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Fortnite im Test: The Walking Dead trifft Dungeon Keeper – Lohnt sich das?

Wir haben Fortnite (PS4, Xbox One, PC) getestet. Fortnite ist das neue Action-Coop-Spiel von Epic. Minecraft trifft Tower Defense, Dungeon Keeper und The Walking Dead haben ein Baby. Ob Fortnite die Chance hat, ein Bau für die Ewigkeit zu werden oder ob es eine Bretterbude ist, die der erste Sturm einreißt, lest Ihr hier.

Fortnite hat eine seltsame Entwicklungsgeschichte. Es wurde 2011 das erste Mal angeteasert. Damals sollte das eine Mischung aus Tower Defense und Minecraft werden. 2011 dachte man: Fortnite wird ein Couch-Coop für Xbox 360 mit Split-Screen und Multiplayer. Leute treffen sich und zocken zusammen dieses Fortnite. Vor sechs Jahren war „Online-Gaming“ noch lange nicht so dominant wie heute.Fortnite Cross-Play

Dann hat man ewig nichts mehr über das Spiel gehört und im Sommer 2017 tauchte Fortnite als Pseudo-MMO für PS4, PC und Xbox One auf. In einer Version für die heutige Zeit hat es die typischen 2017-Eigenschaften eines Multiplayer-Spiels mit „always online, automatisches Matchmaking, einem riesigen Progression-System und einem Cash-Shop.“

Das Spiel ist, obwohl es noch im Early Access ist, schon erstaunlich reif und spielbar.

Fortnite ist jetzt immer noch „Minecraft trifft Tower Defense“, aber es sind Elemente aus Mobile-MMOs dazugekommen: ein überdimensioniertes Progression-System sorgt dafür, dass jedes Ding im Spiel ein Level hat und eine Qualitäts-Stufe. Das macht den Einstieg in Fortnite etwas komplex.

Während das „Drumherum“, das Meta-Game von Fortnite, den spröden Charme einer Excel-Tabelle verströmt, ist das eigentliche Gameplay selbsterklärend und leuchtet sofort ein.Fortnite-05

Das Gameplay von Fortnite: Walking Dead trifft Dungeon Keeper

Die eigentlichen Missionen von Fortnite unterteilen sich in zwei große Phasen: Tag und Nacht.

Die Tag-Phase

Man ist mit drei anderen Mitspielern in einer Zone, mal ist das eine Vorstadt, mal Natur. Dort erfüllt man verschiedene Haupt- und Nebenaufgaben: Mal sammelt man Überlebende ein, mal beschützt man einen Kern vor wütenden Zombie-Horden, indem man eine Fort drum rumbaut.

Bei Tag läuft man mit seiner Spitzhacke und einem Arsenal von Wummen durch die Gegend. Das Spieler-Team erfüllt drei Aufgaben:

  • Es sammelt Loot aus Kisten oder Truhen, die versteckt sind, und Ressourcen, indem sie Dinge mit ihrer Spitzhacke zu Klump hauen.
  • Die Spieler erledigen Nebenmissionen in Form von Events, während sie die durchaus großen Karten aufdecken
  • und sie bauen eine Befestigung für die „Nacht“ auf, ein Fort. Meist gibt es ein spezielles Objekt, das geschützt werden muss. Als Spieler kann man Wände hochziehen, Treppen bauen, Boden und Decken auslegen und das Fort mit Fallen spicken. Das geht schon anfangs erstaunlich leicht von der Hand, kann aber später einiges an Tiefe erreichen.

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Die Nacht-Phase

In der Kampf-Phase oder „Nacht-Phase“, die man meistens selbst einleiten kann, wird das Fort von „Hüllen“ gestürmt. Das sind Zombies wie aus einem Pixar-Film. Untote Alien-Monster, die sich die Körper von Menschen wie schlecht sitzende Anzüge übergestreift haben.

Hier wird Fortnite zu einem Third-Person-Shooter. Es gilt die Hüllen auszuschalten und die eigene Festung zu beschützen.

Das Arsenal an Feuerwaffen reicht von der Laserpistole über Scharfschützen Gewehre und Schrotflinten hin zum Raketenwerfer. Es gibt Ninja-Schwerter und Baseballkeulen für den Nahkampf. Die einzelnen Helden haben noch Skills wie Doppel-Sprung oder Shuriken-Weitwurf oder man stellt gleich einen ballernden Roboterbären oder fordert einen Luftanschlag an. Hier ist richtig was los.

