Anthem: Schon wieder die Welt retten? – Ein User-Review
Wertung: 7.5 / 10

Ein User-Review zu dem neuen Action-RPG Anthem von Bioware. Geschrieben wurde es von unserem Leser Schmile303.

Was genau ist Anthem? Diese Frage stellen sich spätestens seit seinem offiziellen Release am 22. Februar 2019 sowohl Gaming-Fans, Fachpresse und eingeschworene Kritiker von EA gleichermaßen. Und es ist eine Frage, die sich für mich nicht so leicht beantworten lässt.

Auf seinen Kern reduziert ist Anthem eine Mischung aus Shooter- und RPG-Elementen. Ihr erlebt das Spielgeschehen aus der 3rd-Person-Ansicht.

Die Welt und Story von Anthem

Die Welt, in der wir uns bewegen, mit dem Namen Bastion, bietet eine Mischung aus Mythologie und Science-Fiction, die über viele Stunden hinweg verschiedene Bedürfnisse eines Gamers bedient:

  • Das Erkunden einer fremden, feindlichen Welt
  • Beschützen der letzten Überlebenden
  • Die eigenen Fähigkeiten verbessern
  • Die Hymne der Schöpfung erforschen

Die Götter dieser Welt sind verschwunden. Zurückgeblieben sind Shaper-Relikte, ihre Werkzeuge, um die Welt unter Einfluss einer höheren Macht zu formen. Warum sind diese Gottheiten verschwunden? Welches Wissen haben Sie hinterlassen? Konnten Sie diese Macht kontrollieren? Nein…die Hymne der Schöpfung lässt sich nicht kontrollieren.

Innerhalb der ersten Minuten wird man förmlich in das Geschehen katapultiert. Du bist einer der Protagonisten, die versuchen ein gefährliches Gebiet zu sichern: Das Herz des Zorns! Ein Unterfangen, das zu diesem Zeitpunkt zum Scheitern verurteilt ist.

In diesem Abschnitt werden die grundlegenden Elemente der Steuerung erläutert, während man erlebt, wie ein übermächtiger Gegner das Geschehen dominiert und Dich und Deine Freunde zum Rückzug zwingt. Nicht alle kehren von dieser Reise zurück.

Nach dem Auftakt löst sich Dein bisheriges Team auf. Um die Niederlage zu vergessen, stürzt Du Dich direkt in die Arbeit: Du bist ein Freelancer – eine Art Söldner – in einem gepanzerten, fliegenden Kampfanzug. Direkte Assoziationen zu Iron Man sind vorprogrammiert.

Das Herz des Zorns stellt auch weiterhin für die Bewohner von Bastion nur eine von vielen Bedrohungen dar. Die feindliche Fraktion der Dominion und Ihr Anführer, der geheimnisvolle Monitor, versuchen, die Hymne für ihre Zwecke zu nutzen. Die Ziele und Beweggründe des Monitors sind nicht erkennbar. Aber eins scheint sicher: Weltfrieden ist nicht seine oberste Priorität.

Andere Gefahren lauern ebenso außerhalb der Mauern von Fort Tarsis. Zum Beispiel die Skar: Insektoide Kreaturen, die sich einfach alles unter den Nagel reißen wollen, vor allem Shaper-Relikte. Auch der Rest der Spielwelt ist voll von gefährlichen Kreaturen und riesigen Titanen, die durch den endlosen Sturm im Herzen des Zorns beeinflusst werden.

Im Verlauf der Kampagne erfährt der Spieler mehr über die Geheimnisse der Shaper-Relikte und die geheimnisvolle Macht der Hymne, um letztendlich den Monitor und das Herz des Zorns zu bezwingen.

Unter dem klangvollen Namen „Herz des Zorns“ versteht man in Anthem einen endlosen Sturm aus Energie, der die gesamte Welt beeinflusst. Erschaffen durch Doktor Harken bei dem Versuch, die Hymne mit Hilfe eines alten Shaper-Relikts, dem Cenotaph, zu kontrollieren.

