Angst vor Tests & Reviews – MMOs scheuen den „Release“

Eine persistente Spielwelt und ein aktiver Ingame Shop für ein unfertiges Spiel? Offenbar scheuen sich immer mehr Entwickler, ihre Spiele als „released“ zu bezeichnen.

Ein klassischer Release ist für ein Onlinegame schwierig, weil sich diese Art von Spielen meist über Jahre hinweg weiterentwickelt. Daher greifen immer mehr Entwicklerstudios zum sogenannten Soft Launch oder stellen die Spielwelt auf einen persistenten Status, bevor das Spiel offiziell startet.

Was heißt „Soft-Launch“ bei MMOs?

„Persistenter Status“, „No-Wipe-Status“ oder „Soft-Launch“ heißt hier: Die Fortschritte, die Spieler im Game erzielen, bleiben erhalten. Es kommt kein Wipe ,mehr.

So geschehen beispielsweise bei Skyforge oder Revelation Online. Auch das Selective Multiplayer RPG Shroud of the Avatar hat seit Juli vergangenen Jahres einen persistenten Status erreicht, der offizielle Launch soll aber frühestens Ende 2017 erfolgen.

Ein typisches Beispiel ist das Military-MMO War Thunder. Das startete im November 2012 in eine offene Beta. Den Release feierte War Thunder aber erst im Dezember 2016. 4 Jahre lang blieb War Thunder, obwohl es spielbar war, kein Wipe mehr kam und der Cash-Shop lief, in einer „Open Beta.“

Revelation_Online_Screenshot FlightAlles hat Vor- und Nachteile

Der Soft Launch bringt Vor- aber auch Nachteile mit sich. Der Vorteil ist, dass man Fans nicht länger warten lässt, bevor Sie „richtig“ mit dem Spiel beginnen können, ohne ständig befürchten zu müssen, ein Wipe setzt die Spielwelt und die Charaktere zurück.

Gerade in einem MMORPG ist es wichtig, dass die Errungenschaften, die man sich mühsam erspielt, auch Bestand haben und nicht durch häufige Wipes immer wieder zurückgesetzt werden. Ein weiterer Vorteil ist, dass die Spieler zwar schon aktiv spielen können, das Spiel aber weiterhin als unfertig gilt, was gerade vor negativen Reviews schützen soll.

skyforge weihnachten01Manche warten auf ein Release, das niemals kommt

Ein Nachteil ist, dass manche Spieler erst dann einsteigen, wenn der offizielle Launch erfolgt ist. Viele möchten nicht in ein unfertiges Spiel einsteigen, sondern warten, bis zumindest das Basisprodukt „fertig“ ist. Die Spielerzahlen zu einem Soft-Launch sind also oft geringer als beim offiziellen Release.

Zudem erweckt gerade ein Soft Launch, der lange Zeit vor dem eigentlichen Start erfolgt, den Eindruck, als würden die Entwickler das Spiel zwar starten, sich aber nicht trauen, es als offiziellen Release zu bezeichnen, weil man unzufrieden mit dem eigenen Produkt ist, aber schon jetzt Geld braucht.

Denn mit dem Soft Launch geht meisten auch gleich der Ingame Shop live. Das heißt, obwohl das Spiel noch gar nicht offiziell gestartet ist, möchten die Entwickler, dass die Spieler Geld ausgeben. Es handelt sich also im Prinzip um ein unfertiges Produkt, das auch bitte noch nicht bewertet werden soll, für das die Spieler aber trotzdem schon zur Kasse gebeten werden.

Shroud of the Avatar DaemonUnfaire Kritik?

Dies mag sich etwas unfair anhören. Denn gerade kleinere Entwicklerstudios, die sich große Ziele setzen, haben meist mit finanziellen Problemen zu kämpfen. Die Entwicklung eines MMORPGs kostet viel Geld. Meist mehr, als sich kleine Entwicklerstudios zu Beginn ausmalen können. Daher ist es wichtig, schon früh an weitere Einnahmen zu kommen. Und deswegen ist es auch verständlich, wenn diese Entwickler ihr Spiel möglichst früh zugänglich machen und einen Ingame Shop starten möchten. Doch ist das auch in Ordnung? Ist es okay, Geld für ein unfertiges Produkt zu verlangen, gleichzeitig aber zu versuchen, um Bewertungen herum zu kommen?

Wer Geld für etwas ausgeben soll, der möchte doch schließlich wissen, ob das Produkt auch das Geld wert ist. Egal, in welchem Zustand es sich befindet. Natürlich muss man sich bei einem Soft Launch darüber im Klaren sein, dass es sich noch nicht um das fertige Produkt handelt. Doch die Frage ist: Macht es auch im unfertigen Zustand schon Spaß? Lohnt es sich für mich, Geld zu investieren?

Marvel Heroes Hulk 2Wer Geld haben will, sollte auch akzeptieren, dass er bewertet und getestet wird

Diese Fragen muss jeder für sich beantworten. Doch fair wäre es nur, wenn ein Produkt in dem Moment auch bewertet wird (und das ohne Gemecker der Entwickler), wenn Geld dafür verlangt wird. Möchte ein Entwicklerstudio das nicht, weil es befürchtet, der unfertige Zustand führt zu einer schlechten Bewertung, dann sollte man einfach damit warten, es zu verkaufen oder einen Cash Shop zu starten.

Denn wie man auch gut am Early-Access-Programm von Steam sehen kann, scheint dieses häufig ausgenutzt zu werden, um komplett unfertige Produkte zu verkaufen und sich dann hinter Early Access „verstecken“, um negativen Bewertungen in der Fachpresse aus dem Weg zu gehen.

Wie seht ihr das? Sollten unfertige Spiele, für die aber schon durch Early Access oder einen Soft Launch mit Ingame Shop Geld verlangt wird, hart aber fair bewertet werden? Oder genießen diese Produkte noch „Welpenschutz“?


Ein Spiel, das schon früh „Release“ feierte und dafür viel Prügel und schlechte Kritiken einstecken musste, war Marvel Heroes. Da arbeitete man mit einem Trick, um dieses Problem loszuwerden:

Marvel Heroes wurde Marvel Heroes 2015, weil die Gamingpresse veraltet ist

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