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Beide Phasen sind auf ihre Art gut

Beide Teile des Spiels machen richtig Laune. Die Werkzeuge, um das Fort zu bauen, lassen sich super bedienen und man wird von Mission zu Mission besser darin, eine Festung hochzuziehen. Es gibt eine Menge Tricks und Kniffe, die einen erfahrenen Baumeister dann abheben. So ist es wichtig abzuschätzen: Wo werden die Hüllen angreifen? Wo müssen sie durch? Welche Fallenkombination ist hier am effektivsten?

Und was gibt es für eine Vielzahl an Fallen: Giftgas strömt aus den Decken, Hüllen werden durch Sprungfedern zurückgeschleudert oder von Klippen gestürzt. Sie kriegen Elektroschocks ab und werden Fakir-mäßig von unten aufgespießt. So viel Spaß mit dem richtigen Platzieren von Fallen hatte ich zuletzt in Dungeon Keeper.
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Auch die Lootphase ist spannend. Es macht Laune, die Häuser und Behausungen zu durchsuchen und dabei ein paar Nebenmissionen abzuschließen.

Das Belohnungs- und Progressions-System

Wo das eigentliche Gameplay glänzt, ist das Fortschritt-System erstaunlich komplex, aber überladen.

Es gibt Skill-Trees und Forschungs-Trees. In beide fließen regelmäßig Punkte und es lassen sich Skill-Knoten freischalten. Meist wirken sich die einzelnen Punkte aber nur gering auf das Spielerlebnis aus. Pro Punkt wird man in einer abstrakten Statistik um wenige Prozentpunkte besser: Fallen machen dann 1% mehr Schaden. Man bekommt ein bisschen mehr Leben. Nichts, was man im Spiel wirklich merkt von Mission zu Mission.

Was anderes sind „Gadgets“ – Bonus-Skills, die man freischaltet wie Luftschlag oder einen Gruppen-Heal. Die sind durchaus nützlich, aber man ist da recht beschränkt in der Auswahl, kann nur zwei mitnehmen.

Meta-Kartengame täuscht Komplexität vor, Auswirkungen scheinen nur marginal

Mit anderen Punkten erhält man freie „Karten-Slots“, in die man dann Karten legen dann, wie Überlebende … und durch die wird man dann ein paar Prozentpunkte stärker in einem bestimmten Teilbereich: Ebenfalls nicht wirklich spannend.

Das ist alles ein relativ komplexes System, das den Anschein macht, der Spieler könnte da Entscheidung treffen. Letztlich ist das aber linear und man hat selten das Gefühl, sich entscheidend zu verbessern, wenn man in dieses „Karten-Minigame“ von Fortnite einsteigt.Fortnite-Überlebender

Es macht zwar durchaus Laune, sich da hineinzufuchsen und man kann sich clever fühlen, wenn man das alles „perfekt oranisiert“ und die „Karten richtig zusammengestellt und organisiert hat“ – auf das eigentliche Game wird sich das aber nur minimal auswirken.

Exp-System zwingt zur Spezialisierung.

Dazu kommt, dass jedes Item und jeder Überlebende und Held im Spiel Teil eines „Meta-Games“ ist mit Erfahrungspunkten und Qualitäts-Tiers, so dass man jede Waffe, jede Falle und jeden Helden einzeln verstärken kann.

Das lädt dazu ein, sich zu spezialisieren und lieber „einen maximal starken Helden zu bauen“ oder auf eine hervorragende Waffe zu setzen, statt auf mehrere gute – das schränkt die Breite ein. In der Praxis hat man dann nicht mehr groß die Wahl zwischen Pistole, Scharfschützengewehr und MG, sondern greift immer zum MG, weil das hat man schließlich gelevelt.

Clevere Spieler gucken, dass sie möglichst Waffen mit verschiedenen Munitions-Sorten hochziehen, damit sie nicht allzu schnell ohne Muni dastehen.

Dieses “Evolutions-“System ist relativ eng an kaufbare Lootboxen gebunden, die Lamas – davon kann man sich zwar einige verdienen, aber es müffelt hier nach „Bezahl für Fortschritt.“

Die Ästhetik und der Humor

Klare Pluspunkte kriegt Fortnite für seine Ästhetik und die vielen Details.

