ArcheAge: Erster Eindruck aus der Beta: „Unterwältigend“

Am letzten Wochenende hatte unser Tester Schuhmann die Gelegenheit, das Sandbox-MMO „ArcheAge“ in der Beta anzutesten.

Vorsicht, Meinung: Der Bericht gibt die subjektiven Eindrücke unseres Testers Schuhmann von den ersten 23 Leveln in ArcheAge wieder. Das ist weder ein Test, noch irgendein objektiver Bericht. Wir sind uns bewusst, dass es für allgemeingültige Aussagen über das Spiel zu früh ist. Der Text bezieht sich nur auf die ersten 10-15 Stunden im Spiel, das sogenannte „Early-Game“, und zwar in der Free2Play-Erfahrung, ohne Geld ins Spiel zu stecken, ohne einen „Gründer“- oder „Patron“-Status.

Das Schlechte vorneweg: Als Themepark taugt ArcheAge wenig

Das Early-Game in ArcheAge ist nix, zumindest nix Besonderes. Das muss man wohl so knallhart formulieren. Nach den vielen Vorberichten über das Spiel erwartet man „etwas Anderes“, eine neue Geschmacksrichtung, irgendwas, das einen flasht. Aber man bekommt „genau Dasselbe“.

Das Kampfsystem ist ein vernünftiges Tab+Hotkey-Ding. Telegraphen hab ich keine entdeckt, Fähigkeiten hatten die Mobs im Early-Game auch keine (jedenfalls keine auffälligen, einer hat mal Gift gespuckt und einer ist einmal ein Fernkämpfer … aber, wenn man grade von WildStar kommt, ist das nicht der Rede wert). Das heißt, man prügelt sich mit den immer gleichen Tastenkombinationen durch die Kill-Quests, spielt seinen Stiefel runter, muss weder auf die Umgebung, noch die Gegner groß achten. Die Quests sind dabei, man kann’s nicht anders sagen, uninspiriert.

Welt und Storyline haben einige kuriose Elemente: Wer-Haie oder ein paar sonnenbadende Touristen in einer heißen Quelle. Das ist schon gut gemacht und hat einen gewissen Irritationseffekt. Die Präsentation des Spiels ist ansonsten „solide“ bis „okay“, würde ich sagen, eher gedeckt und unaufällig; zweckmäßig und nett.

Hai in ArcheAge

Das vielgelobte Klassen-System hat mich die ersten 23 Stufen (soweit hab ich am Wochenende gespielt) nicht überzeugt. Zwar kann man sich die eigene Klasse quasi zusammensetzen und aus 10 Skill-Linien 3 wählen und die Kombinations-Klasse hat dann auch einen eigenen Namen, allerdings hatte ich in der Beta so wenige Skill-Punkte, dass damit kaum was ging. Vielleicht öffnet sich das später.

Das Item-System ist fad gestaltet. Man bekommt bei Quests manchmal 3 Items zur Auswahl und sucht sich das aus, was zum Spielstil passt, und bei anderen Quests gibt es gleich 3 Rüstungsteile auf einmal. Random-Drops oder irgendeine Auswahl hab ich in den ersten 23 Stufen nicht mitbekommen. Das Gewicht der Items soll sich ins Crafting verlagern, heißt es. Gut und schön, nur hat man darauf als Free2Play-Spieler leider keinen richtigen Zugriff.

Hoffnungsschimmer: Innovationen und gute Ideen

Ein paar Sachen macht ArcheAge anders und das ist lobenswert. Bei Quests hat man die Möglichkeit, sie schon verfrüht abzugeben und bekommt dann eine geringere Entlohnung. Man kann sie allerdings auch „übererfüllen“ und erhält dann ein wenig mehr Erfahrung dafür gutgeschrieben. Fand ich eine hübsche Idee.

Auch dass man das Mount „selbst züchten“ kann, es mit der Zeit Erfahrung gewinnt und Rüstungsplätze offenstehen, gehört zu den wenigen frühen „Aha, das könnte gut werden“-Erlebnissen bei meinem Wochenend-Ausflug.

Schöner Moment auch: Der Gleiter, das Flugmount von ArcheAge, und wenn man sich damit zum Paragliden das erste Mal von einem Berg schwingt.

