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Skyforge Kampf 3

Ersteindruck Skyforge: Schmackhaftes Fast-Food

Das Free2Play-MMO Skyforge ist gerade in der Closed Beta. Das russische Projekt gilt als Hoffnungsträger für die nächsten Jahre. Unser Autor Schuhmann berichtet aus der Closed Beta. Wie ist sein Ersteindruck? Was ist seine Meinung.

Seit ungefähr einem Jahr schreibe ich über Skyforge, hab in der Zeit viele Videos gesehen, noch mehr darüber gelesen. Entsprechend gespannt war ich auf die Closed Beta. Jetzt hatte ich seit Mittwoch endlich die Gelegenheit, Skyforge wirklich zu spielen, und will Euch daher einen Ersteindruck liefern. Das ist alles noch mit Vorsicht zu genießen.Solche Ersteindrücke sind immer persönlich gefärbt.

Ich hab nicht alle 6 Klassen gleichermaßen gespielt oder mich mit jedem Aspekt gleich viel auseinandergesetzt. Aber das kann man letztlich bei keinem Spiel. Und natürlich ist Skyforge auch noch in einer frühen Closed-Beta, es kann sich also noch alles ändern. Von daher: Das ist kein Test, das ist nicht unumstößlich, das ist nicht die „Wahrheit“, das ist ein Eindruck. Und wenn Ihr einen anderen habt, freuen wir uns darauf, ihn in den Kommentaren zu lesen.

Seid froh, dass ich den Artikel so anfange. Die Alternative war: „Werft Euch in den Staub, Sterbliche, Euer neuer Gott ist da“, aber nachdem ich erst neulich mit Cortyn verwechselt wurde, habe ich mir das lieber verkniffen.

Also: Zu Skyforge.

Skyforge-Marcus

Skyforge ist ein Lobby-MMO, kein MMORPG, wie sich das Veteranen wünschen

Das erste, was jeder verstehen sollte: Bei jedem neuen MMORPG kommen Spieler, die sich nach Freiheit und den Möglichkeiten zurücksehnen, die früher Ultima Online oder andere Spiele brachten. Die können sofort aufhören zu lesen. Skyforge ist überhaupt nichts für sie. Wahrscheinlich ist es auch kein Spiel für MMORPG-Fans, die auf das „RPG“ bestehen.

Skyforge ist ein Lobby-MMO und hat wesentlich mehr mit Diablo 3 gemein als mit „klassischen Rollenspiel-Games.“ Alles, was „Puristen“ an World of Warcraft in den letzten Jahren beklagt haben, treibt Skyforge auf die Spitze. Es gibt keine Erkundung, kein Crafting, eigentlich kaum klassische Quest-Zonen, kaum soziale Elemente (die sollen wohl erst mit den Gilden kommen.)

Skyforge ist die Definition eines Lobby-MMOs, wo man von einem Vorraum sofort in die „relevanten Instanzen“ portet, ohne einen Weg dazwischen. Es ist ein bisschen so, als bliebe man bei World of Warcraft nur in der Stadt und spielte über den „Gruppen-Finder“ Instanzen bis auf 90 hoch. Ein Albtraum für manche, kurzweilige Zerstreuung für andere.

Skyforge-Pantheon2

Das Game-Play von Skyforge

Teils Instanzen, teils Guild-Wars 2 Karten

Die allermeiste Zeit verbringt man in „Instanzen“ im Prinzip, das sind kleine Content-Häppchen mit 2 oder 3 Bossen und einigen Trash-Gruppen. Die dauern zwischen 8 und 15 Minuten vielleicht. Und man prügelt alleine oder mit zwei anderen durch sie hindurch. Das sind immer dieselben Karten. Die passen sich dem Level an, es gibt ab und besondere „Ziele“, wie etwa „Stirb nicht so oft oder benutze deinen Finisher 10-mal.“

Diese Karten gewähren bei Abschluss eine „Belohnung“, die schon vorher feststeht. Das sind aber keine „Items“ direkt, sondern so eine Art Ressource, die man braucht, um Talente zu steigern oder Adepten auf Missionen zu schicken. Items bekommt man eher von Boss-Kills.

