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Pay2Win – der schwarze Fleck: Warum es so selten um Cash-Shops geht

Wie „Pay2Win“ ist ein neues Spiel? Warum wird darüber so viel diskutiert und so selten berichtet?

Das Thema kocht unter zahlreichen Artikeln zu Free2Play-Spielen immer wieder hoch: „Das ist doch ein Cash-Shop-Titel! Ohne richtig Geld in dem MMO zu lassen, kann man nicht mithalten!“ – „Nein“, sagen andere. „Das kommt dir nur so vor! Man kann das Spiel auch wunderbar genießen, ohne dafür viel zu bezahlen.“

Bei neuen MMOs stellen Spieler oft die Frage: „Wie wird denn der Cash-Shop hier bei Bless?“, „Kann ich das auch gut spielen, ohne Geld zu investieren?“

Bless-Trailer

Sieht toll aus, aber wie teuer wird der Spaß?

In der Diskussion meist abwesend: die eigentlichen Experten, die Spielejournalisten. Die müssten sich mit den Spielen doch auskennen, diese Fragen endgültig beantworten können. Warum sie es nicht tun, warum in Tests und Artikeln zu den Free2Play-Spielen der Cash-Shop meist ausgeklammert wird, das behandeln wir in diesem Artikel.

Der Kaninchenbau ist zu tief, die Falle zu raffiniert

Das Problem beginnt bereits damit, wie solche Games konzipiert sind. Die funktionieren wie eine „Falle“: Kein Spiel eröffnet mit „Haltet schon mal die Kreditkarte bereit, wir werden die richtig zum Glühen bringen![pullquote]Kein Spiel eröffnet mit „Haltet schon mal die Kreditkarte bereit, wir werden die richtig zum Glühen bringen![/pullquote]

„Erfolgreiche “ Cash-Spiele locken den Spieler tief in den Kaninchenbau hinein, bevor sie ihre wahre Natur offenbaren. Die Spieler sollen schon so tief im Spiel drin stecken und so viel Zeit investiert haben, dass der Reiz, Geld zu lassen, enorm hoch is. Die psychologische Situation: „Jetzt hab ich schon so viel Zeit investiert. Das wär ja alles umsonst gewesen, da bezahl ich halt etwas.“

Aus dem Grund geben clevere Games den Spielern etwa Lockboxes kostenlos. Für die Schlüssel, um die Boxen zu öffnen, bittet man sie dann aber zur Kasse. Die Idee „Ich hab mir die Box ja verdient … da bezahl ich auch das Geld für den Schlüssel, um etwas davon zu haben.“ Das sind die kleinen Tricks.

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Hereinspaziert!

Cash-Shops bei Free2Play-Spielen sind undurchschaubar und nebulös

Die Publisher und Studios tragen gerne dazu bei, die genauen Inhalte und Vorteile des Cash-Shops in Nebel zu hüllen. Zum einen heißt ein Item ja nicht „Trank des unfairen Vorteils“ oder „das Ding, das du brauchst, um ein Item garantiert upzugraden und dass es dir erspart, dir 500-Mal selbst in den Hintern zu beißen“, sondern es wird blumig umschrieben und vernebelt.

Schon allein herauszufinden, wie teuer das Ding ist, erfordert Mühe und das Umrechnen von „krummen Summen“ – das Item kostet 1200 Münzen, man kann aber nur entweder 1000 oder 2000 Münzen direkt für Euros kaufen. Wie teuer ist das Item jetzt?

Black-Desert-Cash-ShopAber es geht noch viel schlimmer: Durch umständliche Tricks und Kniffe lässt sich für „zahlende Kunden“ so mancher Vorteil erreichen, der nicht offensichtlich ist.

So ließ sich bei ArcheAge ein „Trank-Limit“ umgehen, indem man mit einem Zweitcharakter Tränke schluckte. Die brachten Vorteile, die sich auf den Hauptcharakter auswirkten. Alle Charaktere auf einem Account teilten sich in der Praxis dieselbe Ressource, haben aber unterschiedliche Cooldown-Timer für die Tränke, die diese Ressource erhöhten.

ArcheAge-Gilden

Wird uns noch öfter im Artikel begegnen: ArcheAge.

Der Presse hatte man noch gesagt: So viele Vorteile können sich Spieler gar nicht kaufen, da gibt es ja ein Limit! Ja, stimmt. Das gab’s. Das konnte man aber leicht umgehen. Solche Tricks zu erkennen, ohne tief im Spiel zu stecken, ist fast unmöglich.

Daher kann man als „normaler Spieler“ meist gar nicht absehen, wie stark ein Spiel in diese Cash-Shop-Richtung geht, bevor man nicht zig Stunden reingesteckt hat. Denn in den ersten Stunden sieht meist alles „fair“ aus.