ArcheAge

Große Probleme: Griefplay, der Chat, die Atmosphäre

Was allerdings schon früh auffällt bei ArcheAge: Das Spiel zieht eine bestimmte Klientel an Spielern an – zumindest in der Beta ist das so. Es gab schon Berichte in Foren, wo über die „spezielle“ Beta-Community gesprochen und gelästert wurde. Bei massively hat man gar einen eigenen Thread erstellt, ob die Community wirklich so furchtbar ist, wie man das hört. Jein. Brachland-Chat WoW war schlimmer, aber nicht viel.

Es ist dem Spiel anzumerken, dass sich hier nicht dieselben Spieler einfinden wie bei The Elder Scrolls Online oder WildStar, in deren Betas. Der Ton ist rau. Ich hab für mich festgestellt: Wenn ich in ein Spiel komme und das erste, was ich lese, sind irgendwelche „Alt+F4“-„Tipps“ oder – … sagen wir mal – einen Slang, den man nicht gerade in der Öffentlichkeit pflegen sollte, find ich’s schwierig. Wenn Spieler in ihren Gilden so miteinander umgehen, ist das deren Sache. In einem öffentlichen Chat finde ich’s unangebracht – so ähnlich wie öffentliches Urinieren oder wenn sich in der S-Bahn ein Typ neben mich setzt und seinen Kopf auf meine Schulter legt. Da ich von diesem Phänomen überall gelesen habe, gehe ich mal davon aus, dass es nicht auf den Server und die Gegend beschränkt war, wo ich gespielt habe.

Worüber redet man in einem MMO-Chat? Über alle anderen MMOs

Es ist jetzt nicht ständig so, dass die Leute sich gegenseitig anflaumen, anschreien, sich runterputzen oder sich selbst profilieren. Aber es fällt bei ArcheAge wahrscheinlich durch den fraktionsweiten Chat vielleicht eher auf, wenn sie es tun. In den letzten MMOs, die ich gespielt habe, war das anders. Insbesondere in Final Fantasy XIV hab ich jedesmal das Gefühl, mich schämen zu müssen, wenn ich in irgendeinen Raum komme, ohne die anderen Spieler mit drei Zeilen Höflichkeits-Floskeln zu überschütten. Bei ArcheAge wird über Bots gesprochen (die sicher ArcheAge ruinieren werden, wie man ebenfalls im Chat hört). Da geht es um Asia-F2P, die hier ziemlich unbekannt sein dürften. Es werden Hacker-Foren empfohlen; jeder hat offenbar im letzten Jahr 15 „gescheiterte“ F2P-Games gezockt und kommentiert die nun ausführlich. Die Mehrzahl träumt lautstark davon, mal als großer Pirat alle anderen plattzumachen und zu unterjochen. Gilden-Rekrutierer locken mit einer Freirunde auf der Gildensch… (das ist genau der Slang, den ich meine).

ArcheAge Minotauren

Von Events und den guten Seiten des Griefplays

Die Möglichkeiten zum Griefplay sind schon in der frühen Phase ersichtlich. Mit den sperrigen Pets und Mounts lassen sich Zugänge blocken (Juhu! Kollisionsabfrage!), was mit Sicherheit für Ärger sorgen wird. Es gibt – wie früher – ein Tag-System: Man kann einem anderen Spieler also den „Mob“ wegschnappen. Das nervigste war eine Art „Event“, wo man als Raid-Gruppe 25 Viecher töten musste. Es waren aber zwei Gruppen gleichzeitig zugange, die sich gegenseitig die Mobs stahlen, weshalb keiner das Event abschließen konnte. Und da das Event tageszeitabhängig war, hieß es: Bis zum nächsten Versuch würden einige Stunden vergehen. Man kann sich vorstellen, wie gut sowas ankommt. Was mich dabei erschreckte: Als das Event zu Ende war, raunte die Hälfte aller Spieler „Oh Gott, schon wieder“ – das scheint also öfter vorzukommen – kein gutes Zeichen.

Das „Griefplay“, oder wie man es nennen mag, ist ein wichtiger Teil einer Sandbox. Das ist klar. Man kann den Gegnern ihre mühsam angebauten Bäumchen und Pflanzen wegstehlen, fremder Leute Nutzvieh melken, später lauert man anderen auf, um sie zu meucheln. Es wird gelogen, betrogen und verarscht in einer Sandbox. Völlig klar. Aber es zieht auch eine ganz bestimmte Klientel von Spielern an, zumindest in der Beta. Eigentlich logisch. Ich hatte das wohl für einen Moment vergessen.

