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The Secret World Test

The Secret World: Das beste Single-Player-MMO, das Ihr nie gespielt habt

The Secret World hat unseren Tester Schuhmann die letzten Nächte beschäftigt. In diesem Test sagt er Euch, ob sich ein Abstecher in die Welt der Zombies, Vampire und dunklen Verschwörungen lohnt.

Das erste, was bei TSW sofort auffällt: Es ist einfach anders. Es gibt keine Rassenwahl und keine Klassenwahl bei der Char-Erstellung. Man spielt einen Menschen, so komisch der Gedanke auch sein mag. Der Typ, den ich mir als Avatar aussuche, rennt als ziemlich schluffiger Hippster durch die Gegend.

Er wacht aus einem üblen Traum auf, hat plötzlich Superkräfte und ein Typ erklärt ihm: „Glückwunsch, du gehörst jetzt zu den Illuminaten. Wenn du die erste Woche überlebst, wird das bestimmt dufte.“

Bis dahin, geb ich zu, bin ich noch nicht sonderlich beeindruckt. Eine Woche vorher hatte ich mir DC Universe Online angesehen und da wird zum Intro gleich die halbe Erde in atemberaubender Qualität von Superhelden und Superschurken geschrottet.

Doch das erste Mal sehe ich auf, als ich einen Quest-NPC treffe. Der betreibt eine Wäscherei in New York. Er behauptet seine Freundin wäre okay, immerhin wisse er, dass sie von den Illuminaten gegen einen Roboter ersetzt wurde. Als ich ihn frage, um was es hier eigentlich geht, erklärt er mir:

„Psst! Sie sind überall!“

Das Intermezzo ist derart hervorragend synchronisiert und geschrieben, dass ich mich doch mal etwas näher an den Monitor setze und beginne, das Spiel ernst zu nehmen.

Dabei hab ich zugegeben kaum etwas von The Secret World gehört. Und das, obwohl das Spiel bereits anderthalb Jahre auf dem Markt ist. Soll es mir wirklich so ergangen sei, dass da ein Spiel auf die Welt losgelassen wurde, das wirklich großartig ist, aber einfach keinen Buzz erzeugt hat, das nicht genügend gehypet wurde?

Ganz so ist es auch nicht, aber machen wir mal der Reihe nach weiter.

Willkommen in Zombieland

The Secret World: Kingsmouth

Nach einem Besuch bei den Illuminaten (wieder wunderbar durchgeknallt gestaltet und sehr zum Schmunzeln), absolviere ich ein Tutorial in einer Tokioer U-Bahn-Station. Offenbar ist eine Zombieplage ausgebrochen. Ich frag mich stumm, was zum Geier Zombies mit den Illuminaten zu tun haben, und finde mich, nach einem kurzen Abstecher in so eine Art Fantasy-Steampunk-Hohlwelt, dann in einem kleinen Kaff wieder. Das sieht aus, wie direkt einem Stephen-King-Roman entsprungen.

Kingsmouth heiß das Örtchen. Das „ahead“ unter dem Namensschild wurde durch ein „dead“ ersetzt. Ich atme tief ein, mach zwei Schritte und bin sofort in einer Episode von The Walking Dead. Zombies scharen sich in Trauben um die Straße, Wagen sind liegen geblieben, ich krieg das Gefühl, wieder State of Decay zu zocken.

Ein paar Stunden später im Spiel bin ich bis zum Hals in einen wilden Überlebenskrieg gegen die Zombies verwickelt. Ich hab mich bis dahin wenig mit dem Skill-System beschäftigt und meine Spielfigur trägt nur zwei Pistolen, weil ich offenbar im tiefsten Inneren schon immer wie Neo in der Matrix sein wollte.

Kingsmouth, so stellt sich heraus, wird von einer veritablen Zombieplage heimgesucht. Die Dorfbewohner sind ein schießfreudiges und mürrisches Völkchen, das mit Redneck-Akzent pragmatisch davon fabuliert, mal wieder alles platt zu machen. Die Aufträge sind zu Anfang rustikal. Im Wesentlichen geht es darum, Zombies zu killen, die Schutzzäune zu verstärken, dann noch mehr Zombies zu killen, nach Überlebenden zu suchen und wenn man grade schon dabei ist, noch mehr Zombies zu killen.

Ich frag mich: Warum zum Geier war das Spiel kein Hit?

Ich hab doch neulich erst State of Decay gespielt, ein richtiges Hit-Game und das war nicht viel besser. Und ich hab doch x Freunde, die bei The Walking Dead vor dem LED-Fernseher sitzen und Strichlisten führen, wie viele Zombies erschossen und wie viele mit einem Samurai-Schwert geköpft wurden! Ja, die stundenlang darüber diskutieren, wo und mit welchen Waffen und Freunden sie sich verbarrikadieren würden, wenn die unausweichlichen Zombies an die Tür klopfen!

