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PvP-Titel boomen auf Twitch! Warum klappt es bei MMORPGs nicht?

Es ist seltsam, die populären Top-Titel auf Twitch setzten voll auf die Action “Spieler gegen Spieler”. Aber kein MMORPG kann sich in diesem Kreis der PvP-Riesen festsetzen. Warum ist das so? Unser Autor Schuhmann geht dieser Frage nach.

Die Streamingplattform Twitch wird für den Erfolg von Spielen immer wichtiger. Aus Sicht der Spielefirmen ist Twitch die beste Form des Marketings. Streamer entdecken einen attraktiven Titel für sich und spielen den Tag für Tag vor Zehntausenden von Zuschauern. Das Game bleibt im Bewusstsein der Spieler, es entstehen neue Geschichten um ein Game, die Presse berichtet darüber – all das generiert Aufmerksamkeit und weitere Käufer.

Der Publisher hinter “Friday the 13th: The Game” sagte in einem Interview, dass es heute wichtiger ist, dass ein Spiel Streamern und deren Zuschauern gefällt als den Testern der Spielepresse.

Titel, die gestreamt werden, bleiben über Jahre relevant und im Gespräch – wie das Duracell-Häschen Overwatch.

Twitch ist der Schlüssel zum Erfolg für einen kleinen Club von Spielen

Wenn wir uns die aktuell beliebtesten Spiele auf Twitch anschauen, sind das Titel wie:

Diese Games ziehen Streamer und Zuschauer an. Das ist eine geschlossene Gesellschaft. Der Club der Top-Titel bleibt auf Twitch so ziemlich unter sich.

In irgendeiner Reihenfolge machen diese sechs Titel die Top-Liste unter sich aus, wenn nicht gerade ein neuer Titel vom Release-Hype profitiert wie aktuell Destiny 2.

Drei Sachen fallen auf, wenn wir uns die 6 Top-Titel anschauen:

  1. Das sind alles reine PvP-Spiele
  2. Das sind alles Multiplayer-Online-Spiele
  3. Keins davon ist ein MMORPG

Was macht PvP so viel interessanter als das Spiel gegen die KI?

Warum stehen Zuschauer so sehr auf PvP?

  • Es ist immer etwas anderes – keine Runde ist wie die andere, weil die Gegner nicht durch „Skripts“ gesteuert werden, sondern durch Menschen. Dadurch ist das Spiel dynamischer – es kann sich jederzeit etwas tun. PvP ist unberechenbar.
  • Der Wettkampf: „Wer ist der beste?“ bringt Würze in jede Minute. PvP hat etwas von einem sportlichen Wettkampf. Ein Aspekt, der dem PvE fehlt: das ist mehr wie das Lösen eines vorgefertigten Problems, wie das Ausfüllen eines Kreuzworträtsels.
  • Während die Spielinhalte beim PvE oft irgendwann ausgehen und man mit einem Spiel durch ist, bleibt das PvP frisch, selbst wenn bei einem Spiel seit Jahren kaum etwas passiert – PvP macht ein Spiel langlebiger.

Es ist daher gut nachvollziehbar, dass PvP so viel beliebter bei den Zuschauern ist.

the elder scrolls online pvp lorbeer

Die Frage bleibt: Warum klappt das bei MMORPGs nicht? Das sind Spiele, die seit Jahren gewachsen sind und eine rege Fan-Base haben. Und fast jedes MMORPG hat doch einen PvP-Modus …

Jedes MMORPG hat doch PvP, warum will das keiner sehen?

  • In WoW gibt es die Arena, Schlachtfelder und gewertete Schlachtfelder
  • The Elder Scrolls Online bietet mit Cyrodiil große PvP-Schlachten und dazu seit diesem Jahr Schlachtfelder auf Wunsch der Spielerschaft
  • Guild Wars 2 wollte explizit in den eSport mit seinen Schlachtfeldern eindringen und bietet ein formidables World vs. World

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  • Blade and Soul gilt als ausgewiesener PvP-Titel, gerade in Südkorea
  • Bei Black Desert fürchten Spieler die Ganks, weil das PvP so hart ist
  • ArcheAge ist auf riesige Gildenkämpfe um Burgen ausgelegt. Sogar Seeschlachten bietet ArcheAge den Spielen.
  • von MMORPGs wie WildStar, die mit einem Hardcore-PvP-Konzept angetreten waren, das komplett versandet ist, wollen wir gar nicht erst anfangen

Aber keinem dieser MMORPG gelingt es offenbar, stabil Interesse für sein PvP bei einer breiten Öffentlichkeit auf Twitch zu entwickeln.

Die drei MMORPGs, die dort aktuell zumindest in den Top 30 zu finden sind, rangieren auf den hinteren Plätzen: WoW (10), Oldie Runescape (17) und Black Desert (27).

