WoW: Die lineare Progression

Während in der Welt da draußen das düstere Gespenst der kalten Progression die Runde macht, haben Spieler von MMORPGs seit Urzeiten mit einem anderen Phänomen zu kämpfen: Der linearen Progression.

Immer gilt es, noch einen Item-Level höher zu kommen, noch ein Artefakt mehr zu erbeuten, einen weiteren Rang im PVP aufzusteigen, um endlich dem Idealziel eines gemaxten Chars näher zu kommen. Wir lassen die kalte Progression in Ruhe und werfen einen heißen Blick auf die lineare.

Das nächste Upgrade winkt

Überall in unserem Leben sehen wir Möglichkeiten zum Upgrade. Das alte Fahrrad könnte durch ein neues Mountain-Bike ersetzt werden, die alte Röhre durch einen funkelnden LED-Bildschirm, die Garderobe könnte auch ein Upgrade vertragen und die Micky-Maus-Uhr am Handgelenk passt dann natürlich nicht mehr zum neuen Lebensstil und wenn der Blick auf die Freundin fällt – na ja, lassen wir das, sonst werden wir noch gegen ein neueres Modell ausgetauscht.

upgrade-wow

Machen wir uns nix vor: Im Leben steckt man meist ziemlich fest. Upgrade-Möglichkeiten erschließen sich nicht leicht, ständig sagt die Stimme der Vernunft: Das kannst du dir nicht leisten.

Und wer tatsächlich einmal mehr Geld auf dem Konto hat, wird wohl kaum zum Schmied seines Vertrauens gehen und neues Essbesteck fordern – am besten noch ein dekadentes Plus-Fünf-Messer-, sondern das Geld vernünftig anlegen, vielleicht noch für einen Urlaub planen oder eine andere One-Time-Ausgabe tätigen, die sich danach nicht mehr im Inventar feststellen lässt.

Bei MMORPGs, allen voran beim allseits beliebten World of Warcraft, ist das ganz anders.

[pull_quote_center]WoW hat die Sehnsucht der Spieler nach einem Upgrade schon vor Ewigkeiten erkannt und ist ein Meister darin geworden, dem Spieler immer wieder die Karotte des Progress vor die Nase zu halten.[/pull_quote_center]

Kein Tag vergeht, so ist die Idee, ohne dass der Avatar des Spielers ein bisschen stärker wird. Auf ein Ziel hinarbeitet. Er loggt immer noch etwas stärker aus als er eingeloggt hat, oder ist dem Ziel zumindest nahe.

Die Möglichkeiten, die sich Blizzard und andere Hersteller zu nutze machen, sind die gemeinsten und perfidesten von allen: Sich füllende Balken und wachsende Zahlen! Was da genau wächst, ist gar nicht so wichtig. Ob der Fraktionsbalken bei den Hütern des goldenen Nachttopfes, unsere Widerstandsfähigkeit gegen Drachenatem oder – für die ganz hartgesottenen – gar der Wert in Angeln.

Hauptsache es gibt eine Zahl und am besten noch eine Rangliste, in der man sie vergleichen kann.

Und das ist nicht allein eine Männer-Sache: Für viele WoW-Zockerinnen gibt es nichts wichtigeres als die Zahl ihrer Erfolgspunkte. Man munkelt von ganzen Gilden, die Sonntags versklavt werden, um irgendwelchen Uralt-Content zu raiden, weil da noch ein Achievment fehlt. Lasst uns eine Sekunde innehalten, um für diese armen Seelen zu beten.

Fortschritt WoW

Verschiedene Möglichkeit des Fortschritts, oder etwa nicht?

Dabei fängt es für die meisten von uns so harmlos an. Irgendwann – wahrscheinlich in grauen Vorzeiten – muss es bei jedem von uns mal so weit gewesen sein: Der erste Level-Aufstieg. Eben war man noch ein Hänfling der ersten Stufe – und dann ist irgendetwas passiert, was man gar nicht so recht verstand, ein Hotkey wurde gedrückt, ein Monster biss ins Gras, ein Lämpchen leuchtete, eine Zahl blitzte auf und: Tada! Platz da, ihr Anfänger, ich bin Stufe 2.

