Warframe: Anspiel-Bericht – F2P-Shooter bald auf Augenhöhe mit Destiny?

Die Entwickler von Digital Extremes betreten mit den auf der TennoCon vorgestellten Neuerungen für Warframe Pfade, die sich viele Spieler wohl von den großen Kokurrenten erhofft hatten. Nun bekommt das, offiziell noch in der Beta befindliche, Spiel enorme Aufmerksamkeit.

Jürgen ist schuld! Sollte meine Katze verhungern, mein soziales Leben zerfallen, meine beruflichen Leistungen nicht mehr ausreichen und ich somit in letzter Konsequenz gezwungen sein, mich auf einem alten Laptop unter der Brücke über LTE in meinen Warframe-Account einzuloggen, um die tägliche Belohnung abzugreifen, dann zeigt bitte alle mit dem Finger auf Jürgen.

Putzig und tödlich zugleich: Smeeta Kavat

Doch beginnen wir in der nicht allzu fernen Vergangenheit. Jürgen schrieb einen Artikel über das anstehende Grafik-Update für Warframe. Üblicherweise für mich kein Grund in Begeisterung auszubrechen, ich habe Warframe vor vier Jahren bereits kurz angespielt. Fesseln konnte es mich damals nicht. Das lag, zumindest bei mir, vor allem am Design der Warframes, also der Avatare.

Durch die Bank weg entsprechen die Warframes nicht dem, was ich persönlich als ästhetisch empfinde. Und ja, als alter Rollenspieler kann mir das schon so richtig die Laune versauen.

Bekannter Weise frisst der Teufel in der Not Fliegen. Da ich momentan MMO-technisch etwas auf dem Trockenen sitze, bei Arenanet scheint die Schockstarre über die Guild Wars 2 Leaks jegliche sichtbare Entwicklung zu lähmen, war ich bereit für Experimente. Warum sich also nicht einfach mal in den Warframe werfen und die Armbrust schultern, um im Universum für Ruhe zu sorgen? Um einen Freitagabend zu vertrödeln, sollte Warframe doch reichen.

Warframe, mehr als nur ein kurzer Zeitvertreib.

Glücklicherweise waren in der Kleiderkammer meines Raumschiffs noch etwas angestaubte Warframes und, schau an, sogar eine recht passable Armbrust. Auf der Erde angekommen erwartete mich, neben mäßig agilen Grineers, erst einmal eine Enttäuschung. Grafisch war Warframe nicht State of the Art. Zur Ehrenrettung sei aber vermerkt: Das versprochene grafische Update für dieses Gebiet war zu diesem Punkt noch nicht veröffentlicht.

Einige Tage später erstrahlte die Erde in neuem Glanze. Man merkt, hier ist jemand bemüht, das Spiel zeitgemäß zu erneuern. Respekt, das machen selbst die Schwergewichte der Branche oftmals eher zögerlich und verhalten – wenn überhaupt.

Zu behaupten, die grafische Aufwertung hätte mich in ungeahnte Verzückung versetzt, wäre allerdings dann auch übertrieben. Warframe kann sich aber mit etwas Schminke auf dem langsam etwas faltigen Gesicht durchaus noch bei Tageslicht sehen lassen.

Im Spiel angekommen wird schnell klar: Ich bin gut. Solche Aussagen haben leider immer mehrere Seiten, von denen man sie betrachten kann. Man kann aber ebenso behaupten, die Gegner wären taktisch nicht so geschult, wie es üblicherweise für Kampfhandlungen nötig gewesen wäre. Selbst die notorisch unfähigen Stormtrooper in Star Wars sind gegen diese anfänglichen Gegner in Warframe Elitesoldaten mit Scharfschützenausbildung!

Um dieses Ungleichgewicht noch zu unterstreichen steht mir als Spieler ein Parcours-Bewegungssystem zur Verfügung, das Titanfall-Piloten erblassen lassen würde. Doppelsprünge, Wallruns, exorbitante Geschwindigkeiten und pantherhafte Agilität gehören zum Standardprogramm jedes Warframes. Meine Gegner stehen meist nur dumm rum und werden so schnell zu Opfern.

In Warframe gilt, leicht zu lernen aber schwer zu meistern.

An diesem Allmachtsgefühl finde ich schnell Gefallen. Das liegt jedoch weniger an der deutlichen Überlegenheit, als an der gelungenen Umsetzung des Kampf- und Bewegungssystems. Schnell befinde ich mich im “Flow”, springe durch die Landschaft, schieße und schlachte und weiche gekonnt den blutigen Überresten meiner Opfer aus.

