skala gebastelt, die das Verhältnis des Spielers zum Game beschreibt und wie bereitwillig er es in Diskussion angreift oder verteidigt. Diese höchstwissenschaftlich erstellte Skala geht dabei von -3 (absoluter Hass) bis +3 (bedingungslose Hingabe). Natürlich gibt es neben den 7 Punkten, die wir uns gezielt rauspicken, noch einige Grautönen, in die sicher jeder fällt, der das hier liest und der seine MMOs natürlich leidenschaftslos und absolut objektiv analysieren kann.

Also bitte … nicht so ernst nehmen. Alles nur Satire.

Punkt Null auf der Skala: Der Neutrale: Jo … hab ich schon mal von gehört – ist ein MMO, oder? Wie ist das so?

Hierunter fällt jetzt nicht gerade die Oma, die mit Videospielen überhaupt nichts zu tun hat, sondern jemand, der potentiell Kunde für das Spiel ist, um das es geht. Aber er ist neutral wie die Schweiz, hat sich noch keine Meinung zu dem Game gebildet. Und ob er sich mal richtig dafür interessieren wird, ist auch noch nicht klar.

Normalerweise hat der Neutrale das Spiel bisher noch nicht erworben – außer es war in einem Humble Bundle, zusammen mit 8 anderen Spielen, von denen er 2 schon hat und über 2 andere gehört hat, das sie ungefähr genauso sind.

Kaum einem Zocker gelingt es, neutral zu bleiben, noch während er das Spiel zockt. Entweder kippt es in die eine oder in die andere Richtung.

HDRO: Diskussion

Wir bei Mein MMO haben dieser Diskussion gelauscht: Der kräftige Mann mit dem Bart versucht seine Freundin von Herr der Ringe Online zu überzeugen.

Ein Neutraler nimmt normalerweise nicht an Diskussionen zum Game teil – ironischerweise geht es allen anderen aber oft um ihn. Denn er ist die „schweigende Mehrheit“, die es von der eigenen Position zu überzeugen gilt. Der Neutrale ist also der Hauptpreis in Diskussionen zu Games: Er hat noch keine Meinung und kann entweder davon überzeugt werden, das Spiel sofort zu kaufen und Anhänger des Kults zu werden oder er kann erfolgreich vertrieben werden.

Punkt +1: Typen, die das Spiel mögen: War ganz okay, aber … das geht mir dann doch zu weit

Der Typ, der das Spiel mag, ist jemand, der das Spiel gerade zockt oder bereits gezockt hat. Und er hat es genossen oder zumindest allgemein okay gefunden.

Bei +1 auf der Skala kann aber auch ein Fan liegen, dem das Spiel wahnsinnig gut gefallen hat, der aber in seinem Naturell eher introvertiert ist und für den ein „Schlecht ist es net“, schon das höchste Lob bedeutet.

Solche Spieler halten sich für gewöhnlich aus Internet-Debatten heraus. Wenn es eine Möglichkeit gibt, das Spiel zu supporten, ohne in irgendeine heftige Diskussion verwickelt zu werden, nehmen sie das gerne an. Sie liken Posts auf Facebook, beteiligen sich an Umfragen, schauen sich Videos und Guides zu ihrem Spiel an und kaufen ziemlich wahrscheinlich auch den Folge-Titel.[pullquote]Es ist doch nur ein Spiel![/pullquote]

Typen, die das Spiel mögen, sind – wie die meisten Menschen – eher konfliktscheu. Sie müssen sich nicht unbedingt an einer Debatte um ein Spiel beteiligen. Tun sie es doch, versuchen sie sachlich zu bleiben. Sie sehen ihr Spiel in der Regel objektiv, aber durchaus mit Wohlwollen. Es sind Leute, für die das Game auch keinen wahnsinnig hohen Stellenwert einnimmt. Es ist ein Spiel, man hat es gespielt, jetzt geht es zum nächsten.

Beim Fußball wären das Leute, die ihrem Team vorm Fernseher die Daumen drücken.