Es macht Spaß, Oldtimer oder Lowrider samt Hydraulik mit der Spitzhacke zu zertrümmern, in einem Häuschen einen Luftschutzbunker zu finden oder sich in einem Hochhaus bis ganz nach oben zu wühlen. Dann kommt eine Melodie, die an The Walking Dead erinnert und man fühlt sich einfach wohl in dieser seltsamen Welt und durchwühlt noch Badewannen und findet dort Munition – Warum auch immer?

Dazu tragen auch die Hüllen bei, die, obwohl sie so schrecklich aussehen, irgendwie zum Knuddeln sind. Die Artillerie-Hülle, die Forts von Weitem einreißt, wirkt irgendwie wie eine Mitvierzigerin im Blümchenkleid. Und der Baseball-Pitcher, der auf meine Festung ballert, bringt mich jedesmal zum Schmunzeln. Warum sind eigentlich so viele Baseball-Pitcher zu Hüllen geworden und werfen jetzt mit ihren Knochen? Was geht mit denen?

Mein Liebling ist die „Sentry Gun“ des Entdecker-Helden: das ist ein Roboterbär, der offenbar darauf programmiert ist, sich selbst für einen Bären zu halten und auf alles zu feuern, was kein Bär ist mit der freundlichen Anmerkung: “Du bist kein Bär.”

Fortnite-01Auch die hervorragend auf Deutsch synchronisierten Belohnungs-Lama,  die ihr eigenes Zerstörtwerden fröhlich kommentieren, sind richtig gut.

Auch die Cutscenes, in denen die Story erzählt wird, sprühen vor Charme und Humor.fortnite-20

Solche Momente heben Fortnite deutlich von anderen Spielen ab. Auch wenn die Monetarisierung des Spiels schwierig erscheint, sagt die Ästhetik: „Dieses Spiel ist mit viel Liebe gemacht.“

Die Story und der Missionsablauf

Fortnite hat eine lineare Handlung, die aber nicht in eigens dafür gefertigten Missionen stattfindet, sondern in den normalen Missionen, die man immer spielt.

Die erste Zone Steinwald ist im Prinzip ein gigantisches Tutorial mit einer flachen Lernkurve – erst nach 10, 12 Stunden lohnt es sich, Forts zu bauen und die Schwierigkeit steigt merklich an. Bis dahin knallt man die Hüllen so weg.fortnite-18

Man hat ständig die Auswahl zwischen mehreren Karten mit bestimmten Hauptaufgaben – die Story-Missionen erledigt man in diesen Karten, indem man verschiedene Missionsziele erfüllt. Die Story-Missionen können auch manchmal darin bestehen, eigentliche Nebenmissionen gezielt zu erledigen.

Nach der Mission zelebriert Fortnite seine Belohnungssequenz.

So questet man sich von Gebiet zu Gebiet. Insgesamt gibt es vier Gebiete. Die halten aber relativ lange – nach einem knappen Monat regelmäßigen Spielens bin ich zu zwei Dritteln mit dem zweiten Gebiet durch. Der Fortschritt wird ab Stufe 20 relativ langsam.

In jedem der Gebiete baut man nach und nach eine Heimatbasis auf, die bestehen bleibt. Diese muss man mehrfach verteidigen, gegen immer größere Horden von Gegnern. In den höheren Missionen bekommt man das Gefühl eines nie endenden Ansturms, der die eigenen Ressourcen schwinden lässt und dann hofft man nur noch, dass die Basis wirklich hält und man noch genug Munition hat.

Wenn man am Ende nur noch mit der Nahkampf-Waffe dasteht und hofft, dass der Timer endlich auf 0 tickt, während dicke Verwüster auf die letzten Reste der eigenen Basis hintorkeln, dann ist Schluss mit lustig: Dann pumpt das Adrenalin.

Schwächen im Detail: Multiplayer

Bei Fortnite ist man in jeder Mission mit bis zu drei anderen Spielern zusammen, die unterschiedliche Missions-Ziele verfolgen können. Eine Mission dauert ungefähr zwanzig Minuten.

Die Karte hat zwar an sich ein „Haupt-Ziel“, einzelne Spieler können aber durch Story-Missionen oder Nebenaufträge andere Interessen verfolgen, als möglichst schnell das Hauptziel zu erledigen.Fortnite-06

Generell ist dieser Ansatz schwierig in einem Spiel mit automatischem Matchmaking. Das führt auch in Fortnite zu Spannungen.