Irgendwann war man sogar Stufe 5 und die Monster, für die man am Anfang noch drei Schläge gebraucht hatte, kippten nun beim bloßen Ansehen aus den Latschen. Das anfängliche Gebiet war schnell verlassen und man wandte sich neuen Aufgaben zu, Träume von Allmacht stiegen auf. Immer weiter ging die Reise, neue Fähigkeiten wurden freigeschaltet und man hatte bei jedem Ausloggen das Gefühl, dass man diesem magischen Zustand, das Höchstlevel erreicht zu haben, ein entscheidendes Schrittchen näher gekommen war.

[intense_progress size=“large“ animation=“1″ colors=“success,“ values=“60″ texts=“Nicht mehr weit bis zum nächsten level!“ /]

Nun, für manche Gelegenheitsspieler, jene glücklichen Ahnungslosen, endete die Reise dahin irgendwo auf dem Weg. Oder – wie manche Spieler es auch halten – die Reise endete genau beim maximalen Level, dann loggten diese Spieler aus, fingen einen Twink an oder waren nie mehr gesehen. Für die Hardcore-Spieler hingegen beginnt das Spiel erst mit Erreichen des Max-Levels.

Das Sammeln, das Jagen und die Leiter des Fortschritts

Auf der höchsten Stufe angekommen, gibt es natürlich immer noch Möglichkeiten, die Spielfigur weiter auszubauen: Es gilt nun den Char mit einer Reihe von Gegenständen auszurüsten. Mit jedem Gegenstand wird der Char stärker und ist damit in der Lage, stärkere Monster zu bezwingen, die wiederum bessere Ausrüstung fallen lassen, die ihrerseits den Spieler dazu befähigen, noch stärkere Monster niederzustrecken.

WoW hat das zu einer hohen Kunst erhoben.

Noch in Zeiten von The Burning Crusade waren die Reifen, durch die Spieler springen mussten, klar vorgezeichnet. Zuerst wurden die wichtigsten Hauptquests erledigt, danach ging es in die Instanzen, danach in die Heroic Instanzen, danach in 10er Raid (nach Karazahn), und danach mit der Gilde in die immer schwieriger werdenden 25er Raid-Instanzen. Solo-Spieler hatten Pech (oder Glück), für sie endete das Spiel tatsächlich mit dem Max-Level.
Die anderen Spieler begaben sich auf eine klar definierte Leiter. Stufe um Stufe galt es zu erklimmen. So ist es auch heute noch.

Jede Klasse hat eine bestimmte Spielweise, die den optimalen Nutzen verspricht. Schlaue Köpfe – meist gelangweilte Mathematiker – entwerfen riesige Tabellen und führen Kleinkriege darum, wie genau diese Konfiguration aussieht, aber es ist klar: Sie ist irgendwo da draußen. Für die Spieler beginnt nun der Aufstieg auf einer Leiter, auf deren oberster Sprosse diese Idealvorstellung wartet.

Die Leiter des Fortschritts ist eng und schmal …

WoW Item Jäger
Davon träumen so einige Jäger…

Nun hätte es verschiedene Möglichkeiten gegeben – und vielleicht gibt es sie ja noch – diese Leiter des Fortschritts zu gestalten. Bei WoW – und den meisten anderen Spielern – ist die Leiter mit den Jahren schmal und hoch geworden: Für jede Klasse gibt es in einem bestimmten Level-Bereich genau einen Gegenstand einer bestimmten Qualität, danach gilt es den nächsten zu erlangen.

Ein Jäger in World of Warcraft kann jederzeit nachsehen, wie stark sein Bogen ist. Hat er den fünfstärksten Bogen im Spiel, weiß er genau, welchen Gegner er bezwingen muss, um an den viertbesten heranzukommen.