Wenige Momente später befinde ich mich wieder in meinem Raumschiff und bewundere meine Beute aus dem Raubzug. Denn abseits vom wirklich gelungenen Spielgefühl motiviert Warframe durch ein komplexes, wenn auch nicht ganz selbsterklärendes, Aufwertungssystem für Waffen und Rüstungen.

Unweigerlich kommt bei mir ein Diablo-ähnliches Suchtgefühl auf. Ich will mehr, ich will Loot! Also schmeiße ich mich in die nächste Schlacht. Anfangs noch unbefangen und planlos, mit zunehmendem Verlauf aber überlegter, taktischer und vorbereiteter. Denn Warframe wird fordernder, nicht unbedingt durch schlauere Gegner, aber – ähnlich wie in Diablo – durch Resistenzen und höhere Schild- und Gesundheitswerte.

Mein kleines Experiment, das an einem sonnigen Freitagabend startete, hat sich verselbstständigt. Nun, knapp einen Monat später habe ich mich fast jeden Abend eingeloggt, um Warframe zu spielen. Gerade als Neueinsteiger bietet dieses Spiel durch seine vier Jahre, die es schon auf dem Markt ist, enorm viel Content und das auch noch völlig kostenlos.

Die TennoCon wirft Kohle in den Kessel des Hypetrains.

Und dann, ja dann kam die TennoCon. Ihres Zeichens ein Marketingevent der Entwickler von Warframe, ähnlich der Blizzcon von Blizzard. Und was die Entwickler von Digital Extremes dort angekündigt haben, hatte es in sich. Ihr habt es vielleicht gelesen, Warframe wird „Semi“-Open World Bereiche bekommen und das macht mich verhalten glücklich und deutlich neugierig. Und ja, auch wenn ich nach so vielen Jahren üblicherweise nicht mehr in den Hypetrain einsteige, diesmal bin ich mit dabei!

Nicht nur, weil ich von Warframe-Veteranen bereits vor fehlendem Endgame-Content gewarnt wurde, sondern weil ich mir ein Open World Shooter-MMO schon ewig wünsche. Ob Borderlands, Hellgate London, ein Defiance oder das zu Recht unbekannte Hazard Ops: All diese Spiele haben in mir die Sehnsucht nach einem Open World-Shooter-MMO geweckt.

Mit The Division und auch Destiny gibt es bereits Vergleichbares, aber Warframe hat die Chance und die Ambition, mehr als nur auf Augenhöhe mit dieser harten Konkurrenz zu kommen.

Der wirklich beeindruckende Trailer hat mich sowohl grafisch als Inhaltlich beeindruckt. Digital Extremes zeigte uns eine lebendige Welt, in der man nicht von Missionszielen gehetzt durch austauschbare Texturansammlungen huscht. Man zeigte eine Welt in der man sich umschauen möchte, die es zu entdecken gibt – mit all ihrer Schönheit und allen Gefahren. Die Community schwärmt bereits von Weltbossen, den Sentients, die am Ende des Trailers kurz auftauchen. Außerdem freut man sich auf neue, kombinierbare Waffen.

Warframe als Wegbereiter für zukünftige Projekte?

Für mich bleibt die Ankündigung der Open World das Essenzielle. Es ist der logische Schritt um Warframe weiterzuentwickeln, die nächste Evolutionsstufe und genau das, was mir derzeit im Genre fehlt. Eine Spielwiese, eine Shooter-Sandbox in dem ich mir aussuchen kann, was ich machen möchte. Die Möglichkeit mich zu fordern, meinen Charakter zu entwickeln oder einfach nur entspannt die Welt zu erkunden.

Wenn Warframe diese evolutionäre Stufe wirklich erreicht, und der Trailer legt nah, dass es den Entwicklern bereits zu großen Teilen gelungen ist, dann muss sich das Spiel weder vor Destiny 2 noch vor anderen großen Marken verstecken. Nein, es könnte sogar Wegbereiter für eine Entwicklung sein, die ich schon lang vermisse: ein gut umgesetztes Shooter-MMO weit ab von instanziertem Coop in engen Schlauchleveln.

Vorerst bleibt mir nur zu hoffen, dass Warframe nicht über seine Ambitionen stolpert.

Wer den Trailer der TennoCom verpasst hat, findet diesen in unserer News:
Warframe: Perfekte 17 Minuten Gameplay – TennoCon besser als die E3