Und was ist jetzt mit der Sandbox?

Das ist vielleicht meine größte Enttäuschung der letzten Tage: Alles, was ArcheAge besonders machen würde, liegt hinter einem Paygate und ist mit dem „Patron“-Status verbunden. Für alles „Interessante“ im Spiel braucht man Labor-Points und einen „Patron“-Status, den man sich für Echtgeld schon in der Beta kaufen muss.

ArcheAge Landwirtschaft

Erst dann kann man vernünftig irgendwas anbauen und sich den Weg in die Sandbox-Elemente des Spiels freikaufen. Sonst heißt es allzu häufig „Das geht nicht für Free-Accounts“ oder es sind einfach die Labor-Punkte verbraucht. Die regeneriert man als „Freebie“ nur, wenn man im Spiel ist und dann noch zu einer recht lahmen und gleichbleibenden Rate, während der Verbrauch mit jeder Stufe ansteigt. Ohne Labor-Punkte kann man keine Gegenstände zerlegen; keine Ressourcen abbauen; nicht mal die kleinen Geldkassetten öffnen, die Mobs manchmal droppen. Immer wieder habe ich mich dabei ertappt, wie ich im Spiel pausierte, auf den Desktop ging, um was anderes zu machen, während ArcheAge im Hintergrund weiterlief und die verdammten Labor-Punkte ausspuckte, bis ich mit dem weitermachen konnte, was ich eigentlich vorhatte. So ein System kenn ich von Browsergames und … na ja, wenn ich die mögen würde, schriebe ich wahrscheinlich für mein-browsergame.de.

Für mich heißt das extrem deutlich: „Bezahl – auch in der Beta – dein Geld, sonst siehst du hier maximal 50% des Spiels“. Mein Problem ist: Diese 50%, die ich sehe, die Themepark-Elemente, rechtfertigen für mich, zumal in einer Beta, einfach nicht den Preis für den Rest. Das ist so, als gibt mir einer ein vergammeltes Brötchen und sagt: „Na, war lecker, oder? Wenn du mir was bezahlst, kriegst du auch das Fleisch dazu.“ Wär’s nicht irgendwie klüger, mir erst den leckeren Burger zu zeigen und mich dann für ein knuspriges Brötchen zahlen zu lassen? Oder noch besser: Lasst mich einfach mal reinbeißen und dann entscheiden, ob es mir schmeckt?

Die Reize des Spiels, die Sandbox-Elemente, das Crafting-System sind mir völlig klar, weil ich von denen gelesen habe. Aber ich kann sie in der Beta nicht erleben. Nichts in den ersten Stufen weist daraufhin, dass das mal kommen wird. Sondern es sind nur die Berichte aus dem Late-Game und aus Korea als Versprechen, „dass es anders und gut wird.“

Bauernhof in ArcheAge

Fazit: Beta-Wochenende in ArcheAge bis Stufe 23 gekommen und enttäuscht worden

Zurück bleibt eine ernüchternde Erfahrung mit ArcheAge – zumindest im Early Game. Wenn ich noch nie von dem Spiel gehört hätte, würde ich kaum sehen, warum ich das MMO weiterspielen sollte und nicht irgendein anderes.

Da ich aber von ArcheAge gehört habe und um die Vorzüge des Spiels weiß, werde ich die Beta weiterspielen und darauf hoffen, dass es im Mid-Game und im End-Game anzieht. Aber ich denke: Trion Worlds tut sich mit dieser Art der Beta keinen Gefallen.

[pullquote]Mit der Free2Play-Erfahrung verdirbt man sich, in meinen Augen, den Appetit aufs Spiel.[/pullquote]Wer vorher ins Spiel wollte, kam nur über Gründerpakete rein und hatte dann den „Patron“-Status. Er konnte früh in den Crafting, Farm-, Handel- und Housing-Bereich des Spiels reinschnuppern. Das ist sicher eine ganz andere Erfahrung. Als Free2Play-„Themepark“-Spiel taugt ArcheAge in meinen Augen, jedenfalls im Early-Game, nichts.

Wer vorhat, sich mit dem Spiel vertraut zu machen, sollte wohl drüber nachdenken, sich einen Gründer-Account zu holen. Mit der Free2Play-Erfahrung verdirbt er sich, in meinen Augen, den Appetit aufs Spiel.

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