Anthem: Gar nicht so schlecht, wie alle sagen.
Wertung: 7.5 / 10

Noch nie hat bei mir ein Wertungsspiegel bei einem Game mit durchschnittlich 61% so eine Betroffenheit hervorgerufen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bei Anthem bereits die Story zur Hälfte durch, da ich das Spiel dank Origin Access und Beta Phase schon vorher anspielen konnte.

Während ich die Kritikpunkte gelesen habe, habe ich mir in Falten gelegter Stirn immer wieder gedacht „… aber das Spiel macht doch Spaß?!“. Und wie Anthem dies schafft, trotz all der zum Teil gerechtfertigten Kritikpunkte, möchte ich in meinem Review darstellen.

Das Herz des Spiels – Die Spielmechanik

Für mich macht ein Spiel dann Spaß, wenn es in einem Aspekt besonders herausragend ist und mich dieser Aspekt immer wieder vor den Bildschirm lockt. Um direkt zum Thema Loot Shooter zu kommen, wie sich auch Anthem selbst bezeichnet, brillieren zum Beispiel Destiny und auch Division mit ihrer Spielmechanik.

Die Jagd nach besserer Ausrüstung macht mir dann Spaß, wenn ich wie in Division von Deckung zu Deckung hechte, um in taktischen Manövern, am besten mit meinen Freunden über das Headset, Gegnertruppen den Gar ausmache. Destiny konnte dies durch das gute Waffendesign und Shooter-Feeling in Ego-Perspektive vermitteln.

Anthem zeigt in diesem Punkt ebenfalls seine Stärken. Mit den 4 verschiedenen Javelins durch die Welt von Anthem zu fliegen, fühlt sich unheimlich gut an. Eine Luftrolle zur Seite, um noch schnell durch einen Wasserfall zu fliegen und damit die Düsen zu kühlen, worauf es dann bergab geht, haarscharf an der Felsenkante entlang zum Ort des Geschehens – toll.

Hat man nun den Kampf erreicht, warten Feuergefechte, wobei es auf dem Bildschirm nur so blinkt und blitzt. Denn Bioware feuert hier eine Effektfeuerwerk vom feinsten ab. Ob zu viel oder nicht ist dabei Geschmackssache.

In meiner Spielzeit habe ich vor allem den Storm und Ranger gespielt und kann sagen, dass sich das Abfeuern der zwei verschiedenen Angriff-Skills gut anfühlt. Das Kombo-System befriedigt darüber hinaus ungemein, vor allem dann, wenn sich eine Lebensleiste eines großen Gegners durch einen Kombo halbiert oder ganze Gegnerhorden auf einen Schlag ausradiert werden.

Positives im Kampfgeschehen:

  • Sniper zielen aus der Entfernung und es gilt in letzter Sekunde auszuweichen, um dem vermeintlich bevorstehenden Treffer zu entgehen.
  • Ein Koloss beschwört Feuerringe, die es im Kampf gilt auszuweichen, am besten durch eine kleine erzwungene Flugeinlage.
  • Einen Elite-Gegner der Skar erledigt man am besten von hinten mit Treffern auf die Benzintanks.

Das Herz eines Loot Shooters – das Endgame

Kommen wir also zum Streitpunkt Nr. 1, wenn es um Kritiken an einem „Game as Sevice“ geht. Wie schafft es Anthem die Spielergemeinschaft bei Laune zu halten?

Zum einen versucht Bioware dies durch das Loot-System und zum anderen durch verschiedenste Aktivitäten wie:

  • die Erkundung der freien Welt mit Events,
  • legendäre Missionen
  • und Festungen (sowas wie Dungeons).

Und ja da stimme ich den meisten Kritiken zu – es ist einfach noch zu wenig Content. Da es keine Unterschiede im Belohnungssystem der verschiedenen Festungen gibt, obwohl sich die Missionen ganz klar in Dauer und Schwierigkeitsgrad unterscheiden, bringt mich das Spiel dazu, bei der Jagd nach Ausrüstung immer wieder die gleiche Mission zu spielen.

Zudem dauern Festungen auf höheren Schwierigkeitsgraden viel zu lange, da Gegnergruppen unverhältnismäßig mehr Lebenspunkte haben. Da laufe ich lieber schneller die leichtere Mission zweimal, um die gleiche oder sogar bessere Ausbeute zu erlangen.

Mit Mitspielern habe ich darüber diskutiert und oft kam das Argument, dass auch persönliche Herausforderung eine wichtige Rolle spielt. Mag sein, aber als casual Gamer und im Konzept eines Loot Shooters, dessen Anreiz es ist seine Ausrüstung zu optimieren und ständig zu aufzuwerten, beißen sich, wie ich finde, aktuell Content mit dem Lootsystem.

Das Spiel bremst nämlich dann meine Freude an Anthem, wenn ich nicht das Gefühl habe einen Fortschritt zu verspüren.

Zum Loot muss ich sagen, dass das Kampfsystem durch höherwertige Beute deutlich aufgewertet wird. Waffen und auch Fähigkeiten erhalten ab Seltenheitsstufe „Meisterwerk“ dann zusätzliche Perks, die ein individuellen Spielstil und Build-Design der Javelins ermöglicht.