Einzigartiges Quest-System

Rasch merke ich allerdings, dass ich dem Quest-System unrecht getan habe. Das Questen ist überhaupt nicht so simpel wie in den vielen anderen MMORPGs, die ich mittlerweile kenne. Denn die Quests sind modular. Niemand zwingt einen dazu, eine bestimmte Quests zu machen. Ich kann mir die Rosinen rauspicken – gut, außer bei der Story-Mission, die ist Pflichtprogramm.

The Secret World

Eine Story-Quest bildet wie in vielen Spielen den roten Faden und führt von Zone zu Zone. Daneben gibt es zahlreiche einzelne Quest-Geber, die Haupt-Quests vergeben. Meist haben diese Quests dann mehrere Schritte und dauern erstaunlich lange. Von diesen Quests lässt sich immer nur eine gleichzeitig vorantreiben. Also nichts ist es, mit der Massenannahme und Massenabgabe von Aufgaben, während eines flotten Trips von Quest-Hub A zu Quest-Hub B, bis dann die Zone erledigt ist.

Ein Vorteil von TSW: Wenn die Quest abgeschlossen ist, muss man nicht zum NPC zurückkehren, sondern kann das bequem per Telefon erledigen. Immerhin spielt TSW in unserer Zeit. Außerdem kann man gleichzeitig noch 3 Nebenquests absolvieren, aber das ist nun nicht so wild.

Das Interessante sind die verschiedenen Missionstypen. Die normalen Kampfquests sind die sattsam bekannten „Geh dahin und leg was um“-Geschichten. Allerdings gibt es auch Sabotage-Quests, durch die das Spiel auf einmal eine ganz andere Färbung bekommt. Nun gilt es in Solo-Instanzen vorzudringen, sich an Laserschranken vorbei zu schmuggeln, Bewegungsdetektoren und Schaltschemata zu überlisten und alles dafür zu tun, nicht in die Luft gejagt zu werden. Die Missionen mögen nicht jedermanns Fall sein, sind aber auch aus Solo-Spielen bekannt und sorgen durchaus für einen Wechsel in der Spielgeschwindigkeit.

Wie in einem Dan-Brown-Roman

So richtig anders anders (anders!) sind allerdings jene Missionen, die mit einem grünen Computer gekennzeichnet sind. Die meinen es wirklich ernst.

The Secret World RätselNun sind Puzzle oder kleine Rätsel ja wirklich nichts Besonderes in MMORPGs. Nur sind die meistens so gestaltet, dass sie jeder hinbekommt. Also auch völlig unbeleckte Lemminge auf Red Bull, die seit drei Tagen nicht geschlafen haben und deren Aufmerksamkeitsspanne irgendwo zwischen Kolibiri und Wüstenrennmaus liegt. Bei The Secret World ist das ein bisschen anders.

Die Rätsel haben eine Qualität wie das Zeug, das Tom Hanks in den Dan Brown-Verfilmungen löst. Also so was wie: „Hm, das muss eine Anspielung auf eine Bibelpassage sein! Aber die Bibel hat an der Stelle nur 5 Bücher, nicht 4! Also muss es eine Anspielung auf das mittelenglische Versepos Paradise Lost von Milton sein. Lass mich kurz nachdenken, ob ich die Passage aus dem Kopf rezitieren kann!“ – Jetzt mag so mancher denken, dass ich übertreibe … Nein, ich untertreibe sogar noch.

Die einzigen Rätsel, die ich ingame ohne Zuhilfenahme eines Guides lösen konnte, waren die relativ einfachen Mysterien der Hauptquests. An den Rätseln der Spezial-Quests hätte ich mir die Zähne ausgebissen, ohne danach zu googeln. Ich hätte mir auch noch dritte und vierte Zähne holen können und die wären mir ebenfalls an den hammerharten Rätseln abgebrochen. Sogar als ich die Lösungen im Guide las, dachte ich: Wie zum Teufel ist darauf nur je jemand gekommen? Welche außerirdische Intelligenz hat sich das denn ausgedacht? Hat man irgendwelche russischen Wunderkinder zu einem Think Tank wie in Minority Report zusammengeschweißt und die kamen dann auf diese irren Ideen?

Ich geb zu: Ich bin auch nicht mehr gewöhnt, Rätsel wirklich selbst lösen zu müssen. Lange Jahre mit MMORPGs, die auf deutlich jüngere Spiele fein getunet waren, haben mich wohl verweichlicht – red ich mir zumindest ein.

Dieses Gefühl wie Robert Langdon in einem Dan-Brown-Roman zu stehen und vergeblich darauf zu warten, dass einem der Regisseur nun den genialen Lösungs-Text für das tückische Problem vorsagt, fand ich durchaus faszinierend. Allerdings hat es auch ein wenig an meinem Ego gekratzt.