Einer der größten Kritikpunkte unter BioWare-Fans ist die Art, wie die Story und die Geheimnisse dieser fremden Welt innerhalb der Kampagne präsentiert werden. Es gibt keine komplex verzweigten Handlungsstränge. Tiefgründige Entscheidungen innerhalb der Dialoge, die Einfluss auf die Entwicklung der Geschichte nehmen? Fehlanzeige!

Es ist ein Spagat, den die Entwickler mit Anthem versuchen: Freunde von Singleplayer-Spielen mit tiefgründiger Story werden das Spiel unter Umständen nach Abschluss der Kampagne enttäuscht deinstallieren. Spieler, die konstante Koop-Action mit Freunden oder per Matchmaking zugewiesenen Mitspielern erleben wollen, könnten von den zahlreichen Dialogen zwischen den Missionen genervt sein.

BioWare stellt die Veränderungen, die unser Freelancer innerhalb von Fort Tarsis erlebt, in den Mittelpunkt und nicht den Spieler selbst. Ja, wir retten die Menschheit. Good Job! Aber man ist auch nur ein kleiner Teil in dieser Welt und nicht der Mittelpunkt des Universums.

Strong alone, stronger together! Ich habe die Geschichten, den Tratsch und die kleinen Lore-Häppchen überall mit großer Freude aufgesammelt, angehört und gelesen.

Die Radiosendungen von Dawnguard, mit dem Barkeeper Amal in einer der Sprecherrollen, sind schlimmer als jeder Groschen-Roman. Die Abenteuer von Detektiv Hoppel sind einfach nur schräg. Und trotzdem musste ich immer wieder kurz innehalten und schmunzeln, sobald ich das Radio eingeschaltet hatte!

Das Gameplay von Anthem

Die Kampagne bietet einen Umfang von etwa 15 bis 25 Stunden. In regelmäßigen Abständen kann der Spieler weitere Kampfanzüge, die Javelins, freischalten. Es stehen insgesamt vier Klassen mit unterschiedlichen Vor- und Nachteilen zur Verfügung.

Nach Erreichen des Maximal-Levels werden in Anthem neue Schwierigkeitsgrade freigeschaltet, die eine Ähnlichkeit mit den Qual-Stufen in Diablo 3 aufweisen. Gegner halten bedeutend mehr aus, haben einen signifikant höheren Damage-Output und natürlich erhöhen sich die Chancen auf besseres Loot.

Typisch für Spiele mit MMO- und Progress-Systemen sind Ausrüstungsgegenstände in unterschiedliche Qualitätsstufen unterteilt. Hier offenbart sich auch eines der ersten Probleme, die Anthem plagen: Im Gegensatz zu den verfügbaren Fähigkeiten ist die Auswahl an Waffen überschaubar.

Es reicht während der Kampagne vollkommen aus, einfach die besten Items auszurüsten, bis man etwas besseres bekommt. Interessant wird es auf den zwei höchsten Qualitätsstufen: Meisterhaft und Legendär. Diese Items droppen mit einem einzigartigen Bonus, der einen direkten Einfluss auf den Spielstil nehmen kann.

Zudem bieten diese Items die größte Anzahl an „Inschriften“. Vier Perks, die entweder speziell auf einen Skill beziehungsweise Waffe ausgelegt sind oder für den gesamten Javelin gelten, ermöglichen im Endgame interessante Builds.

Die Skills und Elementar-Fähigkeiten bieten je nach Javelin eine ausgewogene Palette an Möglichkeiten, um solo oder im Zusammenspiel mit anderen Spielern die Gegnermassen effektiv zu dezimieren.

Belegt man Gegner mit einem Statuseffekt, kann der Schaden durch einen passenden Angriff mit der Detonator-Kennzeichnung noch erhöht werden. Dieses Kombo-System gewinnt in den höheren Schwierigkeitsgraden immer mehr an Bedeutung, um die Einsätze erfolgreich zu beenden.