Punkt -1: Der Typ, der das Spiel einfach nicht mag: Pfff, mir doch egal

Der Typ, der das Spiel einfach nicht mag, ist das Gegenstück zu einem Fan. Er hat sich das Spiel vielleicht gekauft und rasch wieder deinstalliert. Oder er mag das ganze Genre nicht oder hat sich mit einem früheren Titel des Herstellers mal den Spiele-Magen verdorben.

Wenn er an das Spiel denkt, verzieht er vielleicht ein bisschen das Gesicht, so als hätte er in eine Zitrone gebissen oder, was wahrscheinlicher ist, an einem Drops mit Zitronengeschmack gelutscht. So richtig kann er sich nicht erklären, warum überhaupt einer das Game zockt, wo es doch so klare Schwächen hat. Aber andererseits weiß der Typ, der das Spiel einfach nicht mag, dass jeder einen anderen Geschmack hat.

The Elder Scrolls Online

Kaum ein MMORPG spaltet die Spielerschaft so wie The Elder Scrolls Online. Es ist eben nicht jedermanns Sache.

Der Typ, der das Spiel einfach nicht mag, wird sich normalerweise nicht an Diskussionen zum Game beteiligen. Er wird nicht auf Beiträge klicken, die das MMO zum Thema haben, er wird einfach versuchen, das Game zu ignorieren. Wenn es ihm zu bunt wird und er auf das Spiel angesprochen wird, sagt er vielleicht mal: „Hat bei mir einfach nicht gezündet“ oder „Ich kann damit einfach nichts anfangen.“

Er wird aber nicht versuchen, andere von seiner Meinung zu überzeugen. Maximal wird er muffelig. Aber das ist auch schon das höchste der Gefühle.

Punkt +2: Der Fanboi oder das Fangirl: Rosarote Schwärmereien in C-Dur

Der Fanboi oder das Fangirl li-li-liiiiebt das Spiel. Es ist ein bisschen so, wie wenn man frisch verliebt ist. Eigentlich ist es genauso! Man will die Liebe zum Game in die Welt hinausschreien! Natürlich ist man dabei ein wenig irrational, das weiß man selbst. Aber es ist einem auch grade egal. Der Fanboi liket Beiträge, er kauft Merchandise und er gibt Geld aus.

Am liebsten informiert er sich auf Fanseiten zum Game. Er schreibt selbst Guides, twittert und ist auf Facebook, verfasst vielleicht Fan-Fiction, geht auf Cons und ist Teil des Fandoms. Er mag das Game einfach wirklich. Es ist ein Teil seines Leben, durch den er sich wohlfühlt und der ihn freut.

GW2 Jubel

Fanboys lieben ihr Spiel und wollen es auch zeigen, indem sie sich aktiv in die Community einbringen! (Bild aus Guild Wars 2)

In der Regel bleibt ein Fanboi in der Nähe zu seinem Game. Er ist in den dazugehörigen Foren oder sozialen Medien, entfernt sich mit seiner Meinung aber nicht so wahnsinnig gern davon. Denn er weiß, dass er in der harten, rauen Welt da draußen doch Gegenwind zu spüren bekommt, der ihm nicht so schmeckt und der ihm den Spaß vermiesen könnte.

Natürlich sieht auch das Fangirl die Fehler im Spiel und die Dinge, die nicht so gut laufen. Aber sie glaubt, dass die Entwickler es ganz sicher besser machen werden – gleich morgen schon oder im nächsten Patch, immerhin haben sie das gesagt und sie würden doch niemals lügen! Jemand, der in ihr Wohnzimmer kommt, und dort über das Spiel lästern möchte, kann sie gar nicht verstehen.

Eine Unter-Art des Fangirls ist das „reflektierte Fangirl“. Das sind Fans, die gern wieder so ungeteilt lieben möchten wie das reine Fangirl, aber dafür zu nüchtern bleiben. Sie schreiben oft Guides und bringen sich aktiv in die Community ein.

Andere Unterarten der +2-Typen sind der „Hilfs-Sherriff“ oder „die Mutter der Kompanie“ – das sind Spieler, die gerne Teil einer Gemeinschaft sind und hier eine übergeordnete Rolle spielen, ob als Moderator, Gildenleiter einer wichtigen Gruppe oder als Leiter von Fanseiten.