Leider nutzt sich die anfängliche Euphorie schnell ab, wenn die Jagd nach den besten Items durch verkopfte Zusatz-Boni auf den Waffen weiter getrieben wird. Hier und da Prozent auf Kritischen Schaden, Abklingzeit, Waffenschaden, etc.

Bis zuletzt war vielen Spielern nicht klar, was die einzelnen Boni überhaupt bedeuten und wie sie sich auf den Charakter auswirken. Als casual Spieler ist die Hürde da für mich jedenfalls zu hoch, dafür immer und immer wieder die gleiche Festung zu farmen.

Hier muss meiner Meinung nach Bioware schnell nachliefern. Und in allen genannten Kritikpunkten verspricht Bioware Besserung. Warten wir ab und sehen wie es sich auf die Loot-Spirale auswirkt.

Das Herz eines Bioware-Spiels – die Story

Viel Kritik gab es für die flache Story von Anthem. Andere Ortschaften in der Welt, neben unserer Heimat Fort Tarsis, werden nur benannt, aber nie wirklich gezeigt. Charaktere, interessante Objekte und Mysterien in der Welt von Anthem werden nicht erklärt.

Wie auch in Destiny tauchen mysteriöse Prophezeiungen, Artefakte und Schriften überall im Story-Verlauf auf. Meist tragen sie reißerische Namen, wie das Elysische Manuskript, und zum Erlangen dieser Objekte sind meist komplexe Rituale oder naturwissenschaftliche Abläufe notwendig, für die es zum Verstehen letztlich eine Approbation in arkanistisch oder kryptarchisch bedarf, aber zum Schluss durch das simple Drücken von [F] für Benutzen aktiviert werden können.

Warum verwirrt mich die Story von Anthem in diesen Momenten nur unnötig in den dazu doch recht eintönigen Storymissionen und konzentriert sich nicht stattdessen auf die Entwicklung und Ausbau der Schicksale der Charaktere.

Da zeigt die Story von Anthem nämlich seine Stärke. Die Charakter-Mimik ist gut gelungen und Emotionen werden gut vermittelt. Im Story-Verlauf geht es häufig um Freundschaft zwischen den Charakteren, die sich im weiteren Spiel verändert.

Motivation der einzelnen Protagonisten wird versucht zu beleuchten und an einigen Stellen gelingt es Bioware ohne jetzt viel zu spoilern sogar sehr gut.Ich habe mich während des Spielens gut unterhalten gefühlt und das große Ganze, sowie das Ende der Story machen definitiv Lust auf mehr.

Leider verschenkt Anthem aber auf dem Weg dahin viel Potenzial und dies können sie durch folgende Patches und Fixes leider nicht wieder beheben, weshalb dieser Kritikpunkt in meiner gesamten Sicht auf Anthem am meisten wiegt.

Loot-System, Endgame und Spielmechaniken können schnell durch Patches verändert werden. Aber die Hauptstory eines Spiels, um einen Spieler abzuholen und ihn gierig zu machen nach weiterem Story-Content, ihn einzuführen in eine ganz neue Welt, eine ganz neue Saga, die lässt sich jetzt nicht mehr neu schreiben.

Fazit – noch eine 7.5 von 10

Man kann nicht wegdiskutieren, dass aktuelle Bugs und häufige Abstürze das Spielerlebnis von Anthem doch stark einschränken können. Das Loot-System ist nicht ausgereift und es fehlt noch an Endgame-Content. Dafür ziehe ich vorerst 1.5 Punkte von 10 ab.

Warum vorerst? Weil ich Bioware die Chance geben möchte aus seinen Fehlern zu lernen. Die Entwickler stehen im engen Kontakt mit der Community und versuchen das Erlebnis im Spiel stetig zu verbessern.

Warum ich dann doch noch zusätzlich 1 Punkt abziehe, liegt an der Level-Phase auf dem Weg zum maximalen Level 30. Bioware schafft es nicht mich für die Geschichte von Anthem zu begeistern. Leider. Denn für die Schicksale einiger Charaktere in der Welt von Anthem interessiere ich mich durchaus.

Ich glaube, dass der doch geringe Wertungsspiegel zum Teil die hohen Erwartungen an das Spiel wiederspiegelt. Das glaube ich deshalb, weil ich im Vorfeld kaum etwas über Anthem gelesen habe oder die Pressevorführungen auf der E3 verfolgt habe.

Ich habe das Spiel in der Open Beta getestet und es hat mir Spaß gemacht. Das frische Spieldesign mit vertikalen und horizontalen Kampfeinlagen und das gut ausgearbeitete Flugsystem haben mich überzeugt. Auf eine neue einzigartige Story wollte ich mich einlassen und deshalb habe ich mir Anthem gekauft.

Bleibt abzuwarten, was Bioware nach diesem Start jetzt noch aus seinem Spiel macht. Anthem muss seine aktuell technischen Probleme beseitigen, Content nachliefern und die Welt von Bastion weiter mit einzigartigen Geschichten füllen. Dann kann aus Anthem doch noch ein großartiges Spiel werden

Deine Meinung?
Level Up (5) Kommentieren (1)
Passwort vergessen

Bitte gib Deinen Benutzernamen oder Deine Email-Adresse ein. Du erhälst einen Link, um ein neues Passwort per Email zu erstellen.