Es scheint fast so, als spielten alle Jäger in World of Warcraft den genau gleichen Char, nur auf verschiedenen Stufen seiner Entwicklung. Der Jäger mit ilvl500 weiß bereits, welche Gegenstände er mit ilvl510 tragen wird – denn es gibt nur eine „beste“ Konfiguration.

… aber es macht schon Spaß, oben anzukommen

Nun hat diese Leiter einige Gründe. Gerade WoW ist ein Spiel, das in den letzten Jahren fast alle Ecken und Kanten fein säuberlich wegpoliert hat. Riesige Gilden, für die es um echtes Geld geht, liefern sich über Kontinente hinweg ein Wettrenen darum, wer die neuesten Bosse zuerst bezwingen wird. Chancengleichheit soll gewahrt bleiben.

Der Elite-Hunter der nordamerikanischen Super-Gilde soll die gleichen Möglichkeiten haben wie sein Rivale aus Schweden. Aber wird das Spiel nicht dadurch auch jeder Überraschung beraubt? Kann ein Spieler seine Figur so gestalten, wie er möchte. Kann er ihr seine eigene persönliche Note verleihen – oder gar einen eigenen Stil entwickeln und trotzdem noch effektiv bleiben und seinem Raid nicht zu Last fallen?

Nun, World of Warcraft bemüht sich zumindest auf kosmetischer Ebene darum. Seit einigen Jahren ist es möglich, das Aussehen der Spielfiguren und deren Items zu verändern und zu individualisieren.

style-item-wow
Wäre es für dich in Ordnung, wenn begehrenswerte Items einfach nur spezieller aussehen würden?

Andere Games verfolgen eine andere Philosophie. Bei ihnen spielen Items keine so große Rolle, sondern der Progress findet dann über Vanity-Items statt, also Gegenstände, die nur dazu dienen, das Ego des Spielers zu festigen, die aber die Spielfigur nicht stärker machen.

Das Seltsame ist allerdings, dass viele dieser Spiele ein Schattendasein fristen. Während die magische Anziehungskraft von WoW wohl darauf beruht, dass es in der Welt von Azeroth immer höher, stärker und weiter geht.

Wie seht Ihr das?

Gefällt euch die lineare Progression oder erhofft Ihr euch von neuen Spielen wie Guild Wars 2, Everquest Next oder TESO etwas mehr Abwechslung, was die Weiterentwicklung Eurer Spielfigur angeht?

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Gotha

Nach meinem Empfinden fällt bei GW2 der Progress irgendwann ganz aus.
Irgendwann war ich Stufe 80, habe mir über Instanz-Marken ein paar nette Sachen gekauft und das war’s. Vielleicht war mir die Stufe zu den nächsten Items aber auch zu hoch. „Sammle 500 von diesen Materialien“, „Schmelze 500 Langschwerter ein“, etc. ohne jetzt mal allzu übertriebene Zahlen zu nennen. Dafür bekomme ich ein Item das nicht viel besser ist (aka, mir nicht hilft wiederum schneller an neue Items ranzukommen) und anders aussieht. Wobei ich mir dann nicht sicher bin, ob das Item für zwei Silber von vor 20 Stufen nicht doch einen Tick passender aussah…

Der Item-Progress während des Levelns war für mich grauenhaft. Man hat so schnell gelevelt, dass es nichts gab, was einen „Wert“ gehabt hätte. Jedes noch so tolle Item war schlechter als das, was man drei Level später die Kaninchen hinterließen (was dann natürlich schon krasse Level 54 Killer-Kaninchen waren). Bei mühsam gecrafteten Items war das noch schmerzhafter.

Bei Classic-WoW war das kein so großes Problem, weil das Leveln sehr langsam ging. Wegen der linearen Progression mussten aber auch neue Stufen folgen – und damit man nicht jahrhunderte levelt um mit den großen Kindern raiden zu dürfen, ist auch hier die Level-Geschwindigkeit in die Höhe gestiegen. Mit dem gleichen Problemen.
Auf dem Maximal-Level bleibt das Problem, dass ein Content-Update die mühsam feingeschliffene Ausrüstung als Müll deklariert wird.