Und genau an diesem Punkt habe ich persönlich eine ganz andere Seite von Anthem kennengelernt: Sobald ich zum ersten Mal die Festungen auf dem Schwierigkeitsgrad „Großmeister 1“ absolviert hatte, war Anthem für mich kein reiner Shooter mehr.

Hier sind mir die Parallelen zu anderen MMORPG’s und Rollenspielen besonders aufgefallen. Der Einsatz der spezifischen Fähigkeiten einzelner Javelins und die damit entstehenden Synergien sind der Schlüssel, um Aktivitäten auf den höchsten Schwierigkeitsgraden zu absolvieren.

Anfangs habe ich in meinem Storm die Kombos noch selbst ausgelöst, selten auf meine Mitstreiter geachtet und kaum mit ihnen kommuniziert. Mittlerweile besteht mein Build ausschließlich aus Waffen und Fähigkeiten, die Gegner gezielt mit verschiedenen Status-Effekten belegen, um Kombos für die anderen Javelins vorzubereiten.

Anthem lebt vom Grind. Meine Hauptmotivation ist das stetige Verbessern der Ausrüstung, um auch auf den höchsten Schwierigkeitsgraden erfolgreich zu sein. Dabei ist die Auswahl an Endgame-Aktivitäten und Missionen aktuell noch überschaubar. Dennoch überzeugt ein wichtiges Kern-Element: Die direkte Konfrontation mit dem Gegner.

Das Kämpfen fühlt sich einfach gut an. Und das, obwohl ich vom Gunplay in den ersten Spielstunden nicht überzeugt war. Die Fähigkeiten der einzelnen Javelins fand ich einfach interessanter und mächtiger.

Mit Eintritt in das Endgame habe ich allerdings ein paar Lieblinge gefunden, die ich gar nicht mehr aus der Hand lege. Die unterschiedlichen Fähigkeiten sind mit einem wahren Effekte-Feuerwerk verbunden. Boss-Kämpfe sind knackig, allerdings ohne tiefgreifende Mechaniken.

Kritik erntet das Spiel aktuell für das Endgame. Nach Erreichen des Maximal-Levels erhält man verschiedene Aufgaben, wie die „Prüfungen der Tapferkeit“ oder „Champion von Tarsis“.

Dabei handelt es sich um Fleißaufgaben, die sich über einen längeren Zeitraum in den Endgame-Aktivitäten absolvieren lassen. Jeweils 50.000 Erfahrungspunkte bei den drei Fraktionen sind kein Pappenstiel, werden allerdings mit entsprechenden Blaupausen für meisterhafte Komponenten belohnt.

Der Content im Endgame lässt sich in drei Kategorien aufteilen:

  • Legendäre Aufträge
  • Festungen
  • Freies Spiel

Täglich erhält man von jeder Fraktion einen etwas anspruchsvolleren Auftrag. Ab dem Schwierigkeitsgrad „Großmeister 1“ garantieren diese Missionen mindestens einen meisterhaften Gegenstand.

Festungen sind größere Dungeons mit einem vor Lebenspunkten strotzenden Boss-Gegner. Im freien Spiel können bis zu vier Spieler die gesamte Welt von Bastion erkunden, um Materialien zu sammeln, Schatztruhen zu plündern und an kleineren Events teilzunehmen.

Das klingt auf den ersten Blick etwas dürftig, allerdings haben die Entwickler bereits eine umfangreiche Roadmap für die nächsten Monate veröffentlicht. Für mich persönlich ist das Endgame in Ordnung. Ich spiele diese Aktivitäten gern, um meine Ausrüstung zu optimieren und für unterschiedliche Anforderungen anzupassen.

Der direkte Vergleich zu anderen Spielen zeigt:

  • Tom Clancy’s The Divison hatte direkt nach Release lediglich die täglich rotierenden Story-Missionen und die Dark Zone für Spieler im Endgame zu bieten
  • In Destiny 2 konnten Spieler nach Abschluss der Kampagne eine Auswahl an Story-Missionen wiederholen, die unterschiedlichen Planeten auskundschaften, öffentliche Events farmen und verlorene Sektoren absolvieren. Die Strike-Playlist bot sechs verschiedene Strikes (einer exklusiv für PS4) und den Dämmerungs-Strike. Und PvP-Spieler konnten den Schmelztiegel unsicher machen.