Black-Desert-Online-GaulJournalisten müssten um die Spitze mitspielen, um ein Urteil zu fällen

Journalisten können nicht aus eigener Erfahrung beurteilen, wie „cashy“ ein Titel ist, weil meist die Zeit fehlt, ein einziges MMO derart intensiv zu spielen, dass sie an diese kritischen Stellen kommen, wo sich oft entscheidet: „Will ich oben mitspielen und den Anschluss halten? Dann zahle ich jetzt. Oder lasse ich das und leb damit, nie bis ganz nach oben zu kommen?“ Spieletester und Journalisten erreichen diesen Punkt normalerweise nicht. [pullquote]Will ich oben mitspielen und den Anschluss halten? Dann zahle ich jetzt. Oder lasse ich das und leb damit, nie bis ganz nach oben zu kommen?[/pullquote]

Hand aufs Herz: Die meisten Free2Play-Spiele, die zu solchen verpönten Maßnahmen greifen, sind Nischentitel, die relativ wenig Interesse generieren. Bei solchen Titeln scheuen Journalisten einen zu hohen Arbeitsaufwand. Top-Titel, in die hunderte Arbeitsstunden der Redakteure gesteckt werden, haben hingegen selten solche Cashshop-Mechanismen oder sie sind, wie bei den FIFA-Spielen oder bei Hearthstone, allen bekannt und transparent.

Meistens sind es aber Nischenspiele, etwa neue Titel aus Asien, bei denen solche „Cash-Shop“-Untersuchungen angebracht wären. Diese sprechen aber nur eine kleine Zielgruppe an. Da wär es unwirtschaftlich, da zweihundert Arbeitsstunden hineinzustecken.

Das gilt nicht nur für die „klassische Presse“: Auch der Youtuber mit riesiger Fangemeinde streamt lieber stundenlang den kommenden Shooter-Hit als sich mit einem obskuren Titel eines kleinen Publishers auseinanderzusetzen.

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In Destiny stecken wir jeden Monat hunderte von Arbeitsstunden – da fragt aber keiner nach dem Cash-Shop.

Die Spiele, die am meisten Arbeitszeit brauchen, bekommen am wenigsten

Das Problem ist daher, dass gerade die Titel, die am meisten Arbeitsstunden nötig hätten, um ihnen genau auf den Zahn zu fühlen, die wenigsten Stunden bekommen.

Während die richtig populären Titel, die in Geld schwimmen, es sich meist leisten können, auf solche Tricks zu verzichten. Die werden aber mit hunderten und aberhunderten Arbeitsstunden gecovert, weil sich diese Stunden durch eine Menge Leser-Interesse refinanzieren.

TESO-Cash-Shop1Journalisten halten bei MMOs meist nur den Zeh ins Wasser

Wenn wir oder andere „Content-Creater“ MMOs anspielen und antesten wollen, sind Aussagen über den Cash-Shop also fast unmöglich, denn dafür müsste man erst tief ins Spiel einsteigen – Zeit jenseits der 40, 50, 60 Stunden investieren.

Sonst kann man nur mutmaßen oder Allgemeinplätze über den Cash-Shop tätigen wie „Ja, es sind halt eine Menge kosmetische Items drin“, „Hm, ob das noch okay ist, soll jeder selbst beurteilen“ oder „Es gibt schon Items, die den Fortschritt beschleunigen, aber ob man die zwingend braucht, das lässt sich schwer sagen …“ Das sind die Phrasen, mit denen sich Gaming-Journalisten behelfen, wenn sie das Thema nicht von vorneherein ganz umschiffen.

Um mehr über Cash-Shops zu sagen, müsste man eine Menge Zeit investieren. Oft weit mehr als 60 Stunden. Noch schlimmer: Das müsste man immer wieder machen. Denn bei einem MMO kann nach einem Patch alles anders werden.

Oft müsste man noch einmal 60 Stunden in ein MMO stecken, obwohl das kaum noch wer spielt. Denn genau dann ziehen viele Games im Cash-Shop die Schrauben an.

Black Desert Valencia TalkingAus meiner Praxis: So war es bei Black Desert

Black Desert hab ich sicher 70 Stunden gespielt. Ich hab deutlich mehr Zeit investiert als ein „normaler Redakteur“ braucht, um einen vollständigen Test über einen konventionellen AAA-Titel zu schreiben. Da spielt man die Kampagne durch, macht ein bisschen Multiplayer und das war’s im Prinzip.

Was man so hört, gehen die Kollegen da so von 20 Stunden aus – eine Menge im Vergleich zu der Zeit, die ein Film-, Buch- oder Musik-Kritiker für sein Testobjekt braucht – aber bei einem MMO ist das nicht mal im Ansatz genug.

Jesus Template Black DesertIch habe Black Desert zwar 70 Stunden gespielte, aber war lange nicht dort, dass ich sagen könnte: Der Cash-Shop ist so und so wichtig. Und seit ich BD gespielt habe, sind schon wieder zig neue Patches und Updates herausgekommen – also kann das schon wieder komplett anders sein.

Kontroversen innerhalb der Community deuten daraufhin, dass es in der Tat anders wurde.