  • Einer versucht, ein Fort aufzubauen, möglichst schnell die Nachtphase einzuleiten, das Fort zu verteidigen und die Mission zum Abschluss zu bringen: Er ruft, die anderen sollten ihm doch helfen
  • Der nächste hängt an einer aufwändigen Nebenmission, baut an einer ganz anderen Stelle ein Fort und ruft dort um Hilfe, weil das eigentlich eine Gruppenmission ist – die Gruppe hat aber gar nichts davon, ihm zu helfen
  • Der Dritte will nur plündern und seine Ressourcen auffüllen, weil er in seiner Heimatbasis noch mehr Fallen aufbauen will. Der prügelt sich selbst durch die Gegend
  • Und der Vierte ist vielleicht afk und will nur Punkte abstauben, während der Rest die Arbeit macht

Fortnite ist ein tolles Spiel, wenn alle im „Coop“ an einem Strang ziehen. Das Spielprinzip von Fortnite stellt das aber nicht wirklich sicher. Das führt zu Konflikten und Frustration. Am besten ist Fortnite sicher, wenn man mit Freunden unterwegs ist.

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Der ehrliche Fortbauer ist manchmal der Doofe

Auch in der genauen Punkte-Abrechnung und in Details wirkt manches noch nicht durchdacht. Zwar sind Fallen ganz toll, aber wenn man dafür dieselben Ressourcen braucht, die man benötigt, um Munition herzustellen, wird da immer ein Engpass sein. So werden selten die “coolen” Fallen gebaut und meist nur die günstigen 08/15-Fallen, die von Spucke und Klebeband zusammengehalten werden.

Auch wirkt’s manchmal so, als ist man der ehrliche Dumme, wenn man die Fundamente des Forts baut, während der Rest plündert. Viele kommen erst dazu, wenn das Fort schon steht und setzen sich ins gemachte Nest.

Das spiegelt sich in den Klassen wieder: Während der Konstrukteur für die “Grundlage” des Gruppenerfolgs zuständig ist, dient der Entdecker mit “Oh, da glitztert’s, da muss ich hin” eher dem Loot-Eigenbedarf.

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Fortnite Fazit im Early Access

Fortnite ist noch im Early Access. Man wundert sich auf den ersten Blick darüber, weil das Spiel schon so weit fortgeschritten ist und das Kern-Gameplay so wunderbar rund und motivierend ist.

Aber im Detail, wenn man weiter fortschreitet, sieht man, dass Fortnite noch einige Fragen hat, die es beantworten muss, gerade im Fortschritts-System und im Multiplayer-Aspekt. Da ist vieles schlicht unfair und lädt zum Griefen ein.

Wer über die Monetarisierung hinwegsehen kann, findet schon jetzt ein wirklich starkes Spiel in Fortnite, das mit der Zeit sicher noch besser wird.

Bei allem Ärger über Mitspieler und Details ist die Grundidee von Fortnite fantastisch. Die Ästhetik ist herausragend und das Gameplay macht richtig Laune. Am besten ist Fortnite mit einer Gruppe und Freunden, dann kann man da stundenlang Spaß haben. Dann ist der Wackel-Faktor “Hoffentlich krieg ich vernünftige Mitspieler” ausgeschaltet und Fortnite ist eine klare Empfehlung.

Auch mit dem Progression-System kann man sich anfreunden. Viele ziehen ja gerade Befriedigung daraus, das Optimum aus solchen komplexen Systemen herauszuholen, auch wenn es letztlich nur minimale Fortschritte sind.

Das Monetarisierungs-System mit Cash-Shop in einem Titel, für den man aktuell 40€ hinlegen soll: Ja, es ist schwierig. Man kann sich die Ingame-Währung aber mühsam über tägliche Missionen zusammenspielen und muss dann Selbstkontrolle walten lassen. Der Fortschritt ist ab einem bestimmten Level zäh, aber stetig.

Aktuell ist Fortnite noch in einem Early Access, für den man sich den Zugang erkaufen muss. In 2018 soll das Spiel dann Free2Play werden.

Anmerkung: Wir haben Fortnite auf dem PC getestet.

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Schuhmann
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