Das Skill-System

Das Skill-System bei TSW ist völlig frei. Es gibt neun verschiedene Waffen-Typen, in die Punkte investiert werden können (3 Nahkampf-Waffen, 3 Fernkampf-Waffen und 3 Zauber), außerdem gibt es noch 3 verschiedene „Rüstungs“-Skills, die unter Talismane laufen, und die ebenfalls ab und an Punkte brauchen, damit man der Stufe angemessene Rüstungsteile tragen kann.

The Secret World

Das Spiel geht hier wirklich innovative Wege und lässt den Spieler manchmal etwas verdattert zurück, weil er keine Ahnung hat, was er nun skillen soll, um stärker zu werden. TSW gibt allerdings einige Templates vor. Sie dienen als Anregung, in welche Richtung man seinen Char gestalten kann. Wenn man alle Skills eines Templates abdeckt, bekommt man vom Spiel auch das passende Outfit dafür.

Ach ja, wo wir grade bei Tipps sind: Die meisten modernen MMORPGs verwenden als “Loote alles”-Taste das “V”, TSW nimmt dafür das “F”.

Warum war das Spiel denn nun kein Hit?

Ja, das hab ich mich auch gefragt. Also ich glaube, das Spiel ist in jedem Fall den einmaligen Preis wert, einfach um die Missionen und die Atmosphäre zu genießen. Im Endgame lassen die Inhalte dann doch stark nach. Es wird auch mit der Zeit alles bisschen zäher und grindiger. Die Faszination des Startgebiets blättert ab. Außerdem gibt es nicht die Motivation, immer weiter Items zu sammeln oder sich zu messen wie in anderen Spielen.

Da das Spiel extrem Story-basiert ist und neue Wege geht, hat es erstaunlicherweise nicht das Sucht-Potential wie typische MMORPGs, die vor allem auf das Jagen-und-Sammel-Verhalten der Spieler abzielen. Es fühlt sich in vielen Fällen mehr wie ein richtig guter Roman an, den man am Ende trotzdem nicht noch mal von vorne liest.

Das Spiel hat aber wesentlich mehr Erfolg verdient, als ihm beschieden ist. Denn Funcom, der Betreiber, hat den Release ziemlich vermasselt. Das Spiel startete mit wenig Fanfaren gegen Diablo 3 und Guild Wars 2 – da muss man nun kein Marketing-Genie sein, um zu erkennen, dass es keine brillante Idee war.

The Secret World

Wer sollte sich das Spiel unbedingt mal anschauen?

  • Freunde von Vampire – The Masquerade zum Beispiel. Die wird das ungewöhnliche Ambiente mit dem Mix aus den wirrsten Verschwörungstheorien, unserer Welt und dem Übernatürlichen enorm anziehen. Wer Spaß an einem Kinofilm wie Fletchers Visionen hatte oder Lovecraft und Stephen King zu seinen Lieblingsautoren zählt, ist hier auch genau richtig. Prise Constantine ist auch dabei.
  • Freunde von richtig kniffligen Rätseln und Grübelspielen. Wer schon immer mal zeigen wollte, dass er das Zeug zum Robert Langdon oder Sherlock Holmes hat, für den ist das Spiel das richtige. Die Rätsel sind verdammt knifflig, fördern außerordentlich das Out-of-the-Box-Denken und einen humanistischen Bildungsschatz, vor allem in Richtung irre Verschwörungstheorien. Zum Glück sind die Rätsel optional. Allein die Beschäftigung mit ihnen lässt den IQ um mindestens 10 Punkte nach oben schnellen.
  • Freunde von Survival- und Zombieserien. Das lange erste Kapitel im Spiel könnte auch als Backdrop für Day of the Dead, The Walking Dead oder eines der zahlreichen anderen Dead-Szenarien dienen, die Fans des Genres so mögen (sZenarien, wenn Ihr wisst, was ich meine). Mit einer gehörigen Prise Tentakel-Lovecraft allerdings. Atmosphärisch und vor allem von der Sprachausgabe ist das Spiel weit vorne.
  • Freunde von guten Single-Player-RPGs. Für knapp 25 Euro bietet das Spiel eine tolle, lange Story mit zahlreichen Quests und Überraschungen. Das sind vielleicht 120, 150 oder 200 Stunden Spielspaß für 25 Euro, die einem nicht weglaufen. Gut, man muss dann die typischen grindigen Elemente von MMORPG-Quests in Kauf nehmen, die Single-Player-Games gern umgehen.

The Secret World*
Electronic Arts - Computerspiel
19,95 EUR

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The Secret World ist das ideale Spiel für Zocker, die glauben jedes MMORPG sei gleich. Leider ist es nicht gerade das ideale Spiel für MMORPGler.

Meine Empfehlung: Es sind noch ein paar Wochen, bis TESO rauskommt, und noch ein paar Monate, bis es mit Wildstar oder anderen Games losgeht. Hier wartet verdammt viel Spiel für wenig Geld auf jeden Zocker, der sich die Zeit bis dahin vertreiben möchte.

Schuhmann
Schuhmann, das L steht für Niveau.
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