Es gibt in der Beta „drei“ offene Karten, das sind Zonen wie bei Guild Wars 2 etwa, wo man auf der wirklich guten Mini-Karte wie in Trance von einem farbig umrahmtem Gebiet zum nächsten zieht und das umhaut, was auf der Mini-Karte mit einem lila Schild gekennzeichnet wird. Diese Karten passen sich nicht dem Level an und sind daher ziemlich schnell irrelevant.

Skyforge-Karte

4 Quests werden hier gleichzeitig verfolgt – jede bringt eine andere Talent-Punkt-Art.

Die Quests

Die Quests sind ziemlich ernüchternd. Es gibt einen großen „Social Hub“, ähnlich wie den Turm bei Destiny, der ist noch mal in 4 Mini-Zonen unterteilt. Dort spricht man mit NPCs in kleinen Cut-Scenes. Die schicken einen auf eine Quest. Dazut geht man in eine der „normalen“ Instanzen und macht da einen kleinen Sonderauftrag. Danach bringt man die Instanz wie normal zu Ende oder macht sich aus dem Staub.

Skyforge-Wirrwarr

Das erinnert alles mehr an Hack’n Slay als an MMORPGs wie wir sie kennen. Aber es gibt gute Argumente dafür: Ressourcen in Quests zu investieren, die Spieler ohnehin nur einmal erleben, sind vielleicht anderswo besser investiert.

Wie wird man in Skyforge stärker?

Es gibt kein Level in Skyforge, wohl aber „Prestige.“ Alles, was einen stärker macht: Bessere Ausrüstung, bessere Werte, bessere Boni durch Anhänger, schlägt sich sofort in Prestige-Punkten nieder.

Die regeln dann, ob man Quests bekommt, wie stark die Gegner in den Instanzen sind und so weiter. Prestige in Skyforge ist so wie ein laufender „High-Score“ mit Konsequenzen. Spieler suchen auch nach Gruppen unter Angabe ihrer Prestige-Punkte. Es ist im Prinzip dann doch wie ein Level.

Skyforge Kampf

Items – Anonyme Schwerter und Schilde

Skyforge-Pala-SchwertDas Item-System ist im Live-Spiel logisch, aber ernüchternd. Jede Klasse hat 6 Slots: Waffe, Nebenhand und 4 identische Ring-Plätze. Wenn man ein „besseres Item“ in der Tasche hat, dann wird beim ausgerüsteten Item ein roter Pfeil nach unten angezeigt. Man soll das doch austauschen. In der Praxis zählt hier vor allem das „Item-Level“ des Gegenstands. Denn der erhöht das Gesamt-Prestige.

Die Waffe und die Nebenwaffe haben – je nach Qualitätsstufe – eine bestimmte „Bonus-Eigenschaft“, das ist aber wirklich nicht so wild. Die Waffen haben nicht wie etwa in Diablo 3 oder Destiny eigene Namen und Geschichten oder ändern das Gameplay.

Skyforge PaladinPositiv ist: Das Interface ist angenehm und man kann, ohne die Klasse zu wechseln, auch andere Nebenklassen mit Items versorgen. Die Clickerei und der Komfort sind im Interface von ganz Skyforge wirklich gut gelöst.

Es gibt hier noch ein peripheres System in Skyforge: Im Inventar kann man noch drei verschiedene Dinge aufwerten. Das funktioniert so, dass man Gegenstände zerlegt, dadurch Verbesserungssteine bekommt und diese dann für direkte dauerhafte Wertepunkte eintauscht. So freut man sich indirekt über jeden Gegenstand, auch wenn er nur Müll ist, weil er doch irgendwie nutzt. So entfällt auch das Verkaufen von „Trash-Loot“ beim Händler.