Trotz meiner 70 investierten Stunden, haben wir daher auf Mein MMO nie einen Test zu Black Desert veröffentlicht.

archeage-tigerUnd so ging es mir bei ArcheAge

Bei ArcheAge hab ich deutlich linearer gespielt, bin auf das Max-Level hoch und dann ausgestiegen, als ich im ersten Monat nach mehr als 50, 60 Stunden gemerkt habe, wie stark dieser „Cash-Shop-Drall“ ist. Aber auch da könnte ich nicht mit Gewissheit sagen „So und so Cashshop-lastig ist ArcheAge definitiv“, dazu hätte ich noch mal 100 Stunden in ArcheAge verbringen müssen, um mit Bestimmtheit zu sagen: „Man kann auch ohne Cash-Shop Spaß am Spiel haben und mithalten“ oder „Nein, es geht einfach nicht. Es sind zu viele Barrieren im Spiel.“

Da hätte ich meine bis dahin aufgebaute Abneigung gegen den „Cash-Shop“ überwinden müssen, um dann selbst zu einem Urteil zu kommen, hinter dem ich voll stehen kann, um mehr als nur „Ich hab so das Gefühl“ und „Das kommt mir aber komisch vor“ zu sagen.

Hinzu kommt, dass bei den meisten Free2Play-Spielen da Interesses nur in der Anfangszeit hoch ist, dann sackt es massiv ein. In der Praxis müsste man also, damit es Spieler noch interessiert, schon in den ersten ein oder zwei Wochen zu fundierten Aussagen zu den Themen „Pay2Win“ und „Cashshop“ kommen. 

ArcheAge und Black Desert waren zwei Titel, die ich relativ ausgiebig gespielt habe, bei denen ich mir aber kein Urteil erlauben würde, wie „cashy“ die Titel sind. Auch deshalb hatten wir zu ArcheAge und Black Desert nie einen Test.

esokronenkisten

Auch AAA-Titel wie The Elder Scrolls Online haben Cash-Shop-Mechanismen eingeführt.

Warum dann nicht auf die Community hören?

Normalerweise könnte man sich in so einer Situation auf die Experten verlassen, auf diejenigen, die das Spiel wirklich an der Spitze spielen und wahnsinnig viel Zeit investieren: auf die Community.

Doch die Community ist bei all diesen „Cashy“-Titeln gespalten und diskutiert das mit Messern zwischen den Zähnen. Denn die „Schmerzgrenze“ und die Wahrnehmung der Shops sind extrem verschieden.

Bless-Reiter

Wie „cashy“ wird Bless?

Während manche „gebrannte Kinder“ sind, Cash-Shops generell ablehnen, auf die Barrikaden gehen und wettern, sind andere unglaublich tolerant bei solchen Mechanismen, verteidigen ihre Spiele und sagen, man könne auch ohne Brieftasche und dafür mit einer Menge Skill um die Spitze mitspielen.

Und das Problem ist: Sie haben je nach Titel damit Recht. Das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Bei einem Browserspiel von Jagex war ich vor vielen Jahren mal einer derjenigen, die „oben mitspielen“ wollten, ohne Geld in die Hand zu nehmen. Das war möglich und gab einen speziellen Kick, es „dennoch zu schaffen.“ Aber das war damals auch ein wahnsinniger Aufwand, den ich mir nie wieder antun würde.

Das Pay2Win-Dilemma

Die Frage, ob es in einem Spiel funktioniert, „gegen den Cash-Shop-Strom zu schwimmen“, kann nie abschließend beantwortet werden. Denn die Frage hängt zu stark von den eigenen Kriterien ab: Will man „nur Spaß“ haben? Will man ganz oben dabei sein? Wie stark ist das eigene „Gerechtigkeitsempfinden“ ausgeprägt? Ist gerade das Schwimmen gegen den Strom der Reiz, den viele suchen?

Das eigentliche Problem ist es, dass es die Kernaufgabe des Journalisten wäre, zu beschreiben: „Wie stark ist denn die Strömung, gegen die ich anschwimmen muss?“ Dann könnte jeder Leser selbst zu einem Urteil kommen. Aber sogar diese Frage zu beantworten, ist in der Praxis fast unmöglich, weil es einen wahnsinnigen Arbeitsaufwand benötigt, so tief in die Spiele einzutauchen, dass es in keinem Verhältnis mehr zum Interesse an den Titeln steht.

Deshalb werden wir auch in Zukunft bei Artikeln und Tests zu Free2Play-Spielen häufig sehen, dass die entscheidenden Punkte für viele Spieler, der Cash-Shop und das Thema „Pay2Win“, nur angerissen oder mit Floskeln bedacht werden.


Hoffentlich halten sich solche Diskussionen um Cash-Shops und Pay2Win bei den 7 Spielen in Grenzen, die auf dieser Liste stehen:

Die 7 aussichtsreichsten MMOs und MMORPGs in 2017

Schuhmann
Schuhmann, das L steht für Niveau.
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ArcheAge

PC