Martin Klima, Mitgründer von Warhorse Studios, hat in einem Interview erklärt, wie der Hit Kingdom Come: Deliverance überhaupt entstanden ist – und was ihn an RPGs so sehr stört. Sein Kommentar hat eine große Diskussion ausgelöst und bei MeinMMO-Redakteur Benedict Grothaus ein Kopfschütteln.
Erst kürzlich hat sich Klima noch dazu geäußert, dass er nun hofft, dass wegen GTA 6 Videospiele allgemein teurer werden. Jetzt spricht er in einem neuen Interview auf PCGamer über RPGs und was ihn daran stört.
Dem Warhorse-Mitgründer und Executive Producer von Kingdom Come: Deliverance sind Rollenspiele nämlich nicht erwachsen genug. Er kritisiert:
Ich war und bin immer noch gelangweilt von diesen RPGs, in denen du der Auserwählte bist mit der Aufgabe, das Universum zu retten. […] Die Spiele wurden und werden mehr oder weniger immer noch für Teenager gemacht. Wenn du 16, 17 bist, liebst du es, solche Power-Fantasy-Spiele zu spielen, weil das etwas ist, das du brauchst. Aber das Publikum ist jetzt viel älter.
Martin Klima via PCGamer
RPGs seien nicht erwachsen genug, zu repetitiv. Weil Klima sich dachte, dass sicherlich viele andere Spieler genauso denken, sei daraus die Idee für Kingdom Come entstanden. Auf Reddit wurden seine Aussagen heiß diskutiert.
„Über welches Spiel spricht er überhaupt?“
In den über 1.700 Kommentaren in diesem Thread alleine wundern sich Gamer etwa darüber, welche Spiele Klima dort überhaupt anspricht. Große RPGs der letzten Zeit wie Witcher 3, Expedition 33, Elden Ring und der Meilenstein Baldur’s Gate 3 hätten allesamt keinen „göttliche Auserwählten“, sondern Außenseiter als Protagonisten.
Und selbst sein eigenes Spiel, Kindgom Come: Deliverance, lasse sich von seiner Kritik eigentlich nicht ausnehmen. Sicher, man werde immer wieder daran erinnert, dass man ein Niemand ist. Aber irgendwann werde man zum „Terminator.“
Dagegen gebe es Spiele wie Skyrim, in denen man zwar zu einem nahezu göttlichen Wesen aufsteigt, aber trotzdem noch von Wachen angepöbelt wird, wenn man in die falsche Straße abbiegt und Banditen versuchen, dich auszurauben, während du Rüstung aus Drachenknochen trägst. Dort behandelt euch niemand wie einen Helden.
Schlussendlich sei es sicherlich schwierig, diese Idee „einfach irgendeines Typen“ mit dem zu vereinen, was viele Spieler von einem RPG erwarten – und Spiele, die eine gewisse Machtfantasie nicht übertragen, würden sich schlicht nicht verkaufen.
Ich gehe sogar noch weiter und sage: Das ist aber nicht die ganze Wahrheit. Denn ein Rollenspiel wäre schlicht kein Rollenspiel, wenn es keine Heldengeschichte oder etwas Vergleichbares gäbe.
Wer kritisiert hier?
Benedict hat Literatur studiert mit Schwerpunkt auf neuerer deutscher Literatur und Spezialisierung auf narratives Erzählen und erzählerische Darstellungen. In seinem Studium ging es häufig darum, wie und vor allem warum etwas erzählt wird.
Rollenspiele gehören zu seinen liebsten Genres und mit über 5.000 Stunden in allen möglichen Titeln zählen sie zu seinen meistgespielten Spielen.

Benedict Grothaus
Redakteur bei MeinMMO
Erzählen kann man nur, wenn es etwas zu erzählen gibt
RPGs haben im Kern immer eine Erzählung, so funktionieren sie eben, sonst wären sie keine RPGs. Als Spieler verfolgt ihr eine Geschichte, erlebt sie zwar, aber das Spiel selbst „erzählt“ sie euch. Im Grunde unterscheidet sich das nicht sehr von einem Buch.
Wäre der Protagonist also nicht auf irgendeine Weise besonders, dann würde die Geschichte – oder hier: das Spiel – überhaupt nicht existieren. Hier geht es tief in die Literaturtheorie und Narrative, die schon von fachlichen Genies wie Wolf Schmid behandelt wurden (nur falls ihr selbst mal nachlesen wollt).
Klima kritisiert, dass RPGs immer eine Machtfantasie erfüllen und die oft in Form eines göttlichen Auserwählten
an die Spieler weitergereicht wird und ja: das ist tatsächlich eine schnelle und einfache Möglichkeit, dem Protagonisten einen Sonderstatus zu verleihen.



Allerdings ist es nicht wirklich möglich, eine Geschichte ohne solche Besonderheiten zu erzählen. Die Begriffe Held
und Machtfantasie
sind stark dehnbar, aber selbst Spiele, die gegen die konventionellen Definitionen verstoßen, haben sowohl Helden als auch Machtfantasien bis zu einem gewissen Grad:
- In Disco Elysium hat der Protagonist
Stimmen im Kopf
, die in der Art, wie sie das Spiel umsetzt, als Fähigkeiten gelten, die eindurchschnittlicher
Mensch nicht hat. - Cyberpunk 2077 macht sogar ziemlich genau das Gegenteil von klassischen RPGs: Obwohl ihr immer stärker werdet (also eine echte Machtfantasie), habt ihr am Ende keinerlei Macht über euer Schicksal.
- Im uralten Planescape: Torment gibt es dediziert keinen großen Gegenspieler und ihr seid kein Auserwählter, nur jemand, der versucht, herauszufinden, wer er ist, was er getan hat und der gegen sich selbst kämpft. Dennoch gibt es eine Machtfantasie: Ihr seid unsterblich.
- Selbst Heinrich aus KCD erfüllt eine gewisse Machtfantasie, wenn er im späteren Spielverlauf eigenhändig eine ganze Bande an Wegelagerern im Alleingang platt macht. Solche Fähigkeiten können sich die meisten Menschen erarbeiten, tun es aber nicht, vor allem nicht innerhalb von ein paar Tagen, die man effektiv spielt (auch wenn es in der Spielwelt länger dauert). Den gleichen Weg geht übrigens Gothic mit dem Namenlosen Helden.
Ich stimme Klima insofern zu, als dass nicht jedes Rollenspiel einen Auserwählten
als Protagonist braucht in dem Sinne, dass er klar der Gute ist, der das Böse abwendet. Aber jede Geschichte hat zwingend jemanden im Mittelpunkt, der sich irgendwie von der Masse abhebt, auch wenn das erst im Verlauf der Story passiert.
Allein die Tatsache, dass über eine gewisse Person eine Geschichte erzählt wird, macht sie zu etwas Besonderem, etwas, das aus der Masse heraussticht. Nur, wenn die Geschichte nicht erzählt wird, wäre der Protagonist tatsächlich „gewöhnlich.“
Würdet ihr ein Rollenspiel ganz ohne Machtfantasie überhaupt spielen wollen? Was versteht ihr unter einem erwachseneren
Spiel? Schreibt einen Kommentar!
Geschichten und Narrative sind das, was ein Rollenspiel überhaupt erst antreibt und die Entwicklung des Protagonisten ist damit im Regelfall eng verwoben. Wenn ihr euch selbst davon überzeugen wollt, wie das alles zusammenspielt, achtet doch beim nächsten Durchgang genau darauf. Wir haben hier für euch die 13 aktuell besten CRPGs, mit denen ihr direkt eine Probe aufs Exempel machen könnt.
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