Die Talente: Bisschen aufgeblasen alles

Das Wichtigste, beim Progress, ist sicher der Talentbaum, der Atlas des Fortschritts. Der gestaltet sich am Anfang gewaltig und einschüchternd. In der Praxis ist es ziemlich ernüchternd. Ob man nun einen „kleinen Knoten“ freischaltet, der 10 Ausdauer mehr bringt oder nicht, merkt man kaum. Es sind zwar irgendwie pro Klasse gleich 200 „Knoten“, aber von denen wird man vielleicht 15 merken. So wie in anderen MMORPGs auch. Da ist schon viel Wind um wenig Substanz.

Die Talente, die man freischaltet, verstärken Fähigkeiten – auch das merkt man nicht unbedingt in der Praxis. Die Fähigkeiten selbst bemerkt man allerdings schon. Die bringen dann eben neue Knöpfe zum drücken, wobei das in Skyforge relativ beschränkt ist, da man die Skills nicht frei auswählen kann, sondern pro Hotkey nur die Wahl zwischen 2 Fähigkeiten hat, die auch erst relativ spät im Skill-Baum kommen. Meine Berserkerin spielte sich in Stunde 2 ziemlich so wie in Stunde 20 und 30, danach kam ein weiterer Knopf dazu.

Die Klassen von Skyforge: Große Stärke

Was stark ist, ist das Multi-Klassensystem von Skyforge. Mit 3 bzw. 5 Klassen startet man bereits, 4 andere sind schon in einer Art Tutorial anspielbar. In Skyforge kann man einfach die Klasse wechseln und mit einer anderen weiterzocken, dort Skillpunkte investieren und so seine „Gesamtstärke“ erhöhen, da die normalen „kleinen Knoten“, die dann +10 Ausdauer oder ähnliches bringen, für den ganzen Char gelten.

Skyforge Adepten 2

Das Adepten-System: Potemkinsche Anhänger

Vom Adepten-System, dem Mini-Spiel, hab ich mir im Vorfeld viel versprochen und das war vielleicht der Fehler: Das ist keine Offenbarung.

Es ist in der Praxis keineswegs wie in World of Warcraft, wo man den Figuren begegnet und wo das alles bisschen Charme hat, sondern es ist ziemlich papieren und blutleer: Fassade, aus der die Phantasie der Spieler erst mehr machen muss. Die „Anhänger“, die Gefolgsleute, die man hat, sind Karteikarten. Sie haben keine wirklichen Eigenschaften, sondern wie in Asia-Games nur eine Farbe, einen Rang, einen Beruf. Wenn man einen Anhänger etwa von „grau auf grün“ aufwerten möchte, muss man einfach zwei „graue“ zu einem „grünen“ verschmelzen.

Jetzt ist auch klar, warum man hier nie das zu sehen bekommt, um das es geht:

Vieles klang im Vorfeld deutlich gewaltiger: Die „Missionare“, die man losschicken kann, um Anhänger zu gewinnen und den Ruf zu mehren: Das ist in der Praxis ein glorifizierter Mülleimer. Man gibt einen ungeliebten Anhänger auf und dafür steigt im Spiel die grüne Ressource, die für „Follower“ steht, um Betrag X an.

Das Spiel gibt einem nicht das Gefühl, hier „wirklich“ ein Gott zu sein. Es ist eine weitere Methode, wo man in einen Trichter Ressourcen hineinfüllt, die man vorher erfarmt hat, um ein wenig stärker zu werden.

Skyforge PvP Screenshot

Das klingt alles furchtbar, ist Skyforge denn gut?

Ja, Skyforge ist erstaunlich gut. Es ist genau das Spiel, das es sein will. Nur ist das nicht unbedingt das, was Genre-Fans suchen.

Man muss sich klar machen, was es ist: Es ist Fast-Food. Jedes Rädchen des Games greift ineinander. Nichts ist wirklich überraschend. Alles ist solide, hat Hand und Fuß. Das ist das Navy CIS, der Stefan Kießling, das Wiener Schnitzel unter den MMORPGs.