All diese verschiedenen Variationen der Spieler, die mit +2 für ein Spiel entflammt sind, sehen das Game als einen wichtigen Teil ihres Lebens. Ihnen gelingt es, das MMO als positive Kraft in ihrem Leben zu begreifen. Selbst wenn sie auf Außenstehende manchmal so wirken, als hätten sie den Kontakt zur Realität verloren, wenn sie auch grobe Schwächen in ihren Lieblingsspielen verleugnen.

Das Fußball-Äquivalent zu Fanbois und Fangirls sind Ultras. Sie denken sich Choreographien aus, treten in Kontakt mit den Vereinsverantwortlichen, organisieren die Fankultur und bilden, in ihren Augen, das Rückgrat des Vereins. Dafür wollen sie allerdings auch respektiert werden. Sie möchten, dass ihre Leistung für den Verein gewürdigt wird.

Punkt -2: Der Hater: Militanter Ex-Fan mit schlechter Laune

Der Hater war oft mal ein Fan oder sogar ein Fanboi, bis die Liebe dann in blanken Hass umschlug. Dabei hat sich das Spiel geändert, nicht der Hater selbst. Der Antrieb ist: „Was hat man nur aus meinem geliebten Spiel gemacht? Wie ist das alles so schlecht geworden? Früher – ja, früher – als ich das noch gespielt hab, da war das ja alles so – aber jetzt, wie kann man heute nur noch!“

Der Hater möchte häufig, sich selbst und seinen Platz im Gamer-Leben dadurch herausarbeiten, dass er auf andere hinabblickt. Er ist dem Game lange entwachsen. Der Vorwurf ist dann: Warum hat sich das Game eigentlich nicht meinen Bedürfnissen angepasst?

World of Warcraft

Nein, das entspricht leider nicht der Realität. In der Regel sind es erbitterte Kämpfe, bis einer nachlässt. Entweder World of Warcraft ist tot oder es ist das beste Spiel auf dem Markt. Eine Meinung, die ein Hater auch zu gerne in den Chats von Betas anderer MMOs deutlich macht: „Euer MMO ist scheiße, WoW ist viel besser“. Und tschüss!

Dieser Typ des Haters ist ungefähr so militant und beliebt wie ehemalige Nicht-Raucher, die jedem gleich mit Krebsbildern kommen, oder ein „Ts-ts-ts, ich war auch mal so ein willensschwacher Suchtling, bis ich das überwunden habe“-Gesicht machen.

Hater brauchen nicht unbedingt Gegenwind, sondern möchten lieber von anderen Spielern in ihrer Meinung unterstützt werden, daher halten sie sich eher in „neutralen“ Foren auf, die keinem Game zugeordnet sind. Im Gegensatz zu den Spielern mit -1 äußern sie dort allerdings negative Kritik am Spiel.

[pullquote]Hater lassen kein gutes Haar am Spiel[/pullquote]Dabei kann die Kritik durchaus differenziert sein. Je weiter der Hater vom Typ, der das Spiel einfach nicht mag, weg ist und je näher er sich dem Basher nährt, desto undifferenzierter wird seine Kritik. Harte Hater lassen kein gutes Haar am Spiel, um das es geht. Sie diskutieren leidenschaftlich und sind auf Krawall gebürstet. Persönliche Anfeindungen sind Teil ihrer Rhetorik.

Manchmal können Hater eines Spiels auch Whiteknights für ein anderes sein. Dann lieben sie ihr eigenes Spiel so sehr, dass sie in die Welt hinausgehen, um andere Games schlecht zu machen. Gerade im Konsolen-Sektor scheint es unmöglich zu sein, ein Fan der X-Box oder der Playstation zu sein, ohne gleichzeitig die andere Konsole bis ins vierte Glied zu hassen.

Der Eindruck täuscht allerdings. Ein „normaler“ Fan der Xbox oder Playstation ist irgendwo zwischen -1 und +1 und geht daher gar nicht in solche Foren. Dort sind Kollegen, die sich näher am Ende der Skala aufhalten oder die mit der Zeit im Forum dorthin gewandert sind Solche Foren kontaminieren nämlich ihre Mitglieder und ziehen sie immer mehr zum Rand hin. Sozusagen ein … Extremisten-Bootcamp!