Beide Entwicklerstudios haben erst nach Release langfristig motivierenden Content nachgeliefert. Die massive Kritik an Anthem, zu wenig Endgame-Content zu bieten empfinde ich persönlich als zu hart.

Fazit

Es gibt berechtigte Kritik an dem Spiel, gar keine Frage. BioWare ist in der Pflicht, in den nächsten Monaten zu liefern, um Spieler auf lange Sicht zu motivieren.

  • Das Movement und die Flugsteuerung ist sehr gut gelungen
  • Die verschiedenen Javelins erfordern eine individuelle Spielweise und unterscheiden sich spürbar im Handling
  • Die Möglichkeiten der Vertikalität wurden von den Entwicklern sehr gut im Design der Spielwelt integriert
  • Kämpfe sind herausfordernd und werden mit einem wahren Effektfeuerwerk belohnt. Gerade das Teamplay macht in einer eingespielten Gruppe verdammt viel Spaß.
  • Bugs habe ich in über 100 Stunden nur einige, dafür umso schwerwiegendere erlebt. Die Entwickler reagieren allerdings schneller, als ich es bei anderen Genre-Vertretern kennengelernt habe.
  • Die Grafik auf Basis der Frostbite-Engine ist sehr schön und lässt selbst auf Mittelklasse-Systemen die Welt von Bastion erstrahlen
  • Der technische Zustand des Spiels ist trotz allem diskussionswürdig. Vor allem Server-Probleme und Spielabbrüche dämpfen den Spielspaß. Es erinnert an die ersten Monate in The Division, wo Fehler-Codes Delta und Mike zu guten Freunden wurden. Schlimmer noch: Ein Feature ist im Moment aus meiner Sicht absolut unspielbar: Der Schnelleinstieg. Eine Form des Matchmakings, um anderen Spielern in Story-Missionen und Endgame-Aktivitäten beizutreten. In 9 von 10 Fällen sind diese Instanzen fehlerhaft und ein Abschluss der Mission unmöglich. Ärgerlich ist, dass für die „Prüfungen der Tapferkeit“ 25 dieser Schnelleinstieg-Missionen absolviert werden müssen. Hier hat BioWare noch eine Menge Arbeit vor sich.
  • Auch die Loot-Spirale in den höchsten Schwierigkeitsgraden ist im Moment für Vielspieler demotivierend und bedarf einer grundlegenden Überarbeitung. Aktivitäten auf Großmeister 2 beziehungsweise 3 sind aktuell den Zeitaufwand nicht wert. An den Schwächen des Loot-Systems wird bereits gearbeitet und jüngsten Anpassungen gehen bereits in die richtige Richtung.

Trotz dieser Kritikpunkte freue ich mich schon auf die Herausforderungen der kommenden Wochen und Monate. Ein großen Anreiz dabei bietet mir die Welt Bastion: Die Kombination aus alten Relikten einer längst vergangenen Zeit, die unbekannte Macht der Hymne und die hoch technologisierten Javelins üben eine große Faszination auf mich aus.

Allerdings könnte das freie Spiel meiner Meinung nach eine höhere Gegnerdichte bieten. Das Spiel füllt eine Nische, die weder Destiny noch The Division bedienen kann.

Wenn BioWare weiteren Content veröffentlicht, fleißig Fehler beseitigt, die Stabilität verbessert und wichtige Quality-of-Life Anpassungen, wie ein Wegpunkt-System für das freie Spiel, Optimierungen am Benutzer-Interface und das Upgraden des Crafting-Materials „Amber“ implementiert, sehe ich für das Spiel ein vielversprechende Zukunft.

Deine Meinung?
Level Up (27) Kommentieren (28)
Passwort vergessen

Bitte gib Deinen Benutzernamen oder Deine Email-Adresse ein. Du erhälst einen Link, um ein neues Passwort per Email zu erstellen.