Das Kampf-System spielt sich locker von der Hand, die Instanzen sind schön designet. Man hat jederzeit ein Ziel: Welche Ressource brauch ich als nächstes? Jederzeit ist klar: So bekomm ich die. Also ab dafür und stärker werden. Es ist alles klar und deutlich kommuniziert. Vielleicht spielt man am besten mit zwei Freunden, unterhält sich dabei und knallt die Instanzen weg.

Skyforge PvP Screenshot 2

Das Spiel läuft schon jetzt extrem flüssig. Es ist kurzweilig. Es sind schnell mal 2,3 Stunden vergangen. Und ich kann mir vorstellen, dass es ein sehr ordentliches Game für zwischendurch wird mit hohem Potential, wenn es weiterentwickelt wird. Riesige Erwartungen an Skyforge sollten allerdings gerade MMORPG-Veteranen nicht an Skyforge stellen. Es ist wahrscheinlich nicht das, was sich Genre-Fans vom nächsten großen MMORPG erhoffen, sondern mehr eine Einladung an Fans von Action-Games oder MOBAs sich doch mal in diesem Genre umzusehen. Ich bleib übrigens dabei: Das Spiel ist wie für die Konsolen gemacht.

Vielleicht kann es bis zum Release nochmal zulegen und deutlicher überzeugen. Am dringendsten wäre wohl ein „motivierendes“ Loot-System nötig. Ein „Schwert“ mit Itemlvl 110 durch ein „Schwert“ mit Itemlvl 120 zu ersetzen, fühlt sich einfach nicht gut an.

7 Beobachtungen

  • Das Spiel ist im Moment dreisprachig: Die Texte sind deutsch, die Sprachausgabe russisch und das Interface englisch.
  • Die Ästhetik ist meistens dezent okay, nur bei einigen Gesichtszügen und Gesichtsbehaarungen merkt man doch deutlich, dass das Spiel weder aus Asien noch aus dem Western, sondern aus Russland stammt.

Skyforge-Schnauzer

    • In der Trainingshalle lassen sich bereits die vier Klassen ausprobieren, die noch nicht im Spiel sind. Hier hat Skyforge vielleicht sein stärkstes Pfund: Denn die Klassen spielen sich unterschiedlich. Und die Kombos gehen fließend von der Hand. Das Kampf-System ist im Moment klar das Prunkstück. Die Idee, eine Stunde zu spielen, und dabei in drei Klassen zu schlüpfen und jedes Mal, was anderes zu erleben, ist verlockend.
    • Pay2Win-Gefahr: In der Beta von Skyforge nicht. Es gibt allerdings, wenn man bei Währungen klickt, schon “Limits”, nach deren Erreichen man keine Ressourcen mehr erhält. Wahrscheinlich kann man diese Limits im fertigen Spiel aufheben. Potential für Pay2Win ist also da. Wie es wird, kann man erst später sagen.

Skyforge-Limits

  • Im PvP war ich nur kurz. Das war eine 6-Mann „Jeder gegen Jeden“-Arena: Als Nahkämpfer hat man nichts zu lachen, die Kryomanten (Fernkämpfer mit enormen CC-Potential) dominieren. Das zeigten auch Statistiken aus der russischen Beta. Balance wird hier schwierig, aber das ist es ja immer.
  • Eine Gruppen-Instanz für 5 Personen gibt’s auch. Das ist jetzt aber wirklich nix Wildes. Über das Endgame kann man jetzt noch nichts sagen.
  • Es ist ein bisschen fies, über die sexistischen Klamotten der Spielfigur zu lästern. Man könnte die auch alle über ein robustes Kostümsystem anständig bekleiden. Allerdings kann man denen darüber auch Unterwäsche anziehen. Dabei sieht die Berserkerin ohnehin schon aus wie Xena, wenn Xena auf Männerfang wäre.

Ergänzend zu diesem Artikel empfehle ich Euch unser großes Preview zu Skyforge – da werden gerade die Spiel-Mechaniken näher beleuchtet. In unserem Artikel zu den Hoffnungsträger bei MMORPGs in 2015 und 2016 taucht es ebenfalls auf.

Schuhmann

Schuhmann, das L steht für Niveau.

Skyforge Kampf 3

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