Punkt Plus 3 – Der Whiteknight: Auch der Zorn über Unrecht macht die Stimme heiser

Whiteknights sind Fanbois mit einer Agenda. Sie sind es leid, dass Hater oder gar Basher zu ihnen in die Foren kommen und dort Stunk machen. Wer sowas macht, der kriegt es mit ihnen zu tun! Sie können nicht verstehen, dass einer irgendwohin geht, um da dem Rest das Spiel zu vermiesen! Mit dem stimmt doch was nicht? Also sind sie es leid, die andere Wange hinzuhalten, graben das Kriegsbeil aus (oder den Phaser) und gehen zum Gegenangriff über.

SWTOR Whiteknight

In der Anfangszeit von Star Wars: The Old Republic wurden Spieler in Diskussionen regelmäßig als „bezahlt“ bezeichnet.

Leider fallen viele Whiteknights mit der Zeit in dieselben Muster wie ihre Kontrahenten und werden destruktiv und unsachlich. Die vergeblichen Versuche, Andersdenkende doch von der allein gültigen Wahrheit zu überzeugen, machen Whiteknights mit der Zeit frustriert und gallig, bis ihr Tonfall dem eines Trolls entspricht. Für Außenstehende sind Gespräche zwischen Bashern und Whiteknights ungefähr so angenehm wie der Ehestreit der Nebenmieter oder das Geräusch eines sich drehenden Zahnarztbohrers.

Das Schlimmste, was man einem Whiteknight vorwerfen kann, ist es, dass er ein bezahlter Social Media Agent des Unternehmens ist, für dessen Sache er streitet. Denn er ist mit Herzblut dabei … wenn er auch davon träumt, dass ihm mal so ein Job angeboten wird. Dass ihn der Social-Media-Vorwurf so hart trifft, hindert ihn nicht im Mindesten daran, bei Kritikern zu vermuten, sie seien sicher von einer Konkurrenz-Firma bezahlt! Im MMO-Sektor ist der Schurke fast immer Blizzard. Im Konsolen-Sektor wahlweise Sony oder Nintendo. Je nachdem für welches Game der Whiteknight streitet, formt sich eine neue Achse des Bösen.

Neben Bashern gehören Gaming-Seiten und Journalisten, die sich kritisch zum Spiel äußern, zu den natürlichen Feinden der Whiteknights. Besonders auf weibliche Kritikerinnen haben sie es abgesehen. So manche Gaming-Journalistin soll deshalb schon den Beruf gewechselt haben. Warum es so ist, dass gerade Frauen ihren Zorn erregen – das wäre ein Fall für die Psychologen. Whiteknights sind übrigens fast ausschließlich ein männliches Phänomen.

Punkt Minus 3 – Der Basher: Troll auf Speed

Der Basher oder der Troll ist ein Hater auf Speed. Er hat es zu seiner Lebensaufgabe gemacht, die Community eines Spiels zu zerstören. Einem Basher geht es nicht um die Sache oder um das Spiel an sich, sondern um die Aufmerksamkeit, die er daraus zieht, gegen alle zu sein.

Trollface

Don’t feed the troll!

Am liebsten dringt er daher in die Höhle des Feindes vor, auf Fanseiten des Games oder in die sozialen Netzwerke, um da Stinkbomben zu zünden. Wer ihm widerspricht, kann sich den Rest des Tages freinehmen; der Basher hat Zeit und geradezu neurotische Energie.

Oft kennt er sich mit dem Game viel besser aus als normale Fans. Er hat Statistiken parat, die den genauen Niedergang belegen. Er spricht immer nur in Superlativen, absolutiert alles und lässt kein Widerwort gelten. Wer ihm widerspricht, muss verblendet, geistig zurückgeblieben oder einfach noch „sehr, sehr jung und unerfahren“ sein (oder auf der Gehaltsliste des Betreibers!).

Auf eine Frage hat auch er allerdings keine Antwort: „Warum er denn so viel Zeit auf etwas verwendet, das ihm so viel Missvergnügen bereitet?“

Das Äquivalent zu Bashern beim Fußball, ihr ahnt es sicher, sind die Hooligans. Denen geht es schon lang nicht mehr um den Fußball, sondern um eine zünftige Schlägerei danach.

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