Zusammenfassend:
Ich will zwar noch immer neuen, besseren Kram. Aber die Karotte an der Angel (sehr schönes Bild, Judah) reicht mir nicht als alleiniges „Progress-Gefühl“. Zeit sich nach neuem umzuschauen.

GW2 hat mit seiner lebendigen Geschichte einen ganz netten Ansatz, der aber meiner Meinung nach ziemlich schief läuft. Da hat die Welt zwar einen „Progress“, aber ich eben nicht.
Das wäre anders, wenn meine Entscheidungen sich auf die Welt auswirken würden. Wieso nicht etwas enthusiastischer von der Entscheidungsfreiheit von Offline-Rollenspielelen klauen, statt nur einmal halbherzig eine Wahl einzuwerfen?

TESO macht das, allerdings nur auf kleiner Ebene für jeden einzelnen Charakter. Dabei verrennt es sich in Phasing und macht aus einem Massive Multiplayer ein Solo-Abenteuer.
Wieso nicht die Möglichkeiten eines MMOs ausschöpfen und weltumfassende Entscheidungen von allen Spielern tragen lassen?

Judah

Ich gehöre zu den Spielern, die Blizzards Karotte eben immer sehr stark als Karotte wahrnehmen und mich nervt dort seit Jahren die Itemspirale und der damit einhergehende Trend zum Mainstream. Ich finde es lächerlich so unglaublich viele sich wiederholenden Inhalte zu ertragen, nur um damit Gear freizuschalten, die mir ermöglichen, die nächste Stufe der immer gleichen Inhalte zu absolvieren bis der nächste Patch oder das nächste Addon kommen.

Was WoW wirklich bisher ein Alleinstellungsmerkmal gibt, ist der Spaß beim Leveln. Ich kenne kein MMO, dass es so gut hinbekommt, das Leveln in einem so angenehmen Fluss zu halten, der eben ohne viel Frustrationen verläuft… Ich habe 11 Charaktere auf Level 90 und warte sehr sehnsüchtig darauf endlich mal ein anderes MMO spielen zu können, wo gerade das Endgame eben nicht auf diese endlosen repetetiven Inhalte setzt. Für mich war bisher zumeist mit Level 90 Schluss, weil das Leveln dann vorbei war und man sich zwangsläufig in die, für mich nur schwer erträglichen Wiederholungen stürzen musste….

Dawid

In Guild Wars 2 finde ich den Weg, die Wertigkeit der Items eher über das exklusive Aussehen zu bestimmen, sehr interessant. Das funktioniert aber nur, wenn dann nicht plötzlich ganz viele toll aussehende Items im Shop landen (In GW2 glücklicherweise nicht der Fall).

Ich habe aber nichts gegen eine fortlaufende Ausrüstungsverbesserung – zusätzlich zur eigentlichen Charakterentwicklung; sonst laufe ich eventuell Gefahr, dass ich zu früh an den Punkt komme, alles aus dem Charakter rausgeholt zu haben. Bin da eher ein Tüftler und mag es auf etwas hinzuarbeiten, was man dann merklich spürt. Runes of Magic war in dieser Hinsicht ziemlich motivierend, da gab es echt viel zu tun.

Andererseits ist die Idee, dass sich die Spieler zum Ende hin, auf die Rüstungs- und Waffenwerte bezogen, wenig unterscheiden, nicht unbedingt schlechter – sofern es viele andere Möglichkeiten gibt, sich zu individualisieren (durch Skills, Attribute usw.). Gerade wenn man irgendwann nicht mehr die Zeit hat, regelmäßig an Raids usw. teilzunehmen, ist das eine super Alternative. So kann man auch mit weniger Zeit noch ganz gut mithalten.

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