Obwohl MMORPGs eine Vielzahl von PvP-Möglichkeiten bieten, will sie offenbar kaum wer sehen. Woran liegt das? Bemühen sich MMORPGs nicht genug?

Guild Wars 2 als eSport gescheitert – trotz aller Bemühungen

Das kann man so nicht sagen. Auch MMORPGs haben schon früh die Zeichen der Zeit erkannt und wollten in Richtung “PvP” abbiegen. Es gab immer wieder Versuche, PvP in MMORPGs als eSport und als Stream-Titel zu etablieren: Guild Wars 2 wollte dringend in den eSport-Bereich hineingehen, hat hohe Preisgelder ausgesetzt, wollte sich dort als Pionier festzen.

Aber all diese Bemühungen scheinen einfach nicht dauerhaft gefruchtet zu haben. Die letzte Meldung zu Guild Wars 2 eSport auf unserer Seite war etwa April 2017: ESL schließt Pro League Division bei Guild Wars 2.

MMORPGs haben offenbar Probleme mit den PvP-Aspekten. Woran kann das liegen?

  • Das Gameplay ist oft nicht auf schnelle Action und die Entscheidung ausgerichtet – sondern häufig sind es Schlachten, die sich über längere Zeit entwickeln. Das „Moment zu Moment“-Gameplay ist nicht aufregend, es kommt seltener vor, dass sich eine Schlacht dreht – MMORPGs sind zu langsam
  • Dann ist die Action in vielen MMORPGs schwer lesbar – man versteht als Zuschauer oft nicht, warum jetzt ein Charakter aus einem Kampf als Sieger hervorgeht und der andere am Boden liegen bleibt: MMORPGs sind nicht schön anzusehen
  • Die Aktionen sind oft nicht spektakulär genug – auch weil der Skill nicht so leicht zu erkennen ist, wie in einem „Shooter“ – ob ein Spieler richtig zielt oder trifft, ist von außen schwer zu sagen: Bei MMORPGs fehlt eine sichtbare Skill-Komponente
  • und die Individualisierung der Charaktere durch Items könnte die Leute abhalten, mitzufiebern – Dinge wie Ausrüstung oder Skillung gehören zur Vorbereitung auf ein Match und haben nichts mit dem Match selbst zu tun: Bei MMORPGs spielt sich zu viel vor dem Spiel ab

Die nächsten PvP-MMORPGs könnten Erfolg am Markt haben, aber nicht unbedingt auf Twitch

Der Trend, dass sich MMORPGs nicht als PvP-Spiel auf Twitch etablieren können, ist umso beunruhigender, weil aktuell fast alle neuen MMORPGs auf das PvP setzen werden.

Dabei gibt es durchaus Positiv-Beispiele. So hat Albion Online als PvP-Spiel aktuell eine Nische im Markt gefunden. Allerdings nicht als „Stream“-Titel, sondern hier findet die Action hinter verschlossenen Türen statt. Da stirbt jeder für sich allein.

Crowfall-Champion

Auch die MMORPGs, die noch kommen werden, wie Crowfall oder Camelot Unchained werden wohl wenig Chancen haben, sich auf Twitch durchzusetzen – dafür sind die MMORPGs nicht konzipiert.

Camelot Unchained setzt wie ESO oder Guild Wars 2 eher auf große Belagerungen und Schlachten. Crowfall zieht ebenfalls Kampagne dem schnellen und schmutzigen 5-Minuten-Fight vor.

Camelot Unchained Veilwalker

Bringt Amazon mit New World das erste „Twitch-MMORPG?“

Klar scheint mittlerweile: Ein MMORPG kann sich nicht nebenbei als Twitch-Titel etablieren. Einen PvP-Modus als Beiwagen mitfahren zu lassen, der plötzlich das Rennen gewinnt: Das funktioniert offenbar nicht. Sondern man müsste das MMORPG von Beginn an auf das Umfeld „Twitch“ zuschneiden.

Interessant ist die Frage, ob es irgendwann ein MMORPG schaffen könnte, sich auf Twitch zu etablieren, das speziell dafür entwickelt wurde?

Das könnte den Game-Studios von Amazon gelingen. Von deren neuen Games ist noch wenig bekannt, nur dass man voll auf Twitch setzen möchte. Mit „New World“ ist hier angeblich auch ein MMORPG dabei. Wobei wir nicht wissen, ob New Dawn auf PvP setzen wird.

Vielleicht liegt die Zukunft der MMORPGs auf Twitch ja doch im PvE? Hier müssten die Studios aber innovative Konzepte entwickeln. Und wenn’s bei MMORPGs in den letzten Jahren an etwas gefehlt hat, dann leider an innovativen PvE-Konzepten.


Die besten PvP-MMORPGs haben wir hier vorgestellt:

Die besten PvP-MMOs – Welche Online-Spiele bieten gutes PvP?

Schuhmann

Schuhmann, das L steht für Niveau.